Eine Luftansicht der Partnergemeinde Gossau (SG), die in der interdisziplinären Projektgruppe «ArealPlus» mitentwickelt.

Systematische Innenentwicklung per Mausklick

17.09.2021
  • Raumplanung und Verkehr

Verdichtung gegen Innen ist das Gebot der Stunde. Doch wie geht das konkret? In einem Forschungsprojekt der OST – Ostschweizer Fachhochschule wurde ein Prototyp eines Online-Tool zur Unterstützung von Gemeinden in der strategischen Phase von Innenentwicklungsprojekten erarbeitet. Die Lösung befähigt auch kleinere Gemeinden ohne grosse Ressourcen dazu, eine aktivere Rolle bei der Innenverdichtung zu übernehmen.

Die Schweiz verfügt über immer mehr Siedlungsflächen, die auf Kosten der Landwirtschaftsflächen überbaut werden. Das Bundesamt für Statistik stellte 2018 eine Siedlungsflächenzunahme von rund 23 Prozent innerhalb von 24 Jahren fest. Dies hat zur Folge, dass natürliche Bodenfunktionen beeinträchtigt werden, Lebensräume für Flora und Fauna sowie landwirtschaftliche Flächen zur Nahrungsmittelproduktion verloren gehen. Die zusätzliche Lärm- und Staubbelastung beeinträchtigt ausserdem die Frei- und Erholungsräume.

Mit dem 2014 revidierten Raumplanungsgesetz sind Bund, Kantone und Gemeinden verpflichtet, die Zersiedelung einzudämmen und die Entwicklung nach innen zu fördern. Diese Aufgabe ist besonders für viele der kleinen und mittleren Gemeinden herausfordernd, nicht selten fehlt es in der kommunalen Politik und Verwaltung an Fachpersonen, Know-how und Expertise zur Planung und Entwicklung von Innenentwicklungsprozessen.

Nach kurzer Schulung produktiv

Vor diesem Hintergrund ist an der OST – Ostschweizer Fachhochschule gemeinsam mit Partnern aus Wirtschaft und Verwaltung das von der Innosuisse geförderte Projekt «ArealPlus» (siehe Kasten) entstanden: Ein Prototyp eines Expertensystems zur Unterstützung von Gemeinden in der strategischen Phase von Innenentwicklungsprojekten. Ein digitaler Leitfaden unterstützt Gemeinden bei der Erarbeitung von Innenentwicklungsstrategien. Für zielführende Strategien wurden alle relevanten Aspekte berücksichtigt, um die Interessen der involvierten Parteien einzubeziehen. Ziel ist, auch kleine Gemeinden ohne grosse Ressourcen zu befähigen, eine aktivere Rolle bei der Innenverdichtung zu übernehmen sowie auf Augenhöhe mit Fachpersonen und Projektbeteiligten diskutieren zu können.

Der grösste Mehrwert von «ArealPlus» liegt in der Entwicklung eines intuitiven Vorgehens zur Erarbeitung von Innenentwicklungsstrategien. Bereits nach kurzer Schulung können Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von kommunalen Verwaltungen das Tool produktiv nutzen. Einen weiteren, nicht zu unterschätzenden Nutzen bietet das integrierte Ziel- und Kennzahlensystem, das im Rahmen von Architekturwettbewerben zur Beurteilung und Vergleichbarkeit der präsentierten Projektideen angewendet werden kann.

Erleichterte Szenarioentwicklung

Die webbasierte Anwendung des Leitfadens führt Nutzerinnen und Nutzer anhand typischer Schritte zur Strategieentwicklung: von der Festlegung der Ziele über die Erfassung und die Beurteilung des Ist-Zustands, die Entwicklung und Bewertung von Szenarien bis zum Szenarienvergleich.

«ArealPlus» lässt Projekte in diversen Unterschritten beschreiben, zum Beispiel indem Grundstücke und Gebäude erfasst werden. Die Strategieentwicklungsschritte können dann für jeden der innerhalb von «ArealPlus» identifizierten Themenbereiche der Innenentwicklung umgesetzt werden: Siedlung, Landschaft, Verkehr, Versorgung, Bauchancen und Finanzen.

Diese beinhalten wiederum Unterthemen, wie zum Beispiel Flächen- und Gebäudepotenzial, Freiräume und Grünflächen als feinere Unterteilung des Themas Siedlung. Der digitale Leitfaden wurde so konzipiert, dass er mit geringem Entwicklungsaufwand, erweitert und angepasst werden kann.

Anbindung an GIS

Neben dem digitalen Leiftaden verwenden die Nutzerinnen und Nutzer ergänzend das Geoinformationssystem des Projektpartners Geoinfo. Mithilfe von Benutzerebenen, die eine Analogie zu den Themen darstellen, können Szenarien georeferenziert erfasst und visualisiert werden. Zum Beispiel werden in der Benutzerebene «Siedlung» die Grundstücke und Gebäude erfasst und bearbeitet. Eine Schnittstelle erlaubt die georeferenzierten Daten aus dem Geoinformationssystem direkt in den digitalen Leitfaden zu importieren und weiter zu bearbeiten. Künftig ist angedacht, auch andere GIS-Lösungen anzubinden.

Gemeinden für Weiterentwicklung gesucht

Das ergänzende Ziel- und Kennzahlensystem dient als transparente und systematische Beurteilung der Entwicklungsszenarien. Dieses System ist in den digitalen Leitfaden integriert. Die Ziele und Kennzahlen sind den von «ArealPlus» identifizierten Themen und Unterthemen zugeordnet.

Die Logik hinter den Berechnungen und Schätzungen von «ArealPlus» ist in ein separates System ausgelagert. Dieses sogenannte Regelwerk kommuniziert mit dem digitalen Leitfaden. Änderungen der Logik können ohne Anpassungen im Code vorgenommen werden, was für die künftige Nutzung eine Kosten- und Aufwandsreduktion bedeutet.

Der Prototyp von «ArealPlus» soll nun in Zusammenarbeit mit Gemeinden weiterentwickelt werden, um Marktreife zu erreichen. In einer nächsten Phase wird das Vorgehen anhand mehrerer realen Fälle aus der Praxis getestet und angewendet.

Informationen:

An einer Mitarbeit interessierte Gemeinden wenden sich an: claudia.pedron@ost.ch

Vorstellung von «ArealPlus» diesen Herbst im Rahmen der kostenlosen Online-Veranstaltung «ImPuls» des OZG Zentrum für Gemeinden. Weitere Informationen und Anmeldung: www.ost.ch/impuls.

Das Projekt «ArealPlus»: Kooperation von Hochschule, Fachspezialisten, Kantonen und Gemeinden

Die interdisziplinäre Projektgruppe setzt sich zusammen aus dem Hauptwirtschaftspartner, der Geoinfo Applications AG, dem Bauingenieurbüro Bänziger Partner AG mit Fachwissen in den Bereichen bauliche und technische Infrastruktur, dem Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons St. Gallen, dem Amt für Raumentwicklung des Kantons Schwyz, der Plattform für regionale Entwicklung in der Schweiz (RegioSuisse) sowie den drei Stadtplanern aus Gossau, Rorschach und Wil (alle SG). Forschungspartner und Projektleiter ist das IPM Institut für Informations- und Prozessmanagement der OST - Ostschweizer Fachhochschule in Zusammenarbeit mit dem OZG Zentrum für Gemeinden. «ArealPlus» wird von Innosuisse, der Schweizerischen Agentur für Innovationsförderung, unterstützt.