«Die Zweisprachigkeit ist für uns Alltag»
Carmelia Maissen: Die Stadt Ilanz ist deutschsprachig, die restlichen Orte sind romanischsprachig. Genauer gesagt sind wir eine Gemeinde mit zwei Sprachgebieten im Sinne des Territorialitätsprinzips und nicht eine über das ganze Gebiet gemischtsprachliche Gemeinde. Ilanz/Glion entstand 2014 durch die Fusion von Ilanz mit zwölf umliegenden Gemeinden und wurde so zur zweisprachigen Grossgemeinde. Sprache ist etwas sehr Emotionales und Identitätsstiftendes. Folglich hat dieses Thema im Fusionsprozess zu einigen Diskussionen geführt, zumal es kaum Erfahrungen gab mit Fusionen über die Sprachgrenzen hinweg. Für die Fusionsgemeinde musste deshalb ein neues Modell entworfen werden, das mittlerweile in einigen weiteren fusionierten Gemeinden in Graubünden ebenfalls Anwendung fand. Einer der wesentlichen Punkte war die Schule. Um das Rätoromanische zu fördern und zu stärken wurde beschlossen, dass Kinder aus den romanischen Dörfern eine romanische Schule zu besuchen haben, das heisst, dass die Weiterführung mindestens eines romanischen Klassenzugs in der Gemeinde stets garantiert ist. Die Kinder aus Ilanz haben vor Ort die Wahl, entweder die deutschsprachige oder die zweisprachige Primarschule zu besuchen. Bei einer freien Schulwahl über das ganze Gemeindegebiet bestand die Befürchtung, dass Deutschsprachige, die in den Dörfern wohnen, ihre Kinder nach Ilanz in die deutschsprachige Schule schicken würden, was sich negativ auf die Förderung des Rätoromanischen ausgewirkt hätte. Wenn Institutionen sich besonders für die Förderung des Rätoromanischen einsetzen, kann die Gemeinde dafür Beiträge leisten. Ausserdem unterstützt sie Personen, die rätoromanische Sprachkurse besuchen wollen. All dies ist im kommunalen Sprachenförderungsgesetz geregelt. Genau. Dieses regelt den Sprachgebrauch der Gemeindeverwaltung und der Gemeindebehörden. Es legt zum Beispiel fest, welche Dokumente, Protokolle oder Korrespondenz übersetzt werden. Wichtige Mitteilungen publizieren wir grundsätzlich in beiden Sprachen. Im Verwaltungsalltag erlebe ich, dass die Zweisprachigkeit eine mit Lust gelebte Realität ist. Ich wage zu behaupten, dass die romanische Sprache nach der Fusion in der Verwaltung an Bedeutung gewonnen hat und mit mehr Sorgfalt gepflegt wird. Wenn wir neue Stellen zu besetzen haben, wird bei gleicher Qualifikation dem oder der zweisprachigen Kandidaten oder Kandidatin der Vorrang gegeben. Denn die Einwohnerinnen und Einwohner haben den Anspruch, dass sie Anfragen sowohl auf Deutsch als auch auf Rätoromanisch stellen können und ihnen in der entsprechenden Sprache Auskunft gegeben wird. Die vielen Übersetzungen sind sehr arbeitsintensiv und finanziell nicht zu unterschätzen. Wir machen viele Übersetzungen selbst, teilweise ziehen wir den Übersetzungsdienst der Lia Rumantscha bei. Letztlich aber ist die Zweisprachigkeit vor allem eine Bereicherung und Chance. Auf Romanisch gibt es ein Sprichwort: «Wer Romanisch kann, der kann mehr.» Diese Erkenntnis hat sich in den letzten Jahren durchgesetzt. Wir haben Zugang zu einer Sprache germanischen Ursprungs und zu einer Sprache lateinischen Ursprungs, das ist für viele andere Sprachen ein Türöffner. Zudem eignen wir uns durch den Umgang mit der jeweils anderen Sprachgemeinschaft eine Sensibilität für Minderheiten an, die die Grundlage für gegenseitigen Respekt und gegenseitige Achtung ist. Bei uns ist das Sprachenverhältnis im Vergleich zum Rest der Schweiz umgekehrt: Rätoromanisch ist Mehrheitssprache, Deutsch die Minderheitensprache. Das kann zu gewissen Sensibilitäten bei alteingesessenen Deutschsprachigen aus Ilanz führen. Dieses Phänomen ist jedoch marginal. Etwas schade ist auch, dass die Romanen dazu neigen, rasch auf Deutsch zu wechseln, wenn in einer Gruppe jemand nicht so gut Rätoromanisch versteht. Denn alle Rätoromanischsprachigen sprechen auch Deutsch. Wenn wir zumindest ein passives Verständnis des Rätoromanischen einfordern würden, ermöglichte dies, dass sich jeder in seiner Sprache ausdrücken könnte. Das wäre mein Ideal von gelebter Zweisprachigkeit. Ich erlebe sehr viel Miteinander. Viele Menschen in der Gemeinde sind zweisprachig, und auch Zugezogene haben oft ein gutes Verständnis des Rätoromanischen. Für uns ist die Zweisprachigkeit Alltag, und es ist einfach völlig normal, mitten im Satz vom Rätoromanischen ins Deutsche und wieder zurück zu wechseln. Nadja Sutter