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Zu Fuss unterwegs zwischen Agglomeration, Stadt und Land

Die Gemeinden in der Schweiz sind unter Druck: Sie sollen Standortförderung betreiben, Arbeitsplätze schaffen und erhalten, Wohnungen für Menschen aller Alters- und Einkommensklassen bieten – aber auch Erholungsräume und Orte der Begegnung. Globale Megatrends wie die Digitalisierung, der Klimawandel oder die alternde Gesellschaft haben ebenfalls konkrete Auswirkungen im Lokalen. Ein Ort mit einer besonderen Ausgangslage ist die Genfer Gemeinde Meyrin: Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war der Ort mit rund 2000 Einwohnerinnen und Einwohnern landwirtschaftlich geprägt. Der historische Ortskern, gut gepflegt und belebt mit öffentlichen Nutzungen, zeugt noch heute davon. Doch durch den Bau des internationalen Flughafens Cointrin ab 1920 und vor allem durch die Ansiedelung der Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN) 1954 veränderte sich das Bild der Gemeinde in den folgenden Jahren massiv. Die neu geschaffenen, zum Teil hoch spezialisierten Arbeitsplätze zogen Menschen aus aller Welt an. Der Bau der ersten Satellitenstadt der Schweiz, der «Nouvelle Cité», war direkte Reaktion auf die drohende Wohnungsnot. Ganz im Sinne der Moderne entstanden bis zu 13-geschossige Wohnbauten mit grosszügigen Grünräumen. Weitblick bewies die Gemeindeverwaltung jedoch schon damals. Denn die reine Erstellung von Wohnraum schafft noch kein Heimatgefühl. Parallel investierte Meyrin in den 1960er-Jahren stark in öffentliche Infrastruktur. So wurden Räume für Sport- und Kulturanlässe erstellt, aber auch die Gründung von zahlreichen Vereinen wurde unterstützt. Heute besteht Meyrin aus Quartieren mit verschiedenen Qualitäten. Das neueste ist das «Écoquartier Les Vergers», dessen 1350 Wohnungen Platz für 3000 Einwohnerinnen und Einwohner bieten. Das Bevölkerungswachstum hat sich etwas verlangsamt, dafür rücken andere Thematiken in den Vordergrund. Die energetische Sanierung der «Nouvelle Cité» behält die städtebaulichen Qualitäten der Siedlung bei, während bauliche Verdichtung hauptsächlich durch Aufstockungen realisiert wird. Die bestehenden Grünräume werden durch Verkehrsberuhigungen und landschaftliche Projekte aufgewertet. Ein solches Projekt ist die Route de Prévessin – ein Spazierweg für Fussgänger und Velofahrerinnen, der zwischen Landschaft und Agglomeration vermittelt. Das im Rahmen des Agglomerationsprojekts «Paysage 2012» entwickelte Projekt führt entlang verschiedenartiger bestehender Freiräume und sensibilisiert die Anwohnerinnen und Anwohner der Agglomeration für die landschaftlichen Eigenheiten vor der eigenen Haustür: Felder, Wälder, Pärke, Bauernhöfe. ­­­ Konkret wird die Breite der Strasse verringert, um die Geschwindigkeit der Nutzenden zu senken. Bordsteine und Schikanen werden entfernt, um den Charakter von Landstrassen wiederherzustellen. Von neu installierten Bänken können Erholungsuchende den Blick in die Landschaft schweifen lassen. Das alte Zollhaus wird umgestaltet und ist nun Versammlungsraum mit Picknickplatz. Weitere Elemente wie Weidezäune, ein Holztisch mit Kalksteinbänken, ein Trinkwasserhahn oder eine Wildheckenpflanzung stärken den ländlichen Charakter der Landschaft und schützen gleichzeitig die landwirtschaftlichen Kulturen. Bis jetzt ist ein erstes, 800 Meter langes Wegstück als Teil einer Gesamtvision realisiert, in deren Zentrum ein konfliktfreies Miteinander von Einwohnerinnen und Einwohnern, Landwirtschaft und Landschaft steht. Auch in Meyrin geschieht ein solches Vorhaben nicht von alleine, wie Eric Cornuz, Stadtrat von Meyrin, erzählt. Es brauchte viel Überzeugungsarbeit, um die grenzüberschreitende Landstrasse, die täglich von etwa 6000 Fahrzeugen befahren wurde, für den Autoverkehr zu schliessen. Doch für die Gemeinde standen die Aufwertung der Landschaft und der Schutz der Biodiversität klar im Vordergrund. Im Kanton Genf haben seit den 1970er-Jahren öffentliche und private Trägerschaften Vorgehensweisen, Mittel, Projekte und Massnahmen entwickelt, um die Erhaltung und die Aufwertung des ländlichen Raums zu ermöglichen. Denn die Mischung aus Stadt mit internationaler Ausstrahlung und gut erhaltenem ländlichem Raum mit zahlreichen Landwirtschafts- und Weinbaubetrieben ist ein besonderes Merkmal des Kantons. Noch heute trägt diese Anstrengung Früchte: Der Richtplan des Kantons beinhaltet ein «Koordinationsblatt Landschaft», das eine landschaftsverträgliche Planung vorschreibt. Mit diesem Instrument gelingt es, die baukulturellen Qualitäten von Orten zu stärken und sie als identifikationsstiftende Werte für aktuelle und künftige Generationen zu erhalten. Nicole Düpre

Ein Ort, der in der Gemeinde Synergien schafft

Die Luzerner Gemeinden Aesch, Ermensee, Hitzkirch und Schongau bilden den Gemeindeverband Chrüzmatt Hitzkirchertal . Gemeinsam betreiben sie die stationäre Pflegeeinrichtung Chrüzmatt mit 97 Pflegeplätzen und 16 altersgerechten Wohnungen im Zentrum von Hitzkirch. Deren Kapazitäten sind heute ausreichend, doch die Prognosen zeigen speziell für das Seetal und die Region Hitzkirch einen sehr grossen Pflegeplatzbedarf. Aufgrund der Bevölkerungsentwicklung muss mit einem zusätzlichen Bedarf von 136 Betten bis zum Jahr 2040 gerechnet werden. Dies bedeutet für die Verbandsgemeinden finanzielle Konsequenzen in Millionenhöhe. Darüber hinaus werden heute einige der Pflegeplätze von Personen genutzt, die dieses Angebot aufgrund verschiedener Faktoren noch nicht in Anspruch nehmen müssten – es fehlt jedoch an Alternativen. Zwischen dem Wohnen zu Hause und einem Bett in einer stationären Einrichtung besteht eine Angebotslücke, die das Projekt Stöcklimatt mit seinem sozialräumlich eingebetteten, generationendurchmischten Wohnangebot schliessen will. «Bereits im Jahr 2013 hat sich die damalige Geschäftsleitung der Chrüzmatt Gedanken gemacht. Anlass waren die Prognosen zur demografischen Entwicklung. Relativ rasch war klar, dass eine reine Aufstockung der Pflegeplätze nicht die Lösung sein kann», sagt Raymond Neumann, der Projektleiter Stöcklimatt und Geschäftsführer Chrüzmatt. Michaela Spänle, Leiterin Bildung & Qualiät und stellvertretende Geschäftsführerin der Chrüzmatt, ergänzt: «Wie wollen wir als Gesellschaft in Zukunft zusammenleben? Das war die Ausgangsfrage für uns. Denn wir wollen nicht nur eine Hülle entwickeln, sondern eine Lebensgemeinschaft.» Mit der Stöcklimatt soll ein Wohnquartier in Hitzkirch für alle Generationen entstehen: 70 Prozent Alterswohnen, 20 Prozent Familienwohnen und 10 Prozent Wohnen für Alleinstehende. Gleichzeitig soll die Stöcklimatt ein Ort sein, der bis in die umliegenden Gemeinden ausstrahlt. Mit einer Kindertagesstätte und kulturellen Angeboten will das neue Quartier offen sein für alle, nicht nur für die künftigen Bewohnerinnen und Bewohner. Um diese umfassenden Überlegungen umsetzen zu können, wird das Projekt Stöcklimatt in drei Teilprojekte aufgesplittet: Wohnraum (1), Sozialraum (2) sowie Angebote und Dienstleistungen (3). Herzstück des Projekts ist das Sozialraumkonzept, das durch die Walder Stiftung finanziert und in Zusammenarbeit mit dem Institut für Soziokulturelle Entwicklung der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit erarbeitet wurde. Im Zentrum stehen die handelnden Menschen mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen, Vorstellungen und Wahrnehmungen. Zunächst wurde im ganzen Seetal analysiert, welche Voraussetzungen benötigt werden, damit die Menschen so lange wie möglich zu Hause bleiben können. Und daraus abgeleitet, welche Funktionen die Stöcklimatt übernehmen kann und soll. Zentral dabei: Aufbauen auf dem, was bereits da ist. Die Bevölkerung engagierte sich im Rahmen eines öffentlichen Echoraums, Interviews mit Schlüsselpersonen lieferten weitere wichtige Hinweise für die Ausarbeitung des Sozialraumkonzepts. «Im Echoraum wurden die Ideen und die Vision der Stöcklimatt mit interessierten Einwohnerinnen und Einwohnern diskutiert. Die Bevölkerung sieht das Potenzial der Idee, aber natürlich variieren die Vorstellungen eines gemeinschaftlichen Zusammenlebens», sagt Beatrice Durrer von der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit. Dafür wurde zur Unterstützung die Metron Raumentwicklung AG beigezogen, die später auch die Erarbeitung des Gestaltungsplans verantwortete. Ausgehend von den Erkenntnissen des Teilprojekts 2 wird im Teilprojekt 3 ein Unterstützungs- und Dienstleistungsangebot aufgebaut, das Freiwilligenangebote mit dem professionellen Versorgungsangebot der benachbarten Chrüzmatt verbindet. In der zentralen Koordinationsstelle, die in den Räumlichkeiten der Stöcklimatt untergebracht wird, laufen so die Fäden der drei Teilprojekte zusammen. «Dreh- und Angelpunkt ist die Koordinationsstelle. Hier gibt es einerseits Unterstützung rund um das Thema Gesundheit. Doch mindestens genauso wichtig ist die sogenannte Quartieranimation. Wir wollen Angebote für eine lebendige Nachbarschaft schaffen, zum Beispiel mit kulturellen Veranstaltungen», sagt Cornelius Müller, Präsident des Gemeindeverbands Chrüzmatt Hitzkirchertal. Erkenntnisse, die aus sozialräumlicher Perspektive für die bauliche Planung des Teilprojekts 1 von Bedeutung sind, wurden zusammengestellt und im Programm des Projektwettbewerbs berücksichtigt. Dafür wurde zur Unterstützung die Metron Raumentwicklung AG beigezogen, die später auch die Erarbeitung des Gestaltungsplans verantwortete. Aus 50 Bewerbungen wurden zehn Architekturbüros zur Teilnahme ausgewählt, davon zwei Nachwuchsbüros. Eines der beiden, GOA Architektur GmbH aus Zürich, ging 2020 als Sieger aus dem Verfahren hervor. Mit dem Entscheid des Wettbewerbs wurde die Idee der Stöcklimatt sichtbar und greifbar; die Erarbeitung des Gestaltungsplans bildet die Basis für die etappierte Realisierung der Stöcklimatt. Was noch fehlt, ist die Zusage der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger im Juni 2021. Cornelius Müller, Präsident des Gemeindeverbands Chrüzmatt Hitzkirchertal, drückt die Daumen. «Am Anfang hatten wir ja nur eine Idee. Das ist erstmal schwer zu vermitteln. Doch dann haben wir mit dem Gestaltungsplan die Idee in ein konkretes Projekt umgewandelt. Jetzt wissen die Leute, worüber sie abstimmen.» Hugo Beck, in der Gemeinde Hitzkirch zuständig für das Ressort Gesundheit und Soziales, spricht in diesem Zusammenhang auch von Standortförderung. «Auch im Rahmen der Zentrumsentwicklung überlegen wir, wie Hitzkirch attraktiv gestaltet werden kann. Da ist die Stöcklimatt natürlich ein Ort, der Synergien schafft. Ein guter Angebotsmix in Zentrumsnähe trägt dazu bei, dass man sich in unserer Gemeinde wohl fühlt.» «Wie wollen wir als Gesellschaft in Zukunft zusammenleben? Das war die Ausgangsfrage für uns.» Michaela Spänle, Leiterin Bildung & Qualiät der Chrüzmatt Nicole Düpre, Sandra Remund

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