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Digital-Pioniere in Schweizer Gemeinden gesucht

Ob einfacher Zugang für die Einwohnerinnen und Einwohner am Online-Behördenschalter oder effizientere Geschäftsabläufe für die Verwaltung: Dass die Digitalisierung auch für Gemeinden Chancen bietet, ist mittlerweile breit anerkannt. Ebenso klar ist aber: Die technologische Entwicklung stellt gerade für kleinere und mittelgrosse Gemeinden eine enorme Herausforderung dar. Wie können mit begrenzten Budgets die wachsenden Anforderungen von Kantonsseite für E-Government und die zunehmenden Ansprüche der Bürger erfüllt werden? Wer in der Gemeindeverwaltung soll sich neben der bestehenden Alltagsarbeit auch noch um die anspruchsvolle Querschnittsaufgabe Digitalisierung kümmern? Die Möglichkeiten sind unüberblickbar – wie soll man beginnen? Und: Wo nimmt die Gemeinde überhaupt das Wissen und die Kontakte her, um den Weg zum «smart village» kompetent und effizient anzugehen? Damit die Digitalisierung für Gemeinden zum Gewinn und nicht zum Frust wird, bieten der Schweizerische Gemeindeverband (SGV) und der Verein Gmeind im kommenden Frühling erstmals den Grundkurs Digital-Pionier an. Er vermittelt Kenntnisse und Tricks zur erfolgreichen Auslösung und Führung von Digitalisierungsprojekten in Gemeinden, bietet Möglichkeiten zum Erfahrungsaustausch und zum Coaching bestehender Projekte der Teilnehmenden (siehe Kasten). Die Weiterbildung kann wahlweise online oder auch physisch in Bern besucht werden. Sie richtet sich an Mitarbeitende von Gemeindeverwaltungen und Lokalpolitikerinnen und -politiker. Der Kurs ist gezielt auf deren «volle Agenda» ausgerichtet: Die kurze Dauer (fünf Module à vier Stunden) und die tiefen Teilnahmekosten (unter 1000 Franken) ermöglichen Gemeinden, ohne grossen Aufwand Digitalisierungsluft zu schnuppern und Mitarbeitende oder Exekutivmitglieder für die anstehenden Herausforderungen fit zu machen. Wer alle Module des Kurses besucht, erhält ein Zertifikat, das ihn oder sie als Digitalpionier auszeichnet. Damit wird unterstrichen, dass die Absolventinnen und Absolventen eine wichtige Rolle übernehmen, um die Schweizer Gemeinden für die digitale Zukunft zu rüsten. Der Schweizerische Gemeindeverband (SGV) und Myni Gmeind arbeiten mit kompetenten Organisationen und Personen zusammen: Die Dozentinnen und Dozenten sind Digitalisierungsspezialisten, die zugleich die Gemeindewelt bestens kennen. Durchgeführt werden die Kurse von zwei Schulen mit jahrelanger Erfahrung – der Academia (Online-Kurse) und dem Bildungszentrum für Wirtschaft und Dienstleistungen (physische Kurse). Die Standortförderung Kanton Bern sowie die Myni-Gmeind-Partner Cisco und Swisscom ermöglichen mit einer Anschubfinanzierung und Know-how den Aufbau des Grundkursangebots. Informationen: www.chgemeinden.ch www.digitalpionier.ch Daniel Strub: Wir sind auch nicht die Digitalisierungsspezialisten. Aber unser Finanzverwalter treibt die Entwicklung voran. Zusammen mit ihm habe ich eine Anwendungslandkarte erstellt, in der wir das Zusammenspiel und die Abhängigkeiten zwischen den eingesetzten Softwareprodukten aufzeigen. Neuanschaffungen und Gedanken zur Digitalisierung werden damit überprüft: Passen sie ins Konzept? Leisten sie einen Beitrag zu einer digitalen Verbesserung? Wie alle anderen Gemeinden kämpfen wir aber mit der Tatsache, dass wir für die Digitalisierung nur die Ideen liefern können – für die Umsetzung sind wir in der Regel auf die Spezialisten angewiesen. «Der Kurs kann helfen, ganzheitliche Lösungen zu finden.» Daniel Strub, Gemeindeschreiber von Lyss (BE) Strub: Ich bin überzeugt, viele Gemeindevertretende haben sich schon Gedanken zu diesem Thema gemacht und gute Ideen entwickelt. Schwierig ist wohl eher, dass es das perfekte Tool für alle Problemstellungen schlicht nicht gibt und oftmals nur Insellösungen existieren. Der Kurs kann helfen, gesamtheitliche Lösungen zu finden. Strub: Die Übersicht über die eigene Lösungslandschaft und die internen Abhängigkeiten. Daraus können die geeignetsten Produkte für die Digitalisierung herausgefiltert werden. Weiter erhalten die Teilnehmenden einen Überblick, welche Lösungen bereits existieren. Die Toolbox wird sicher helfen, diese Projekte erfolgreich umzusetzen. Und ganz wichtig ist der Austausch unter den Teilnehmenden. Strub: In vielen Gemeinden stellen sich die Verantwortlichen immer wieder die gleichen Fragen. Daher können wir mit einem Weiterbildungsangebot Lösungswege entwickeln, welche die Gemeinde in der Digitalisierung weiterbringen. Dies hat letztlich einen direkten Nutzen für alle Gemeinden, deren Kunden und Steuerzahlenden. Strub: Ich habe meinen Platz noch nicht gebucht, kann mir das aber durchaus vorstellen. Zudem hoffe ich sehr, dass dieser Kurs auch Mitarbeitende von uns anspricht. Noé Blancpain, Interview: Noé Blancpain

Die ersten Digital-Pioniere drücken die Schulbank

Konzentriert folgen die zwanzig Augenpaare den Gesten von Gérald Strub und Stéphane Schwab. Die Dozenten erläutern, wie Kommunen und Kanton gemeinsam ein digitales Serviceportal für Bevölkerung und Wirtschaft schaffen. Dann schallt plötzlich lautes Gelächter durch den weiten Saal des Bildungszentrums für Wirtschaft und Dienstleistung (bwd) in Bern: «Man kann lange schnorren …», ruft Strub den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu, «machen ist wie wollen, nur krasser!» Der langjährige Gemeindeammann von Boniswil am Hallwilersee ist Vorstandsmitglied des Schweizerischen Gemeindeverbandes und Programmleiter der Aargauer Digitalisierungsinitiative «Fit4Digital». Zusammen mit Stéphane Schwab, Leiter des E-Government-Sekretariats des Kantons Freiburg und Vizepräsident von iGovPortal.ch, vermittelt er heute den Grundkursteilnehmenden Know-how zu digitalen Behördenleistungen. «Digitalisierung ist ein harter Job: etwas versuchen, umfallen, aufstehen, weitermachen.» So beschreibt er den oft beschwerlichen, aber nun immer erfolgreicheren Weg vieler Schweizer Gemeinden. Um die Gemeindeverantwortlichen auf diesem Weg zu unterstützen, hat der Verein Myni Gmeind zusammen mit seinen Partnern – dem Schweizerischen Gemeindeverband als Patronatsträger sowie den Mitgliederfirmen Cisco und Swisscom – den Grundkurs Digital-Pionier ins Leben gerufen. Die Standortförderung des Kantons Bern hat eine Anschubfinanzierung geleistet. Die berufsbegleitende Weiterbildung vermittelt Vertreterinnen und Vertretern von Gemeinden in fünf halbtägigen Modulen Grundkenntnisse über die Digitalisierung, beinhaltet Tipps und Tricks zur erfolgreichen Führung von Projekten und bietet Möglichkeiten zum Erfahrungsaustausch. Der Kurs in Bern Anfang April ist die Premiere. Vor allem Gemeindepräsidentinnen und Gemeindepräsidenten, Gemeindeschreibende sowie Finanz- und Bauverwalterinnen und -Verwalter nehmen teil: Sie sind also Pionierinnen und Pioniere im doppelten Sinn. Warum haben sie sich für den allerersten Grundkurs angemeldet? «Es ist immer gut, einen Schritt voraus zu sein statt hintendrein», sagt Adrian Stettler, Bauverwalter der Gemeinde Bösingen (FR). Er möchte erfahren, welche Voraussetzungen und Strukturen es für erfolgreiche Digitalisierungsprojekte braucht, und ein Netzwerk von Gleichgesinnten aus anderen Gemeinden aufbauen. Um «zu spüren, wo den anderen der Schuh drückt». Die fünf Module sind darauf ausgelegt, den Teilnehmenden Schritt für Schritt die wichtigsten Grundkompetenzen zu vermitteln und die Anwendung zu üben. Die Dozierenden sind Digitalisierungsexperten, die selbst viel Erfahrung in der Gemeindearbeit haben. Denn gefragt ist praktisches Know-how statt grauer Theorie. Am ersten Kurstag erfolgt eine Einführung in den Wandel, den die digitale Transformation für die Gemeinden bedeutet: Wie spielen Kultur, Technologie und Ressourcen zusammen? Welche Rolle haben die Behörden? Mit Best-Practice-Beispielen werden anschliessend Kenntnisse vermittelt, wie Projekte gestaltet und erfolgreich geführt werden können. «Digitale Verwaltung», «Normierung» und «User Experience» – am zweiten Tag geht es um E-Government. Zentral sind Instrumente, die Modernisierung von Behördentätigkeit und Schnittstellen mit der Bevölkerung in der Praxis erleichtern können. Am Nachmittag werden aktuelle Vorhaben der Teilnehmenden diskutiert, um voneinander zu lernen. Der letzte Kursblock bietet eine praktische Toolbox, beispielsweise Informationen zur finanziellen Projektförderung durch Bund und Kantone. Danach wird ein Blick in die Zukunft geworfen: Big Data und künstliche Intelligenz – was kommt auf die Gemeinden zu? Gemeinsam mit der Kursleitung wird ein Fazit zu den wichtigsten Erkenntnissen des Grundkurses gezogen. Zum Abschluss erhalten die stolzen Teilnehmenden ihr Zertifikat – als erste Digital-Pionierinnen und -Pioniere der Schweiz. Die nächste Pionier-Generation steht jedoch schon am Start: Ende Mai beginnt der Online-Kurs, der von Academia Group durchgeführt wird. Der Kurs war zu Redaktionsschluss schon gut gefüllt; Kurzentschlossene erfahren unter www.digitalpionier.ch , ob noch letzte Plätze frei sind. Die nächsten Kurse finden im Herbst statt. Noé Blancpain

Digitale Dorfstrasse – das lokale Gewerbe der Zukunft

Blenden wir zwei Jahre zurück: Auch in Adelboden sind im Lockdown im Frühling 2020 alle Geschäfte geschlossen. Wie bringt nun der Metzger seine lokalen Würste, der Käser seine Spezialitäten, die Bäckerei ihr frisches Brot an die Kunden? Findige junge Einheimische reagieren rasch: Mit dem Privatauto fahren sie die Ware im Dorf aus. Rückblickend sagen viele Gewerbler, die Pandemie habe ihnen die Augen geöffnet, wie bedeutend alternative Bestell- und Vertriebswege geworden seien. Die Covid-19-Krise hat damit auch ihr Gutes: Das von verschiedenen Initianten – darunter der innovative Hotelier Chris Rosser, Gemeindeschreiberin Jolanda Trachsel und Myni-Gmeind-Präsident Alexander Sollberger – schon 2019 angestossene Projekt für eine «digitale Dorfstrasse» in Adelboden nimmt Fahrt auf. Denn klar ist für alle Beteiligten: Nicht nur in der Pandemie ist Flexibilität gefragt, sondern auch in «normalen» Zeiten. Viele Gäste aus dem Unterland bestellen im Alltag längst nicht nur Elektrogeräte und Schuhe im Internet – sondern auch Lebensmittel. Kundinnen und Kunden wollen ihr Einkaufsverhalten nicht mehr nach Ladenöffnungszeiten ausrichten. Was für das alltägliche Leben gilt, trifft erst recht auf Ferien und Freizeit zu. Die digitale Dorfstrasse in Adelboden bietet die gewünschte Flexibilität und Annehmlichkeiten: Hochwertige einheimische Produkte und regionale Spezialitäten von einem guten Dutzend Adelbodner Gewerbebetrieben können rund um die Uhr online im Webshop bestellt werden. Beim Bezug haben Gäste und Einheimische die Qual der Wahl: Abholen in der neuen Vogellisi-Welt im Aparthotel am Dorfplatz jeden Tag bis 22 Uhr, Pick-up mit QR-Code in 24-Stunden-Abholboxen, Lieferung an die Haustür – oder zentral organisierter Postversand in die ganze Schweiz. So kann eine Zweitwohnungsbesitzerin auch bei einer Anreise am späten Freitagabend noch vom frischen, lokalen Angebot profitieren. Die jungen Mountainbiker, die am Samstag eine lange Tour absolvierten, kaufen nach Sonnenuntergang noch rasch die Zutaten für das Fondue in ihrer Ferienwohnung ein. Tourismusmitarbeitende versorgen sich zu Randzeiten unkompliziert mit Lebensmitteln. Und Tagesgäste können die Mittagsverpflegung für ihren Skitag unkompliziert vorbestellen und in der Abholbox an der Zufahrtsstrasse kurz vor dem Dorfeingang beziehen. Kurz vor Weihnachten 2021 nahm die digitale Dorfstrasse ihren Betrieb auf. Im April 2022 wurde die Pilotphase abgeschlossen – mit ermutigenden ersten Ergebnissen, aber auch im Wissen, dass noch viel Arbeit ansteht. Denn das Projekt stösst auf grosses Interesse, muss Gästen wie Einheimischen aber auch noch besser vermittelt werden. Gerade die Online-Bestellung ist für manchen noch ungewohnt und damit eine Hürde. Nicht nur für die Gäste ist das neue Angebot ein Gewinn, sondern auch für das Gewerbe in der Gemeinde Adelboden. Es bringt den Familienbetrieben zusätzliche Absatzkanäle und eine Plattform für den Sprung in die digitale Welt, der im Alleingang eine teure und aufwendige Herausforderung wäre. Auch Tourismus und Gemeinde profitieren: Einerseits erhalten die Gäste einen zusätzlichen Service, der sie während des Ferienaufenthalts entlasten kann. Das ist gerade für die Familien mit Kindern, die im Ort die Mehrheit der Gäste stellen, wichtig. Anderseits wirkt sich das Innovationsprojekt auch positiv auf die Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure im Dorf aus und stärkt nicht zuletzt den Ruf als moderner und aufgeschlossener Ferienort. So breit der Kreis derjenigen, die von der digitalen Dorfstrasse profitieren – so stark abgestützt auch die Trägerschaft. Die grosse Unterstützung durch die Gemeinde Adelboden war zentral. Sie finanzierte die Erarbeitung des Antrags an die Neue Regionalpolitik (NRP) und übernahm bis nach der Erstellung der Machbarkeitsstudie die Trägerschaft. Diese reichte sie dann für die Projektumsetzung an die IG Dorf weiter, den Zusammenschluss des Gewerbes im Dorfkern rund um die Dorfstrasse. Wichtig war auch das Engagement der Tourismusorganisation TALK, die mit ihrer Marketingexpertise die Massnahmen in diesem Bereich konzipierte und die Werbeprodukte gestaltete. Myni Gmeind (siehe Box) lancierte mit Gewerbe und Gemeinde zusammen das Projekt. Die Geschäftsstelle des Vereins erarbeitete dann das NRP-Gesuch zur Unterstützung durch den Kanton Bern und die Schweizerische Eidgenossenschaft – ohne diese grosszügig gesprochenen öffentlichen Fördermittel hätte die digitale Dorfstrasse nicht realisiert werden können. Myni Gmeind verfasste zudem mit den Akteuren vor Ort die Machbarkeitsstudie und setzte das Projekt in der zweiten Hälfte 2021 um. Die digitale Dorfstrasse befriedigt die heutigen Bedürfnisse der Gäste mit einer smarten Kombination von bewährter Servicequalität, Gastfreundschaft und modernen technologischen Möglichkeiten. Die Kooperation stärkt die lokale Wertschöpfung und sichert Arbeitsplätze. Wie geht es weiter? Die Gewerbetreibenden und der Tourismus in Adelboden sind voller Elan, die digitale Dorfstrasse noch bekannter zu machen und das Angebot laufend auszubauen. An Innovationskraft und Ideen mangelt es nicht! Und Myni Gmeind ist derzeit daran, das Projekt weiterzuentwickeln, damit zusätzliche Gemeinden von den Erfahrungen im Berner Oberland profitieren und eine eigene digitale Dorfstrasse – in gewissen Regionen vielleicht mit einem Fokus auf Pendler statt auf Touristen – schaffen können. Denn der Verbindung von analog und digital, so hat sich in Adelboden bestätigt, gehört auch im Detailhandel die Zukunft. Noé Blancpain

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