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Der lange Weg von der Patenschaft zur Partnerschaft

1989: Um sich gegen die Abrisspolitik des rumänischen Diktators Nicolae Ceaușescu zur Wehr zu setzen und ihr historisches Erbe zu verteidigen, suchen viele rumänische Gemeinden Partnerstädte aus Westeuropa. Von diesen erhoffen sie sich moralische, politische und finanzielle Unterstützung in ihrem Widerstand gegen das Regime. Der Hilferuf aus Rumänien wird auch in der Schweiz gehört: In Riehen (BS) entscheidet man sich zu handeln und sucht eine Partnergemeinde, die zumindest nach damaligen Angaben in etwa gleich gross ist wie die eigene Gemeinde. Fündig wird die baselstädtische Gemeinde in der Region Siebenbürgen, in der Stadt Csikszereda. Bald verlassen die ersten Hilfsgütertransporte die Schweiz. Mittlerweile hat die Stadt, die aufgrund ihrer ethnischen Mehrheit vor allem unter dem ungarischen Namen Csikszereda bekannt ist, mit 40 000 Einwohnern zwar doppelt so viele Einwohner wie Riehen. Doch die Partnerschaft nach Miercurea Ciuc, wie die Stadt auf Rumänisch heisst (zu Deutsch: Szeklerburg), hält bis heute. Erst Ende Oktober ist eine Riehener Delegation abermals nach Csikszereda gereist, um den neuen Bürgermeister zu treffen und sich über den Stand der unterstützten Projekte zu informieren. Zuständig für das Dossier Csikszereda ist in Riehen Dr. Guido Vogel. Vogel ist seit acht Jahren im Riehener Gemeinderat und rechnet vor: «Heute sendet die Gemeinde Riehen jährlich 110 000 Franken nach Csikszereda. Seit Beginn der Partnerschaft haben wir deutlich über vier Millionen Franken investiert.» «Die Behörden in Csikszereda müssen lernen, vermehrt auf eigenen Beinen zu stehen.» Dr. Guido Vogel, Gemeinderat Riehen Möglich macht dies unter anderem ein Beschluss des Gemeindeparlaments, wonach Riehen jeweils ein Prozent seiner Steuereinnahmen von natürlichen Personen für Entwicklungshilfe einsetzt. Rund 800 000 Franken kommen so pro Jahr zusammen, wobei der Posten, der für die Partnergemeinde Csikszereda bestimmt ist, klar der grösste ist. Entsprechend viele Projekte werden in Rumänien realisiert: In einer Schule kommen die Riehener für die Mittagsverpflegung von sozial benachteiligten Kindern sowie für die Kosten der Hortleiterin auf. Dank der Hilfe aus der Schweiz kann in Csikszereda zudem eine Tagesstätte für armutsbetroffene und/oder alleinstehende Senioren betrieben werden, ebenso ein Waldschulheim. Hinzu kommen Naturkundelager in Zusammenarbeit mit Pro Natura Basel für rumänische Kinder sowie Nikolaus- und Weihnachtspakete für Kinder und ältere, armutsbetroffene Menschen. Um die Hilfsgüter zu verteilen, ist in Csikszereda bereits zu Beginn der Städtepartnerschaft der Verein «Asociatia Riehen» gegründet worden. Wobei man in der ersten Zeit genau habe hinschauen müssen, denn die Unterstützung sei nicht immer dort angekommen, wo sie sollte, weiss Gemeinderat Vogel. Das ist inzwischen kein Thema mehr: Heute fliessen sämtliche Gelder an diese Organisation, deren acht Mitarbeiter vor Ort für die Umsetzung der Projekte sorgen und dem Controlling der Gemeindeverwaltung Riehen unterliegen. Aber auch in Riehen läuft seit Langem nicht mehr alles über die Gemeindeverwaltung. Um die Gemeinde zu entlasten, wurde 1993 der Verein «Riehen hilft Rumänien», heute PRO CSIK, gegründet. Deren fünfköpfiger Vorstand um Präsidentin Regula Ringger arbeitet ehrenamtlich und finanziert bis auf die Seniorentagesstätte und das Waldschulheim alle oben genannten Projekte. «Heute spenden die Leute eher für eine akute Katastrophe oder für Klima- und Umweltschutz.» Regula Ringger, Präsidentin Verein PRO CSIK «Zusätzlich zu den 110 000 Franken der Gemeinden steuert PRO CSIK jährlich zwischen 30 000 und 40 000 Franken für diese Projekte bei», sagt Präsidentin Ringger. Die Aufgabenteilung zwischen Gemeinde und Verein ist seit einigen Jahren in einer Leistungsvereinbarung geregelt, wobei auch PRO CSIK in Rumänien direkt mit dem Verein «Asociatia Riehen» zusammenarbeitet. Es ist eine Kooperation, von der auch Vereinspräsidentin Ringger überzeugt ist: «Die ‹Asociatia Riehen› ist sehr motiviert. Nach dem Ausbruch der Coronapandemie hat man nicht auf Ratschläge von uns gewartet, sondern rasch Eigeninitiative ergriffen.» Da die Senioren nicht mehr in die Tagesstätte kommen durften, habe man in Rumänien flugs ein Projekt namens «Essen auf Rädern» umgesetzt und die Senioren bei sich zu Hause verpflegt. «Und als die ‹Asociatia Riehen› von der EU Coronahilfsgelder erhielt, hat sie dies nicht etwa zu verheimlichen versucht, sondern uns direkt davon in Kenntnis gesetzt», sagt Ringger. Während die organisatorische Struktur der Partnerschaft also auf einer gesunden Basis steht, macht den Riehenern etwas anderes zu schaffen: «Auch wenn die Partnerschaft mit Csikszereda aktuell nicht umstritten ist, müssen die dortigen Behörden lernen, vermehrt auf eigenen Beinen zu stehen. Unsere Unterstützung ist nicht auf ewig garantiert», mahnt Gemeinderat Vogel. Schliesslich werde in der Schweiz alle vier Jahre neu gewählt, und der politische Wind könne sich auch mal drehen. Ähnliches gilt für den Verein PRO CSIK, der sich über Spendengelder finanziert. Viele Mitglieder des Anfang der 1990er Jahre gegründeten Vereins seien mittlerweile in die Jahre gekommen, weiss Präsidentin Ringger. Und neue, jüngere Spenderinnen und Spender zu generieren, erweise sich als schwierig: «Heute spenden die Leute eher für eine akute Katastrophe oder für Klima- und Umweltschutz», sagt sie. Die Reise, die die Riehener Delegation soeben nach Csikszereda unternommen hat, war deshalb nicht nur der Beziehungspflege gewidmet. Ebenso sehr ging es darum, die rumänischen Behörden und den Partnerverein auf die Bedenken aus Riehen hinzuweisen, um so den langfristigen Fortbestand der Projekte sicherzustellen. «Denn eigentlich ist der Betrieb einer Seniorentagesstätte ja Aufgabe der Gemeinde. Heute aber wird diese zu etwa 90 Prozent mit unseren Beiträgen betrieben. Die Frage ist also, was die Stadtverwaltung in Csikszereda tun würde, sollte diese Unterstützung einmal wegfallen», sagt Vogel. Derweil wollen die Riehener in Rumänien, wo das zentralistische System die Geldflüsse an die Kommunen unvorhersehbar macht, nicht nur die Stadtverwaltung in die Pflicht nehmen. Auch rumänische KMU und vor allem Grossunternehmen sollen um Unterstützung angefragt werden, sagt Ringger. Nicht von der Schweiz aus, sondern via die Stadtverwaltung von Csikszereda und den Verein «Asociatia Riehen». Während der kürzlich getätigten Reise nach Rumänien habe man die Behörden und den Partnerverein über dieses Ansinnen in Kenntnis gesetzt: «Wir haben den neuen Bürgermeister und die beiden Vizebürgermeister persönlich kennenlernen dürfen und uns transparent über die Projekte und deren Finanzierung ausgetauscht», sagt Regula Ringger. Und Guido Vogel ergänzt: Man habe interessante Ansätze diskutiert, wie die Zusammenarbeit noch intensiviert werden könne. «Und wie aus der heutigen Patenschaft in Zukunft eine Partnerschaft entstehen kann.» Fabio Pacozzi

Gemeindepartnerschaften sollen die Sprachgrenze überbrücken

Stéphane Ganzer ist Präsident der Gemeinde Noble-Contrée, politisiert seit 2009 im Walliser Kantonsparlament, lehrt am Gymnasium in St-Maurice Geschichte und Geographie. Und: Er weiss, dass es im Wallis um den kantonalen Zusammenhalt nicht immer zum Besten steht. «Zwischen den zwei Kantonsteilen bestehen nur wenige Verbindungen. Gerade bei der Arbeit fällt mir immer wieder auf, wie wenig meine Schüler über das Oberwallis wissen. Es ist eigentliche ‹Terra incognita›», sagt Stéphane Ganzer. Er plädiert deshalb dafür, die Zweisprachigkeit des Kantons nicht als Hindernis, sondern als Chance zu betrachten. Diese Chance zu ergreifen, ist aus Ganzers Sicht Aufgabe der Gemeinden. Und er hat auch schon eine Vorstellung, wie dies geschehen kann: «Viele Walliser Gemeinden sind bereits Partnerschaften mit anderen schweizerischen oder europäischen Dörfern und Städten eingegangen. Warum also nicht auch eine Partnerschaft mit einer Gemeinde aus dem anderen Kantonsteil eingehen?», fragt Ganzer rhetorisch. Schliesslich gebe es westlich und östlich der Sprachgrenze in etwa gleich viele Gemeinden. Bergdörfer und Talgemeinden, die geographisch zwar nahe beieinander liegen, die für den anderen Kantonsteil aber grösstenteils unbekanntes Land – «Terra incognita» - seien. Gemeinsam mit drei weiteren Kantonsparlamentariern reichte Ganzer deshalb im Jahr 2017 ein Postulat ein. Um den kantonalen Zusammenhalt zu stärken, sollte die Walliser Regierung das Eingehen interkantonaler Gemeindepartnerschaften fördern und begleiten. Im Rahmen dieses «pacte d’amitié», wie das Konzept auf Französisch heisst, sollten zwischen den zwei freundschaftlich verbundenen Gemeinden verschiedene Austausche stattfinden: Zwischen Gemeinderäten, Schulen, Vereinen, Senioren. «Es ist so, dass wir in einem zweisprachigen Kanton leben und die Oberwalliser und Unterwalliser in der Regel viel zu wenig voneinander wissen.» Charlotte Salzmann-Briand, Gemeindepräsidentin Naters Da der überparteiliche Vorstoss auch der Walliser Regierung politisch korrekt als «sehr passend» erschien, wurde das Postulat oppositionslos zum Vollzug überwiesen. Keine Selbstverständlichkeit in dem Kanton, in dem sich die deutschsprachige Minderheit (nur rund jeder vierte Einwohner ist deutschsprachig) oft übergangen fühlt und in dem auch immer mal wieder die populistisch wirksame Forderung nach einer Aufteilung in zwei Halbkantone ertönt. Nach der Annahme des Postulats wollte Stéphane Ganzer als Initiant und Gemeindepräsident natürlich vorangehen. Er kontaktierte den Gemeindepräsidenten von Saas-Fee; einige Monate später war der erste «pacte d’amitiè» offiziell besiegelt. «Wir haben ausgemacht, bei unseren Treffen jeweils die lokale Sprache zu sprechen», erklärt Ganzer. Das bedürfe seitens der Gäste zwar einen gewissen Effort, funktioniere aber letztendlich. Seither haben sich nicht nur die Gemeinderäte der beiden Dörfer ausgetauscht. Auch die Schulkinder absolvierten ihren Herbstspaziergang auf dem Territorium der jeweils anderen Gemeinde; Fussballmatches und Vereinsausflüge, namentlich ein Treffen zwischen den beiden Chören, sind angedacht. Inzwischen sind im Wallis weitere «pactes d’amitié» geschlossen worden. Nur wenige Autominuten von Noble-Contrée entfernt ist Crans-Montana einen Freundschaftsvertrag mit der Gemeinde Fiesch eingegangen. Chalais ist nun freundschaftlich mit Grächen verbunden, Grône mit Leukerbad, Icogne mit Ernen und Anniviers mit Naters. Demnächst wollen die Walliser Kantonsbehörden einen Leitfaden für weitere interessierte Gemeinden herausbringen. Die Natischer Gemeindepräsidentin Charlotte Salzmann-Briand erklärt: «Es ist ja so, dass wir in einem zweisprachigen Kanton leben und die Oberwalliser und Unterwalliser in der Regel viel zu wenig voneinander wissen. Die Vorteile, welche die Zweisprachigkeit bietet, werden viel zu wenig genutzt.» Im Gemeinderat habe deshalb niemand gezögert, als es darum ging, ebenfalls einen «pacte d’amitié» mit einer französischsprachigen Gemeinde einzugehen. Als Minimalziel habe man definiert, mindestens einmal jährlich ein Treffen zwischen den Behörden, den Schulen, der Verwaltung, der Bevölkerung oder den Vereinen der beiden Gemeinden zu organisieren. So ist aktuell etwa ein Schüleraustausch vorgesehen, in dessen Rahmen rund 50 Schülerinnen und Schüler der Orientierungsschule für eine Woche in den anderen Kantonsteil wechseln werden. In der Primarschule werden derweil erste Kontakte in Briefform geknüpft. Bereits weiter fortgeschritten ist die Partnerschaft zwischen Icogne und Ernen. Eine Partnerschaft, die nicht zufällig eingegangen wurde: Beide Gemeinden haben rund fünf- bis sechshundert Einwohner, und in beiden Dörfern spielen der Tourismus und die Wasserzinsen eine Rolle. Geben sich die Gemeinderäte also Tipps, wie man dieses oder jenes Dossier angehen könnte? Der Erner Gemeindepräsident Francesco Walter winkt ab: Vom Ratschläge erteilen halte er nicht viel – vom gegenseitigen Gedankenaustausch aber umso mehr. So habe sich der Icogner Gemeinderat etwa dafür interessiert, wie es möglich sei, dass in Ernen eine Handvoll Restaurants betrieben werden, während es in Icogne kein einziges mehr gebe. «Warum nicht eine Partnerschaft mit einer Gemeinde aus dem anderen Kantonsteil eingehen?» Stéphane Ganzer, Gemeindepräsident Noble-Contrée Umgekehrt hätten die Erner mit dem Icogner Gemeinderat beispielsweise über die geplante neue Kantonsverfassung diskutiert und den Unterwallisern erklärt, weshalb sich die Oberwalliser Minderheit darin Sitzgarantien in den politischen Gremien wünscht. Und sie hätten sich angeschaut, wie das Unterwalliser Dorf in Sachen Feuerwehr mit den umliegenden Gemeinden zusammenarbeite. «Das tun wir zwar auch, aber es schadet nie, zu sehen, wie es andere machen», sagt Walter. Denn nur zusammenzukommen, um einen guten Schluck Wein zu trinken, bringe nicht viel. «Die Idee ist es, Gemeinsamkeiten zu suchen und zu schauen, was man daraus machen kann.» Fabio Pacozzi

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