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Forum Entsorgungs-Technik 2024: Einblicke in die Zukunft der Abfallwirtschaft

Das Forum diente als Plattform, um aktuelle Trends und Entwicklungen zu beleuchten, praxisnahe Einblicke in neue Technologien zu bieten und den Austausch unter Branchenkennern zu fördern. Die Themen reichten von der digitalen Transformation in der Abfallsammlung über die Elektrifizierung von Werkhoffahrzeugen bis hin zur Einführung emissionsarmer Maschinen im Recyclingprozess. Diese Aspekte sind entscheidend, um eine nachhaltigere und effizientere Abfallwirtschaft zu gestalten, in der Abfälle als wertvolle Ressourcen genutzt werden. Michael May, CEO der s-peers AG und Partner CFG AG, eröffnete die Veranstaltung mit einem Vortrag zur digitalen Transformation in der Abfallsammlung. Er zeigte auf, wie intelligente Systeme die Effizienz steigern und Emissionen reduzieren können, indem sie eine präzise Tourenoptimierung ermöglichen. Manuel Wyss Geschäftsführer von der System-Alpenluft AG erläuterte anschliessend die Vorteile der Elektrifizierung von Werkhoffahrzeugen. Er zeigte auf, wie E-Fahrzeuge die Nachhaltigkeit von Werkhöfen verbessern und gleichzeitig die Betriebskosten senken können. Christian Kulmer Area Sales Manager von Komptech GmbH präsentierte innovative Lösungen für das Abfallrecycling, insbesondere den Einsatz von emissionsarmen Zerkleinerungsmaschinen, die die Umwelt schonen und gleichzeitig die Effizienz der Abfallverarbeitung erhöhen. Yvan Grepper, Unternehmer und Abfallexperte bei GETAG, schloss die Vortragsreihe mit praxisnahen Beispielen zur Elektrifizierung der Entsorgungstechnik ab. Er zeigte, wie moderne Technologien in der Abfallwirtschaft zur Schliessung von Materialkreisläufen beitragen können. Die Moderation der Veranstaltung, einschliesslich der Podiumsdiskussion mit Experten wie Thomas Ganz von der Thommen AG, Martin Jungen von Oberland Energie AG, Markus Schäfli von der KVA Thurgau und Manuel Wyss von System Alpenluft AG, übernahm Nicole Waldmann, Bereichsleiterin Produktmanagement und Marketing bei GETAG. Sie führte die Teilnehmenden souverän durch den Tag und lenkte die Diskussionen inhaltlich auf die zentralen Themen der Elektrifizierung und Digitalisierung in der Abfallwirtschaft. Beim anschliessenden Apéro nutzten die Teilnehmenden die Gelegenheit, sich weiter auszutauschen und neue Kontakte zu knüpfen. Das Forum verdeutlichte eindrucksvoll, wie wichtig es ist, sich kontinuierlich mit den neuesten Entwicklungen in der Abfallwirtschaft auseinanderzusetzen, um den Herausforderungen der Zukunft gewachsen zu sein. Weitere Informationen zur Veranstaltung finden sich auf der Webseite von GETAG: www.getag.ch . GETAG AG

Für eine zeitgemässe Grundversorgung

Die Post feiert in diesem Jahr Jubiläum – 175 Jahre im Dienst der Schweiz. Wir blicken zurück auf die Geschichte der Post und deren Bedeutung für den Bundesstaat und gehen der Frage des Service public nach. Sowohl die Post als auch der Bundesrat hat im Juni 2024 zahlreiche Anpassungen beim Grundversorgungsauftrag angekündigt. Aus Sicht der Gemeinden ist zu beklagen, dass die Post mit der Schliessung von 170 weiteren Postfilialen einen Prozess angestossen hat, bevor eine grundlegende politische Diskussion über einen Grundversorgungsauftrag der Zukunft stattgefunden hat. Die nationalrätliche Verkehrskommission verlangt nun vom Bundesrat, die Revision der Postgesetzgebung rasch an die Hand zu nehmen. Bis zu deren Abschluss soll auf Anpassungen der Postverordnung und auf weitere Abbaumassnahmen der Post verzichtet werden. Die Post muss die Grundversorgung auch in Zukunft eigenwirtschaftlich erbringen. Das macht eine Weiterentwicklung des Grundversorgungsauftrags unumgänglich. Eine Modernisierung darf aber nicht auf Kosten einer qualitativen und für alle Regionen zugänglichen Grundversorgung gehen. «Eine Modernisierung darf nicht auf Kosten einer für alle Regionen zugänglichen Grundversorgung gehen.» Claudia Kratochvil-Hametner, Direktorin Schweizerischer Gemeindeverband Claudia Kratochvil-Hametner

Von 770 auf 600 Filialen: Wie sieht die Grundversorgung von morgen aus?

An beiden Orten. Wir haben einen Grundversorgungsauftrag, den wir erfüllen müssen und wollen. Auf der anderen Seite müssen wir diesen Service public selbst finanzieren. Diese wirtschaftliche und die soziale Verantwortung können sich manchmal durchaus in die Quere kommen. Ich spreche lieber von Umbau statt von Abbau. Durch die Umwandlung in Partnerfilialen oder die Einführung eines Hausservices haben wir die Zahl der Zugangspunkte zur Post in den letzten zehn Jahren deutlich ausgebaut, von rund 3500 auf 5000. Aber ja: Je stärker die Erträge im Briefgeschäft sinken, desto grösser wird unsere Finanzierungslücke. Es ist kein Geheimnis, dass der Betrieb einer Partnerfiliale die Post günstiger zu stehen kommt als eine eigenbetriebene Poststelle. «Die wirtschaftliche und die soziale Verantwortung können sich manchmal durchaus in die Quere kommen.» Martin Widmer, Leiter Netzdesign Post Wie viele Poststellen es braucht, hängt davon ab, wie sich Kundenverhalten und Technologie entwickeln. Vor 30 Jahren hätte sich niemand vorstellen können, dass man Rechnungen einst mit zwei Klicks selbst bezahlen kann. Wie es in 30 Jahren aussehen wird, kann niemand sagen. Was wir sagen können, ist, dass wir bis 2028 auf 600 eigenbetriebene Poststellen gehen möchten, und dass wir ein Gerüst aufrechterhalten werden, in dem die Post in verschiedenen Formen erreichbar ist. Uns ist wichtig, dass wir in der ganzen Schweiz in vernünftiger Distanz erreichbar bleiben. Wir werden also zum Beispiel auch im Val Müstair und in der Ajoie eigene Filialen betreiben, aber nicht mehr in der gleichen Dichte wie heute, das ist klar. Umbauten werden stattfinden, sowohl in der Peripherie als auch in den Zentren. Unser Ziel ist eine nationale Ausgewogenheit. Wenn ich die Poststelle in Müstair einer Filiale in Zürich gegenüberstelle, können die Frequenzen unmöglich gleich sein. Wir betrachten deshalb lieber die Entwicklung der Frequenzen als die absoluten Zahlen. Auch schauen wir uns an, wie sich die postalische Versorgungslage in der ganzen Region präsentiert. Wirtschaftlichkeit spielt natürlich ebenfalls eine Rolle, zudem gibt es gesetzliche Vorgaben an die Erreichbarkeit. Wir wägen also zwischen verschiedenen Faktoren ab. Sehr. Ein grosser Vorteil sind die Öffnungszeiten: Berufstätige, die auswärts arbeiten und abends zurück ins Dorf kommen, haben nun auch in Randzeiten einen Zugang zu rund 90 Prozent unserer Dienstleistungen. Das können wir in eigenbetriebenen Filialen kaum bieten. Aber auch der Dorfladen selbst profitiert von Synergien, indem Postkunden kommen, die gleichzeitig vielleicht noch das Abendessen einkaufen. Ich sehe dafür zwei Gründe. Einerseits die politische Einschätzung vor Ort. Es ist völlig nachvollziehbar, dass der Gemeinderat reagieren muss, wenn eine IG oder eine Ortspartei anfängt, Unterschriften zu sammeln. «Wir werden auch im Val Müstair und in der Ajoie Filialen betreiben, aber nicht mehr in der gleichen Dichte.» Martin Widmer, Leiter Netzdesign Post Zweitens hat das Ganze auch viel mit dem emotionalen Wert einer Poststelle zu tun. Die Post wurde vor 175 Jahren als nationales Verbindungswerk gegründet. Die Poststelle im Dorf ist sichtbarer Ausdruck davon, dass man dazugehört, und hat oft Symbolcharakter. Man kämpft um die Schule, um Läden und Beizen … und dann geht auch noch die Post. Da spielen sicher Verlustängste hinein. Ich kann das ein Stück weit nachvollziehen. Unsere Erfahrungen zeigen jedoch: Im Moment der Umstellung kann Unruhe entstehen. Wenn man aber zwei Jahre später nachfragt, hören wir meist, dass alles gut funktioniert. Deshalb vielleicht ein Appell an meine Kolleginnen und Kollegen in den Gemeinderäten: Die besten Lösungen findet man nicht, indem man das Gespräch verweigert, sondern indem man das Gespräch führt. Fabio Pacozzi

Digitalisierung als Mammutprojekt? Das muss nicht sein

Die Umfrage von «Myni Gmeind» zur Digitalisierung 2024 zeigt: Genügend personelle und finanzielle Ressourcen sind für die Gemeinden zentrale Voraussetzungen für die digitale Transformation. Gleichzeitig zweifeln sie daran, ob sie genau diese Ressourcen zur Verfügung haben. Das scheint sie von der Digitalisierung abzuhalten: 59 Prozent bezeichnen sich in der Studie als digitale «Nachzügler». E-Government muss allerdings kein Mammutprojekt sein, wie das Beispiel Salgesch zeigt. «Wir haben die Umstellung auf digitale Prozesse mit verhältnismässig wenig Aufwand geschafft», sagt Gemeindeschreiber Stefan Schmidt. Seit nunmehr drei Jahren ist die Verwaltung des Walliser Dorfs mit seinen rund 1700 Einwohnerinnen und Einwohnern fast komplett digitalisiert. Konkret heisst das: Die physische Post wird eingescannt, E-Mails werden in PDFs umgewandelt. Die Weiterverarbeitung und Archivierung wird rein digital abgewickelt. Zudem funktioniert der Kreditorenworkflow papierlos. Gleichzeitig wurden auch Bürgerservices digitalisiert: Neu steht den Salgescherinnen und Salgeschern ein Onlineschalter zur Verfügung. Dort können sie eine Wohnsitzbestätigung beantragen, einen Wegzug melden oder eine Adressänderung mitteilen. Auch diese Anfragen wickelt die Gemeinde digital ab. Lange Wartezeiten, um über die Archiv-Verantwortliche an die nötigen Dokumente für die Bearbeitung zu gelangen, sind passé. Genauso wie unzählige Ordner voller Papier. «Alles in allem sind wir effizienter geworden und die Bürgerinnen und Bürger zufriedener», schätzt Schmidt die Wirkung ein. Doch welche Ressourcen hat Salgesch konkret für die digitale Transformation benötigt? Stefan Schmidt zählt auf: Faktor Zeit: Das Projekt Digitalisierung dauerte ein Jahr. «Für eine grundlegende Veränderung ist das sehr schnell», sagt Schmidt. Die Schulung der Mitarbeitenden für den Einsatz der neuen digitalen Tools fand tageweise einzeln statt und nahm insgesamt eine Woche in Anspruch. Faktor Mensch : Salgesch setzte die digitale Transformation mit den bestehenden, insgesamt sechs Mitarbeitenden um. «Sie alle waren von Anfang an motiviert und offen für Neues», nennt Schmidt die wohl zentralste Voraussetzung für die Digitalisierung. Für die Umsetzung baute der Gemeindeschreiber auf dem Wissensstand jeder einzelnen Person auf. Externes Know-how brauchte er trotzdem. «Mir war klar: Ich packe die Digitalisierung erst an, wenn es eine ähnlich grosse Gemeinde gibt, die dies bereits getan hat.» Mit der Gemeinde Leuk wurde er fündig – und tauschte sich rege mit den Verantwortlichen aus. «Ausserdem stand ich mit dem Regions- und Wirtschaftszentrum Oberwallis und unserem IT-Verantwortlichen in Kontakt. Mit beiden konnte ich zum Beispiel diskutieren, welche Informationssicherheitslösungen für die Gemeinde Salgesch sinnvoll sind.» Faktor Technologie: Die neue Softwarelösung stammt von der Dialog Verwaltungs-Data AG , einer E-Government-Spezialistin der Post. «Die im Software-Paket integrierten Hilfsmittel, zum Beispiel das Buchhaltungs-Tool, helfen bei der Strukturierung der Arbeitsabläufe, bieten eine zentrale und organisierte Ablage und ermöglichen die Regelung von Zugriffsrechten. Das erhöht die Datensicherheit», erklärt Schmidt. Neben der Software schaffte sich die Gemeinde Salgesch auch einen neuen Drucker im Leasing an, der die eingescannten PDF-Dokumente durchsuchbar und somit für die Archivierung nützlich macht. Faktor Finanzen : Die Digitalisierung kostete Salgesch ca. 80 000 Franken. «Damit kamen wir sehr gut weg», ordnet Schmidt ein. «Dieser verhältnismässig tiefe finanzielle Aufwand war nur möglich, weil das Software-Package aus einer Hand kam – somit hatten wir keinerlei Probleme mit Schnittstellen.» Zudem war die Verwaltung der Gemeinde Salgesch in Sachen Hardware-Infrastruktur (PCs, Bildschirme, Kabel) zu diesem Zeitpunkt bereits gut ausgerüstet. Die Post

Mit der Post kam der Bundesstaat in die Gemeinden

Poststrasse, Postgasse, Postplatz: Die Post ist in den Schweizer Gemeinden allgegenwärtig. Längst hat nicht mehr jedes Dorf eine Post – doch die Namen haben überdauert. Als 1848 der Schweizerische Bundesstaat entstand, bestand bereits seit Jahrhunderten ein Postsystem. Dieses war aber dezentral geregelt: Um 1840 gab es 17 verschiedene Postverwaltungen auf dem Gebiet der Schweiz, was den Service langsam und teuer machte. Mit dem neuen Bundesstaat sollte sich das ändern, denn in der Bundesverfassung wurde das Postwesen zur Zuständigkeit des Bundes erklärt. 1849 wurde im Bundesgesetz über die Organisation der Postverwaltung die Post in elf Postkreise mit je eigener Direktion eingeteilt. Ihre Aufgaben: der Transport von Briefen und Paketen sowie der Personentransport mit der Postkutsche. Der Personentransport war der wichtigste Betriebszweig der Post. Reisten die Passagiere anfangs noch in Pferdekutschen, nahm die Post 1906 die erste Postautolinie zwischen Bern und Detligen in Betrieb. Die letzte reguläre Postkutsche fuhr bis 1961 in Graubünden auf der Linie Avers–Juf. Die Schweizerische Post hatte dank dem Personentransport, aber auch dank der Poststellen rasch eine grosse Präsenz im neuen Bundesstaat. Gab es um 1850 rund 1500 Poststellen in der ganzen Schweiz, wuchs diese Zahl bis 1912 auf 4000 an. Anfang des 20. Jahrhunderts verfügte also fast jede Gemeinde der Schweiz über eine oder sogar mehrere Poststellen. Die Bevölkerung musste in der Anfangszeit dank bis zu sechs Zustellungen pro Tag nicht besonders lange auf einen Brief oder ein Paket warten. Bis 1924 gab es sogar noch eine Zustellung am Sonntag. Möglich machten dies die unzähligen Postangestellten: 1850 waren es rund 2800. Die Post war damit eine der grössten Arbeitgeberinnen im Land. Die Post wurde zu einem wichtigen staatsbildenden Element im noch jungen Bundesstaat. Ihre Postkutschen und Poststellen trugen das Schweizer Kreuz in die hintersten Winkel des Landes, und sie war dank ihrer Dienstleistungen ein sehr direkter Berührungspunkt zwischen dem Bundesstaat und den Gemeinden und ihrer Bevölkerung. Das verdeutlichte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit zahlreichen repräsentativen Postbauten im ganzen Land: zum Beispiel mit den Postgebäuden in St. Gallen oder Genf, aber auch in kleineren Orten wie Sarnen oder Schwyz. Die Geschichte der Post ist eng verbunden mit technologischen Innovationen, aber auch dem Wandel der Gesellschaft. Das zeigen besonders die Entwicklungen im 20. und 21. Jahrhundert. Von 1920 bis 1928 wurde die Post schrittweise mit der Telegrafen- und Telefonverwaltung des Bundes zusammengeführt, die PTT entstand. Sie prägte die Schweiz des 20. Jahrhunderts, bis sich 1998 die Wege mit der Gründung der Swisscom wieder trennten. Die Swisscom baut im 21. Jahrhundert die Grundversorgung mit dem Internet aus, was wiederum die Post betrifft: Die Kommunikation verlagert sich in die digitale Welt, es werden immer weniger Briefe verschickt. Der Paketversand nimmt hingegen insbesondere seit der Coronapandemie und dem Boom des Internethandels massiv zu. 2001 plante die Post erstmals einen grösseren Abbau von Poststellen, von 3500 auf 2500. In den Jahren darauf folgten weitere Schliessungen. 2023 gab es noch 769 eigenbetriebene Poststellen in der Schweiz, vor Kurzem kündigte die Post einen weiteren Abbau von 170 Poststellen an. Die Post setzt mehr und mehr auf Partnerschaften mit Dorfläden und punktuell auch Gemeindeverwaltungen, welche die Basisdienstleistungen der Post anbieten. Die Reduktion der Poststellen löste und löst immer noch grossen politischen Widerstand aus. Besonders die peripheren Gebiete fürchten, dass sie abgehängt werden. Das ist auch bei den zuletzt angekündigten Abbauplänen nicht anders: Eine Motion der nationalrätlichen Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen fordert derzeit, dass der Grundversorgungsauftrag der Post auf Gesetzesebene geklärt wird, bevor weitere Abbauschritte vorgenommen werden. Vor dem Hintergrund der Geschichte der Post dürfte dieser Widerstand nicht allein mit den wegfallenden Dienstleistungen zu tun haben. Mit den Poststellen fällt auch die Repräsentation des Bundesstaats in den Gemeinden weg. Was bleibt, sind die Strassennamen: Poststrasse, Postgasse, Postplatz. Quellen: Karl Kronig: «Post», in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 20.1.2011. Online konsultiert am 12.07.2024. Karl Kronig, Bauen für eine Nation. Von Postpalästen, PTT-Bauten und Kunst am Bau, in: Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte GSK (Hrsg.), Kunst + Architektur in der Schweiz, Nummer 4/2020 (Zeitschrift). https://www.post.ch/de/ueber-uns/portraet/175-jahre-post/geschichte Nadja Sutter

Neu im Vorstand: Michael Götte, Nationalrat und Gemeindepräsident von Tübach (SG)

Tübach ist nach über 18 Jahre zu meiner Heimat geworden. Hier bin ich in der Region aufgewachsen, hier lebe ich mit meiner Familie und hier arbeite ich als Gemeindepräsident. Nähe und Verbundenheit machen das Leben lebenswert. Dazu müssen wir Sorge tragen. Als Gemeindepolitiker möchte ich dazu meinen Beitrag leisten. Das Besondere an der Schweiz ist, dass unser Gemeinwesen von unten nach oben gedacht ist. Gemeinden sind mehr als Vollzugsorgane. Die Durchsetzung der Gemeindeautonomie ist daher für mich von zentraler Bedeutung. Gerade auch in meiner Funktion als Nationalrat. Aktuell arbeiten wir an der Ortsplanung. Es gilt, bis 2027 die kantonalen Vorgaben umzusetzen. Die besondere Herausforderung liegt dabei im Spannungsverhältnis von Entwicklung und Bewahrung. Viele Einwohnerinnen und Einwohner sind mit dem Ist-Zustand sehr zufrieden. Gleichzeitig gilt auch in diesem Zusammenhang, dass Stillstand Rückschritt bedeutet. Nadja Sutter

Bürgermeisterinnenkonferenz: Mehr Frauen in die Rathäuser!

Die Zahlen sprechen für sich: Nur rund 16 Prozent aller Gemeindepräsidien in der Schweiz sind in Frauenhand. In Deutschland und Österreich liegt dieser Wert noch tiefer, nämlich bei rund 10 Prozent. Der Frauenanteil ist damit deutlich tiefer als in den nationalen Parlamenten, wo er sich zwischen 30 und 40 Prozent bewegt. Die Erkenntnis, dass Handlungsbedarf besteht, und zwar rasch, einte die rund 60 Bürgermeisterinnen aus der Schweiz, Deutschland und Österreich, welche sich am 20. und 21. Juni zur dritten Internationalen Bürgermeisterinnenkonferenz in Schaffhausen trafen. Trotz der Unterschiede in den politischen Systemen der drei Länder sind die Herausforderungen für die Frauen in der Politik überall ähnlich, wie aus den Vorträgen und Diskussionsrunden rasch klar wurde. Bundesrätin und Finanzministerin Karin Keller-Sutter sagte etwa: «Es ist auch meine Erfahrung, dass Frauen mehr leisten müssen als Männer, um Erfolg zu haben. Ich hätte es mir nicht leisten können, schlecht zu sein.» Karin Keller-Sutter betonte in ihrer Rede die Vorbildrolle der Frauen in der Politik: «Es ist wichtig, dass Sie Ihr Engagement weiterführen und andere Frauen motivieren, es Ihnen gleichzutun.» Die Politik könne sehr spannend und erfüllend sein. Allerdings erhalte man gerade auf lokaler Ebene oft wenig Anerkennung – oder werde sogar angefeindet. Angriffe gerade in den sozialen Medien seien ein grosses Problem, sagte Elke Büdenbender, First Lady von Deutschland. «Da müssen wir als Frauen zusammenstehen und gemeinsam weiterarbeiten.» Doris Schmidauer, First Lady von Österreich, sagte aber auch, dass die sozialen Medien eine Chance sein können, wenn sie richtig genutzt werden. «Bürgermeisterinnen als Influencerinnen können jungen Mädchen Mut machen, um in die Politik zu gehen.» Das sei enorm wichtig, denn: «Die Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit.» Die beiden First Ladies zeigten sich beeindruckt von der Aktion «Helvetia ruft!», welche Ständerätin Maya Graf (BL/Grüne) an der Konferenz vorstellte. Diese entstand im Vorfeld der Wahlen 2019, mit dem Ziel, den Frauenanteil in National- und Ständerat zu erhöhen, was auch gelang. Die überparteiliche Zusammenarbeit, die frische Kommunikation sowie das strukturierte Vorgehen – diese Ideen wollen die beiden First Ladies mit in ihre Heimatländer nehmen. Immer wieder kamen die Referentinnen an der Konferenz auf den Einbezug der Männer zu sprechen. Denn Frauenförderung in der Politik klappt dann gut, wenn auch die Männer mitziehen. Besonders spannend war hierbei der Input von Kathrin Stainer-Hämmerle, welche an der Fachhochschule Kärnten eine Studie zur politischen Partizipation junger Frauen durchgeführt hat. Sie befragte dafür sowohl Frauen als auch Männer in der Lokalpolitik zu ihrer Partizipation und den Gründen, weshalb Frauen sich engagieren – oder eben nicht. Daraus ging hervor, dass sich viele Männer gar nicht der Probleme bewusst sind, mit welchen sich Frauen in der Lokalpolitik herumschlagen. So glauben sie, dass ein wichtiger Grund für die geringe Frauenvertretung schlicht mangelndes Interesse sei. Frauen hingegen geben als Gründe geringes Selbstvertrauen, wenig Unterstützung aus der Partei sowie eine männlich geprägte Politkultur, die ihnen nicht zusagt, an. Diese unterschiedlichen Perspektiven zeigen, wie wichtig der Dialog und die Sensibilisierung für das Thema sind. Auch Dario Wellinger von der Fachhochschule Graubünden sowie Helga Lukoschat von der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft in Berlin stellten Studien und Lösungsansätze für mehr Frauen in der Politik vor. Sie betonten beide, dass die Rahmenbedingungen verbessert werden müssen, insbesondere was die politische Bildung, aber auch die Vereinbarkeit von Familie und Amt angeht. Direkt aus der Praxis erzählten zum Schluss der Konferenz drei Bürgermeisterinnen bzw. Gemeindepräsidentinnen: Shaleen Mastroberardino aus Berneck (CH), Ramona Schumann aus Pattensen (D) sowie Bernadette Geieregger aus Kaltenleutgeben (A). Ramona Schumann erzählte von ihrem Einstieg in die Lokalpolitik und einem Satz einer Freundin, der sie geprägt habe: «Wenn andere dir das zutrauen, kannst du dir das selbst auch zutrauen.» Kurz darauf wurde sie zur ersten Bürgermeisterin in der 1000-jährigen Geschichte der Stadt Pattensen gewählt. Einfach einmal machen, Selbstvertrauen haben, und akzeptieren, dass nicht alles perfekt ist. Denn irgendwie geht es immer, wie Andrea Kaufmann, Bürgermeisterin von Dornbirn (A) und Vizepräsidentin des Österreichischen Gemeindebundes, im Schlusspodium sagte. Nationalrätin Priska Seiler-Graf, Vorstandsmitglied des SGV und ehemalige Stadträtin von Kloten, wies auf die Wichtigkeit von Netzwerken hin – sowohl unterstützender Frauennetzwerke, wie auch den Austausch mit Männern in der Politik. Und Alexandra Gauss, Bürgermeisterin von Windeck (D) und Mitglied des Präsidiums des Deutschen Städte- und Gemeindebunds, brachte es zum Schluss auf den Punkt: «Wir sind hier, und wir haben was zu sagen!» Text: Nadja Sutter

Mathias Zopfi: Ein Grüner aus dem Dorf wird Präsident des SGV

Eine passende Analogie zum Thema der Generalversammlung des Schweizerischen Gemeindeverbands (SGV) 2024 «Gemeinden im Wandel der Zeit»: Als Hannes Germann 2002 in den Ständerat gewählt wurde, war Mathias Zopfi gerade volljährig geworden. Sechs Jahre später wurde Germann zum Präsidenten des Schweizerischen Gemeindeverbands gewählt. Und 22 Jahre später ist Mathias Zopfi selbst Ständerat, und tritt nun in die Fussstapfen von Hannes Germann als SGV-Präsident. Es sind grosse Fussstapfen: 25 Jahre lang war der Schaffhauser Ständerat im Vorstand des Schweizerischen Gemeindeverbands, davon 16 Jahre als Präsident. An der Generalversammlung des SGV in Neuhausen am Rheinfall (SH) vom 20. Juni blickten beide aus unterschiedlichen Perspektiven auf die Gemeinden, ergänzt von einem Vortrag des Politgeografen Michael Hermann. Hannes Germann erinnerte an den Gemeindeartikel in der neuen Bundesverfassung, die 2000 in Kraft trat, also ein Jahr, nachdem er in in den Vorstand des Gemeindeverbands eintrat. Der Artikel garantiert den Gemeinden, und damit dem Verband, eine Mitsprache in der Bundespolitik. Seither hat der SGV unzählige Stellungnahmen zu politischen Geschäften verfasst und wirkt in zahlreichen Gremien auf Bundesebene mit. Zahlreiche Gemeinden befinden sich aktuell im Spannungsfeld zwischen Stadt und Land, wie der Vortrag von Politgeograf Michael Hermann aufzeigte. Zwar steigt in der Praxis der Druck auf die Städte, wie die aktuelle Wohnungsknappheit gerade in urbanen Gebieten zeigt. Gleichzeitig wünschen sich fast die Hälfte aller Schweizerinnen und Schweizer, auf dem Land zu wohnen. Jene, die das tun, möchten sich nicht primär in einer bestimmten Gemeinde niederlassen, sondern suchen nach ihrem Wunschhaus. «Sie ziehen nicht in eine Gemeinde, weil sie sich dort engagieren wollen oder Teil der Gemeinschaft sein möchten, sondern weil die Wohnung ideal gelegen ist», führte Michael Hermann aus. Das führe zu Herausforderungen für die Gemeinden. Der Politgeograf nannte diese Entwicklung eine «Entdörflichung des Dorfes». Gleichzeitig komme es zu einer Verdörflichung der Stadt, wo urbane Quartiere regelrechte Dorfplätze entwickeln und die Gemeinschaft pflegen. Michael Hermann plädierte in seinem Vortrag für einen Austausch der urbanen und ländlichen Gebiete, um diese Trends gemeinsam anzugehen. Ob er als Grüner nicht eher den urbanen Städteverband präsidieren müsse, fragte Moderatorin Nathalie Christen den neuen Präsidenten Mathias Zopfi. Er stamme aus einem Dorf, genauer Engi im Glarnerland, konterte dieser, und fügt an: «Solche Schubladisierungen sind interessant, wenn es um die Statistik geht, aber es gibt zum Glück auch Fälle, die aus der Statistik ausscheren.» Zopfi engagierte sich bereits als Jus-Student in der Gemeindepolitik. «Ich fühle mich dem Konkreten, Handfesten, Überparteilichen der Gemeindepolitik verbunden und verpflichtet.» In dieser Funktion lernte er auch früh mit Niederlagen umzugehen. Als Student war er gegen die Pläne für die grosse Fusion der Gemeinden in Glarus – von rund zwei Dutzend zu noch drei Gemeinden. «Ich war damals der Meinung, dass dadurch die Gemeindeautonomie verletzt würde.» Doch die Fusion kam, und Mathias Zopfi arrangierte sich damit, ja, er trat in den Gemeinderat der neuen Gemeinde Glarus Süd ein. Heute sieht er die Vorteile der Fusion, gerade im Bereich Raumplanung, wo mit grösseren Strukturen sinnvoll geplant werden kann. Oder auch bei der Professionalisierung der Verwaltung. «Grundsätzlich sollten bei einer Fusion nicht die Kosten im Vordergrund stehen, sondern der Mehrwert für die Bürgerinnen und Bürger.» Seinen Hauptfokus möchte Mathias Zopfi in seiner neuen Funktion als SGV-Präsident auf die Gemeindeautonomie legen. «Diese gilt es immer wieder konsequent zu verteidigen.» Die Gemeinden und der Gemeindeverband dürften dabei durchaus selbstbewusst auftreten: «Nur wenn wir die Gemeindeautonomie konsequent einfordern, können wir sie auch verteidigen.» Thematisch liegt ihm die Nachhaltigkeit am Herzen. «Der SGV sollte gerade im Umgang mit dem Klimawandel eine Rolle spielen.» Hier, aber auch in anderen Themen sieht er den Verband in einer wichtigen Vermittlerrolle; er könne ein Forum für den Austausch zwischen den Gemeinden bieten und Menschen zusammenbringen. Das Überparteiliche reizt den neuen Präsidenten denn auch an seiner Aufgabe. «Der Vorstand ist breit aufgestellt. Wie in einem guten Gemeinderat, findet sich hier das ganze Parteienspektrum wieder. Man gewinnt und verliert als Team, als Kollegialbehörde.» Nadja Sutter

«Es braucht Investitionen in die älter werdende Gesellschaft»

Christiana Brenk: Ja, denn die Gemeinden sind am nächsten bei den älteren Menschen, auch wenn die Zuständigkeit je nach Kanton unterschiedlich geregelt ist. Die Gemeinden müssen die Angebote nicht selbst bereitstellen. Sie sind aber gut beraten, die verschiedenen professionellen und zivilgesellschaftlichen Dienstleister und Organisationen rund um das Thema Alter zu vernetzen. Ich wüsste keinen Akteur, der geeigneter wäre, diese anstossende, koordinierende Rolle zu übernehmen. Wir hatten in Socius 2 auch Regionen, in denen mehrere Gemeinden zusammen tätig geworden sind. Das finde ich ebenfalls Erfolg versprechend. Die ältere Bevölkerung wird selbst in das Netzwerk einbezogen, etwa beim gemeinsamen Erarbeiten eines neuen Altersleitbilds. Zudem erlaubt es das Netzwerk, ältere Menschen und ihre Angehörigen gut über die Unterstützungsangebote für das Wohnen zu Hause zu informieren. Information ist ein Schlüsselfaktor. Das Programm hat gezeigt, wie wichtig es ist, die Bevölkerung immer und immer wieder zu informieren. Es genügt nicht, einmalig eine Broschüre zu verfassen. Mit viel Zeit und viel Kommunikation, wie uns das Programm lehrt. Zeit heisst immer auch: eine gewisse Investition der Gemeinde. Enorm hilfreich ist der politische Wille. Gemeinderätinnen, Gemeinderäte, die hinstehen und sich für die Sache einsetzen. Denn oft kommt es nicht zu schnellen Ergebnissen. Es ist eine beharrliche Arbeit an den Strukturen, die wenig sichtbar, aber lohnend ist. Vernetzung bedeutet nicht einfach ein bisschen reden. Sie hat einen Wert und gibt einen guten alterspolitischen Boden. Die Gemeinde kann Verbindlichkeit herstellen, indem sie gemeinsam mit den Organisationen ein Altersleitbild oder -konzept erarbeitet. Wo Leistungsvereinbarungen vorhanden sind, kann sie über diese die Zusammenarbeit fördern. Wir haben die Akteure im Programm aber nicht als Bremser erlebt. Das Gärtchendenken von früher ist unter dem Eindruck des demografischen Wandels zurückgegangen. «Viele ältere Menschen sind eine Ressource, weil sie sich engagieren möchten.» Christiana Brenk, Leiterin Programm Socius Sehr bewährt hat sich Partizipation, also die ältere Bevölkerung vor Ort zu fragen, was sie benötigt. Da kommen Antworten, die man erst aus der persönlichen Perspektive des Alters wahrnimmt – etwa wie schwer es ist, von einer Sitzbank ohne Lehne aufzustehen. Wenn die älteren Leute von Anfang an mitreden, werden nicht irgendwelche Massnahmen umgesetzt, sondern die richtigen. Ein neues, interessantes Element, das einige Socius-Projekte eingeführt haben, ist die aufsuchende Altersarbeit. Aufsuchend bedeutet, dass die Fach- und Ansprechpersonen dorthin gehen, wo die älteren Menschen sind, zum Beispiel vor ein Einkaufs- und Quartierzentrum in der Stadt Aarau. Damit das Konzept funktioniert, braucht es Orte im Quartier, wo ältere Menschen anzutreffen sind. Denn anders als die Jungen verweilen Ältere nicht im öffentlichen Raum, sondern suchen gezielt Orte auf, etwa einen Laden oder ein Café. Mehr Gemeinden haben sich auf den Weg gemacht. Die Einsicht wächst, dass die Gesundheit und das Soziale zusammengehören. Dass mehr Pflegebetten nicht die einzige Reaktion auf die wachsende Zahl älterer Menschen sein können. Dass es nicht mehr um ein «Versorgen» geht, sondern um selbstbestimmtes Wohnen, Alltagshilfe, Möglichkeiten, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Viele ältere Menschen sind da auch eine Ressource, weil sie sich engagieren möchten. Was den Gemeinden die Arbeit erschwert, sind die gesetzlichen Finanzierungsströme. Diese trennen zwischen Pflege und Betreuung und hinken hinter der gesellschaftlichen Entwicklung her. Bei den Sozialversicherungen ist der Bund gefragt. Über alle politischen Ebenen sollte es normal werden, in gesellschaftliche Themen zu investieren. So wie Bauten und Energiewerke instandgehalten werden, braucht es kontinuierliche Investitionen in die älter werdende Gesellschaft. Werden diese nicht getätigt, steigen langfristig die Kosten. Christiana Brenk leitete 2014 bis 2024 das Programm Socius 1 und das Programm Socius 2 der Age-Stiftung. Die selbstständige Expertin berät Gemeinden in Altersfragen. Susanne Wenger

Zehn Jahre RPG 1: Und die Gemeinden?

«Das politische Wirken im Raum stellt eine der zentralsten Aufgaben im Staat dar – gerade für die kommunale Ebene. Umso wichtiger ist es, dass sie koordiniert und geordnet vonstattengeht. Hierfür benötigt es stringente rechtliche Voraussetzungen auf allen Staatsebenen. Diese sind mit dem revidierten Raumplanungsgesetz weitestgehend vorhanden respektive befinden sich in Umsetzung. Daneben braucht es in den politischen Stuben aber auch Macherinnen und Entscheider, die sich nicht nur auf den gültigen Paragrafen konzentrieren, sondern eine gesamthafte Entwicklung im Auge behalten. Personen, die einerseits moderieren und sich andererseits durchsetzen können. Der Dialog zwischen dem Bürger und der Bürgerin mit den Behörden ist ob der gewachsenen sachlichen Komplexität in den letzten Jahren wichtiger geworden. In den letzten zehn Jahren seit dem Inkrafttreten des RPG 1 hat eine krasse Menge an Entwicklung stattgefunden. Die Schweiz ist stark gewachsen. Und hat sich dementsprechend entwickelt: räumlich, bevölkerungsmässig, wirtschaftlich, soziodemographisch, politisch … Verschiedene Krisen sind durchs Land gezogen, die den politischen Fokus und Umgang miteinander verändert haben. Man kann – und sollte auch – dieses Wachstum kritisieren, was man dagegen nicht machen sollte, ist, die neuen Herausforderungen totzuschweigen. Die Politik sollte sich dem rasanten Wachstum der Schweiz stellen. Dabei spielen die Raumplanung und das RPG eine Schlüsselrolle. Neue Problemfelder sind entstanden. Der Stress im zunehmend begrenzten Raum hat gerade in den Gemeinden zugenommen. Viele Kommunen können sich kaum mehr weiterentwickeln, weil ihre Grenzen natürlich gegeben sind. Dies nicht nur im urbanen Raum, sondern an vielen, auch peripher gelegenen Orten in der Schweiz. Nun soll die Entwicklung gegen innen stattfinden, wird gesagt, doch diese ist vielerorts behindert, weil die Bevölkerung oder einfach der Nachbar das partout nicht haben will. Aber auch das ist Demokratie. Und muss so akzeptiert werden. Wir leben nach wie vor in einem Rechtsstaat. «In einer regional diversen Schweiz gibt es keine Patentrezepte, aber viele gute Beispiele.» Christoph Niederberger, ehemaliger Direktor des Schweizerischen Gemeindeverbands Zudem: Für jede bauliche Entwicklung braucht es private Geldgeber. Geld war in den letzten Dekaden lange Zeit billig zu haben. Und somit auch das Investieren. Aber: Die Zeiten, als eine ganz normale Mittelstandsfamilie ihr eigenes Haus bauen konnte, sind definitiv vorbei. Heute ist die Zeit der grossen Investoren und Generalunternehmer gekommen. Und diese denken anders, sind dem finanziellen Erfolg verpflichtet. Es entstehen vielfach wie in den 1970er-Jahren ausnutzungsziffernoptimierte Quadratbauten mit teils grünem Anstrich und viel Energieeffizienz. Eine regionale Baukultur geht dagegen zusehends verloren, fantasieloser Einheitsbrei ist weit und breit angesagt. Die Vorgaben und Ansprüche, begonnen beim Lärmschutz über die Energieeffizienz, CO 2 -Neutralität und Behindertengerechtigkeit, werden komplexer. Vor allem die Bundespolitik hat in den vergangenen zehn Jahren viel gearbeitet. Einsprachen als Ausdruck dieser zunehmend rechtlichen Komplexität, aber auch als Zeichen der Überfordert- und Unzufriedenheit der Bevölkerung nehmen im ganzen Land zu. Hinzu kommt: Eine Spezialplanung jagt die andere. Neben Velowegen muss der Langsamverkehr geplant werden. Die Velos werden aber immer schneller und ausladender. Es braucht also auch hier mehr Raum. Und neue Konzepte. Ausdruck davon ist etwa die Verkehrsverlangsamung in den Gemeinden. Heute kein Politikum mehr, sondern eine verkehrsplanerische Tatsache. Trotz allem: Das Fazit nach zehn Jahren RPG 1 ist positiv. Auch nach zehn Jahren Laufzeit liegt ein aktuelles Raumplanungsgesetz vor. Dieses befindet sich immer noch in Umsetzung, denn zehn Jahre sind im Staat – und vor allem auch in der Raumplanung – nicht viel. Es braucht noch etwas mehr Zeit, bis alle Neuerungen in den Gemeinden angekommen sind. So ist das beim RPG, so ist das aber auch bei vielen anderen Gesetzen in der Schweiz. Neben Geduld braucht es ebenfalls mehr Unaufgeregtheit im Thema. Die grosse Kraft der kommunalen Ebene, die all dies ob ihrer Resilienz auffängt und zum Guten bringt, ist vorhanden. Diese Kraft muss aber gefördert werden, zum Beispiel von Organisationen wie EspaceSuisse. Die Kompetenzen in den Gemeinden und Städten müssen erweitert werden. Auch soll Erfahrungsaustausch untereinander stattfinden. In einer regional diversen Schweiz gibt es keine Patentrezepte, aber viele gute Beispiele.» Christoph Niederberger

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