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Frauenverein Igis: eine ernst zu nehmende Stimme in der Gemeinde

Als der Frauenverein Igis 1933 gegründet wurde, war der Auftrag klar: der Unterhalt des Kindergartens und die Bezahlung der Kindergärtnerin. Die Frauen strickten dafür, organisierten Guezliverkäufe und Lotterieveranstaltungen. Heute ist der Kindergarten längst in der Verantwortung der Gemeinde. Doch der Frauenverein existiert noch immer, und seine Mitglieder machen viel mehr als stricken. Sie übernehmen wichtige Aufgaben für die Gemeinschaft in Igis, einem Ortsteil der Gemeinde Landquart (GR). «Wir sind kein Plauschverein, sondern unterstützen da, wo es Lücken im System hat», sagt Präsidentin Katharina Hoppeler. Sie übt diese Funktion seit rund zehn Jahren aus. «Meine Mutter war bereits Mitglied», erzählt sie. «Als ich zurück nach Igis zog, hat sie mich darauf aufmerksam gemacht, dass der Frauenverein Vorstandsmitglieder sucht.» Katharina Hoppeler und einige weitere Frauen machten sich daran, das Angebot anzupassen. «Es ist wichtig, sich an den Bedürfnissen der Mitglieder zu orientieren. Sind die Strukturen zu starr und formalisiert, ist es schwierig, Nachwuchs zu finden.» Heute ist der Frauenverein Igis mit rund 400 Mitgliedern der grösste Frauenverein in Graubünden und einer der grössten der Schweiz. Er richtet sich an verschiedene Zielgruppen: Junge Familien profitieren von der Krabbelgruppe, der Kinderkleiderbörse und dem Kinderturnen. Dazu gibt es Kurse wie Yoga oder Klangschalenmeditation und regelmässige Vorträge, in denen berufstätige Frauen aus ihrem Alltag erzählen. In der ReparierBar werden Gegenstände geflickt, und die Essbar verteilt gratis Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden können, aber noch gut sind. Ein Highlight für die Seniorinnen und Senioren ist der monatliche Seniorenzmittag. Und diese Auflistung umfasst nur einen Teil des Angebots. Wie stemmt der Verein im 3700-Seelen-Dorf all diese verschiedenen Aufgaben? Katharina Hoppeler erklärt: «Wir sind in verschiedene Gruppen unterteilt, die sehr selbstständig agieren: etwa eine Gruppe für den Krabbeltreff, eine andere fürs Seniorenzmittag und wieder eine für die Essbar. Die Gruppenleiterinnen sind jeweils einem Vorstandsmitglied unterstellt.» Durch diese Strukturen und eine gute Vernetzung können die Mitglieder rasch Projekte auf die Beine stellen. Das hat sich besonders in der Zeit der Covid-Pandemie bewährt. Als die Gemeinde anklopfte, organisierte der Frauenverein innert kürzester Zeit eine Nachbarschaftshilfe. «Seither werden wir nicht mehr belächelt, sondern als ernst zu nehmende Stimme in der Gemeinde wahrgenommen.» 2023 wurde der Frauenverein überdies für sein Engagement mit dem Prix Benevol des Kantons Graubünden ausgezeichnet. Der Verein finanziert sich selbst durch verschiedene Aktionen wie die Kinderkleiderbörse oder den Verkauf von Capuns und erhält keine direkte finanzielle Unterstützung der Gemeinde. «Weil wir weder ein Sport- noch ein Kulturverein sind, fehlt die gesetzliche Grundlage dafür», erklärt Katharina Hoppeler. Wie die anderen Vereine der Gemeinde kann er jedoch Räumlichkeiten gratis nutzen, und ist Mitglied der IG Vereine der Gemeinde, die mehrmals pro Jahr Netzwerktreffen organisiert. 2020 wurde Katharina Hoppeler, damals bereits Vereinspräsidentin, in den Gemeindevorstand von Landquart gewählt. «In meiner Tätigkeit für die Gemeinde profitiere ich enorm von meinen Erfahrungen und meinem Netzwerk des Frauenvereins», sagt sie. Dies auch, weil im Verein noch immer frühere Präsidentinnen aktiv sind, die ebenfalls politisch tätig waren – und eine Art Mentorinnen für die Jüngeren sind. «Wir Frauen sind füreinander da.» Die Aktivmitgliedschaft und gewisse Aktivitäten des Frauenvereins sind denn auch nach wie vor Frauen vorbehalten. Doch Männer können Passivmitglieder werden und helfen auch in diversen Gruppen mit. Katharina Hoppeler möchte das Präsidium nach zehn Jahren demnächst abgeben. Sie blickt zuversichtlich in die Zukunft: Der Vorstand hat sich in den letzten Jahren verjüngt, und durch die Aktivitäten für junge Familien fördert der Verein aktiv den Nachwuchs. Die Angebote und Kurse erfreuen sich im Dorf grosser Beliebtheit – und der Frauenverein ist in den letzten Jahren sichtbarer geworden. «Er war schon früher immer da, aber kaum jemand wusste, dass er hinter gewissen Aktivitäten steckte», sagt Katharina Hoppeler. Mit der konsequenten Platzierung des Logos auf Flyern und eigenen T-Shirts und Jacken tritt der Frauenverein heute selbstbewusster auf. «Die Identifikation der Frauen mit ihrem Verein ist stark.» «Die Identifikation der Frauen mit ihrem Verein ist stark.» Katharina Hoppeler, Präsidentin Frauenverein Igis (GR) Nadja Sutter

Mehrzweckverband: eine Sensler Antwort auf die zunehmende Komplexität

Zwischen den Städten Freiburg und Bern liegt der Sensebezirk, der einzige rein deutschsprachige Bezirk im Kanton Freiburg, bestehend aus 15 eher ländlich geprägten Gemeinden. Diese haben in den letzten Jahren als Antwort auf die steigenden Anforderungen und die zunehmende Komplexität einen Mehrzweckverband gegründet. Dieser übernimmt jene Aufgaben, die die Gemeinden von Gesetzes wegen sowieso gemeinsam angehen müssen: die Feuerwehr, das Gesundheitswesen, den Tourismus, die Raum- und Mobilitätsplanung sowie den Betrieb der Orientierungsschulen (Sekundarstufe I). «Der Mehrzweckverband ist keine weitere Staatsebene, sondern gehört den Gemeinden», sagt Co-Geschäftsführer David Köstinger. «Wir übernehmen nur Aufgaben, die uns von Gemeinden übertragen werden, und werden nicht selbst aktiv», ergänzt der zweite Co-Geschäftsführer Simon Ruch. «Der Mehrzweckverband ist keine weitere Staatsebene, sondern gehört den Gemeinden.» David Köstinger, Co-Geschäftsführer Mehrzweckverband Sensebezirk Weshalb aber diese «Superorganisation» eines Mehrzweckverbandes? «Es ging erstens darum, die Anzahl Mandate für die Milizgemeinderäte zu verringern», sagt David Köstinger. Denn zuvor bestanden für die gemeinsam zu bewältigenden Aufgaben diverse verschiedene Gemeindeverbände, was zahlreiche Sitzungen und Delegiertenversammlungen nach sich zog. Ein zweiter Grund: die Professionalisierung. Mit einer Organisation können Synergien genutzt und Themen wie gerade die Raumplanung mit eigenen Fachpersonen professioneller angegangen werden. Und drittens gibt der Kanton Freiburg in zahlreichen Bereichen eine Regionalisierung vor: Die Gemeinden müssen also von Gesetzes wegen zusammenarbeiten. Wobei David Köstinger bemerkt: «Der Begriff ‹Region› ist nicht immer gesetzlich definiert, und wie die Gemeinden die Regionalisierung angehen, ist ihnen überlassen. Das führt dazu, dass wir in den verschiedenen Bezirken sehr unterschiedliche Lösungen haben.» Um Kostenersparnisse geht es hingegen nicht. «Wir können zwar Synergien nutzen wie gemeinsame Büros, aber das fällt kaum ins Gewicht», sagt David Köstinger. Die grossen Kostentreiber seien der Bereich Bildung – die Löhne für Lehrpersonen in der OS sind kantonal vorgegeben – sowie die Kosten im Zusammenhang mit der Alterung der Bevölkerung. Daran lasse sich kaum etwas ändern. «Ohne die Zusammenarbeit im Verband wäre es für die Gemeinden noch teurer», gibt Simon Ruch zu Bedenken. Kosten, die gar nicht erst entstehen, seien aber schwieriger zu vermitteln als Einsparungen. In der Kommunikation sehen die beiden Geschäftsführer drei Jahre nach der Gründung des Verbands denn auch die hauptsächlichen Herausforderungen. «Der Erfolg unserer Arbeit misst sich an dem, was nicht passiert», sagt Simon Ruch. Er nimmt den regionalen Richtplan als Beispiel: «Ist dieser sauber aufgegleist, kommt es später zu keinen Problemen in den Ortsplanungen – das merken wir aber erst in zehn Jahren.» Sichtbarer ist die Arbeit im Bereich Mobilität, wie David Köstinger ausführt: «In den letzten drei Jahren haben wir uns intensiv mit den Gemeinden, dem Kanton und den Transportdienstleistern ausgetauscht. Dadurch konnten wir die ÖV-Verbindungen im Bezirk auf den nächsten Fahrplanwechsel hin massiv verbessern.» Dennoch: Mit der Identifikation der Gemeinden mit dem Mehrzweckverband hapert es noch. «Die Gemeinden sprechen von uns wie von einer zusätzlichen Staatsebene, dabei arbeiten wir für die Gemeinden», sagt Köstinger. Zudem erregen die «gebundenen Ausgaben», die nun für den einen Verband grösser ausfallen, regelmässig Kritik. «Die Kosten würden für die Gemeinden aber auch ohne den Verband anfallen, denn sie müssten auch so die Feuerwehr oder Gesundheitskosten finanzieren», gibt Simon Ruch zu bedenken. «Ohne die Zusammenarbeit im Verband wäre es für die Gemeinden noch teurer.» Simon Ruch, Co-Geschäftsführer Mehrzweckverband Sensebezirk Der Verband versucht nun, gezielter zu kommunizieren, und hat zum Beginn der neuen Legislatur im Juni 2026 kurze Erklärvideos produzieren lassen, die die Rolle des Verbands erläutern. Zudem sind die Prozesse bewusst transparent gestaltet. «Insbesondere unser mehrstufiger Budgetprozess mit dem Einbezug aller Gemeinden ist sehr aufwendig, wir erhalten darauf aber positive Rückmeldungen», sagt David Köstinger. Auch das Argument des Demokratieverlusts lassen die beiden nicht gelten: So ist das Instrument einer bezirksweiten Initiative vorgesehen. Dieses wurde bereits einmal genutzt, und so haben die Sensler Wahlberechtigten im Juni über ein neues Freizeitbad abgestimmt. Nadja Sutter

«Vereine gehören zur DNA der Schweiz»

Genaue Angaben zur Zahl der Vereine in der Schweiz gibt es nicht, da diese nicht zentral erfasst werden. Studien zeigen aber, dass die Zahl der Vereine sowie das freiwillige Engagement in den letzten Jahren stabil geblieben sind. In der Schweiz sind die Rahmenbedingungen für die Rechtsform Verein so attraktiv, dass viele Vereine gegründet werden. Das heisst aber nicht, dass es nicht Verschiebungen gibt: Vereine fusionieren, und andere, deren Angebot nicht mehr dem Zeitgeist entspricht, lösen sich auf. Während manche Vereine florieren, haben andere Mühe, sich zu finanzieren oder genügend Freiwillige zu finden. Eine sehr grosse. Der letztjährige Freiwilligen-Monitor hat gezeigt, dass sich in der Schweiz rund fünf Millionen Menschen, die über 15 Jahre alt sind, freiwillig engagieren und dabei 590 Millionen freiwillige Arbeitsstunden leisten. Würde man diese Arbeit mit einem Stundenansatz von 50 Franken bezahlen, entspräche das einer Summe von 30 Milliarden Franken – also einem Drittel des Bundesbudgets. Vereine gehören zur DNA der Schweiz: Von der Geburt in einem vereinsgeführten Geburtshaus bis zur im Verein organisierten Sterbebegleitung begleiten sie uns unser ganzes Leben lang. Sie sind zentral für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Studien zeigen, dass freiwillig engagierte Menschen auch eher in der Politik aktiv werden. Vereine stärken somit nicht nur das Gemeinschaftsgefühl, sondern auch die demokratischen Institutionen. Und da sie sehr nahe an den Menschen sind, können sie den Gemeinden Befindlichkeiten in der Bevölkerung aufzeigen. Ich kann nicht für alle Gemeinden sprechen. Wir beobachten aber, dass die Zusammenarbeit zwischen grossen Städten und ihren Vereinen eher formalisiert ist, während man sich auf dem Land kennt und die Wege kürzer sind. In den Agglomerationen sind die Leute sehr mobil, und die Städte mit ihrem grossen Angebot sind nah – da ist es für die Vereine herausfordernd, an die Leute zu gelangen, und ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu schaffen. Wertschätzung zu zeigen, ist zentral. Dies kann zum Beispiel mit einem jährlichen Anlass für die Vereine oder einer Preisverleihung geschehen. Aber auch finanzielle Unterstützung ist wichtig, ebenso die Bereitstellung von Infrastruktur für die Vereine. Auch in der Kommunikation können Gemeinden helfen, beispielsweise indem sie Vereinen Sichtbarkeit in der Gemeindezeitung, auf der Website oder in den Aushangkästen verleihen. Sie können entlasten und ergänzen, indem sie Leistungen anbieten, die nicht im Aufgabenkatalog einer Gemeinde enthalten sind oder die die Gemeinde selbst nicht übernehmen kann. In solchen Fällen hat sich eine einfache, gemeinsam aufgesetzte Leistungsvereinbarung bewährt. Sie gibt sowohl der Gemeinde als auch dem Verein Sicherheit. «Mit starken Vereinen können wir zahlreichen Herausforderungen unserer Zeit die Stirn bieten.» Fanni Dahinden, Leiterin der Fachstelle Vitamin B Vereine und Gemeinden haben teilweise sehr unterschiedliche Abläufe und dadurch auch eine andere Sprache. Das kann zu Missverständnissen führen. Auch abrupte Wechsel können zu Konflikten führen, wenn zum Beispiel eine langjährige Ansprechperson bei der Gemeinde weggeht und jemand Neues kommt. Oder wenn Reglemente geändert werden, ohne dass die Vereine sich vorgängig einbringen konnten und ihr Aufwand dadurch grösser wird. Eine Kommunikation auf Augenhöhe mit gegenseitiger Wertschätzung hilft, ebenso wie klare Strukturen, Transparenz und feste Ansprechpersonen: Sowohl die Gemeinde als auch Vereine sollten wissen, wer wofür zuständig ist und wen sie bei Anliegen kontaktieren können. Gemeinden können zudem koordinieren und die Vereine untereinander vernetzen. So kann zum Beispiel verhindert werden, dass die Musikgesellschaft und der Turnverein am gleichen Wochenende ein grosses Fest organisieren. Ich wünschte mir, dass es in jeder Gemeinde ein Ressort für «gesellschaftlichen Zusammenhalt» gibt, das Vereine unterstützt und inspiriert. Mit starken Vereinen können wir zahlreichen Herausforderungen unserer Zeit die Stirn bieten: der zunehmenden Polarisierung, Individualisierung und Einsamkeit. Nadja Sutter

e-ID: Gemeinden fordern an SGV-Generalversammlung mehr Informationen

«Wenn es gelingt, die e-ID zu integrieren, stärken wir das Vertrauen der Bevölkerung in die Verwaltung, aber auch in die digitalen Behördendienstleistungen.» Mit diesen Worten eröffnete Mathias Zopfi, Ständerat und Präsident des Schweizerischen Gemeindeverbands (SGV), den Fachteil der Generalversammlung des SGV, die dieses Jahr am 18. Juni im Rahmen der Messe «Suisse Public» in Bern stattfand. Er gab damit gleich das Schwerpunktthema der GV vor – der elektronische Identitätsnachweis e-ID – und unterstrich dessen Bedeutung für die Gemeinden. Das Thema interessierte: Mehr als 200 Teilnehmende folgten der Einladung an die GV und brachten sich rege in die Diskussion ein. «Wenn es gelingt, die e-ID zu integrieren, stärken wir das Vertrauen der Bevölkerung in die Verwaltung, aber auch in die digitalen Behördendienstleistungen.» Mathias Zopfi, Ständerat und Präsident «Schweizerischer Gemeindeverband» Dass Aufklärungsbedarf besteht, war bereits im Vorfeld der GV klar geworden. In der alljährlichen Gemeindeumfrage zur Digitalisierung des SGV und des Vereins Myni Gmeind hatten rund 70 Prozent der teilnehmenden Gemeinden angegeben, zu wenige Informationen zur e-ID zu haben ( siehe zur Umfrage auch den Artikel in der Juni-Ausgabe der «Schweizer Gemeinde» ). Rolf Rauschenbach, Informationsbeauftragter für die e-ID vom Bundesamt für Justiz, nahm den Ball in seinem Keynote-Referat sogleich auf: «Offensichtlich trägt unsere Arbeit noch nicht die Früchte, die wir uns wünschen. Heute soll sich das ändern.» Die e-ID sei nichts anderes als eine digitale Form der ID oder des Passes, erklärte er. Ausgestellt wird sie vom Bund und kommt danach in eine digitale Brieftasche, die sogenannte swiyu-App. In Zukunft kann sie zum Beispiel als digitale Signatur, zur Eröffnung eines Bankkontos oder zur Nutzung von digitalen Behördendienstleistungen verwendet werden. Die e-ID ist für die Bürgerinnen und Bürger nicht verpflichtend. Gemeinden müssen die e-ID aber akzeptieren, wenn sich jemand damit ausweisen will. Gemäss Rolf Rauschenbach gibt es dafür zwei Möglichkeiten: eine Prüf-App, ähnlich jener, die für die Prüfung der Impfzertifikate während der Coronapandemie zum Einsatz kam, oder das Prüfverfahren wird in die eigene digitale Infrastruktur der Gemeinden integriert. Ob die e-ID wie vorgesehen am 1. Dezember 2026 eingeführt wird, ist noch unklar. Eine bundesinterne Testphase wurde verschoben. «Vielleicht wird auch die Einführung der e-ID verschoben», sagte Rolf Rauschenbach. Genauere Angaben wollte er auch auf Nachhaken von Moderatorin Nathalie Christen nicht machen. Die Teilnehmenden der Podiumsdiskussion nahmen den Verzug mit Verständnis zur Kenntnis. Michael Steiner, Gemeindeschreiber von Dulliken (SO), sagte etwa: «Ich bin selbst in IT-Projekten tätig und weiss, dass das vorkommen kann.» Eva-Maria Boretti vom Thurgauer Kompetenzzentrum für Digitale Verwaltung wies auf die hohe Komplexität des Projektes hin. Anne Rizzoli von der Abteilung Bevölkerung und Digitalisierung der Stadt Yverdon-les-Bains (VD) zeigte sich bezüglich der Einführung der e-ID skeptisch: «Ich finde es schwierig, mir vorzustellen, dass wir die Einführung bis im Dezember umsetzen können. Wir brauchen mehr Informationen, was wir machen müssen, wenn jemand am Schalter mit der e-ID auftaucht.» Rolf Rauschenbach kündigte an, dass der Bund daran sei, eine grosse Informationskampagne vorzubereiten – für die Bevölkerung, aber auch für die Behörden. «Wir haben kein Interesse daran, jemanden ins kalte Wasser zu werfen.» Er stellte in Aussicht, dafür eng mit den Gemeinden beziehungsweise dem SGV zusammenarbeiten zu wollen. SGV-Vorstandsmitglied Gérald Strub, ehemaliger Gemeindepräsident von Boniswil (AG), schlug vor, die Gemeinden als Informationshub für die Bevölkerung aktiv zu nutzen. Und er plädierte für eine Zusammenarbeit der Gemeinden und den gemeinsamen Aufbau von Know-how in Digitalisierungsfragen. Das Projekt «GemeindeConnect» des SGV biete hier einen vielversprechenden Ansatz. Anne Rizzoli von der Stadt Yverdon pflichtete ihm bei: «Im Digitalen ist es unmöglich, ganz allein zu arbeiten.» Im Anschluss an die Podiumsdiskussion ergriffen zahlreiche Gemeindevertreterinnen und -vertreter die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Bei den Fragen wie auch in der Diskussion kristallisierte sich rasch heraus: Weniger die Technik wird die Herausforderung bei der Einführung der e-ID sein, sondern die Kommunikation zwischen den Staatsebenen und mit der Bevölkerung. Der SGV erwartet denn auch, dass die angekündigte Information der Gemeinden vor einer Orientierung der Öffentlichkeit erfolgt, damit die kommunalen Behörden in der Lage sind, bereits bei der Ankündigung der Einführung der e-ID kompetent auf die Fragen und Bedenken ihrer Bevölkerung einzugehen. Der SGV steht für die Weiterleitung dieser unverzichtbaren Informationen an die Gemeinden und ihre kantonalen Gemeindeverbände zur Verfügung. Im Vorfeld der Fachveranstaltung fand der statutarische Teil der Generalversammlung des SGV statt. Direktorin Claudia Kratochvil konnte eine positive Rechnung präsentieren. Sämtliche Geschäfte wurden einstimmig angenommen. Zudem wurden zwei Vorstandsmitglieder verabschiedet: Ihren Rücktritt gaben Jean-Michel Karr, ehemaliger Gemeindepräsident von Chêne-Bougeries (GE), nach zehn Jahren und Beat Bucheli, abtretender Gemeindepräsident von Werthenstein (LU), nach neun Jahren Vorstand. Neu in den Vorstand wählten die Delegierten Mathias Buschbeck, Vizestadtpräsident von Vernier (GE), und Gabriel Macedo, Stadtpräsident von Amriswil (TG). Nadja Sutter

Digitale Dienstleistungen für alle zugänglich machen

Digitale Teilhabe heisst, dass möglichst alle Menschen von digitalen Dienstleistungen profitieren können und Unterstützung erhalten, wo das nötig ist. Studien zeigen, dass heute viele Personen nicht mit der rasanten digitalen Entwicklung mitkommen. Das sind gerade ältere Personen, Menschen mit Migrationshintergrund, die mit Sprachbarrieren kämpfen, und Menschen mit Behinderungen sowie bildungsferne Personen. Dann gibt es auch Menschen, die sich zum Beispiel keinen Laptop leisten können und deshalb ausgeschlossen sind. Neben dem finanziellen Aspekt, also dass man sich digitale Geräte nicht leisten kann, sind es fehlende digitale Kompetenzen: Manche Menschen wissen schlicht nicht, wie sie einen Touchscreen bedienen oder eine E-Mail-Adresse einrichten können. Dazu kommen Sprachbarrieren oder fehlendes Know-how von Menschen, die neu in der Schweiz sind: Sie wissen nicht, welche Dienstleistungen es gibt und wohin sie sich dafür wenden müssen. Ein grosses Thema ist auch Scham. Die Menschen schämen sich dafür, dass sie etwas nicht wissen, und trauen sich daher auch nicht, zu fragen. Sie denken: «Das kann ich sowieso nicht» – und werden dann gar nicht erst aktiv. All jene Dienstleistungen, bei denen Leistungseinbussen drohen. Dazu zählen zum Beispiel die An- und Abmeldung bei der Gemeinde bei einem Umzug, die Anmeldung für die Sozialhilfe oder beim RAV, der Bezug von Ergänzungsleistungen, das Ausfüllen der Steuererklärung, das Einreichen von Subventionsanträgen für Kinderkrippenplätze oder die Elternkommunikation in der Schule. Wichtig ist, dass Gemeinden ihre Dienstleistungen nicht exklusiv digital anbieten, dass es immer noch einen analogen Schalter gibt, an den sich Menschen mit Unterstützungsbedarf wenden können. Der Schalter muss dabei nicht jeden Tag offen sein, aber zu bestimmten Zeiten und wenn möglich auch so, dass berufstätige Personen vor oder nach der Arbeit vorbeikommen können. «Mit Vernetzung und Informationen können Gemeinden schon viel bewirken – es braucht keine grossen finanziellen Mittel.» Anja Trümpy O’Farrill, Verantwortliche digitale Unterstützung, Caritas Ein wichtiger Schritt ist es, digitale Dienstleistungen vorab auf ihre Benutzerfreundlichkeit zu testen. Dabei können verschiedene Zielgruppen als Testpersonen eingeladen werden, zum Beispiel Seniorinnen und Senioren oder fremdsprachige Menschen. Weiter hilft es, wenn relevante Informationen zum Beispiel auf der Website in möglichst einfacher Sprache gehalten und barrierefrei zugänglich sind. Dazu gehört unter anderem ein Vorlesemodus, mit dem man sich Texte auf der Website vorlesen lassen kann. Zentral ist aber auch, dass bei den Mitarbeitenden ein Bewusstsein dafür da ist, dass digitale Dienstleistungen nicht für alle selbstverständlich sind. Es wäre wünschenswert, wenn sich Gemeindemitarbeitende am Schalter einen Moment Zeit nehmen könnten, um Personen mit Unterstützungsbedarf eine Dienstleistung zu erklären. Das stärkt ihre Selbstständigkeit und fördert ihr Empowerment – also die Fähigkeit, Anliegen künftig möglichst eigenständig zu bewältigen. Oft reichen bereits kleine Erklärungen oder eine kurze Orientierungshilfe, um neue Zugänge zu eröffnen und Hemmschwellen abzubauen. Zudem ist es wichtig, dass die Mitarbeitenden entsprechende Hilfsangebote in der Region kennen, zum Beispiel von Caritas, Pro Senectute, dem Dachverband Lesen und Schreiben oder weiteren Organisationen. Davon gibt es meist Flyer, die zum Beispiel am Empfang bei der Gemeindeverwaltung aufgelegt werden können. Mit Vernetzung und Informationen können Gemeinden schon viel bewirken – es braucht also keine grossen finanziellen Mittel. Schwierig wird es, wenn Angebote nur noch digital zugänglich sind und es keine persönliche Beratung mehr gibt. Bei der Entwicklung digitaler Angebote sollten jene Personen, die digital nicht affin sind, immer im Blick behalten werden. Ich möchte digitale Tools aber nicht verteufeln, im Gegenteil: Übersetzungs-Apps oder das automatische Vorlesen einer Webseite können helfen, sich in der digitalen Welt zurechtzufinden. Nadja Sutter

Schadstoffe im Boden: Spielplätze und Kitas im Fokus

Seit dem 1. April 2025 ist im Bundesgesetz über den Umweltschutz festgehalten, dass öffentliche Kinderspielplätze und Grünflächen, deren Böden mit umweltgefährdenden Stoffen belastet sind und auf denen regelmässig Kleinkinder spielen, saniert werden müssen. Von welchen Stoffen im Boden sprechen wir? Rolf Kettler, Bundesamt für Umwelt: Bei stark erhöhten Belastungen handelt es sich in den meisten Fällen um Blei. Früher, als noch mit Kohle oder Holz geheizt wurde, wurde die Asche oft im Garten als Dünger ausgebracht. Wurde diese über viele Jahre hinweg immer an denselben Stellen verteilt, konnten sich die darin enthaltenen Schwermetalle – insbesondere Blei – im Boden anreichern. Ein anderes Problem betrifft den Boden rund um alte Eisenbahnschwellen, die in Gärten verbaut wurden. Darin befinden sich sogenannte polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, kurz PAK, die krebserregend sind. Studien haben gezeigt, dass insbesondere Blei die Hirnentwicklung von Kleinkindern beeinträchtigen kann. Die Gefährdung ist bis zum Kindergartenalter am grössten, denn die Kinder spielen in diesem Alter häufig am Boden, haben schmutzige Hände und nehmen Erde in den Mund. Sie werden durch die belasteten Böden nicht sofort sehr krank, aber das darin enthaltene Blei kann chronische Schäden verursachen. Das sind Flächen, die im öffentlich-rechtlichen Eigentum sind, und auf denen regelmässig Kleinkinder spielen. Betroffen sind also zum Beispiel Spielplätze auf öffentlichem Grund, Gärten und Spielplätze von gemeindeeigenen Wohnhäusern oder die Aussenflächen von kommunalen Kitas. Ein erhöhtes Risiko besteht vor allem in zentralen Lagen grösserer Orte, die bereits vor 1960 besiedelt waren. Auch ehemalige Industriestandorte haben ein höheres Risiko für Belastungen. Zudem besteht die Möglichkeit, dass bei der Umgestaltung bestehender Spielplätze belastetes Material verbaut wurde – solche Fälle lassen sich im Nachhinein jedoch nur schwer nachvollziehen. Grundsätzlich bestehen kaum Belastungen bei Spielplätzen oder Parks, die in den letzten 30 bis 40 Jahren angelegt oder neu gestaltet wurden. Grundsätzlich ist im Bereich Altlasten der Kanton die zuständige Behörde. Die Kantone werden zeitnah die Gemeinden kontaktieren und zu möglicherweise belasteten Flächen befragen. Die Gemeinden können bereits jetzt aktiv werden und sich überlegen: Wo in unserer Gemeinde könnte es solche Flächen geben, und seit wann werden diese genutzt? Bevor die Gemeinden allerdings Bodenanalysen in Auftrag geben, sollten sie Kontakt mit dem Kanton aufnehmen. In einem ersten Schritt identifiziert die Gemeinde potenziell belastete Standorte. Anschliessend legt der Kanton fest, welche Standorte untersucht werden sollen. Die Gemeinde beauftragt daraufhin ein Umweltfachbüro mit der Analyse und übermittelt den Untersuchungsbericht an den Kanton. Auf Grundlage der Ergebnisse entscheidet der Kanton über das weitere Vorgehen und ordnet bei Bedarf Sanierungsmassnahmen an. Die Kostenzusammenstellung schickt der Kanton anschliessend an den Bund. Der Bund beteiligt sich mit dem sogenannten Vasa-Altlastenfonds an Altlastensanierungen. Er übernimmt 60 Prozent der Kosten der Untersuchungen und der Sanierungen von Spielplätzen auf öffentlichem Grund, und dies bis ins Jahr 2060. Die obersten 20 bis 30 Zentimeter des Bodens werden abgetragen und fachgerecht entsorgt. Anschliessend wird neuer, unbelasteter Boden ausgebracht. Eine Sanierung dauert rund zwei bis drei Wochen. Wir rechnen aktuell mit Sanierungskosten von rund 250 Franken pro Quadratmeter. Wie bereits erwähnt, beteiligt sich der Bund mit bis zu 60 Prozent an den Kosten und schafft damit einen wichtigen finanziellen Anreiz für Sanierungen. Dennoch können Gemeinden nicht daran gehindert werden, einen Spielplatz im Einzelfall zu schliessen. Im Zentrum steht letztlich der Schutz von Kleinkindern. Ob dies nun durch eine Bodensanierung oder durch eine Schliessung eines Spielplatzes geschieht, und ob letzteres für die Anwohnerschaft opportun ist, muss die Gemeinde entscheiden. Für private Grundeigentümerinnen und -eigentümer sind Untersuchung und Sanierung freiwillig. Sind die Grenzwerte überschritten und entschliesst sich ein privater Grundeigentümer zu einer Sanierung, beteiligt sich der Bund mit 40 Prozent an den Sanierungskosten. Nadja Sutter

Bern saniert den Boden des Spielplatzes «Alte Gärtnerei»

Gesundheitsgefährdende Schadstoffe in Böden: Ein Thema, das seit einigen Jahren öffentlich diskutiert wird und für grosse Unsicherheit sorgt. Da ist etwa die hohe Dioxin-Belastung der Böden in der Stadt Lausanne und Umgebung, ausgelöst durch eine ehemalige Kehrichtverbrennungsanlage. Ein grosses Sanierungsprojekt läuft derzeit auch in der bernjurassischen Gemeinde Reconvilier. Dort haben die langjährigen Aktivitäten einer Giesserei Spuren in Form von Schadstoffen in Privatgärten hinterlassen. Im Zuge dessen sind auch öffentliche Kinderspielplätze in den Fokus geraten. Denn gerade Kleinkinder spielen oft am Boden und nehmen Erde in den Mund. Ist diese von Schadstoffen belastet, kann das negative Folgen haben. Der Bund hat per 1. Dezember 2025 die Grenzwerte für Schadstoffe in Böden von öffentlichen Kinderspielplätzen sowie Kitas neu definiert. Das heisst, dass eine Sanierung heute bereits bei tieferen Grenzwerten nötig wird. Einige Städte und Gemeinden sind bereits daran, kritische Standorte zu überprüfen. Einen Schritt weiter ist die Stadt Bern: Dort wird ab Sommer 2026 der beliebte Spielplatz «Alte Gärtnerei» an der Neubrückstrasse im Länggassquartier komplett saniert und der Boden ersetzt. Derzeit laufen die Vorbereitungsarbeiten. Wie der Name bereits verrät, wurde das Areal von 1930 bis 1987 als Gärtnerei genutzt. «Erfahrungsgemäss weisen intensiv genutzte Gartenbauböden erhöhte Belastungswerte auf», erklärt Simon Gfeller, Projektleiter bei Stadtgrün Bern. Weil der Spielplatz nun saniert werden soll, hat die Stadt den Boden beprobt – und festgestellt, dass die heute geltenden Grenzwerte für Blei und PAK (sogenannte polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe) in der östlichen Arealhälfte überschritten werden. «Der Spielplatz ist vor allem bei Eltern von Kleinkindern beliebt, weil er eingezäunt ist und die Spielgeräte auf diese Altersgruppe ausgerichtet sind», sagt Simon Gfeller, Projektleiter von Stadtgrün Bern. Kleinkinder sind aber just besonders gefährdet, wenn es um Schadstoffe in Böden geht. Deshalb haben Stadt und Kanton sofort gehandelt: Bis zur Sanierung überdeckt ein Rollrasen die belasteten Böden, um die spielenden Kinder zu schützen. «Rollrasen oder Gummimatten eignen sich für solche temporären Lösungen besonders gut», erklärt Nicole Schmidlin, Fachspezialistin Altlasten beim Amt für Wasser und Abfall des Kantons Bern. «Mit Holzschnitzeln oder Vlies haben wir schlechte Erfahrungen gemacht, da sie die Kinder eher noch mehr zum Graben und Spielen am Boden animieren, wodurch sie in Kontakt mit dem kontaminierten Boden kommen könnten.» Die eigentliche Sanierung soll im Sommer 2026 beginnen. Dabei wird nicht nur der belastete Boden abgetragen und durch unbelasteten Boden ersetzt, sondern auch die in die Jahre gekommenen Spielgeräte werden ausgetauscht. Eine Bodensanierung an sich sei keine grosse Sache sofern genügend unbelasteter Ersatzboden zur Verfügung steht und meist innerhalb weniger Wochen durchgeführt, erklärt Nicole Schmidlin. Weil beim Spielplatz «Alte Gärtnerei» aber zahlreiche Bäume stehen, ist die Sanierung aufwendiger. «Grundsätzlich fällen wir keine Bäume ohne triftigen Grund», sagt Simon Gfeller von Stadtgrün Bern. Soweit dies möglich ist, wird der belastete Boden zwischen den Wurzeln abgesaugt. Einige Hainbuchen müssen trotzdem gefällt werden. «Sie ertragen keine Bodenveränderung und würden absterben», erklärt Simon Gfeller. «Um sicherzustellen, dass möglichst der gesamte belastete Boden entfernt und ersetzt wird, haben wir uns entschieden, die Hainbuchen zu entfernen. Nach der Sanierung werden sie durch neue Bäume ersetzt.» Nicole Schmidlin präzisiert das Vorgehen bei der Sanierung: «In Stammnähe zwischen den Wurzeln können wir circa fünf bis sieben Zentimeter Boden abtragen. Dieser wird später mittels Baumsubstrat und Rasenwaben wieder zu einem Rasen.» Weiter weg von den Bäumen wird mehr Boden abgetragen, nämlich zehn Zentimeter. Ausserhalb vom Wurzelbereich werden bis 40cm abgetragen. Darüber kommt künftig ein sogenannter Kiesrasen: «Dieser ist robuster und hält der intensiven Nutzung des Spielplatzes besser stand.» Die Sanierung dauert voraussichtlich bis zum Frühjahr 2027. Während der Arbeiten wird der Spielplatz gesperrt. Die Gesamtkosten für die Bodensanierung und die Neugestaltung des Spielplatzes belaufen sich auf rund 600'000 Franken. In einigen Fällen beteiligt sich sich der Bund gemäss Umweltschutzgesetz an Spielplatzsanierungen auf öffentlichem Grund. Nadja Sutter

«Das Milizsystem ist in einer Umbruchphase»

Christian Levrat: Ja, auf jeden Fall. Das Gemeindeparlament tagt zweimal pro Jahr, dazu kommen einige Sitzungen der Finanzkommission. Das ist gut machbar. Ich habe seit 2016 nur eine Sitzung des Gemeindeparlaments verpasst. Ich musste die Gemeinde allerdings davon überzeugen, die Sitzungen weit im Voraus festzulegen. Denn ein Termin spontan zwei Wochen später liegt bei mir nicht drin. Ja, denn ich war eine jener Personen in der Gemeinde, welche sich stark für ein Gemeindeparlament eingesetzt haben. Ich sehe mein Amt als Gemeindeparlamentarier nicht unbedingt als politisches Amt, sondern als Engagement für meine Gemeinde. Ich möchte etwas zurückgeben. Das ist für mich selbstverständlich. Ich singe nicht, spiele kein Fussball mehr – also engagiere ich mich auf diese Art. Nein. Ich bin in Vuadens aufgewachsen und zur Schule gegangen. Es ist ein kleines Dorf mit rund 2500 Einwohnerinnen und Einwohnern, und viele Menschen dort kennen mich schon sehr lange. Für sie bin ich nicht «der Politiker». Für mich ist es sehr wichtig, solch einen Ort zu haben. Einzig wenn es im Generalrat um reglementarische Fragen geht, zum Beispiel ob ein Vorstoss auf eine bestimmte Art eingereicht werden kann, hat meine Stimme mehr Gewicht. Da habe ich mehr Erfahrung als die meisten anderen. Die finanzpolitischen Diskussionen, die ich auf Bundesebene geführt habe, helfen mir zudem, die Zahlen besser zu verstehen. Andere haben hier aber einen wertvollen Hintergrund aus der Privatwirtschaft. Es ist klar weniger parteipolitisch und ideologisch geprägt als auf Bundesebene. Auf Gemeindeebene geht es um konkrete Fragen, die meine Nachbarn direkt betreffen, und das ist das Schöne daran. Entscheide sind viel unmittelbarer, Rückmeldungen und Kritik kommen sehr direkt. Zumindest in der Gemeindeexekutive braucht es dafür ein dickes Fell. Auf Bundesebene merkt man vielleicht nach drei Jahren, ob ein Entscheid richtig oder falsch war. Auf Gemeindeebene geht das viel schneller. Die Neugestaltung der Ortsdurchfahrt und des Dorfzentrums von Vuadens war ein gutes Beispiel. Diese wurde sehr kontrovers diskutiert. Sie sah Einschränkungen für den motorisierten Verkehr vor, und das ist für ein ländlich geprägtes Dorf wie Vuadens schwierig – wir hatten viele Diskussionen mit den Landwirten. Dieses Projekt war eine der grössten Investitionen der Gemeinde; sie betrug ungefähr die Hälfte eines Jahresbudgets. Nach drei Jahren wurde das Geschäft allerdings einstimmig angenommen. Die Leute haben sich im Detail mit dem Geschäft auseinandergesetzt und sind zum Schluss gekommen, dass es sinnvoll ist. Man muss die Leute in so einem Fall mitnehmen, die Details anschauen und gemeinsam Lösungen suchen. Es war ein sehr spannender gruppendynamischer Prozess. Ich denke nicht. Dank dem Gemeindeparlament ist nicht nur die Bevölkerung besser repräsentiert, die Abgeordneten setzen sich auch intensiver mit den Geschäften auseinander. Deshalb habe ich mich für die Einführung des Generalrates eingesetzt. Ich engagiere mich aktiv in der Kandidatensuche und kann sagen: Es ist sehr schwierig. Für das Gemeindeparlament ist es noch einfacher, da ist das Problem eher, dass die potenziellen Kandidierenden nicht unbedingt einer Partei beitreten wollen. Bei der Exekutive stellt sich vor allem die Frage nach der Verfügbarkeit und der Zeit. Hier ist es wichtig, potenziellen Kandidierenden reinen Wein einzuschenken und zu erklären, wie viel Aufwand so ein Amt bedeutet. Ich glaube, dass wir in einer Umbruchphase sind. Die Ämter auf Gemeindeebene beanspruchen immer mehr Zeit. Viele Gemeinden lösen die komplexer werdenden Aufgaben zusammen und gründen dafür regionale Gemeindeverbände, in welche sie ihre Gemeinderäte delegieren. Diese haben dort aber weniger Einfluss, was frustrierend sein kann. Eine Professionalisierung der Verwaltung kann helfen, sodass sich die Gemeindeexekutive auf die strategischen Aufgaben konzentrieren kann, und sie entlastet wird. Eine Teilanstellung der Gemeinderätinnen und Gemeinderäte kann ebenfalls Sinn ergeben, weil sie transparent aufzeigt, wie viel Aufwand das Amt bedeutet und wie man entschädigt wird. Ein gewisses Potenzial sehe ich auch in Gemeindefusionen, weil so die Administration eine Grösse erhält, in der sie professionell arbeiten kann. Natürlich hilft es, wenn Arbeitgeber flexibel sind in Bezug auf Milizämter und zum Beispiel Freitage oder flexible Arbeitszeiten ermöglichen und dies transparent machen. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels kann dies zur Attraktivität von Unternehmen beitragen. Und sie profitieren auch von der Miliztätigkeit und der daraus resultierenden Erfahrung ihrer Mitarbeitenden. Bei der Post arbeiten rund 300 Angestellte, die in einem Milizamt in einer Gemeinde tätig sind. Dazu zählt auch der Vize-Gemeindepräsident von Vuadens. Nadja Sutter

Bereit für die Suisse Public!

Haben Sie Ihr Ticket für die Suisse Public bereits? Die Messe in Bern ist alle drei Jahre ein Highlight für Werkhofchefs und Gemeindemitarbeitende ganz allgemein. Von den neusten Kommunalfahrzeugen über Recyclinglösungen bis hin zu Hebebühnen für die Gebäudereinigung: An der Suisse Public zeigt sich ein breiter Strauss von Anbietern für die Kommunaltechnik. In der aktuellen Ausgabe der «Schweizer Gemeinde» stimmen wir uns mit einem ebenso breiten Strauss an Themen auf die Messe ein. Wir berichten vom digitalisierten Entsorgungspark in Adliswil (ZH), von einer riesigen Altlastensanierung in Solothurn, innovativer Grünflächenpflege in Montreux (VD) und der Etablierung der Plastiksammlung in Tessiner Gemeinden. Die Berichte zeigen einmal mehr, wie innovativ Schweizer Gemeinden unterwegs sind. Übrigens: Die diesjährige Generalversammlung des Schweizerischen Gemeindeverbands findet am 18. Juni ebenfalls im Rahmen der Suisse Public statt und widmet sich dem Thema E-ID. Zudem dürfen wir Bundesrat und Ex-Gemeindepräsident Albert Rösti für eine Festrede begrüssen. Nehmen Sie an der GV teil, so ist der Eintritt an die Messe inklusive. Die Einladung erhalten Sie in diesen Tagen. Wir freuen uns auf Sie! «Diese Ausgabe zeigt einmal mehr, wie innovativ Schweizer Gemeinden unterwegs sind.» Nadja Sutter, Chefredaktorin «Schweizer Gemeinde» Nadja Sutter

500 000 Tonnen Abfall: Solothurn saniert seinen «Stadtmist»

Asche, Glasflaschen, Keramik, Textilien, Grüngut, Plastik, Elektrogeräte: Auf den Feldern im Westen Solothurns findet sich so ziemlich alles, was die Stadtbevölkerung in den Jahren von 1925 bis 1976 loswerden wollte. Damals befand sich dort nämlich die Abfalldeponie der Stadt, genannt «Stadtmist». Nach deren Stilllegung wuchs buchstäblich Gras über das Areal, das mit 16 Hektar so gross ist wie 22 Fussballfelder. Doch darunter gelangten gefährliche Stoffe wie Schwermetalle in den Boden und zusätzlich Ammonium sowie Chemikalien wie CKW, PCB und PAK ins Oberflächenwasser, wie Beat Rüttimann, Gesamtprojektleiter aufseiten des kantonalen Amts für Umwelt, erklärt. Deshalb muss das Gebiet saniert werden. Bereits in den 1980er-Jahren gab es erste Untersuchungen, es folgten weitere Analysen. «Zwischen Bund und der Bauherrengemeinschaft, bestehend aus Kanton und Stadt Solothurn, bestanden lange unterschiedliche Vorstellungen über die geeignete Art der Sanierung», sagt Andreas Filosi, Leiter Bau und Umwelt und Stadtbaumeister der Stadt Solothurn. 2020 schliesslich einigte man sich auf einen Totalaushub der problematischen Gebiete Unterhof, Spitelfeld und Oberer Einschlag. Stadt und Kanton Solothurn bildeten eine Bauherrengemeinschaft, die den Auftrag ausschrieb. Den Zuschlag erhielt ein Totalunternehmen, das von der Planung über die Bauleitung und Laboranalytik bis hin zum Betrieb alle Arbeiten übernimmt. «Zwischen Bund und der Bauherrengemeinschaft, bestehend aus Kanton und Stadt Solothurn, bestanden lange unterschiedliche Vorstellungen über die geeignete Art der Sanierung.» Andreas Filosi, Leiter Bau und Umwelt und Stadtbaumeister der Stadt Solothurn 2022 startete die Sanierung. Rund 65 Prozent des Materials werden direkt vor Ort in einer grossen Halle behandelt und nach Materialien sortiert: Metall, Holz, Plastik, Glas, mineralische Bestandteile wie Kies oder Sand. Gewisse Metalle und Baustoffe können wiederverwendet werden, anderes landet in der Kehrichtverbrennungsanlage. Aussortiertes, nicht verwertbares Material wird entsprechend seiner Belastung einer Deponie zugeführt. Doch während die Arbeiten an sich gut vorankommen – von den Arealen Unterhof und Spitelfeld sind bereits je die Hälfte saniert –, liegt ein Teil des Materials noch immer auf einem Zwischenlager auf dem Spitelfeld statt fachgerecht in einer Deponie. Das Problem: Ein Teil des Bodens ist radioaktiv kontaminiert, ein Erbe der Uhrenindustrie in Solothurn. Bis Ende der 1960er-Jahre wurde Radium-226 als Leuchtzifferfarbe für Uhren verwendet, häufig in Heimarbeit. In den Unmengen an Abfällen finden sich kontaminierte Werkzeuge, zum Beispiel Pinsel. Ein grösseres Problem ist aber die diffuse Belastung, wenn zum Beispiel ein ausgeleerter Behälter mit Radium eine grössere Menge an Abfällen kontaminiert hat. «Dieses Material strahlt nur schwach und liegt weit unter den gesetzlichen Grenzwerten, sodass für die Bevölkerung keine Gefahr besteht», betont Beat Rüttimann vom kantonalen Amt für Umwelt. Alle Abfälle werden an zwei Stellen standardmässig auf Radioaktivität überprüft, während ein Strahlenschutzkonzept die Mitarbeitenden schützt. Deponiebetreiber sind dennoch skeptisch, und es ist schwierig, Abnehmer für das kontaminierte Material zu finden. Eine weitere Herausforderung kam nach dem Start der Arbeiten hinzu: PFAS. Die sogenannten «Ewigkeitschemikalien» können in der Umwelt kaum abgebaut werden und sind in den letzten Jahren verstärkt in den Fokus geraten. Auch im «Stadtmist» sind sie vorhanden und bleiben auch nach der Abfallbehandlung im Material nachweisbar – doch weil der Bund noch keine Grenzwerte definiert hat, sind Deponiebetreiber sehr skeptisch bei der Annahme von PFAS-belastetem Material. «Momentan besteht eine grosse Unsicherheit», sagt Beat Rüttimann. Diese zusätzlichen Herausforderungen sowie die Teuerung und die gestiegenen Energiepreise aufgrund der Weltlage haben die Kosten für die Sanierung in die Höhe getrieben. Ging man zu Beginn von 120 Millionen Franken für das Gesamtprojekt aus, sind es nun rund 200 Millionen Franken. Davon übernimmt der Bund aus dem VASA-Altlastenfonds rund 40 Prozent, der Kanton 35 Prozent und die Stadt und der Kanton als Grundeigentümer 25 Prozent. Aus der Bevölkerung kommt grundsätzlich Unterstützung; die Anwohnerschaft und betroffene Landwirte werden mit einbezogen. «Natürlich ist die Sanierung ein grosses Thema, auch aufgrund der hohen Investitionen», sagt Andreas Filosi, Leiter Bau und Umwelt und Stadtbaumeister der Stadt Solothurn. Beat Rüttimann fügt hinzu: «Aufgrund der Verschmutzung ist eine Sanierung des Gebiets gesetzlich erforderlich. Mit dem gewählten Totalaushub können die Altlasten nachhaltig beseitigt werden.» Auf einer eigenen Website dokumentieren Stadt und Kanton den Fortschritt der Sanierung, zusätzlich informiert ein Newsletter. Zudem werden pro Jahr rund 30 Führungen durchgeführt: für Fachpersonen und Firmen, aber auch für Schulen, Verbände und Vereine. «Das Interesse nimmt mit dem Fortschritt der Arbeiten sogar zu», sagt Beat Rüttimann. «Mit dem gewählten Totalaushub können die Altlasten nachhaltig beseitigt werden.» Beat Rüttimann, Gesamtprojektleiter aufseiten des kantonalen Amts für Umwelt Verläuft alles nach Plan, ist der Totalaushub der Deponie bis 2028 abgeschlossen. Der Bereich Unterhof soll zu einem späteren Zeitpunkt überbaut werden, die restlichen Bereiche werden mit unbelastetem Material aufgefüllt und später als Landwirtschaftsland gebraucht. Nadja Sutter

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