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Wie aus Abwasser saubere Energie wird

Neuhausen im Kanton Schaffhausen hat eine grosse Touristenattraktion: den Rheinfall. Jedes Jahr kommen mehrere Hunderttausend Menschen aus dem In- und Ausland in die Gemeinde am Rhein, um das Naturschauspiel zu bewundern. Weniger bekannt ist, dass ein paar Meter weiter flussaufwärts eine Abwasserreinigungsanlage steht, die ARA Röti. Seit Jahren reinigt sie zuverlässig das Abwasser von Industrie und Haushalten in den umliegenden Gemeinden. Seit Herbst 2019 wird dem Abwasser Wärme entzogen und als saubere Energie ins Wärmenetz der Energieverbund Neuhausen am Rheinfall AG (EVNH) gespeist. Diese Umweltwärme wird sowohl von Privatpersonen als auch von Unternehmen und Organisationen zum ökologischen Heizen genutzt. «In den nächsten 30 Jahren können so 138 000 Tonnen CO 2 eingespart werden», sagt Daniel Meyer, Geschäftsführer des EVNH. «Das ist ein grosser Schritt für die Gemeinde in der Energiewende.» Die EVNH ist ein Tochterunternehmen des Elektrizitätswerks der Kanton Schaffhausen AG (EKS). Als die SIG Gemeinnützige Stiftung 2014 das sich in der Nähe der ARA Röti befindende Industrieareal umnutzen und insbesondere fossile Energieträger durch erneuerbare Wärme ersetzen wollte, war auch das EKS an Bord. Im Laufe der Projektentwicklung zeigte sich, dass ein weit grösseres Potenzial zugunsten aller möglichen Wärmebezüger realisiert werden könnte, wenn über das SIG-Areal hinausgedacht wurde. So entstand ein Gesamtenergiekonzept, das auch die Nutzung bestehender Synergien wie des bereits vorhandenen Wärmeverbunds Herbstäcker in der Gemeinde oder des Kesselhauses, der bisherigen Energiezentrale des SIG-Areals, einschloss. Dies waren die ersten Schritte auf dem Weg zum Energieverbund. Die Gemeinde unterstützte das Vorhaben bereits in einer frühen Phase, wurde Projektträgerin und in der Folge auch Aktionärin der EVNH. «In den nächsten 30 Jahren können 138 000 Tonnen CO 2 eingespart werden. Das ist ein grosser Schritt für die Gemeinde in der Energiewende.» Daniel Meyer, Geschäftsführer Energieverbund Neuhausen am Rheinfall AG (EVNH) Nach einer Volksabstimmung wurde der bisherige, fossil beheizte Wärmeverbund Herbstäcker in den neuen Energieverbund integriert. Der Tenor war klar: Das Wärmenetz soll nach und nach erweitert werden, damit weite Teile der Gemeinde mit erneuerbarer Abwärme versorgt werden können. Im Februar 2018 starteten die Bauarbeiten für den neuen Energieverbund, und im Herbst desselben Jahres konnten die ersten Kundinnen und Kunden mit Wärme beliefert werden. Seither wurde der Perimeter des Wärmeverbundes in der Gemeinde erweitert. Das Leitungsnetz hat mittlerweile eine Gesamtlänge von 6,4 Kilometern, und bis Ende 2021 waren 144 Gebäude ans Fernwärmenetz angeschlossen. «Noch vor diesem Winter werden wir die dritte Wärmepumpe in Betrieb nehmen können», sagt Meyer. «Damit steigt die installierte Wärmeleistung des Energieverbunds auf 16,5 Megawatt.» Die Hauptenergiezentrale befindet sich auf dem SIG-Areal, im sogenannten Kesselhaus. Hierher gelangt das gereinigte Abwasser aus der nahe gelegenen Kläranlage Röti über eine Wärmetauscherzentrale. Im Kesselhaus bringen aktuell zwei, bald sogar drei Wärmepumpen die «kalte» Abwärme der ARA, die bisher ungenutzt verpuffte, auf ein nutzbares Temperaturniveau von rund 70 Grad. «Die Strommenge, die wir dafür benötigen, ist verhältnismässig gering», sagt der EVNH-Geschäftsführer. Als wichtiges Nebenprodukt fällt Kälte an, die ebenfalls ins Versorgungsgebiet an Kundinnen und Kunden mit Kältebedarf geliefert wird. «Um die Spitzenlast an den kalten Wintertagen abdecken zu können, stehen uns zwei Erdgaskessel zur Verfügung. Hier wird die Vorlauftemperatur abhängig von der Aussentemperatur bis 80 Grad angehoben.» Durch das Konzept mit mehreren redundanten Energieerzeugern könne eine zuverlässige Wärme- und Kälteversorgung gewährleistet werden. «Da ein Kessel mit einem Zweistoffbrenner ausgestattet ist, kann bei einer Gasmangellage notfalls für die Spitzenlast auch auf Heizöl umgeschaltet werden», so Meyer. «Den Kunden wird vertraglich zugesichert, dass mindestens 80 Prozent der Wärme aus erneuerbaren Ressourcen stammen.» Die Wärme beziehungsweise die Kälte wird mit entmineralisiertem Wasser über Fernleitungsrohre zu den Kundinnen und Kunden transportiert. Dies erfolgt unterirdisch in gut isolierten Rohren, um einen Wärmeverlust auf dem Transportweg so gering wie möglich zu halten. Die Gemeinde war von Anfang an begeistert von der Idee der Abwärmenutzung. «Es gibt ja fast nichts Nachhaltigeres, als aus Abwasser Energie zu gewinnen», sagt Gemeindepräsident Felix Tenger. Und es entspricht dem Konzept der Gemeinde, die seit Jahren das Label Energiestadt trägt und den Wechsel von fossilen auf erneuerbare Energien unterstützt. Seit dem Krieg in der Ukraine und der Energiekrise seien die Anfragen in der Gemeinde für einen Anschluss an den Wärmeverbund stark gestiegen, sagt Tenger. Deshalb steht in Kürze eine weitere Erweiterung des Perimeters an. «So können wir zusätzliche Gebäude an das Fernwärmenetz anschliessen.» «Es gibt ja fast nichts Nachhaltigeres, als aus Abwasser Energie zu gewinnen.» Felix Tenger, Gemeindepräsident Neuhausen am Rheinfall Und es dürften künftig noch mehr werden. Die Gemeinde am Rheinfall wächst bevölkerungsmässig stark. Bis Ende 2024 rechnet der Gemeindepräsident mit einer Zunahme von 2000 Personen auf insgesamt 12 000 Einwohnerinnen und Einwohner. Damit ist und bleibt Neuhausen am Rheinfall die zweitgrösste Gemeinde im Kanton, nach der Stadt Schaffhausen. Beim Energieprojekt hingegen liegt die Gemeinde vorne. Zurzeit gibt es nichts Vergleichbares im Kanton. Marion Loher

Klimawandel: Online-Tool für Gemeinden lanciert

Diverse Schweizer Gemeinden schlugen diesen Sommer Alarm: Historisch tiefe Pegelstände zahlreicher Gewässer oder vertrocknete Weiden führten uns die Folgen des Klimawandels deutlich vor Augen. Auch die Gemeinde Minusio (TI) ist zunehmend mit neuen, klimabedingten Risiken konfrontiert. Deshalb nahm Minusio am Pilotversuch des Bundes für das neue Online-Tool «Anpassung an den Klimawandel» teil. Giorgio Mas, Chefingenieur der Abteilung für öffentliche Arbeiten der Tessiner Gemeinde, zeigt sich begeistert: «Das Online-Tool gibt auf einfache Weise einen umfassenden Überblick über die komplexe Thematik der Klimaanpassung.» Ab sofort können sich alle Schweizer Gemeinden im Tool registrieren. Die Verantwortlichen erhalten damit sowohl praktische Unterstützung in der Evaluierung der Risiken in ihrer Gemeinde als auch konkrete Handlungsmöglichkeiten. Insgesamt neun Themenbereiche deckt das neue Tool ab, darunter Planung und Bau, Land- oder Waldwirtschaft, Energieproduktion, Gesundheit oder Biodiversität. Diese breite Themenübersicht schätzt auch Juliette Lerch aus Renens (VD) sehr. Die Umweltverantwortliche der Waadtländer Gemeinde war wie Giorgio Mas Teil des Pilotversuchs. Lerch sagt dazu: «Das Tool bietet einen guten Überblick über die Themen rund um die Anpassung an den Klimawandel und liefert viele Beispiele für konkrete Massnahmen für Gemeinden.» Damit verweist Lerch auf einen weiteren wertvollen Aspekt des Tools: Die Gemeinden profitieren voneinander, indem sie im Tool auf erfolgreiche Praxisbeispiele anderer Gemeinden zugreifen und gleichzeitig eigene Lösungsansätze einreichen können. Dieser Erfahrungsaustausch ist Jonas Stöckli, Projektleiter Tiefbau und Planung der Aargauer Gemeinde Zofingen, besonders wichtig: «Die laufend aktualisierten Beispiele von Massnahmen aus anderen Gemeinden inspirieren für die eigene Planung und helfen, Projekte Entscheidungsträgern zu veranschaulichen.» Informationen: www.onlinetool-klimaanpassung.ch Eva Krattiger

Andermatt räumt beim Minergie-Rating 2022 ab

Seit 2018 wird auf nationaler Ebene das Minergie-Rating durchgeführt: Eingeteilt nach Bevölkerungsgrösse können die Schweizer Gemeinden in fünf Kriterien Punkte sammeln und sich so gegenseitig messen. In der Kategorie «grosse Gemeinden» gewinnt dieses Jahr Weinfelden, bei den «kleinen Gemeinden» siegt die Tessiner Gemeinde Isone, und in der Kategorie «mittlere Gemeinden» hat es Andermatt zuoberst aufs Podest geschafft. Die Gewinnergemeinden freuen sich: «Dieses Ergebnis ist ein Gemeinschaftswerk: Weitsichtige Bauherren, innovative Planer und kompetente Handwerksbetriebe tragen massgeblich dazu bei, dass Weinfelden nun wieder zuoberst auf dem Podest steht», sagt etwa Martin Brenner, Stadtrat von Weinfelden und Leiter des Ressorts Hochbau. «Und persönlich hoffe ich sehr, dass diese nachhaltige Entwicklung als Leuchtturm weit über die Weinfelder Grenzen hinaus wirkt.» Aus der Gemeinde Isone heisst es: «Als kleine Berggemeinde sind wir sehr stolz auf diese Auszeichnung. Wir wollen diesen Weg mit neuem Schwung und Enthusiasmus fortsetzen und uns dabei auf Energieeinsparungen und die Umstellung auf erneuerbare Energien konzentrieren, wann und wo immer dies bei neuen Projekten und/oder Renovierungen möglich ist.» Andermatt hat bereits 2020 den dritten Rang erreicht und ist nun auf den ersten Rang aufgestiegen. Wir haben mit dem für das Thema Energie zuständigen Gemeinderat von Andermatt, Erich Renner, gesprochen. Erich Renner: Der Haupttreiber dafür ist das Baugeschehen rund um das Tourismusresort Andermatt des Investors Samih Sawiris. Dort ist die Anforderung an die energetische Bauausführung nach dem Minergie-Standard im Quartiergestaltungsplan festgelegt. Der Podestplatz bedeutet, dass Andermatt sehr gut unterwegs ist bezüglich Anzahl nach Minergie zertifizierter Gebäude und zertifizierter Energiebezugsfläche. Das ist sehr schön für uns – auch weil wir ja bereits zum vierten Mal, mit jeweils steigender Punktezahl, das Label Energiestadt erreicht haben. Der Sieg im Minergie-Rating bestätigt uns, dass wir auch bei den Bauten auf einem guten Weg sind und macht dies sichtbar gegen aussen. Wir möchten ein Nachhaltigkeits-Valley werden. Wir haben die Ressourcen Wasser, Wind, Sonne und ein sensationelles Fernwärmenetz. Die Holzschnitzel aus dem Tessin kommen in Airolo auf den Lastwagen, fahren 16 Kilometer durch den Gotthardtunnel und in Göschenen direkt in den Brennofen. Dort wird das Warmwasser erzeugt, dieses kommt durch alte Militärstollen nach Andermatt und wird verteilt. Das Resort wurde sofort angeschlossen, weil Erdsonden aufgrund der Beschaffenheit des Untergrunds nicht möglich sind. Auch ist praktisch das ganze Dorf mit dem Fernwärmenetz erschlossen, und immer mehr Gebäude beziehen nun für die Heizung Fernwärme. Grosse Hoffnung setze ich spezifisch in die Photovoltaik (PV) in Fassaden und dass es dadurch einen Schub in Richtung private und dezentrale Energieerzeugung gibt. Zu viel kann ich noch nicht erzählen, aber es ist im Rahmen des Tourismusresorts ein neues Hotel geplant mit Fassaden aus PV-Zellen. Es handelt sich um einen Prototyp, aber wenn das funktioniert, gibt es anderen Bauherrschaften die Möglichkeit, in diese Richtung weiterzugehen. Labels wie Energiestadt, aber auch Minergie helfen uns dabei, dass Bauherrschaften dank den Vorgaben der Labels zukunftsfähig bauen. Als Gemeinde könnten wir zudem dort, wo in den kantonalen Vorschriften erwähnt ist, dass der Minergie-Standard freiwillig ist, «empfohlen» hinschreiben und so anregen, diesen Schritt zu gehen. Oder sogar Minergie-A empfehlen, wenn sich die Fassaden-PV bewährt … Kompakt bleiben als Dorf, was bedeutet, dass alles in Fussdistanz erreichbar ist; erneuerbar heizen; die Windkraft ausbauen; den Verkehr beruhigen und begrünte Begegnungszonen schaffen. Daneben gibt es auch noch ein langfristiges, auf das ganze Tal ausgelegtes Aufforstungsprogramm «Wald und Klima». Das Ziel im Resort ist, dass die Gäste kommen und das Auto stehen lassen können, bis sie wieder nach Hause fahren. Das schwebt mir auch für unser ganzes Dorf vor: Das Auto braucht man nur noch, wenn man ins Unterland muss – oder man benutzt gleich den öV. Und im Dorf selbst stehen attraktive Langsamverkehrsmöglichkeiten zur Verfügung, zum Beispiel ein Ruftaxi. Dafür entstehen in den verkehrsberuhigten Gässchen Begegnungsorte, die sich wie eine Perlenkette durch den alten Dorfteil ziehen – Grünnischen mit Bänken, Läden und Restaurants. Informationen: www.minergie.ch/rating Geraldine Chew

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