Menü
Logo Logo
  • DE
  • FR
  • IT
  • Soziales 4
  • Andrea Winiger 1
  • Dr. Pascal Tschumi 1
  • Dr. Samuel Wirth 1
  • Heike Mayer 1
  • Irmi Seidl 1
  • Marco Baumgartner-Eberle 1
  • Marion Loher 1
  • Monika Bandi Tanner 1
  • Sandra Picceni 1
  • Selina Droz 1
  • 3 l 2023 4
Aktive Filter: Kategorie: Soziales Ausgabe: 3 l 2023 Alle Filter entfernen
Es wurden 4 Ergebnisse in 1 Millisekunden gefunden. Zeige Ergebnisse 1 bis 4 von 4.
  • 1
Ergebnisse pro Seite:

Soziale Innovationen: Wie wichtig sind sie für Gemeinden?

Das Interesse an sozialen Innovationen hat in den letzten Jahren zugenommen. So wurden zum Beispiel Studiengänge für soziale Innovation geschaffen, oder Förderagenturen wie Innosuisse öffneten ihre Programme für soziale Innovationen. Dennoch steckt die Debatte rund um soziale Innovationen in der Schweiz noch in den Kinderschuhen, und es besteht kaum Wissen darüber, wer an sozialen Innovationen beteiligt ist, welche Auswirkungen sie haben können und wie wichtig sie auf Gemeindeebene sind. Ein Forschungsprojekt der Universität Bern und der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft ging diesen Fragen nach. Das Projekt richtete den Fokus auf das Berner Oberland und untersuchte die Akteurinnen und Akteure auf soziale Innovationen, das Wissen, das sie anwenden, sowie die Auswirkungen von sozialen Innovationen auf lokale Entwicklungen. In der Wissenschaft gibt es unterschiedliche Verständnisse von sozialen Innovationen. Deshalb wurde eine Definition verwendet, die Eigenschaften aus den meisten Verständnissen vereint. Demnach sind soziale Innovationen neuartige Zusammenarbeiten, die zu neuen Ideen führen, welche die Lebensqualität erhöhen und/oder die sozialen Beziehungen und Machtstrukturen verändern. Soziale Innovationen können sehr divers sein. Das vom Projektteam entwickelte Inventar von sozialen Innovationen enthält zum Beispiel ein Solarschiff, ein Generationenhaus oder ein Holznetzwerk. Die Forschungsergebnisse zeigen, dass die Akteurinnen und Akteure in der Entwicklung und Umsetzung von sozialen Innovationen sehr divers sind. Privatpersonen, Unternehmen, Vereine, Genossenschaften sowie Kantons- und Gemeindevertretende waren beteiligt. Soziale Innovationen zeichnen sich durch neuartige, das heisst ungewöhnliche, Zusammenarbeiten aus. Für die Entwicklung des Gesundheitsnetzwerkes Simmental-Saanenland rund um das Spital Zweisimmen waren beispielsweise nicht nur Gesundheitsdienstleistende und Gemeindevertretende involviert, sondern auch die Zivilbevölkerung. Der Einbezug der Zivilbevölkerung hat gemäss Toni von Grünigen, Gemeindepräsident von Saanen, «vor allem die Bestätigung gebracht, dass das Spital hier für die Region ganz wichtig ist». Die Zusammenarbeit mit Gemeindevertretenden spielt eine besonders wichtige Rolle, da viele soziale Innovationen gemeindespezifische Probleme angehen. Dabei sind Gemeinden wichtige Unterstützungshilfen. So wurde die Idee für ein Generationenhaus in der Gemeinde Hasliberg in einem Zukunftsworkshop der Gemeinde ins Leben gerufen. Die Ergebnisse zeigen weiter, dass die Akteurinnen und Akteure eine grosse Palette an Wissen und Fähigkeiten mitbringen, die sie für die Entwicklung und Umsetzung von sozialen Innovationen anwenden und teilen. Das Wissen und die Fähigkeiten stammen sowohl aus der Gemeinde beziehungsweise der Region als auch von ausserhalb. Lokales, gemeindeinternes Wissen war besonders wichtig, um die sozialen Innovationen in die lokalen Gegebenheiten einbetten zu können. Zudem muss lokale Akzeptanz für die soziale Innovation vorhanden sein, damit sie länger bestehen bleiben und somit erfolgreich sein kann. Eines der wichtigsten Ergebnisse ist, dass soziale Innovationen Potenzial haben, alternative Entwicklungsansätze in den Gemeinden anzustossen, vor allem Entwicklungen, in denen Gemeinden eine gut funktionierende Wirtschaft und Gesellschaft haben können und dabei weniger abhängig von Wachstum an Produktionsgütern und Profit sind. Dies, weil die Akteurinnen und Akteure in den sozialen Innovationen Aktivitäten ausüben, die die soziale Innovation weniger abhängig von solchem Wachstum machen. Allen voran sind dies das Schaffen und Pflegen von engen Kooperationen und Vertrauen zwischen (wirtschaftlichen) Akteurinnen und Akteuren. Herrscht mehr Vertrauen, können beispielsweise Zinsen für ein Darlehen eines lokalen Geschäftspartners reduziert werden (da Vertrauen in die Rückzahlung besteht). So muss weniger Profit erwirtschaftet werden, um die Zinsen bezahlen zu können. Dadurch sinkt der Druck der sozialen Innovation zu wachsen. Akteurinnen und Akteure, die diese Art Aktivitäten ausüben, können demnach in ihren Gemeinden bewusst oder unbewusst Entwicklungen in Richtung Wachstumsunabhängigkeit anstossen. Soziale Innovationen sind vor allem in solchen Gemeinden wichtig, die mit vielfältigen Herausforderungen konfrontiert sind und deshalb Lösungen brauchen, um sie mit neuen Kooperationen und Wissensaustausch anzugehen. Aber sie können auch neue Ideen hervorbringen, die der Gemeindebevölkerung unabhängig von Herausforderungen einen Nutzen geben. In jedem Fall können soziale Innovationen neue Entwicklungen innerhalb von Gemeinden anstossen – Entwicklungen hin zu lebenswerten Gemeinden, ohne dem Paradigma des stetigen Wachstums an Produktion, Profit und Arbeitsplätzen folgen zu müssen. Informationen: Inventar von sozialen Innovationen im Berner Oberland auf der Projektwebseite: www.sozinno.unibe.ch Dr. Pascal Tschumi, Heike Mayer, Irmi Seidl, Monika Bandi Tanner, Andrea Winiger, Dr. Samuel Wirth

Wie Förderung von inklusivem Wohnraum aussehen kann

Inklusiven Wohnraum zu fördern, ist das Ziel des Projekts «Wohnen mit Vielfalt». Auf der Projektwebsite sind viele spannende Praxisbeispiele aufgeschaltet, so unter anderem auch das Beispiel des Vereins für Sozialpsychiatrie Baselland (VSP). Dieser Verein bietet ambulante Wohnbegleitung in den beiden Halbkantonen Basel-Stadt und Basel-Landschaft an. Heute sind es rund 260 Personen, die in ihrer eigenen Wohnung oder in einer der rund 160 VSP-Wohnungen mit ambulanter Wohnbegleitung die Leistungen in unterschiedlichster Intensität und sehr individuell nutzen. 45 ausgebildete Fachpersonen mit rund 33 Vollzeitstellen aus den Bereichen der Sozialen Arbeit, Psychiatrie und Gesundheit unterstützen die Leistungsempfängerinnen und Leistungsempfänger darin, dass sie in ihrem Wohnquartier bestehen können. Im Konkreten geht es um das Einkaufen in der Wohnumgebung, die Freizeitgestaltung (zum Beispiel in einem Sport- oder Musikverein) sowie das Knüpfen und Pflegen von sozialen Kontakten im persönlichen Lebensumfeld (zum Beispiel an einem Quartierfest). Die begleiteten Menschen leben, wenn immer möglich, wie alle anderen Mieterinnen und Mieter in einem Wohnhaus und benutzen den Lift, die Waschküche, holen etwas aus dem Keller oder leeren den Briefkasten und stellen den Abfall vor das Haus. Der Verein für Sozialpsychiatrie mietet an verschiedenen Standorten Wohnungen, die er dann untervermietet. So ist gewährleistet, dass die Hausverwaltungen einen regelmässigen Mietzins bekommen und bei Schwierigkeiten auch einen verlässlichen Partner haben. Denn oft sind Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen bereits vorbelastet, haben schlechte Erfahrungen gemacht und finden von daher nur schwer selbst eine eigene Wohnung. Die Angst seitens der Verwaltungen, dass sie keinen Zins bezahlt bekommen oder Sachschaden entsteht, überwiegt. Marco Baumgartner-Eberle, Leitung Ambulante Wohnbegleitung VSP, erklärt, dass es die normalen Brennpunkte im Zusammenleben gibt, wie dies die meisten wahrscheinlich auch aus dem eigenen Mietverhältnis kennen. So können Konflikte an verschiedenen Orten auftauchen, zum Beispiel in der Waschküche, im Treppenhaus oder auch durch Lärm- oder Geruchsemissionen. Ebenfalls kann spezielles oder ungewohntes Verhalten, wie extrem lautes Sprechen, Herumtanzen, oder zwanghaftes Verhalten die Nachbarn irritieren. An einem dieser Punkte knüpft das Projekt «Wohnen mit Vielfalt» an und bietet hier auch Unterstützung für Nachbarn, Hauswarte oder Menschen im sozialen Umfeld. Mit dem Projekt «Wohnen mit Vielfalt» möchten die Verbände Insos und Youvita sowie Anthrosocial sozialraumnahen Wohnraum für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen fördern und unterstützen. Damit können Entwicklungen in Richtung von mehr gesellschaftlicher Partizipation und Selbstbestimmung von Menschen mit psychischer Beeinträchtigung unterstützt werden, wie dies auch das Übereinkommen der UNO über die Rechte von Menschen mit Behinderungen fordert, das 2014 von der Schweiz ratifiziert wurde. Das Projekt wird durch das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung (EBGB) mitfinanziert. Besonders erwähnenswert ist, dass im Projekt eine Projektsteuergruppe installiert wurde, die sich aus Fachpersonen und Experten aus Erfahrung zusammengesetzt hat. Das Projekt wurde in zwei Handlungsfelder aufgeteilt. Im ersten Handlungsfeld geht es um die Wohnungssuche, im zweiten geht es um das Wohnen im Sozialraum. Zu diesen zwei Handlungsfeldern sind 13 Informationsblätter und Impulse erarbeitet worden, die rund um das Thema Wohnen viele Inputs liefern. Die Informationsblätter stehen allen Interessierten auf der Website zur Verfügung und können dort gratis heruntergeladen und ausgedruckt werden. Gerade auch für Gemeinden können dies hilfreiche Dokumente sein für Hausverwaltungen oder die Sozialdienste, um so innerhalb der Gemeinde die Sensibilität zum Thema psychische Beeinträchtigung zu unterstützen. So gibt es dort im Speziellen ein Informationsblatt für Hauswartspersonen, das Hinweise darauf gibt, wie die Begegnungen gelingend und wohlwollend gestaltet werden können, ebenfalls gibt es ein Informationsblatt für Begegnungen im Quartier, das eine kurze Übersicht über die wichtigsten psychischen Beeinträchtigungen und deren Auswirkungen auf den Alltag gibt. Neben den Informationsblättern gibt es vier Impulse, wovon ein Impuls für Nachbarschaften erarbeitet worden ist. In diesem Impuls wird aufgezeigt, was Sie als Nachbarin oder Nachbar oder als beschäftigte Person im Quartier – beispielsweise als Hauswartsperson oder Angestellte im Quartierladen – zu gelingenden Begegnungen beitragen können. Denn es gibt, wie das Beispiel aus der Praxis des VSP zeigt, ebenfalls einen Mehrwert für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen im ambulanten Wohnsetting. Die soziale Integration kann das Selbstvertrauen bestärken, und die Mieterinnen und Mieter können wieder Vertrauen fassen in das Leben, dies losgelöst von einer stationären Unterbringung. Marco Baumgartner-Eberle sagt, dass es ein grosser Vorteil ist, wenn die Transparenz gegenüber der Hausverwaltung und den Hauswartspersonen gegeben ist. Nicht dass persönliche Details der Mieterinnen und Mieter weitererzählt werden, sondern dass diese wissen, wer als Hauptmieter (in diesem Fall der VSP) auch Ansprechperson bei auftauchenden Problemen und Herausforderungen ist. So sind einerseits die Anonymität und der Datenschutz gewährleistet, anderseits kann die Hausverwaltung oder können die Hauswartspersonen sich bei auftauchenden Schwierigkeiten an eine konkrete Stelle wenden. Auch erleben Menschen, die mit psychischen Beeinträchtigungen zu tun haben, oft Vertrauensverluste und Verletzungen, indem sich das Umfeld abwendet und sie kategorisiert und schubladisiert werden, erklärt Marco Baumgartner-Eberle weiter. Darum ist es umso wichtiger, eine gegenseitige Vertrauensbasis aufzubauen. Dafür benötigt es Verständnis, Transparenz und Offenheit im Umgang miteinander. Weitere Informationen zum Projekt Wohnen mit Vielfalt: www.wohnen-mit-vielfalt.ch Weitere Informationen zum Verein für Sozialpsychiatrie Baselland: www.vsp-bl.ch Sandra Picceni, Marco Baumgartner-Eberle

Bergdörfer engagieren sich für ihre Jugendlichen

Roxanne Giroud: Die beiden Gemeinden gehören zum Bezirk Entremont. Der tiefste Punkt, der Weiler La Duay, liegt auf 800 m ü. M., der höchste Punkt, der Point d’Argentière, auf 3902 m ü. M. Die Gemeinden kommen zusammen auf rund 4000 Einwohner, dies bei einer Fläche von 225 km 2 . Also eine steile und wilde Angelegenheit! Die Dörfer haben eine gemeinsame Grenze mit Frankreich und Italien. Ich habe das Gefühl, dass die Mentalität hier von den Nachbarländern geprägt wird und man eine gewisse Internationalität spüren kann. Der Tourismus spielt bei uns natürlich eine wichtige Rolle, vor allem der Sommertourismus. Der «Service d’animation socioculturelle du district d’Entremont» (ASDE) ist für die Jugendarbeit zuständig. Drei fest angestellte Personen und ein Lernender oder eine Lernende besetzen insgesamt 250 Stellenprozente. Ich wurde im Jahr 2016 von den Gemeinden Orsières und Liddes zu 20 Prozent angestellt, wir konnten also seither ziemlich ausbauen. Eine Person für die Jugendarbeit anzustellen, war damals für die Region pionierhaft. Anfügen muss ich vielleicht, dass meine Stelle nicht ausschliesslich durch die Jugendarbeit, sondern allgemein durch die Förderung des sozialen Zusammenhalts definiert war. So konnten sich alle Bevölkerungsgruppen angesprochen fühlen, was für die Akzeptanz sehr wichtig war. Die Jugendvereine spielen hier bei uns eine wichtige Rolle. Auch die Schulen sind gute Partner für die Jugendarbeit. Basile Darbellay, Gemeinderat von Liddes, ist 2018 auf mich zugekommen, als er in der SAB-Zeitschrift «montagna» einen Artikel über das Label «Jugendfreundliche Bergdörfer» gelesen hat. Wir haben dann das Projekt gemeinsam mit einem motivierten Gemeinderat von Orsières durchgebracht. Dass die Idee nicht von mir, sondern aus den Gemeinderäten gekommen ist, hat die Sache stark vereinfacht. Ich denke schon. Das Label hat vor allem eine höhere Verbindlichkeit geschaffen. Es ersetzt in einem gewissen Sinn ein «Jugendreglement», was nicht immer einfach zu erstellen ist. Die Gemeinden sind nun angehalten, sich für ihre junge Bevölkerung zu engagieren, auch wenn es beispielsweise Wechsel in den politischen Gremien geben sollte. «Die Gemeinden sind nun angehalten, sich für ihre junge Bevölkerung zu engagieren, auch wenn es beispielsweise Wechsel in den politischen Gremien geben sollte.» Roxanne Giroud, Verantwortliche Jugendarbeit Bezirk Entremont Ja, sicher. Allgemein werden die jungen Leute jetzt als Teil der Gemeinschaft angesehen und auch nach ihrer Meinung gefragt. Natürlich gab es hie und da kritische Stimmen. Wir haben aber viel in den intergenerationellen Austausch investiert. Im Konkreten wurden die meisten Begegnungen mit den Jugendlichen durchwegs positiv erlebt. Was mich auch wichtig dünkt, ist, dass das Label, so, wie es aufgebaut ist, eine andere Gruppe Jugendlicher anspricht als beispielsweise die Jugendvereine. Bei uns engagieren sich fast ausschliesslich Mädchen in der Gruppe «Jugendforum». Es wird den weniger extrovertierten Charakteren eine Stimme gegeben, was ich als sehr positiv empfinde. Ein schöner Nebeneffekt des Labels war, dass gewisse Aktivitäten, die schon immer gemacht wurden, plötzlich einen neuen Wert erhalten haben. Eine Lehrerin hat zum Beispiel regelmässig mit ihren Schülern in einem alten Holzofen Brot gebacken. Mit der Zeit hat die Motivation allerseits etwas nachgelassen. Dank dem Label wurde das Brotbacken nun zu einer Aktivität, die den intergenerationellen Austausch fördert, und hat damit ein neues Existenzrecht erhalten. Ja, es wurde in den letzten Jahren viel gemacht. Erst letztes Jahr konnten wir den Halbstundentakt für den Zug in Orsières einführen. Wichtig war auch, dass die Dorfschule in Liddes erhalten bleiben konnte und dass die Gemeinde in den Bau einer Tagesstruktur, das heisst einer Krippe und einer Tagesschule, investiert hat. Mir kommen spontan zwei ungelöste Probleme in den Sinn. Das erste betrifft die Mobilität der Jugendlichen. Wenn sie in den Ausgang wollen, können sie nicht auf den öffentlichen Verkehr zählen. Wir sind daran, eine Taxilösung oder Mitfahrgelegenheiten mittels einer App zu organisieren, um die Heimfahrt sicherer zu gestalten. Ein schwieriges Thema für mich ist auch das Mobbing von Kindern und Jugendlichen, die nicht ganz ins Schema passen. Dieses Problem ist in den abgelegenen Regionen vielleicht noch akzentuierter als in den Städten. Es sind dann genau diese Jugendlichen, die die Dörfer so rasch wie möglich verlassen und sicher nicht mehr zurückkommen wollen, da sie das Dorfleben immer als negativ erlebt haben. Vielleicht ist es auch deshalb so schwierig, gewisse Denkmuster zu ändern, weil immer alles Andersartige ausgeschlossen wird. Ich denke, hier müsste man auch ansetzen. Selina Droz

Pionierprojekt: Mehr Freiheit bei der Kita-Wahl

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist für viele Eltern eine grosse Herausforderung. Kindertagesstätten können da eine enorme Entlastung sein. Allerdings ist es so, dass vor allem kleinere Gemeinden auf dem Land kein solches Angebot haben. Und bei jenen Gemeinden, die Kindertagesstätten anbieten, haben Eltern meist keine Wahl, in welche sie ihr Kind bringen wollen. Denn einerseits sind die Plätze rar, andererseits subventionieren viele Gemeinde nur die Kindertagesstätten auf eigenem Gebiet. Zudem ist diese finanzielle Unterstützung oft von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich. Das Wirtschaftsportal Ost (WPO) – eine Netzwerkplattform für Wirtschaft und Politik in der Region Wil – hat das Problem erkannt und im vergangenen November ein regionales, kantonsübergreifendes Kita-Projekt lanciert. Dieses soll das Angebot an Kindertagesstätten im Raum Wil erhöhen und gleichzeitig den berufstätigen Eltern mehr Wahlfreiheit geben. «Unser Ziel ist es, dass jede Kindertagesstätte in der Region unkompliziert genutzt werden kann. Egal, wo die Familie wohnt oder die Eltern arbeiten», sagt Roman Habrik. Der Gemeindepräsident von Kirchberg leitete die WPO-interne Arbeitsgruppe, die das Projekt entwickelte. «Bei der heutigen Mobilität und dem Fachkräftemangel schränkt es zu sehr ein, wenn die Gemeinden nur jene Kindertagesstätten unterstützen, die sich auf dem eigenen Gemeindegebiet befinden.» «Bei der heutigen Mobilität und dem Fachkräftemangel schränkt es zu sehr ein, wenn die Gemeinden nur jene Kitas unterstützen, die sich auf dem eigenen Gemeindegebiet befinden.» Roman Habrik, Gemeindepräsident Kirchberg (SG) In mehreren Workshops mit Vertreterinnen und Vertretern von Gemeinden, Kindertagesstätten und Unternehmen war die Problematik diskutiert und nach einer Lösung gesucht worden. «Eine Herausforderung dabei war, dass die Gemeinden und die Kindertagesstätten zum Teil sehr unterschiedliche Tarife, Leistungsvereinbarungen und Subventionen haben», so Habrik. Zudem war es der WPO wichtig, dass das Projekt kantonsübergreifend funktioniert, da dem Netzwerk sowohl Thurgauer als auch St. Galler Gemeinden angehören. Alle 23 Mitgliedgemeinden des WPO und 16 Kindertagesstätten wurden angefragt, ob sie beim regionalen Kita-Projekt mitmachten. Acht Gemeinden von Aadorf über Jonschwil bis Wil und elf Kindertagesstätten sagten sofort zu. Weitere Gemeinden dürften im Laufe dieses Jahres folgen, da einige das entsprechende Reglement, das auch die Höhe des Subventionsbeitrags für Kindertagesstätten ausserhalb der Gemeinde beinhaltet, erst noch anpassen müssen oder den Start des neuen Schuljahrs abwarten wollen. «Eine gute und flexible Fremdbetreuung hilft, Familie und Beruf besser vereinbaren zu können, und macht unsere Region als Arbeits- und Lebensort attraktiver.» Robert Stadler, Geschäftsführer Wirtschaftsportal Ost Neu bekommen die Eltern, die für ihr Kind eine Kindertagesstätte ausserhalb der Wohngemeinde nutzen, den finanziellen Zustupf direkt, um so den Tarif in der Kindertagesstätte ihrer Wahl reduzieren zu können. Bisher war es in der Regel so, dass eine Gemeinde diese Unterstützungsbeiträge ausschliesslich der Kindertagesstätten vor Ort überwiesen und damit die Tarife für die Eltern indirekt vergünstigt hat. «Mit diesem Wechsel bekommen die Eltern mehr Flexibilität bei der Wahl der Kindertagesstätte», sagt Roman Habrik, «da sie auch in Kitas ausserhalb der Wohngemeinde von günstigeren Tarifen profitieren können.» Geregelt ist dies in einer Vereinbarung, welche die einzelnen Gemeinden beziehungsweise Kindertagesstätten mit dem WPO abgeschlossen haben: Auf der einen Seite gewähren die Gemeinden ihren Einwohnerinnen und Einwohnern unabhängig vom Standort der Kindertagesstätte Subventionsbeiträge. Auf der anderen Seite verpflichten sich die Kindertagesstätten, Kinder aus allen Gemeinden, die beim regionalen Kita-Projekt mitmachen, aufzunehmen, solange es genügend Platz hat. Bei Gemeinden, die weiterhin und parallel zum WPO-Modell noch Leistungsvereinbarungen direkt mit den Kindertagesstätten haben, wird nach wie vor über die Kita abgerechnet. Aber nicht nur die Eltern, auch die Kindertagesstätten selbst profitieren vom Projekt. «Für die teilnehmenden Kitas vergrössert sich der Markt, da ihr Angebot auch für Kundinnen und Kunden aus anderen Gemeinden interessant wird», sagt Andreas Bühler, Vizepräsident des Vereins Globi Kinderkrippen Schweiz. Der Verein betreibt mehrere Kindertagesstätten in der Ostschweiz, unter anderem in Oberbüren (SG). Mit der regionalen Finanzierungslösung könnten das Angebot und die Nachfrage von Betreuungsplätzen noch besser aufeinander abgestimmt werden. Bühler freut sich, dass mit dem regionalen Projekt das «Gärtlidenken» etwas aufgebrochen werden konnte und eine über die Gemeinde- und Kantonsgrenze hinweg funktionierende Lösung gefunden wurde. «In der Schweiz ist das ziemlich einzigartig und hat Pioniercharakter.» Er hofft, dass sich in den nächsten Monaten noch mehr Gemeinden aus der Region anschliessen werden. Denn die Nachfrage nach Kita-Plätzen werde weiter steigen, so Bühler. «Für die teilnehmenden Kitas vergrössert sich der Markt, da ihr Angebot auch für Kundinnen und Kunden aus anderen Gemeinden interessant wird.» Andreas Bühler, Vizepräsident des Vereins Globi Kinderkrippen Schweiz Vom regionalen Kita-Modell dürfte auch die Wirtschaft profitieren, denn der Fachkräftemangel wird in den nächsten Jahren weiter zunehmen. Gemäss einer HSG-Studie werden bis 2035 auf dem Ostschweizer Arbeitsmarkt 60 000 Personen fehlen. Es brauche deshalb Massnahmen, um das Potenzial an Arbeitskräften besser zu nutzen, ist WPO-Geschäftsführer Robert Stadler überzeugt. Das regionale Kita-Modell ist eine davon. «Eine gute und flexible Fremdbetreuung hilft, Familie und Beruf besser vereinbaren zu können, und macht unsere Region als Arbeits- und Lebensort attraktiver», sagt Stadler. Marion Loher

  • 1
  • Abos
  • Datenschutz
  • Impressum
  • Mediadaten
  • PDF-Archiv
  • Cookies
© Schweizerischer Gemeindeverband
  • Home
  • Suche
  • Archiv
  • Abos
  • Firmenverzeichnis
  • Mediadaten
  • Datenschutz
  • Impressum
Schliessen