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In Hombrechtikon bestimmen die Jugendlichen mit 

Nico Alther trifft seine Freunde oft draussen, was aber in der kalten Jahreszeit ungemütlich ist. Als der heute 18-Jährige von einem Jugendarbeiter erfährt, dass die Gemeinde Jugendliche in politische Prozesse involvieren will, wittert er die Chance, das Problem mit fehlenden Räumen aus der Welt zu schaffen. «Für uns allein hätte ich die Motivation nicht aufgebracht», sagt er. «Aber ich sah in dem Projekt die Möglichkeit, etwas für die junge Bevölkerung zu tun.» Für den damals 17-Jährigen folgte eine arbeitsintensive Zeit: Neben seiner Lehre zum Kindererzieher erarbeitete er ein Konzept, schrieb Anträge an die Gemeinde, erstellte ein Nutzungsreglement für selbstverwaltete Räume, suchte Gönner und präsentierte die Projektfortschritte bei mehreren Treffen mit dem zuständigen Gemeinderat. Der Traum erfüllte sich nicht gratis. Doch die viele Arbeit lohnte sich: Anfang November erhielt der junge Hombrechtiker vom Gemeinderat grünes Licht, die beiden Cliquenräume des Jugendhauses als Piloträume zu nutzen. Die zuständigen Jugendlichen werden eigene Schlüssel bekommen und die Räume nach ihrem Gutdünken gestalten. Erweist sich das Projekt als erfolgreich, wird der Betrieb in eigenverantwortlicher Nutzung endgültig. Modellvorgehen für Jugendpartizipation Dass Jugendliche in Hombrechtikon sich beim Gemeinderat für ihre Anliegen einsetzen können, ist einem Pilotprojekt zu verdanken. Im Frühling 2018 suchte der kantonale Dachverband der offenen, verbandlichen und kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit Gemeinden, die einfache Partizipationsmöglichkeiten für Jugendliche erarbeiten. Hombrechtikon hat sich als eine von fünf Pilotgemeinden zur Verfügung gestellt. «Wenn wir nicht wollen, dass die Jugend abwandert, müssen wir dafür sorgen, dass sie sich in Hombrechtikon wohlfühlt», erklärt Gemeinderat Eugen Gossauer. «Jugendpartizipation ist eine grossartige Möglichkeit, den Jugendlichen Verantwortung zu übergeben, statt ihnen alles zu verbieten.» Federführend war die MOJUGA Stiftung für Kinder- und Jugendförderung, die als Bindeglied zwischen den Jugendlichen und der Gemeinde fungierte. Im Sinne des Pilotprojekts habe man Irrwege nicht als Misserfolge, sondern als Lernmöglichkeiten betrachtet, sagt der Hombrechtiker Jugendbeauftragte der MOJUGA, Eric Sevieri. Die Projektverantwortlichen zeichneten Schwierigkeiten auf und hielten gelernte Lektionen fest. «So haben wir eine Good Practice etabliert, um anderen Gemeinden eine unkomplizierte Umsetzung von Jugendpartizipationsstrukturen zu ermöglichen», erklärt Sevieri. Coaching für Verhandlungen mit dem Gemeinderat Für die einzelnen Projekte wurden Begleitgruppen mit Vertreterinnen und Vertretern der Jugendarbeit, des Gemeinderats und der Schulpflege zusammengestellt, die sich in regelmässigen Abständen treffen sollten. Hier zeichnete sich die erste Hürde ab: «Es ist utopisch, zu denken, dass Menschen mit so unterschiedlichen Lebenswelten Termine finden, die allen Gruppenmitgliedern passen», sagt Sevieri. Als gangbaren Weg erwies sich, einzelne Aufgaben Untergruppen zuzuteilen, sodass der Austausch in der Gesamtgruppe nicht mehr nötig war. Die Frage, wie Jugendliche mit dem Gemeinderat in Verhandlung treten könnten, gab ebenfalls zu diskutieren. «Wir stellten fest, dass die Hemmschwelle zu hoch war», erklärt Sevieri. Hier könne eine starke Jugendarbeit Brücken bauen, indem sie die Jugendlichen für ihre Auftritte vor dem Gemeinderat coacht und bei der Umsetzung Unterstützung bietet. Dieses Vorgehen kommt auch bei den Behörden an, die von gut strukturierten Präsentationen und verständlich vorgebrachten Anliegen profitieren. «Gerade für jüngere Jugendliche, die etwas mehr Förderung brauchen, ist die Unterstützung durch die Jugendarbeit sehr wertvoll», sagt Gemeinderat Gossauer. Prozesse beschleunigen, Motivation erhalten Die grössten Herausforderungen sind aber nicht organisatorischer, sondern emotionaler Art. Denn: Während politische Prozesse langsam laufen, ist der Alltag eines Jugendlichen ständigen Veränderungen unterworfen: «Wenn jemand mit 17 Jahren einen Skaterpark fordert, studiert er oder sie bei der Umsetzung vielleicht schon in einem anderen Kanton», gibt Jugendarbeiter Christian Hofmann zu bedenken. Auch Nico Alther empfindet das schleppende Tempo als Problem: «Mich haben die viele Verzögerungen manchmal demotiviert.» Umso wichtiger sei es, pratizipationswilligen Jugendlichen von Anfang an reinen Wein einzuschenken, betont Hofmann. «Sie müssen wissen, dass der Weg lang ist und sie am Ende vielleicht nicht mehr selbst davon profitieren.» Doch auch die Politik sei gefordert, jugendlichen Anliegen eine höhere Priorität einzuräumen. Eine wichtige Rolle kommt der Jugendarbeit als Dolmetscherin zu. «Manche Wünsche von Jugendlichen mögen für Erwachsene unsinnig wirken», sagt Hofmann. «Es ist wichtig, dass die Jugendarbeit erkennt, welches Bedürfnis hinter einem Wunsch steht, und das Anliegen vor dem Gremium übersetzt.» Hinter dem Wunsch nach einer McDonalds-Filiale in der eigenen Gemeinde könne sich zum Beispiel das Bedürfnis nach einem selbst betriebenen Treffpunkt ausserhalb des Jugendhauses verbergen. Übersetzung brauche es aber auch in die andere Richtung, so Hofmann: Jugendlichen zu erklären, warum politische Prozesse lange dauern und Ausgaben zurückhaltend getätigt werden. Nadja Belviso

Gegner und Befürworter von Projekten leichter erkennen

Schweizer Gemeinden sind für unzählige umwelt- und infrastrukturbezogene Projekte verantwortlich. Gemeinden sind bei der Planung und Umsetzung von solchen Projekten mit Herausforderungen wie den zunehmenden Ansprüchen von Bund und Kantonen, vermehrten Einsprachen und Beschwerden, Mangel an Personal oder sonstigen Ressourcen oder der rapiden technologischen Entwicklung konfrontiert. Anspruchsgruppen wie lokale Umweltschutzorganisationen, Quartierverbände, lokale Wirtschaftsorganisationen, Planungsfirmen, Bauunternehmen oder kantonale Verwaltungsstellen sind wichtige Partner für Infrastrukturprojekte in Gemeinden. Gewisse Anspruchsgruppen können im Falle von Widerstand ein Projekt jedoch auch verzögern, blockieren oder verteuern. Eine sorgfältige und frühzeitige Planung des Einbezugs der richtigen Anspruchsgruppen zum richtigen Zeitpunkt kann diese Risiken verringern, insbesondere bei konfliktträchtigen Projekten. Nicht alle Gemeinden verfügen jedoch über genügend Ressourcen, um diese Prozesse professionell zu planen und durchzuführen. Auch ist es den Gemeinden möglicherweise nicht immer genau bekannt, wer wichtige Anspruchsgruppen sind und mit wem ein frühzeitiger Austausch relevant wäre. Mithilfe von PlaNet können partizipative Prozesse besser geplant und umgesetzt und damit verbundene Risiken besser abgeschätzt werden. Projektrisiken im Zusammenhang mit Anspruchsgruppen können reduziert und möglicherweise hohe Projektkosten eingespart werden. Auch erfüllt PlaNet die häufig mit einer Ko-Finanzierung verbundenen, obligatorischen Anforderung an eine Anspruchsgruppenanalyse von höheren Stellen bei Kanton oder Bund. Nach sieben einfachen Schritten erhält man als Resultat eine Visualisierung als bekannte Einfluss-Betroffenheits-Matrix oder als Netzwerk. Im Netzwerk befindet sich die projektleitende Gemeinde in der Mitte der Illustration, und die Anspruchsgruppen sind je nachdem näher oder weiter von der Projektleitung entfernt. In der Matrix gibt es 19 Anspruchsgruppen; die näherstehenden sind vom Projekt betroffen, die weiter entfernten sind vom Projekt weniger betroffen. Die fünf roten Punkte repräsentieren die Projektgegner, die vier grünen Punkte für Befürworter des Projekts. Grosse Punkte entsprechen einflussreichen Anspruchsgruppen, kleinere Punkte haben weniger Einfluss auf das Projekt. Die Art der Verbindung – durchzogen oder gestrichelt – zeigt auf, ob schon Kontakte bestehen; und die Breite der Verbindung steht für die Intensität der Zusammenarbeit, wie sie im Projekt geplant ist. Neben verschiedenen grafischen Darstellungsoptionen und der Möglichkeit zum Download der Daten und Resultate stellt das Tool gewisse generelle Empfehlungen zur Verfügung, wie die Planung der Partizipation von Anspruchsgruppen angegangen werden könnte. Die hier präsentierten Visualisierungen stammen von einem Hochwasser- und Renaturierungsprojekt einer Gemeinde in der Berner Agglomeration, die wegen des noch laufenden Prozesses nicht genannt werden möchte. Der Bauverwalter der Gemeinde betont, dass er die einfache Handhabung sowie den geringen Zeitaufwand für das Ausfüllen der Fragen sehr geschätzt habe. Er hat ungefähr eine Stunde bei der ersten Benutzung, weniger bei Nachfolgeprojekten investiert. Aus Sicht des Bauverwalters bildet das vom Tool gelieferte Resultat, also die Visualisierung und die Empfehlungen, eine gute Grundlage für die Ausgangsanalyse eines Projektes und die Abschätzung von Risiken. Genau das will PlaNet sein: ein nützliches Tool zur Planung von Infrastrukturprojekten, das bei bei geringem Aufwand einen potenziell grossen Nutzen für die frühzeitige Planung der Zusammenarbeit mit verschiedenen Anspruchsgruppen bringt. Informationen: https://planet.eawag.ch Karin Ingold, Manuel Fischer, Heinz Habegger

Anerkannte Ortsvereine stärken das Band mit der Gemeinde

Der unterschiedliche Charakter von Ortschaften innerhalb einer Gemeinde kann als Stärke genutzt werden. Beispielsweise wird es möglich, sowohl urbanes als auch ländliches Wohnen anzubieten. Eklatante Grös­senunterschiede der Ortschaften lassen die Bevölkerung kleinerer Gemeindeteile jedoch befürchten, über­stimmt oder gar vernachlässigt zu werden. Dies zeigt sich insbesondere auch in Gemeinden, die eine Fusion prüfen. Damit geht auch die Befürchtung einher, die Identität zu verlieren, und öfters wird festge­stellt, dass das Engagement der Bewoh­nenden abnimmt. Die potenzielle Stärke wird im Hinblick auf die Entwicklung der Gemeinde zu einer Schwäche. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob mit einfachen Ortsteilstrukturen und geringem Aufwand entsprechende Befürchtungen gemildert, den Be­wohnenden die Mitwirkung in Belangen des Ortsteils er­möglicht und ihr En­gagement erhalten werden kann. Interessanterweise forcieren seit einigen Jahren Städte - unabhängig von einer Fusion - vermehrt Quartierstrukturen, die vergleichbare Ziele verfolgen. Die Erkenntnisse aus verschiedenen Projekten* führen aus der Sicht der Bewohnerinnen und Bewohner zu folgenden Zielen einer Orts­teilstruktur: - Identität des Ortsteils erhalten und fördern - Bürgernähe gewährleisten - Mitwirkung in Belangen des Ortsteils ermöglichen - Eigenverantwortlichkeit des Ortsteils fördern Die Ziele der Bevölkerung sind weitgehend deckungsgleich mit jenen der Gemeinden. Für sie stehen fol­gende Ziele im Zentrum: - Lebensqualität im Ortsteil im Einklang mit den Gesamtinteressen der Gemeinde steigern (Ortsteil­entwicklung) - Der Vielfältigkeit gerecht werden und diese als Standortvorteil nutzen - Mitwirkung gewährleisten - Identifikation fördern - Bedürfnisse nach öffentlichen Angeboten nach Möglichkeit mass­geschneidert befriedigen und dadurch Ressourcen effizient einsetzen. Ein durch die Gemeinde anerkannter Ortsverein kann diesen Zielen in weiten Teilen gerecht werden. Da­bei wird in der Ortschaft ein privatrechtlicher Verein gegründet, in dem Bewohnende sowie im Ortsteil tä­tige Vereine und Unternehmen Mitglied werden können. Im Unterschied zu einem herkömmlichen Quar­tierverein anerkennt die Gemeinde respektive der Gemeinderat den Verein und seine Gremien als An­sprechpartner in Belangen des Ortsteils offiziell an und stattet diesen in Belangen des Ortsteils mit einem Anhörungs- und Vor­schlagsrecht aus. Der Ortsverein übernimmt vor diesem Hintergrund einerseits Aufgaben, welche die Ge­meinde an ihn delegiert, andererseits übernimmt er Aufgaben, die ihm von den Mitgliedern übertragen wer­den. Denkbar sind beispielsweise folgende Aufgabenbereiche: - Freizeit und Kultur (Ortsleben fördern, indem bspw. Aktivitäten in Zusam­menarbeit mit den Orts­vereinen organisiert und koordiniert werden, Bindegliedfunktion zu den Ortsvereinen) - Verwaltung und Betrieb von «Ortsinfrastruktur» (Verwaltung Mehrzweckanlage, Blumen­schmuck) - Mitwirkung in Belangen des Ortsteils (Raumplanung, Verkehrs- und Mobilitätsfragen, Schul­planung) - Anlaufstelle für die Gemeindebehörden in Belangen des Ortsteils - Zusätzliche (niederschwellige) Anlaufstelle für die Bewohnenden des Ortsteils. Je nach Aufgabenportefeuille unterstützt die Gemeinde den Ortsverein finanziell. Der durch die Gemeinde anerkannte Ortsverein verfügt im Vergleich zu anderen Möglichkeiten (z.B. die Ortsteilkommission**) über verschiedene Vorteile: Der Ortsverein entsteht aus der Bevölkerung heraus und setzt deren Interesse und Engagement voraus. Da die Mitglieder den Vorstand wählen, ist dieser – sofern der Verein breit abgestützt ist – legitimiert, die In­teressen des Ortsteils einzubringen. Demgegenüber fehlt beispielsweise einer durch den Gemeinderat ein­gesetzten Kommission diese Legitimation. Durch die breite Abstützung des Vereins und den Einsatz geeig­neter Methoden kann der Verein die unterschiedlichen Bedürfnisse bürgernah einholen, beispielsweise in­dem er Foren veranstaltet oder die Generalversammlung dazu nutzt. Sind weitere Vereine Mitglied des Ortsvereins, kann dieser das Freizeit- und Kulturangebot der Ortschaft koordinieren und fördern. Er trägt dadurch wesentlich zur Identität des Ortsteils bei. Mit der konkreten Tä­tigkeit vor Ort wird verhindert, dass ein Selbstverständnis einer reinen Interessenvertretung in Form einer Quasi-Behörde entsteht. Die Form des Vereins setzt auf Eigeninitiative, Eigenverantwortung und Selbstor­ganisation und ist dadurch flexibler. Bei der Detailausgestaltung ist zu klären, ob die Anerkennung des Vereins an Auflagen geknüpft werden soll. Dies könnten beispielsweise die Erfüllung von vereinbarten Aufgaben sein oder eine Anforderung be­züglich Mitgliederzahl im Verhältnis zur Bevölkerung. Zu prüfen ist auch, ob dem Verein neben dem An­hörungs- und Vorschlagsrecht in einzelnen zu definierenden Bereichen ein Entscheidungsrecht eingeräumt werden soll. Mit dem Ortsverein steht dem Gemeinderat ein klar definierter, auf Kontinuität ausgerichteter Ansprech­partner zur Verfügung. Aus der Sicht des Gemeinderates könnte die Unabhängigkeit sowie die breite Ab­stützung und Legitimation des Ortsvereins als problematisch erachtet werden, da seine Tätigkeit weniger steuerbar ist und dadurch mehr Konflikte entstehen könnten als mit einer Kommission oder einem befriste­ten, projektbezogenen Einbezug. Hierbei ist jedoch zu bedenken, dass ein Ortsverein auch ohne die Unter­stützung und Anerkennung der Gemeinde gegründet werden kann, wodurch ein höheres Risiko eines «Ge­geneinanders» entsteht. Vor diesem Hintergrund ist auch die Befürchtung, dass die Ortsteilstruktur das Zu­sammenwachsen einer fusionierten Gemeinde behindern könnte, zu werten. Der anerkannte Ortsverein ermöglicht einen strukturierten Einbezug des Ortsteils auf Augenhöhe und kann dadurch vielmehr das Zu­sammenwachsen fördern. Sollte der Verein aufgrund mangelnden Interesses oder mangelnden Engage­ments nicht zustande kommen oder in einer späteren Phase aufgelöst werden, läge dies in der Verantwor­tung der Bewohnenden und wäre durch die Gemeinde entsprechend zur Kenntnis zu nehmen. Insbesondere in einer Konstellation, in der über einen längeren Zeitraum hinweg mehrere Regionsgemein­den eine Fusion mit dem regionalen Zentrum prüfen, könnte eine frühzeitige Diskussion über entspre­chende Ortsteilstrukturen und deren Umsetzung einen wesentlichen Beitrag zum Abbau von Befürchtungen und zur Stärkung der Gemeinde leisten. Informationen: * Die Fusionsprojekte Seedorf-Bauen und Willisau-Gettnau sind Beispiele von mehreren Projekten zum Thema «Rolle der Ortsteile in fusionierten Gemeinden» der Hochschule Luzern (HSLU). Die Erkenntnisse sind für Gemeinden in vergleichbarer Situation von Bedeutung, da sich die Frage des Umgangs mit ehemals eigenständigen Gemeinden als Ortsteile in einer fusionierten Gemeinde vielenorts als zentrale Frage erweist - insbesondere auch in eher peripheren Räumen. ** Beispielsweise kennt die Stadt Lugano, die seit 2004 mehrere grössere Fusionsrunden mit Nachbargemeinden umgesetzt hat, Quartierkommissionen. Stephan Käppeli

«Die Leute in der Gemeinde würden uns das so nicht erzählen»

An einem Sonntagnachmittag Ende Juni 2019 kehrten junge Mitglieder des Turnvereins vom Eidgenössischen Turnfest nach Matzendorf (SO) heim; im gleichen Bus kam auch die Mehrheit der 17 Studierenden der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit im malerisch gelegenen Dorf an, ihrem temporären Arbeitsort für eine Woche. Schon im Bus, dann beim Umzug durchs Dorf und den bei Ansprachen auf dem Dorfplatz zur Feier der turnerischen Meriten wurde die eine oder andere Bekanntschaft geschlossen. Bis die letzten Studierenden weit nach Mitternacht ihr Matratzenlager in der Zivilschutzanlage fanden, hatten sich schon mehrere Freundschaften angebahnt – sie halten bis heute an. Als «Besuch von Freunden» beschreiben der Matzendorfer Gemeindepräsident Marcel Allemann und die Gemeinderätin Sara Liechti die Woche, in der die Studierenden unzählige Interviews mit Bewohnerinnen und Bewohnern von Matzendorf geführt, an einer Gemeindeversammlung teilgenommen (die meisten waren zum ersten Mal in ihrem Leben an einer Gemeindeversammlung), das Gewerbe, die Schulen, die Gemeindeverwaltung besucht und mit allen Menschen gesprochen haben, die ihnen begegnet sind. Zum Abschluss der Woche haben die Studierenden ihre Erkenntnisse der Matzendorfer Bevölkerung präsentiert. Seither ist in Matzendorf einiges in Bewegung gekommen. Zwar haben die Ergebnisse der Studierenden den Gemeinderat kaum überrascht. Trotzdem sagt Gemeinderätin Sara Liechti: «Wir würden niemals zu diesen Aussagen kommen, die Leute würden uns das so nicht erzählen.» Der Gemeindepräsident Marcel Allemann ergänzt: «Die Studierenden haben sich wirklich für die Menschen hier interessiert. Sie sind mit allen respektvoll umgegangen und was sie erfahren haben, ist auch für sie sehr spannend. Die Woche war für alle eine Bereicherung, für den Gemeinderat, die Menschen in Matzendorf und für die Studierenden. Eine richtige Win-win-win-Situation.» Konkret hat die Gemeinde in unterschiedlichen Bereichen die praktische Umsetzung von beanstandeten Punkten an die Hand genommen. So wurden die Öffnungszeiten der Grünabfuhr auf dem Entsorgungshof erweitert. Die Website der Gemeinde soll verbessert werden, und im Dorf wurde eine Infotafel eingerichtet. Für die Jugendlichen wurde eine Vereinbarung mit der Jugendarbeit des Naturparks Thal geschlossen. Eine Arbeitsgruppe ist daran, Lösungen für den zukünftigen Gemeindesaal zu erarbeiten. Es sind auch die kleinen Sachen, durchaus Machbares und rasch Umsetzbares, die im Dorf eine gute Wirkung haben. Die Menschen in Matzendorf erinnern sich gerne an die PLA-Woche, sie sagen, das sei eine gute Geschichte für Matzendorf gewesen. Das gegenseitige Vertrauen in der Gemeinde wurde gestärkt. Marcel Allemann: Im Rahmen meines EMBA-Studiums am Departement Wirtschaft der Hochschule Luzern hörte ich über einen Dozenten erstmals von der PLA-Woche des Departements Soziale Arbeit der Hochschule Luzern. Die Idee begeisterte mich, und als eine Mitarbeiterin des Naturparks Thal berichtete, sie habe während ihrem Studium an der Hochschule Luzern bei einer PLA mitgemacht, war meine Entscheidung schnell gefällt. Ich sehe die PLA als eine Art Kundenbefragung, der Gemeinderat fragt die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler, wie es ihnen geht, ob wir in der Gemeinde und im Gemeinderat gut unterwegs sind. Sara Liechti: Auch ich war schnell überzeugt. In einer Firma macht man Standortbestimmungen. Ich sehe die PLA als etwas Ähnliches: eine Art Röntgenbild, mit dem die Gemeinde von Aussenstehenden auf ihre Stärken und Schwächen hin durchleuchtet wird. Allemann: Der Gemeinderat war eigentlich schnell überzeugt, die eine oder andere kritische Stimme gab es vielleicht schon, auch in der Gemeindeverwaltung. Wir haben dann ja in der Woche bei den Studierenden einzelne Ansprechpersonen bestimmt, jemand war für Fragen rund ums Essen zuständig, jemand für die Unterkunft und so weiter. Diese «single points of contact» haben Ruhe gebracht, und alle konnten sich gut damit arrangieren. Liechti: Eine Standortbestimmung durch eine Beratungsfirma kommt schnell viel teurer zu stehen als eine solche Woche, ausserdem wurde der Löwenanteil der Vorbereitungsarbeit durch eine Arbeitsgruppe aus hauptsächlich Freiwilligen geleistet. Allemann: Ich finde die ganze Anlage wirklich eine grosse Chance für alle Beteiligten. Schon als ich im Vorfeld nach Luzern reiste, um den Studierenden die Gemeinde Matzendorf vorzustellen, wusste ich, das kommt gut. Diese Haltung, dieses Interesse, die Begegnung auf Augenhöhe, das sind grosse Qualitäten dieses Vorgehens. Liechti: Diese Woche hat, zusammen mit der Vor- und Nachbereitung, machbare Änderungsideen gebracht und den Zusammenhalt und das Vertrauen im Dorf gestärkt. Dabei war auch zentral, dass sich alle Matzendorferinnen und Matzendorfer beteiligen durften. Allemann: Wir würden alles wieder genau gleich machen. Liechti: Wir haben im Vorfeld viel in die Arbeitsgruppe investiert, welche die Fragen erarbeitet hat und die Interviews organisiert und koordiniert hat. Das hat sich bewährt. Ein wichtiger Punkt war auch die Medienarbeit. Es gab während und nach der Woche mehrere Radio- und Zeitungsberichte. Das hat die Gemeinde sichtbar gemacht. Wir haben gemerkt, man interessiert sich für uns. Allemann: Diese Woche brachte unglaubliche Power nach Matzendorf. Wir haben eine Managementberatung auf dem Silbertablett erhalten. Aber es ist noch viel mehr: Es ist der Prozess, es sind die sozialen Kontakte, die das Dorf weiterbringen. Und die werden in einer solchen Aktion ungemein gestärkt. Daran hat das Team der Hochschule grossen Anteil, die Vor- und Nachbereitung für die Gemeinde durch die Dozierenden, aber auch die sozial kompetenten Studierenden. Das alles zusammen gab für mich einen nachhaltigen «Wow-Effekt». Simone Gretler Heusser, Bernard Wandeler

Moutier hat ein offenes Ohr für die Jungen

Die Stadtregierung von Moutier hat die Abteilung für Jugend- und Gemeinschaftsaktionen (SeJAC) mit der Aufgabe betraut, Aktionen zur Förderung der Partizipation zu entwickeln. Dabei liegt der Fokus auf einem jungen Publikum, das wenig Entscheidkompetenzen besitzt. «PM23» lautet der Arbeitstitel eines Projekts, das im Jahr 2017 seinen Ursprung hat. Damals beteiligten sich etwa hundert Bürger am Projekt «Tourner la Page». Ziel der Aktion, «die Seite umzublättern bzw. ein Kapitel abzuschliessen», war es, die Bibliothek der Kleinstadt mit ihren 7400 Einwohnerinnen und Einwohnern kritisch zu hinterfragen, neu zu denken und zu verändern. Am Ende der partizipativen Workshops schlugen drei begeisterte junge Menschen dem SeJAC-Team vor, die gleichen partizipativen Methoden auf die Neugestaltung eines öffentlichen Platzes anzuwenden. Jan Ferkovic, Mirsad und Senad Zahaj waren damals zwischen 12 und 15 Jahre alt. Im Januar 2018 nahmen Jan, Mirsad und Senad «ADN» «Ask Direct Now») auf, einen YouTube-Kanal, der es jungen Menschen ermöglicht, mit den städtischen Behörden in den Dialog zu treten. In einem Video informierten sie die gewählten Volksvertreter über die Notwendigkeit und den Wunsch, einen öffentlichen Platz neu zu gestalten. Ende 2019 bestätigten die Behörden die Idee, die Organisation der «PM23» an eine Arbeitsgruppe mit breiter Vertretung von Institutionen und der Bevölkerung zu delegieren. Die praktische Phase der partizipativen Neugestaltung des Schulhausplatzes wird in Form von drei Workshops Ende 2021 durchgeführt, die Worskhops stehen der gesamten Bevölkerung offen. Dieser partizipative Ansatz wird von den städtischen Behörden und insbesondere von Claire-Lise Coste, der für Sport, Kultur, Jugend und öffentliche Gesundheit zuständigen Stadträtin, unterstützt. «Für uns als Behördenmitglieder erlaubt dieser Ansatz, nahe bei der Realität und den Bedürfnissen der Bevölkerung zu sein.» Es gehe nicht darum, Ideen vorzugeben; vielmehr solle die Bevölkerung die Möglichkeit erhalten, ihre eigenen Ideen zu formulieren und zu verwirklichen. Claire-Lise Coste sagt: «Wir können dem Volk auch außerhalb von Wahlen und Abstimmungen eine Stimme geben.» «Wir können dem Volk auch außerhalb von Wahlen und Abstimmungen eine Stimme geben.» Claire-Lise Coste, Stadträtin für Jugend, Sport und Kultur, Moutier Das Projekt, das von Mirsad, Jan und Senad initiiert wurde, wird auch vom Bund über das Programm «Citoyenneté» und von der Stiftung Mercator unterstützt. Diese Institutionen bieten der Gemeinde Moutier nationale Anerkennung für ihr Engagement für Partizipation und Demokratie sowie eine finanzielle Unterstützung von über hunderttausend Franken. Während er darauf wartet, dass die «PM23» wieder in Fahrt kommt, ruft der heute 16-jährige Senad Zahaj die Bevölkerung bereits zum Mitmachen auf: «Wir brauchen ein gemeinsames Projekt. Jeder soll mitreden können, unabhängig von Alter, sozialem Status oder Herkunft». Silvère Ackermann

So stärken Gemeinden die politische und soziale Teilhabe

Wie kann die politische und soziale Teilhabe der Bevölkerung am Leben ihrer Gemeinde gefördert und gestärkt werden? Diese Frage leitete die Arbeit des Schweizerischen Gemeindeverbands (SGV) und der vier Pilotgemeinden im Rahmen des Projekts «in comune», das durch das Programm «Citoyenneté» der Eidgenössischen Kommission für Migration (EKM) finanziert wurde. Der SGV begleitete die vier Gemeinden bei der Entwicklung, Umsetzung und Evaluierung von partizipativen Projekten, die mit den finanziellen Mitteln aus dem «in comune»-Fonds durchgeführt wurden. Insgesamt wurden zwölf Projekte in den Gemeinden Bühler (AR), Bussigny (VD), Chippis (VS) und Mendrisio (TI) umgesetzt. ... ist halb gewonnen! Dieser Ausdruck passt gut zum Start des Projekts «in comune». In den ersten beiden beteiligten Gemeinden sind die Erfahrungen mehr als positiv. In beiden Gemeinden wurden die Projekte von der Bevölkerung gut angenommen, und viele Freiwillige haben an den verschiedenen Aktivitäten teilgenommen. Die Gemeinde Bühler im Appenzeller Mittelland hat Projekte für alle Generationen entwickelt - eine Veranstaltung für die in der Gemeinde lebenden Rentnerinnen und Rentner, einen Treffpunkt für junge Leute und einen Karaoke-Abend für alle Altersgruppen. In Bussigny, am Stadtrand von Lausanne gelegen, konzentrierte man sich auf das Quartier südlich des Bahnhofs, das vom sozialen Leben des Dorfes etwas «abgehängt» war. Die Einrichtung von «urban gardening» an einigen öffentlichen Plätzen, die Organisation eines Weihnachtsumzugs, einer Kinderfasnacht, eines gemeinsamen Essens sowie eines CleanUp-Days wurden von der Bevölkerung so sehr geschätzt, dass diese Veranstaltungen auch in den Folgejahren organisiert worden sind. In Chippis, einem Walliser Dorf mit etwa 1700 Einwohnern in der Nähe von Sitten, wurden zwei Projekte entwickelt. Der von der Gemeinde festgestellte Nachholbedarf bei der Altersgruppe der 18- bis 25-Jährigen führte zur Entwicklung des «Jugendprojekts». Dank einer Onlineumfrage, gefolgt von Treffen mit jungen Menschen in der Gemeinde, entstand die Idee, einen Jugendverein mit aktiver Beteiligung der Jugendlichen zu gründen. Aufgrund der COVID-19-Pandemie hat der Ende 2019 gegründete Verein leider noch nicht richtig starten können. Die Arbeiten liegen derzeit auf Eis, aber es ist alles vorbereitet für ein interessantes Programm für junge Leute, sobald es die Situation erlaubt. Durch die Entwicklung eines partizipativen Projekts mit jungen Menschen wollte die Stadtverwaltung indirekt auch deren staatsbürgerliche Bildung fördern. Martine Perruchoud, Leiterin der Abteilung Bildung, Jugend und Ausbildung sowie Kultur, Freizeit und Sport, erklärt, dass das übergeordnete Ziel der Gemeinde mit diesem Projekt die Förderung der Integration und der staatsbürgerlichen Bildung dieser Altersgruppe ist. Mit dem «Kabinenprojekt» konnte die Gemeinde zwei alte Telefonzellen in eine Spielekiste und eine kleine Bibliothek umwandeln, die seit ihrer Eröffnung von der Bevölkerung geschätzt und genutzt werden. Begleitet von Evelyne Emery, einer soziokulturellen Animateurin, konnten die Kinder bei der Dekoration der Spielekiste mitwirken und wurden für den richtigen Umgang mit ihr sensibilisiert. In Mendrisio wurde beschlossen, ein Projekt für und mit jungen Menschen im Alter von 14 bis 19 Jahren zu entwickeln. Die Stadt im Südtessin hat heute zehn Stadtteile und über 15500 Einwohnerinnen und Einwohner. Von Anfang an wollte sich die Stadtverwaltung auf das Thema Begegnung und Inklusion konzentrieren und ein Projekt in Zusammenarbeit mit dem Jugendzentrum, das seit vielen Jahren aktiv ist, entwickeln. Im Februar 2020 wurden Jugendliche eingeladen, am Projekt «Racconta la tua Mendrisio in un progetto video» (Erzähle von deinem Mendrisio in einem Videoprojekt) teilzunehmen und Videos zu drehen, die ihre Stadt und ihren Alltag beschreiben. Nach einer langen Pause aufgrund der Coronapandemie konnten einige junge Leute endlich ihre Videos drehen. Im Herbst wurde mit Unterstützung eines Studios in der Region ein Kurzfilm mit dem Titel «Riprendo il mio diritto. La città a modo mio» gedreht, auf Deutsch: «Ich hole mir mein Recht zurück. Die Stadt auf meine Art». Luca De Stefano, Leiter des Jugendzentrums Mendrisio, der mit den Jugendlichen an dem Projekt gearbeitet hat, beschreibt das Ergebnis als eine «Botschaft mit Sinn». Die Jugendlichen zeigen, wie sie die Räume der Stadt leben und bewohnen und veranschaulichen so ihre Wahrnehmung des öffentlichen Raums. «Das entstandene Video ist ein authentisches Dokument, das zeigt, wie Mädchen und Jungen dem öffentlichen Raum Bedeutung verleihen. Sie erleben ihn und interpretieren ihn oft auf eine andere und persönliche Weise als die Funktion, für die er entworfen wurde», erklärt Luca De Stefano. Die Stadt Mendrisio hofft, dass das Video im Rahmen von Raumplanungsprojekten auch anderen Gemeinden als Beispiel dienen kann. Der Wille, am Thema Partizipation zu arbeiten, um den sozialen Zusammenhalt zu stärken, ist in den vier Gemeinden, die am Projekt teilgenommen haben, deutlich geworden. Trotz den Unterschieden zielen die ausgewählten Projekte darauf ab, der Bevölkerung Möglichkeiten zur Begegnung und zum Austausch zu bieten und den Dialog zwischen Bürgern und Behörden zu verbessern. Die Einschätzung des SGV-Projektteams und der zuständigen Behörden in den vier Gemeinden ist positiv. Allerdings gab es auch einige Schwierigkeiten, die vor allem darauf zurückzuführen waren, dass die Umsetzung der einzelnen Projekte länger dauerte als erwartet. Die anfänglichen Erwartungen, dass den Pilotgemeinden relativ schnell weitere Gemeinden folgen würden, denen CHA eine Art gezielter Beratung anbieten könnte, haben sich nicht erfüllt. Im vergangenen Jahr hat der durch die Notsituation geschaffene Kontext, insbesondere die Einstellung der Freizeitaktivitäten, die Gemeinden Chippis und Mendrisio daran gehindert, ihre Projekte wie ursprünglich geplant zu entwickeln. «Demokratie ist darauf angewiesen, dass der gesamten Bevölkerung Möglichkeiten der politischen Teilhabe offenstehen.» Élodie Morand, Programm Verantwortliche des Programms «Citoyenneté» der Eidgenössische Migrationskommission Mit dem fünfjährigen Projekt «in comune» konnte sich der SGV auf das Thema Partizipation auf kommunaler Ebene konzentrieren. Eine grosse Chance, um eng mit den Gemeinden zusammenarbeiten und ihre tatsächlichen Bedürfnisse in diesem Bereich zu erkennen. Die unterschiedlichen geografischen und sprachlichen Gegebenheiten unseres Landes machen die Gestaltung und Entwicklung von Beteiligungsprojekten noch interessanter. Wenn es um die Beteiligung der Bevölkerung geht, gibt es keine Barrieren - weder in Bezug auf Sprache, Geografie, Alter noch auf Herkunft. Dem schliesst sich auch Élodie Morand, Leiterin des Programms «Citoyenneté», an: «Demokratie ist darauf angewiesen, dass der gesamten Bevölkerung Möglichkeiten der politischen Teilhabe offenstehen.» Das Projekt ist zwar abgeschlossen, das Thema Partizipation bleibt für den SGV aber wichtig. In der Tat ist die Beteiligung der Bevölkerung ein grundlegendes Element einer funktionierenden Gesellschaft. Das Milizsystem, eine der Säulen der Schweizer Politik, beruht auf dem persönlichen Willen von Zehntausenden von Menschen, neben ihrer beruflichen und familiären Tätigkeit eine öffentliche Funktion im Interesse des Gemeinwohls auszuüben. Die Einbindung der Bevölkerung in die lokale Planung und Entwicklung durch partizipative Prozesse, die neue Ideen und gemeinsame Entscheidungen hervorbringen können, bietet auch einen Mehrwert, wenn es um die Akzeptanz von Projeken geht. Kurz, die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger am (politischen) Leben ist auf allen institutionellen Ebenen unerlässlich. Und genau aus diesem Grund wird der SGV weiter an diesem Thema arbeiten. Anna Celio-Panzeri und Luisa Tringale

Der Werkplatz «Egalité» für Vielfalt und Geschlechter-Gerechtigkeit

50 Jahre Frauenstimmrecht, 25 Jahre Gleichstellungsgesetz, die aktuelle Ausstellung «Geschlecht» im Stapferhaus am Bahnhof Lenzburg (AG) – die vielen Aktivitäten in diesem Jahr haben einen gemeinsamen Nenner: Sie zeigen, dass wir in Sachen Vielfalt und Geschlechtergerechtigkeit zwar noch nicht am Ziel, aber mit grossen Schritten unterwegs sind. Die im April 2021 verabschiedete Gleichstellungsstrategie 2030 des Bundesrates bietet einen weiteren wichtigen Rahmen. Der Bundesrat bekennt sich zur Stärkung der wirtschaftlichen Autonomie der Frauen in ihrem beruflichen und öffentlichen Leben. Und er will die Instrumente für eine bessere Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Freizeit weiter ausbauen; er nennt dabei insbesondere Elternurlaube, familienfreundliche Arbeitszeiten und die soziale Sicherheit für Eltern und betreuende Angehörige. Was bedeutet diese Entwicklung für die Unternehmen, private wie öffentliche? Erwiesen ist: Wer sich für Familienfreundlichkeit, Gleichstellung und Diversität engagiert, wird wahrgenommen und hat Erfolg. Werkplatz Égalité bietet Betrieben im und um den Kanton Bern die Möglichkeit, Akzente zu setzen, gute Beispiele hervorzuheben und sich als attraktives Unternehmen zu positionieren. Der Werkplatz Égalité ist die Plattform zum Erfahrungsaustausch für engagierte und wissbegierige Unternehmensvertreterinnen und -vertreter. Initiiert wurde er von den Fachstellen für Gleichstellung der Stadt und des Kantons Bern in Zusammenarbeit mit dem «staatslabor». Die Plattform macht Erfahrungen und Erfolge von beteiligten Unternehmen bei der Förderung von Gleichstellung, Vereinbarkeit und Vielfalt nach innen und aussen sichtbar. Via Blogs, Newsletter und LinkedIn präsentieren sich die Unternehmen mit ihren vielfältigen Aktivitäten: ein Zweigenerationengespräch zum Thema Gleichstellungsförderung zwischen einer Vorgesetzten und ihrer Mitarbeiterin im Baubereich, ein Interview mit Antoinette Hunziker-Ebneter zu den Gründen, weshalb sie sich als Verwaltungsratspräsidentin der Bernischen Kantonalbank für Vielfalt und Chancengerechtigkeit einsetzt oder der jüngste Beitrag von Edorex, der aufzeigt, was die IT-Firma tut, um Frauen einen attraktiven Arbeitsort in einer männerdominierten Branche zu bieten. Bernmobil hat in den letzten fünf Jahren den Frauenanteil von 15% auf 20% erhöhen können. Dank intelligenten Arbeitszeitmodellen gelang es dem Transportunternehmen, die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Freizeit zu verbessern. Gemeinsame Führungsgrundsätze fördern zudem das Verständnis für die unterschiedlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Mitarbeitenden. Und das Unternehmen zeigt uns allen mit pfiffigen Werbekampagnen, wo es hinwill: zu mehr Vielfalt und Chancengleichheit, zum Beispiel mit Teilzeit im Schichtbetrieb. Das Tiefbauamt der Stadt Bern bietet für Projektleitende, Ingenieure und Ingenieurinnen Pensen zwischen 60 und 80 Prozent an. Auch das Modell des Jobsharings von zwei Ingenieurinnen wurde erprobt und hat sich bewährt. Für die Verwaltungsabteilung ist dies ein wichtiger Beitrag zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben für die Mitarbeitenden und erhöht auch die Chance, die auf dem Arbeitsmarkt sehr begehrten Fachkräfte anzusprechen, zu gewinnen und zu halten. Ob KMU, Grossbetrieb, öffentlicher Dienst oder NGO, ob aktiv mit einer eigenen Fragestellung, die bearbeitet wird, oder eher passiv durch das Verfolgen der Aktivitäten via Social Media oder auf der Website: Auch Gemeindeverwaltungen sind herzlich willkommen, um den Werkplatz Égalité mit Beispielen zu beleben und Teil der wachsenden Gemeinschaft zu werden. Ein jährlicher Veranstaltungszyklus mit Fachinputs und Erfahrungsaustausch bietet den beteiligten Unternehmen praxisnahe Inspiration für die Weiterentwicklung ihrer Personalpolitik. Am 9. September 2021 öffnet der Werkplatz erstmals seine Tore für die breite Öffentlichkeit. «It's Community Time» ist für alle Interessierten offen. Informationen und Kontakt: www.werkplatzegalite.ch info@werkplatzegalite.ch Link zum Interview mit Bosch Schweiz – CEO Ute Lepple: https://www.bosch.ch/news-and-stories Désirée Aebersold

Jugendliche erobern die Gemeinderäte

2019 hat als Jahr der Milizarbeit erneut aufgezeigt, dass junge Erwachsene Mangelware im Schweizer Milizsystem sind, insbesondere in den Exekutiven. Das hat verschiedene Gründe – zu wenig Zeit aufgrund von Hobbys, Arbeit oder Familie; zu grosse Belastung bzw. Verantwortung oder zu wenig Wissen über die Politik oder den Bewerbungs- und Kandidaturprozess sind nur einige davon*. Deshalb wurde das Gespräch mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen gesucht und Diskussionsrunden zur Nachwuchsproblematik im Milizsystem anlässlich der Soirée Politique 2019 des Dachverbands Schweizer Jugendparlamente DSJ eröffnet. Zusammen kam dabei über ein Dutzend Reformvorschläge für das Schweizer Milizsystem von Jungpolitikerinnen und Jugendparlamentariern. Kurz, Jugendliche haben Ideen, diese müssen nur gehört werden. Aus diesem Grund starteten der Bereich youpa sowie der Bereich Grundlagen Politische Partizipation GPP des DSJ im Jahr 2020 die «Mission takeover!» . Ziel ist es dabei, Jugendliche in ihren Gemeinden mit Gemeinderätinnen und Gemeinderäten zusammenzubringen und in dieser Konstellation Reformvorschläge für das Milizsystem zu diskutieren. Die Jugendlichen übernehmen dabei sinnbildlich den Gemeinderat und zeigen den Alteingesessenen, was sie sich wünschen. So findet ein direkter Generationenaustausch statt, und Nachwuchsprobleme im Milizsystem können an der Wurzel gepackt werden. Neun Jugendparlamente meldeten sich für die Arbeitsgruppe, und acht Takeovers wurden in verschiedenen Regionen der Schweiz in Angriff genommen. Von Genf nach Luzern über den Broye-Bezirk und Bern sind Takeovers in Gemeinden vorgesehen. Ein idealtypischer Takeover ist dreigeteilt. Er startet mit einem Vortrag zu den Wünschen und Ideen der Jugendparlamentarier für das Schweizer Milizsystem. Was müsste sich ändern, damit sie als junge Menschen für den Gemeinderat kandidieren würden? Mangelt es in den Augen der Jugendlichen an der Anerkennung für das ehrenamtliche Engagement? Und müssten die Dokumente für die Ausführung eines Amtes digital zur Verfügung stehen? Diese und weitere Fragen können von den Jugendparlamenten zu Beginn des Takeovers in einer Präsentation angegangen werden. Nach dieser sollen Mitglieder der Jugendparlamente an einer Gemeinderatssitzung teilnehmen und sich zu Traktanden einbringen oder Rückfragen stellen können. Zum Schluss bietet ein informeller Austausch die Gelegenheit, weitere drängende Fragen anzusprechen. Die «Mission takeover!» schafft es so, einen generationenübergreifenden politischen Austausch auf Gemeindeebene herzustellen und den Jugendlichen aufzuzeigen, dass sie die Politik in ihrem direkten Umfeld aktiv mitgestalten können. Der erste Takeover geht als festlicher Auftakt in die Jupa-Geschichtsbücher ein. Er fand mit 16 Jugendparlamentariern im Ständeratssaal statt und wurde von keinem Geringerem als dem damaligen Ständeratspräsidenten Hans Stöckli begleitet. Bei seiner Begrüssungsrede im Ständerat hiess Herr Stöckli die Jugendparlamentarierinnen herzlich willkommen: «Es sind junge Menschen, die sich einbringen wollen bei uns. Die nach Wegen suchen, um das Milizsystem zu verbessern und die darauf bedacht sind, die Bedürfnisse junger Menschen zu thematisieren.» Die Jugendlichen löcherten den Ständeratspräsidenten beim gemeinsamen Mittagessen mit Fragen und postulierten ihre Wünsche für ein zukunftsfähiges Schweizer Milizsystem. Auch in Brig-Glis stellten sich Gemeindevertreter wie Vizepräsident Patrick Amoos den Ideen und Wünschen der Jugendlichen. Am Takeover entstanden Forderungen wie die Unterstützungshilfe zum Wählen auf kommunaler Ebene, das Einsetzen einer Anlaufstelle, die Jugendlichen Infos liefert über Möglichkeiten zu einem Engagement, sowie die kantonale Verankerung von 30 Minuten politischer Bildung in der Schule pro Woche. Der Conseil des Jeunes d’Yverdon diskutierte in einer Onlinediskussion u.a. mit Jean-Claude Ruchet von der Gemeindeexekutive, wie der Jugendrat besser und frühzeitig in die politischen Geschäfte der Gemeinde einbezogen werden könnte. Es wurde die Forderung gestellt, dass der Conseil des Jeunes d’Yverdon Sitze in der Schulkommission, der Kulturkommission und der Kommission Agenda 21 erhalten soll. Aus den drei Anlässen resultierten wichtige Anliegen, die nun von den Politiker im Ständerat und auf Gemeindeebene weiterverfolgt werden können, um das Milizsystem für Jugendliche attraktiver zu machen. Es bleibt trotz COVID-19-Pandemie zu hoffen, dass auch die weitere motivierte Jugendparlamente noch die Gelegenheit erhalten, ihren Gemeinderat für einen Tag «zu übernehmen» und die Sicht der Jugendlichen einzubringen. *Derungs, Cudrin und Dario Wellinger. 2019. PROMO 35. Politisches Engagement von jungen Erwachsenen in der Gemeindeexekutive – Analysen und Stossrichtungen. Chur: HTW Chur Verlag. Olivia Borer

Digitalisierung: Gemeinden hätten gerne mehr davon

Drei von fünf Befragten sind der Ansicht, dass ihre Gemeinde den aktuellen Entwicklungen im Bereich der Digitalisierung hinterherhinkt: Diese Einschätzung ist insbesondere deshalb ernst zu nehmen, weil ein überwiegender Teil der Befragten in der Digitalisierung eher Chancen als Gefahren sieht. Doch in Sachen Digitalisierungsfortschritt erreicht die eigene Gemeinde im Durchschnitt nur gerade die Note 3,8 auf einer Skala von 1 bis 6. Lediglich einer von fünf Befragten vergibt die Note 5 oder gar eine 6. Nur gerade ein Prozent der Teilnehmenden schätzt denn auch die eigene Gemeinde als «Vorreiterin» ein, während drei von fünf Personen die eigene Gemeinde eher als «Nachzüglerin» bezeichnen. Insgesamt meinen die Befragten, dass die eigene Gemeinde etwa in der Mitte auf dem Weg zur vollständigen Digitalisierung steht. Das kommt auch in der Note 3,8 für den Digitalisierungsfortschritt zum Ausdruck. Als wichtigstes Ziel nennen die Gemeinden die Effizienzsteigerung (knapp 80 % aller Nennungen). Drei von fünf Gemeinden wollen die Schnittstelle zum Bürger stärken (Wirkungsziel), während knapp die Hälfte als wichtigen Treiber die Anforderungen von Partnern (Bund und Kanton) angeben. Insgesamt interessant bei diesem Fragekomplex: Obwohl die Effizienzsteigerung im Vordergrund steht, meinen nur 21 Prozent, dass mit der Digitalisierung auch die Kosten gesenkt werden können. Ob dies Ausdruck einer eher geringen Kostensensibilität oder der Sorge wegen Mehrkosten durch die Digitalisierung ist, bleibt offen. 175 Teilnehmende oder 38 Prozent geben an, dass in ihrer Gemeinde eine Person die Digitalisierung bereichsübergreifend koordiniert. Dieser Anteil stimmt recht genau mit denjenigen Gemeinden überein, die sich «eher als Vorreiterin» einschätzen. Obwohl diese Koordinationsstelle in zwei von fünf Fällen eingesetzt wird, leitet nur etwa eine von sechs Gemeinden ihre Digitalisierungsprojekte auch von einer übergeordneten Strategie ab. Und nur in etwas über zehn Prozent aller Fälle werden Digitalisierungsprojekte explizit budgetiert. Dies lässt darauf schliessen, dass die Strukturen weiter entwickelt sind als die Prozesse, was den Digitalisierungsfortschritt behindern dürfte. Nur knapp jede vierte Gemeinde plant, Digitalisierungsprojekte gemeinsam mit anderen Gemeinden anzugehen. Die übrigen 75 % bevorzugen den Alleingang, entweder mit externen Dienstleistern (40 %) oder ohne (36 %). Der Befund kommt nicht unerwartet, lässt aber dennoch aufhorchen. Denn: Kooperationen und Erfahrungsaustausch dürften den Digitalisierungsprozess erleichtern. Es bestünde also viel Potenzial für eine effizienzsteigernde Zusammenarbeit. Die folgenden vier Bereiche bilden mit grossem Abstand die bereichsbezogenen Schwerpunkte: · Einwohnerdienste und allg. Verwaltung (288 bzw. 273 Nennungen): E-Umzug, Digitalisierung interner Arbeitsabläufe und Onlineschalter/Onlinedienste · Bau + Planung (278): E-Bau (im Sinne der Abwicklung von Baugesuchen) sowie die Digitalisierung von Prozessen wie Onlineschalter, Digitalisierung von Plänen und die Projekt- und Geschäftskontrolle. · Finanzen (260) Bei den Digitalisierungsprojekten werden nachfolgende Prioritäten genannt: · Einführung zu Homeoffice (276 Nennungen) · Software- und Hardwareanschaffung (254 bzw. 235) · Videokonferenzen statt persönlicher Treffen (246) · Digitale Dokumente statt Papier (238) Unter den Erfolgsfaktoren wird die «Motivation der Mitarbeitenden» als am wichtigsten bewertet (durchschnittlich auf dem 4. Rang, siehe Abb. 2). Thematisch stimmig folgt eine «offene Kultur gegenüber Digitalem» (Rang 4,3). Mit etwas Abstand rangieren die «digital auszugestaltenden Arbeitsprozesse» (Rang 4,9) und die «Anpassung der Strukturen» (Rang 5). Abgeschlagen auf den letzten Rängen liegen «digitale Tools» (Rang 5,6) und die «Motivation sowie Befähigung der Einwohnerinnen und Einwohner zur Nutzung von digitalen Tools» (Rang 7 bzw. 7,7). Die tiefe Rangierung der Befähigung der Bevölkerung kann viele Gründe haben. Insgesamt bewegen sich die Akteure möglicherweise in einem gewissen Spannungsfeld: Einerseits beurteilen sie die Motivation und eine offene Kultur als die wichtigsten Erfolgsfaktoren und schätzen ihre eigene Einstellung zur Digitalisierung als positiv ein. Andererseits beurteilen sie den eigenen Digitalisierungsfortschritt skeptisch und halten verstärkte Zusammenarbeit unter den Gemeinden nicht unbedingt für nötig, obwohl Kooperationen und Erfahrungsaustausch in Digitalisierungsprojekten durchaus sinnvoll sind. Dies erlaubt die Frage, was im Prozess der Digitalisierung von Gemeinden insgesamt verbessert werden könnte. Gelegenheit zur Diskussion besteht am 29. Juni im Rahmen der Onlinekonferenz von «Myni Gmeind Live». Informationen: Die Umfrage im Auftrag des Vereins «Myni Gmeind» wurde vom 14. April bis 12. Mai 2021 bei den Schweizer Gemeinden durchgeführt. Die Studienverantwortung liegt bei der Transfer Plus AG, Markt- & Sozialforschung, Luzern. Die Stichprobe umfasst 462 Gemeinden, die Antworten stammen von Verwaltungsmitarbeitern und Gemeinderäten (je 1 Teilnahme pro Gemeinde). Joachim Tillessen

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