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Ein digitaler Wegweiser hilft Milizbehörden in Krisensituationen

Krisenstäbe von Behörden sind mit vielen Bedrohungen konfrontiert. Die Verantwortlichen sind dabei auf ein funktionierendes Krisenmanagement angewiesen, je nach Ausmass der Krise auch auf Unterstützung durch Bund und Kanton. Doch bis diese Hilfe eintrifft, muss sich die Gemeinde selbst führen, entscheiden und organisieren. Zudem kann mit jedem Ressort- und Behördenwechsel wichtiges Know-how verloren gehen. Neue Gemeinde- und Stadträte brauchen Zeit, um sich in die Thematik des Notfall-, Bedrohungs- und Krisenmanagements einzuarbeiten. Mit dem Krisenkompass® erhalten Behörden und ihre Krisenstäbe kompetente Hilfe, die einfach verständlich und jederzeit verfügbar ist. Diese rasch und mobil verfügbare Hilfestellung ist entscheidend für die Schadensbegrenzung. Mit dem Krisenkompass®, dem digitalen Wegweiser zu Analyse, Schutz und Bewältigung, erhalten die Verantwortlichen sofort greifbare, topaktuelle Unterlagen sowie Praxisbeispiele für die Ausbildung. Ausserdem werden sie intuitiv und effizient durch jede kritische Situation gelotst. Die App ist online und offline verfügbar und kann auf dem Smartphone, dem Tablet oder dem Notebook genutzt werden. • Er bewertet einzelne Risiken individuell in Echtzeit • Er alarmiert den Krisenstab über «LODUR» • Er schlägt praxisbewährte Schutz- und Einsatzkonzepte für die Krisenstabsarbeit vor • Er lotst mit edukativ aufbereiteten Checklisten effizient durch ein Ereignis und dessen Nachbearbeitung • Er hält alle aktuellen Gefährdungsdossiers des Bundes und wichtige Links bereit • Er hilft schrittweise, ein Ereignis im Schulkontext zu bewältigen • Er sammelt gemeindeinterne Dokumente zentral an einem Ort Risikoanalysen: Der KRISENKOMPASS® analysiert rasch und zuverlässig die Risiken im Gemeindealltag, zum Beispiel Unwetter, Naturgefahren, gewaltbereite Personen, Sicherheit im Gemeindehaus, Grossanlässe, und er empfiehlt präventiv bauliche, organisatorische und personelle Massnahmen. Zudem können gemeindeeigene Risikoanalysen im dazugehörigen Archiv abgelegt werden. Schutz- und Einsatzkonzepte: Der KRISENKOMPASS® stellt zahlreiche Schutz- und Einsatzkonzepte zur Vorsorge und Planung zur Verfügung – praxisnah und strukturiert (zum Beispiel Aus- und Aufbau Krisenstab, Prävention, Evakuierung, Schutz «kritischer Infrastrukturen und Dienstleistungen», Notfalltreffpunkte usw.). Zusätzlich können gemeindeeigene Schutz- und Einsatzkonzepte abgelegt werden. Ereignisbewältigung: Die edukativ aufbereiteten Checklisten zur Ereignisbewältigung unterstützen während und nach einer Krise, um das Erlebte aufzuarbeiten und Krisenfolgen zu meistern. Beispiele dafür sind Bombendrohungen, Grossbrände, Hochwasser, der Todesfall einer Schlüsselperson oder zielgerichtete Gewalt. Gemeindeeigene Notfallpläne und Checklisten können ergänzend abgelegt werden. Das Modul SCHULE: Es bringt Handlungsempfehlungen bei psychischen Problemen, Bedrohungen, Gewalt oder Todesfall – praxiserprobt und konkret auf die Schulsituation angewandt. Auch hier können schulinterne Checklisten oder Notfallpläne archiviert werden. In allen Modulen sind die gemeindeeigene Struktur und deren Inhalte jederzeit von der Gemeinde selbst anpassbar. Best Practice: Dank dieser Funktion können Gemeinden und Städte ihre bewährten Konzepte austauschen und so voneinander profitieren. Im Newsroom werden Neuigkeiten oder begleitende Weiterbildungsangebote direkt eingeblendet. So sind Berufs- und Milizbehörden jederzeit auf dem neusten Stand. Mit dem KRISENKOMPASS® können sich die Behörden über die Gemeinde- und Stadtgrenze hinweg einfacher vernetzen, weil sie mit dem hilfreichen Tool die gleiche Sprache sprechen beziehungsweise sich anhand der aufgezeigten Hilfen schneller und besser verstehen. Mit dem KRISENKOMPASS® erhalten Behörden und ihre Krisenstäbe eine kompetente Hilfe zur Überprüfung und allenfalls zur Qualitätssteigerung ihrer Massnahmen. Das hilft insbesondere Milizbehörden, die noch wenig Krisenerfahrung haben, und entlastet sie bei ihrer verantwortungsvollen Aufgabe gegenüber der Bevölkerung und sich selbst. Der KRISENKOMPASS® hilft in der App-Version unabhängig von der IT der Gemeinde und vom Internet, weil alle Daten offline verfügbar sind. Die Datenbank liegt verschlüsselt auf Schweizer Servern (FINMA- und ISO-27001-zertifiziert) und garantiert damit Handlungsfreiheit, wenn die eigene IT vorübergehend nicht mehr funktioniert. Der Server wird zudem ausschliesslich mit erneuerbaren Energien betrieben. Weitere Informationen: https://www.krisenkompass.ch Hier geht es zum Erklärvideo Christian Randegger

Er weiss, was im Notfall zu tun ist

Bis die Sanität, die Feuerwehr oder die Polizei nach einem Notruf eintreffen, dauert es jeweils einige Minuten. Für die Betroffenen eine «gefühlte Ewigkeit», wie es Christian Randegger formuliert. Der Krisenmanager hat mehrere Apps entwickelt, die helfen, diese bange Zeit zu überbrücken. «Wir führen durch kritische Situationen, bis die Profis da sind», erklärt er. Seine Firma hat er nach der sogenannten Hilfsfrist benannt, an der sich Blaulichtorganisationen orientieren. Sie heisst 17minutes. Christian Randegger und seine Mitarbeitenden befassen sich nicht nur mit akuten Phasen. Sie widmen sich ebenso der Prävention sowie der Verarbeitung von Krisen. «Inzwischen werden zwar häufig Careteams eingesetzt», sagt er. «Irgendwann gehen aber auch diese wieder.» Der 59-Jährige hat viel Erfahrung im Umgang mit traurigen Ereignissen. Er war mehr als 20 Jahre lang als Pfarrer tätig. Als solcher wurde er unweigerlich mit Schicksalsschlägen konfrontiert. Er begleitete beispielsweise Eltern, die ein Kleinkind verloren hatten. Er betreute Konfirmanden, die um einen verunfallten Kollegen trauerten. Und er war in einer Schulklasse präsent, nachdem sich ein Schüler das Leben genommen hatte. «Wenn einem die Worte fehlen, können Symbolhandlungen und Rituale wertvoll sein», sagt er. Christian Randegger half dabei, die Notfallseelsorge im Raum Winterthur aufzubauen. Er rückte aus, wenn ihn die Polizei alarmierte. Als Regionalleiter kümmerte er sich zudem um organisatorische Belange. Er bildete sich laufend weiter, vernetzte sich mit Experten aus Österreich sowie Deutschland und lancierte 2009 ein Notfall-Handbuch für den Schulbetrieb. «Ich stand der Schule immer nahe», erzählt er. Als Vater von vier Kindern bekam er viel vom Schulalltag mit . «Wenn etwas passiert, steht die Schule in der Verantwortung», stellt Christian Randegger klar. Lehrpersonen seien jedoch kaum darin geschult, schwere Krisen zu bewältigen. Inzwischen ist der Krisenkompass-Ordner in vielen Schulleiterbüros zu finden. Er ist online verfügbar und wird regelmässig um Themen wie Gewalt und Pornografie auf dem Handy, Stalking und Verdacht auf Extremismus und Radikalisierung ergänzt. Christian Randegger und sein Team haben den digitalen Wegweiser in diesem Jahr erweitert, damit er auch Gemeinden und Städten nützt. Corona hat ihn in seiner Arbeit bestärkt. «Die Gemeinden waren zum Teil zu wenig auf die Pandemie vorbereitet», sagt er. Milizbehörden seien in Krisen besonders herausgefordert, gibt der Experte zu bedenken. «Ihre Mitglieder engagieren sich meist in ihrer Freizeit für das Gemeinwohl – sie können nicht alles wissen.» Die Pandemie hat Christian Randegger ebenfalls stark beansprucht. Er leitet in Winterthur die Fachstelle Stadtführungsstab. «Zu Beginn haben wir fast rund um die Uhr gearbeitet», erinnert er sich. «Einige Kollegen haben sich nicht mehr rasiert.» Der Krisenstab organisierte Anfang 2020 etwa die Verteilung von Schutzmaterial. Er befasste sich mit Fragen rund ums Homeoffice und mit Schutzkonzepten von städtischen Einrichtungen, diente allen Departementen als Anlaufstelle und beriet den Stadtrat. «Wir mussten uns laufend den neusten Erkenntnissen anpassen», sagt Christian Randegger, der dort Teilzeit arbeitet. Mittlerweile ist in Sachen Corona eine gewisse Routine eingekehrt. Der Stab beschäftigt sich wieder mit anderen Gefährdungen. Christian Randegger, der im Tösstal aufgewachsen ist, hätte Lehrer werden können wie andere Familienmitglieder auch. Er entschied sich, «wie mein Götti», für den Beruf des Pfarrers. Die grosse Bandbreite der Tätigkeiten hat ihn fasziniert, vom Kinderlager über die Predigt in der Kirche bis zur Erwachsenenbildung, von der Taufe am Anfang eines Lebens und der Seelsorge, wenn es Trauer zu verarbeiten und Abschied zu nehmen gilt. Heute bringt er seine Expertise auch in Hilfsprojekte ein. Er präsidiert den Verein Khaima , der sich in den Flüchtlingscamps und in einem Jugendgefängnis im Nordirak engagiert. Warum? «Weil es uns hier in der Schweiz so gut geht.» Es ist seine Art, etwas zu geben. Andere täten es mit Spendengeldern, mit Hilfsgütern, wieder andere engagierten sich für die Gesellschaft in Form von Miliztätigkeit. Mit drei weiteren Vorstandskollegen hat er sich kürzlich vor Ort ein Bild der karitativen Arbeit gemacht. «Ich bin beeindruckt von der grossen Offenheit und der Herzlichkeit unserer lokalen Partner», sagt er. Sie kümmern sich unter anderem um Mädchen und Frauen, die 2014 vom IS verschleppt und als Sklavinnen gedemütigt wurden. Sie unterstützen sie dabei, das Erlebte zu verarbeiten. Christian Randegger hat auf seiner Reise aufwühlende Geschichten gehört. «Es war schockierend, aber auch ermutigend, wie dankbar diese Menschen sind für aufrichtige, konkrete Hilfe in traumapsychologischer Begleitung.» Er hat sich im Gebiet rund um Dohuk sicher gefühlt ‒ «bis auf eine Taxifahrt mit einem übermüdeten Fahrer». Erschreckt hat ihn, wie wenig auf den Umweltschutz geachtet wird. «Auf den Feldern liegen unzählige Plastiktüten herum. Das Bewusstsein und das Geld sind nicht da, um den Abfall zu entsorgen.» Christian Randegger zeigt auf seinem Tablet eindrückliche Bilder von seiner Reise. Man merkt, dass er gerne fotografiert. Seine Freizeit nutzt er zudem zum Tauchen. «In warmen Gewässern», wie er betont. Er verbringt gerne Zeit mit seiner Familie und Freunden, liest und schaut Filme. Er meide Risiken auch im Privatleben, sagt Christian Randegger. Er habe meist im Kopf, was alles passieren könnte. Das mache die Aktivitäten manchmal etwas weniger genussvoll. «Aber ich lebe sehr gut damit und bin mit Gesundheit, Glück und schönen Beziehungen gesegnet.» Informationen: www.khaima.ch www.krisenkompass.ch Eveline Rutz

«Die spezifischen Lösungen der Gemeinden sind ein Vorteil»

«Die IT hatte vor Jahren problemlos Platz im Keller und hätte es auch heute noch. Nur ist es technisch gesehen einfacher, die Sicherheit der Infrastruktur zu gewährleisten, wenn die Server in einem Rechenzentrum stehen. Wenn ich da nur ans Back-up denke, das noch lange auf Band gespielt wurde. Zusätzlich zum Hauptsystem laufen diverse Fachapplikationen in verschiedenen Cloudlösungen. Als wir vom Schweizerischen Gemeindeverband (SGV) angefragt worden sind, ob Münchwilen seine IT als Pilotgemeinde in der Deutschschweiz auf deren Sicherheit hin testen lassen würde, war ich zuerst einmal überrascht, dass es für Gemeinden eine solche Initiative gibt. Das Label cyber-safe.ch kannte ich damals noch nicht. Als leidenschaftlicher Softwareentwickler und gelernter Informatiker ist bei mir für dieses Thema aber natürlich eine gewisse Sensibilität vorhanden. Da ich die IT unserer Gemeinde in den nächsten Jahren harmonisieren möchte, war diese Zertifizierung eine gute Gelegenheit, um dies anzupacken. Bedenken hatte ich dabei nie, so ein Pilot ist immer auch ein Lernprozess für alle Beteiligten. «Die Cybersicherheit ist die Polizei und die Feuerwehr im virtuellen Raum.» Bruno Tüscher, Gemeindeammann von Münchwilen (AG) Diese Sensibilität braucht es grundsätzlich in allen Gemeinden, grossen wie kleinen. Denn die Grösse einer Gemeinde spielt beim Thema Cybersicherheit eine untergeordnete Rolle. Treffen kann es jede, und daher sollte man sich auch damit beschäftigen. Die Cybersicherheit ist die Polizei und die Feuerwehr im virtuellen Raum! Direkt profitieren kann ein Hacker von den Daten einer Gemeinde eher nicht, indirekt schon. Die Daten können fürs Social Engineering weiterverwendet werden, und so kann ein gutes Bild über einzelne Bürger erstellt werden. Mit den Daten könnte beispielsweise ein einfach wirkender, aber vermögender Bürger erpresst werden, mit den Steuerdaten einer Unternehmung die Konkurrenz ausgeschaltet werden, um nur zwei Beispiele zu nennen. Münchwilen hat nun also den Labelling-Prozess durchlaufen, und er hat genau das aufgezeigt, was ich erwartet habe: Der Mensch ist die grösste Schwachstelle in diesem System. Heutige Firewalls und Monitoringsysteme können die grosse Mehrheit der Angriffe erkennen, abfangen und abwehren. Wenn nun aber ein Mensch, der bereits hinter diesen Systemen sitzt, unbewusst etwas ins System einschleust, dann haben die Angreifer eine einfache Aufgabe. Daher ist es sehr wichtig, das Bewusstsein innerhalb der Belegschaft für dieses Thema zu schärfen. Dies wurde einerseits mit einer Phishingkampagne bewerkstelligt, und andererseits wird an den zweijährlich stattfindenden Sicherheitskursen der Gemeinde darauf hingewiesen werden. Wie aufwendig solche Sicherheitsmassnahmen für die Gemeinde Münchwilen sind, kann nicht direkt in Franken ausgedrückt werden. Wir kaufen die IT bei einem Dienstleister ein. Teil davon ist auch die technische Sicherheit der Systeme. Im Zusammenhang mit den Hackerangriffen auf zwei Westschweizer Gemeinden wurde zum Teil gefordert, dass die Kantone die IT-Sicherheit für die Gemeinden gewährleisten sollten. Aber: Jede Gemeinde arbeitet mit anderen IT-Dienstleistern zusammen und betreibt unabhängig vom Kanton die unterschiedlichsten IT-Lösungen. Daher ist es für den Kanton praktisch unmöglich, diese Aufgabe für die Gemeinden zu übernehmen. Ich bin auch nicht der Meinung, dass die Schweiz mit einer Swiss Cloud besser geschützt wäre. Je mehr Daten an einem Ort sind, desto interessanter wird es, diesen Ort anzugreifen, und desto höher ist auch die Datendichte. Daher sehe ich die spezifischen Lösungen der einzelnen Gemeinden eher als Vorteil – verteilte Systeme, die niemals alles beinhalten. Es ist davon auszugehen, dass die Kosten in Zukunft ansteigen werden. Es nützt jedoch nichts, möglichst viel Geld dafür auszugeben. Die Hacker werden immer einen Schritt voraus sein. Man kann dies ein bisschen mit Einbrechern vergleichen: Wenn vor jeder Haustüre, jedem Fenster und weiteren Zugängen ein Polizist stehen würde, dann könnte dies verhindert werden – zahlbar wäre es jedoch nicht. Wie sich die Gemeinde Münchwilen im Fall einer Lösegeldforderung, vielleicht sogar in einer Kryptowährung, verhalten würde? Das haben wir intern noch nicht diskutiert. Ich habe jedoch die Erstellung eines Notfallplans zu diesem Thema auf meiner Pendenzenliste. Darin enthalten sein wird die interne und externe Kommunikation und somit auch das Verhalten im Falle einer Lösegeldforderung. Ich kann mir jedoch kaum vorstellen, dass wir einer solchen Forderung nachkommen könnten. Die Möglichkeit einer Versicherung gegen Cyberattacken war bei uns im Gemeinderat bereits schon einmal ein Thema. Da aber nicht abschliessend geklärt werden konnte, wer sich versichern muss (Gemeinde, IT-Dienstleister, Betreiber Rechenzentrum, …) und in welchem Fall dann auch eine Zahlung erfolgen würde, haben wir uns damals dagegen entschieden. In der Zwischenzeit hat sich an der Versicherungsfront einiges getan, und wir werden uns bei einer nächsten Gelegenheit erneut damit befassen.» Beat Stettler, Professor an der Ostschweizer Fachhochschule OST, Spezialist für Computernetze und Internettechnologien, spricht über Youtube-Erklärvideos, Cyberattacken, die im Internet für 50 Dollar gekauft werden können, und evaluiert die Risiken für Gemeinden. Beat Stettler: In der Schweiz gibt es sehr viele Unternehmen, die sehr viel in ihre Sicherheit investieren, beispielsweise Banken und Versicherungen. Andere Unternehmen, etwa aus dem Industriebereich oder KMU, haben gar nicht die nötigen Mittel und das Personal dazu und auch nicht unbedingt den gleichen Fokus auf die Sicherheit gerichtet. Darum sind viele von ihnen in breitem Masse ungeschützt. Stettler: Bei den Gemeinden muss man unterscheiden. Es gibt Gemeinden, die ihre IT an einen grossen IT-Anbieter ausgelagert haben. Diese grossen Anbieter haben Securityspezialisten und die nötigen Mittel, um die IT zu schützen. Und es gibt kleinere Gemeinden, die vielleicht mit einem knappen Dutzend lokalen Computern arbeiten und bei denen jemand verwaltungsintern für die IT zuständig ist. Sind keine Schutzmechanismen implementiert worden, ist das Risiko gross, dass diese Gemeinden genauso ungeschützt sind wie Private. Stettler: Ja, insofern Informationen über die Bürgerinnen und Bürger für weitere, gezielte Angriffe genutzt werden könnten. Wer Namen, Vornamen, Geburtsdatum und AHV-Nummer einer Person kennt und vielleicht auch weiss, was diese Person verdient, ob sie arbeitslos ist oder Sozialleistungen bezieht, hat zusätzliche Angriffspunkte. Je mehr Hacker über mögliche Opfer wissen, desto mehr Möglichkeiten für illegale Aktivitäten eröffnen sich ihnen. Stettler: Ja, Elektrizitätswerke von Gemeinden oder die Wasserversorgung könnten solche Ziele sein. Grössere Gemeinden haben die nötigen Schutzvorkehrungen ergriffen, kleinere nicht unbedingt die nötigen Ressourcen dafür. Denn ihr Aufwand, um das gleiche Mass an Schutz zu erzielen, ist ja nicht kleiner als bei den grösseren. Stettler: Mit einem Angriff auf ein Elektrizitätswerk ist nicht unbedingt Geld zu verdienen, aber Hacker könnten natürlich drohen, das Werk abzustellen. Würde man dies auf die Ebene eines Landes ausweiten, wäre sicher eines der ersten denkbaren Szenarien eines Cyberkriegs, dass sämtliche Kraftwerke abgestellt werden. Denn wenn kein Strom mehr zur Verfügung steht, ist ein Land rasch gelähmt. Damit will ich nicht sagen, dass dies ein Szenario ist, das der Schweiz droht. Aber in Kriegsgebieten ist das ein wichtiger Angriffsvektor, der genutzt wird. Im Grunde geht es um lebenswichtige Bereiche, auch eine Trinkwasserversorgung gehört dazu. Ein viel häufigeres Szenario ist allerdings die Erpressung, indem Daten zuerst verschlüsselt und dann nur noch gegen die Zahlung einer hohen «Lösegeldsumme» entschlüsselt werden können. Zahlt der Kunde nicht, drohen die Erpresser häufig damit, die sensiblen Personendaten im Internet zu veröffentlichen. «Cyberkriminalität ist heute eine Industrie, mit der Geld verdient werden kann.» Beat Stettler, Professor an der Ostschweizer Fachhochschule OST, Spezialist für Computernetze und Internettechnologien Stettler: Ja, es gibt auch Hacker, die sich gerne in Szene setzen, indem sie eine IT angreifen und damit an die Öffentlichkeit gehen. Das führt dann nicht unbedingt zu einem finanziellen Schaden, sondern zu einem Reputationsschaden, der durchaus auch sehr unangenehm sein kann. Stettler: Vor einiger Zeit geriet die Stadt Lugano in die Schlagzeilen, weil sie Touristen einen kostenloses WLAN-Zugang zur Verfügung stellte, damit vor allem die ausländischen Gäste keine Roaminggebühren bezahlen müssen. Es wurde kein Contentfilter eingerichtet, und dummerweise wurde die Website von Schülern aus Lugano dafür missbraucht, um auf unanständigen Seiten zu surfen. Das hat die Presse aufgegriffen und daraus eine Story gemacht. Stettler: Ja, und diese müssen genau aus diesem Grund ebenfalls geschützt sein. Dafür gibt es spezialisierte Anbieter, die diesen Schutz auch für kleine Gemeinden übernehmen. Stettler: Das ist tatsächlich einfach. Es gibt Youtube-Erklärvideos, oder man kann sich im Internet für 50 Dollar eine Attacke kaufen, um damit dem ungeliebten Nachbarn zu schaden. Cyberkriminalität ist heute eine Industrie, mit der Geld verdient werden kann. Stettler: Die Möglichkeiten sind natürlich beschränkt. Man kann, um beim Beispiel zu bleiben, den Webserver des ungeliebten Nachbarn stören, sodass er nicht mehr erreichbar ist. Aber wenn man an echte Kreditkartendaten herankommen will, braucht es dafür schon etwas mehr. Die Schutzmassnahmen müssen also im Verhältnis zum möglichen Schaden stehen. Übertragen auf die Gemeinden heisst dies, dass sie sich überlegen müssen, welche Assets sie schützen wollen beziehungsweise müssen, unter anderem Personendaten und ihre Systeme. Dann gilt es, die dafür nötigen Mittel bereitzustellen, um diesen Schutz zu gewährleisten. Anbieter, die Gemeinden dabei unterstützen, gibt es viele. Aber es gibt wohl kein allgemeingültiges Rezept für alle Gemeinden. Stettler: Nein, es ist gerade umgekehrt. Mit der steigenden Digitalisierung steigt auch die Zahl der möglichen Angriffsvektoren. Bürgerinnen und Bürger verlangen heute von den Behörden, dass sie gewisse Dienstleistungen digital anbieten. Doch das Beispiel E-Voting hat gezeigt, wie schwierig es sein kann, solche Dienstleistungen zu schützen. Auch wer umzieht oder mit der Gemeinde im E-Mail-Verkehr steht, hat heute Angriffsflächen, die es früher nicht gab. Da ging man auf die Gemeindeverwaltung und musste seinen Ausweis zeigen. Stettler : Bei Smart-City-Angeboten ist es nicht selten so, dass man einmal etwas ausprobiert und sich erst nachher Gedanken zur Sicherheit macht. Ein Anbieter von intelligenten Strassenlampen ist schliesslich auf Lampen und nicht auf IT-Sicherheit spezialisiert. Vielleicht sollte man sich die Frage nach der Sicherheit bereits etwas früher stellen. Aber das gilt nicht speziell für die Schweiz, sondern ganz generell. Notiert von Denise Lachat, Interview: Denise Lachat

Im Notfall werden die Bewohner via Lautsprecher gewarnt

Lawinen gehören in Guttannen zum Winter wie kalte Nasenspitzen. Auch dass die Ortschaft am Grimselpass wegen starken Schneefalls tagelang nicht über die Strasse erreichbar ist, ist für die Bewohnerinnen und Bewohner fast so normal wie stundenlange Stromunterbrüche, weil trotz allen Vorsichtsmassnahmen die Leitungen gelegentlich beschädigt werden. Ist die Lage ausserordentlich, werden besonders gefährdete Häuser evakuiert, die Türen des Lawinenbunkers geöffnet oder die Betroffenen in den «Bären» umgesiedelt. Das Unwetter 2005 zeigte zudem, dass nicht nur in der kalten Jahreszeit Häuser von Naturgefahren bedroht werden. Damals, im August, büxte die Aare nach Murgängen aus und floss teilweise mitten durch das Dorf Guttannen. Auch etwas unterhalb, im Dorfteil Boden, richtete ein Murgang grosse Schäden an. Seither wird dieses Gefahrengebiet ständig überwacht. Vor allem, weil dort die Transitgasleitung Holland–Italien hindurchführt. Hinzu kommen die grossen Staumauern der Kraftwerke Oberhasli AG. Auch sie könnten in einer ausserordentlichen Lage das malerische Dorf bedrohen. Dementsprechend kennt die Gemeinde diverse Krisen- und Rettungsszenarien. Überwacht werden die Gefahrengebiete mit den neusten Techniken. Auch die Alarmierung erfolgt digital mittels SMS und Apps, die Internetseite von Guttannen kann zudem einen Newsticker aufschalten und laufend informieren. Trotzdem hält Gemeindeschreiberin Magdalena Gasser einen Lautsprecher in der Hand, zeigt auf die Sirenen sowie einen Anschlagkasten: «Der Lautsprecher liegt bei uns im Feuerwehrmagazin. Ihn haben wir zum Glück schon sehr lange nicht mehr gebraucht.» Er komme nur im äussersten Notfall zum Einsatz, wenn die Lage ausserordentlich bedrohlich sei. So könne die Bevölkerung gruppenweise und nicht einzeln informiert werden. Denn die Warnungen und Informationen via Radio, Internet und Telefon funktionieren nicht, wenn deren Netzwerke und der Strom ausfallen. In den Anschlagkästen, die in den Dorfteilen stehen, werden aktuelle Bulletins aufgehängt. Zu Beginn dieses Jahres verkündete der Gemeinderat etwa: «Das Institut für Schnee und Lawinenforschung (SLF) hat gestern Nachmittag die Warnstufe 4 für Lawinen ausgerufen. Somit gilt verbreitet ‹grosse Lawinengefahr›. Die Kantonsstrasse bleibt vorerst gesperrt. Die umliegenden Wege in Guttannen sind ebenfalls gesperrt. Wir bitten die Bevölkerung, sich nicht ausserhalb des Dorfes aufzuhalten. Vorerst werden keinen weiteren Massnahmen getroffen.» Eine weitere Massnahme wäre, gefährdete Bewohnerinnen und Bewohner telefonisch zu bitten, ihre Häuser zu verlassen. «Gerade bei älteren Menschen, die ausserhalb einer Siedlung daheim sind, gehen wir aber persönlich vorbei», sagt Magdalena Gasser. Viele hätten noch kein Smartphone, könnten nicht über Apps und SMS alarmiert werden. Zudem habe die Gemeinde, die von Bund und Kanton für die Warnung und Evakuation beauftragt ist, so die beste Übersicht über die Lage. Die direkte Mund-zu-Mund-Information vor Ort wirke beruhigend und die betroffenen Mitbürgerinnen und Mitbürger erhielten ganz unkompliziert auch praktische Hilfe beim Packen und Verlassen ihrer Wohnungen. Magdalena Gasser ist in Guttannen aufgewachsen und später mit ihrer eigenen Familie wieder zurückgekehrt. Sie kann sich nicht erinnern, in ihrer Kindheit einst evakuiert worden zu sein. «Es war einfach klar, dass wir nicht zum Dorf raus durften, wenn uns das die Erwachsenen verboten haben.» Aber was sagen Bewohner eigentlich zu dieser Art der Alarmierung und Information? Ist diese nicht gerade für Jüngere total verstaubt? «Eigentlich ist Guttannen, was die Technik angeht, relativ aufgeschlossen», sagt die Mutter einer erwachsenen Tochter. «Wir haben eine Whatsapp-Gruppe für Mitfahrgelegenheiten und sind sehr gut in den sozialen Medien vertreten.» Zudem gehörten Computer bereits seit Langem zum Schulmaterial, genau wie Bleistifte. Die Vorteile, in Guttannen zu leben, seien wesentlich grösser als die kurzfristigen Einschränkungen durch Naturgefahren, sagt die Mutter. Wie jede andere Schweizer Gemeinde hat auch Guttannen Sirenen, mit denen lautstark alarmiert werden kann. Aber testen könne man nur die Sirenen, eine Notfallsituation wie Hochwasser wegen eines Dammbruchs lasse sich nicht üben wie ein Feueralarm, gibt Magdalena Gasser zu bedenken und fragt: «Können Sie die verschiedenen Sirenentöne für allgemeinen Alarm oder Hochwasser oder Strahlenalarm unterscheiden? Da hoffen wir alle, dass die digitale Kommunikation über Radio und Internet funktioniert.» Oder dass die Gemeinde sonst schnell Lautsprecher zur Hand hat. Susanna Fricke-Michel

Unorte beleben, um Lebensqualität zu steigern

Ob Bahnhof, Park, Schulhaus-, Sport- oder Spielplatz: Öffentliche Plätze haben oft verschiedene Nutzformen und werden intensiver und länger genutzt als früher. Ungewollte Begleitfolgen können Littering, Vandalismus, Ruhestörungen oder sogar Gewalt sein und die Lebensqualität der Bevölkerung einschränken. Die Gemeinden stehen unter Druck, diese Probleme (schnell) zu lösen. Um die richtigen Massnahmen zu finden, sind Gemeinden gut beraten, sich in einem ersten Schritt Zeit für eine Ursachenforschung vor Ort zu nehmen. In den letzten Jahren sind Freiräume (vor allem für Jugendliche) zunehmend rar geworden. Die Brache, auf der man früher Fussball gespielt hat, wurde überbaut. Neben dem Park, wo man unbeobachtet das erste Bier getrunken hat, stehen neue Wohnhäuser. Solche Entwicklungen sind mit ein Grund, dass Schulhausplätze und Grünanlagen zunehmend anders und auch intensiver genutzt werden. Um wirkungsvolle Massnahmen gegen negative Effekte dieser Entwicklung zu finden, müssen Gemeinden die Ursache für das Problem erkennen. Durch Ortsbegehungen wird das Bild geschärft: Wer hält sich warum und in welchem Bereich auf? Besteht ein Problem an einem Ort, oder sind es mehrere (kleinere) Probleme in einem Gebiet? Ein neutraler Aussenblick ist hilfreich für eine objektive Problembeurteilung. Das folgende Beispiel zeigt, wie sich Lösungsansätze bereits vor Ort erkennen lassen. In einer Schwyzer Gemeinde gab es Lärmklagen wegen junger, lauter Biertrinkender auf dem Spielplatz. Ein Augenschein vor Ort hat gezeigt, dass die Kombination mit einer Gruppe Autoposern auf dem angrenzenden Parkplatz problematisch war. Die konsequente Durchsetzung des bestehenden Fahrverbots mit baulichen Massnahmen und Kontrollen trug bereits viel zur Verbesserung der Situation bei. Oft sind die Ursachen für Konflikte komplexer als im obigen Beispiel beschrieben. Dann ist die Zusammenarbeit der direkt und indirekt betroffenen Akteure entscheidend. Als Gemeinde lädt man alle Akteure ein und klärt, wer in welchen Bereichen welche Kompetenzen und Ressourcen hat. Gemeinsam bespricht man das Problem und entwirft eine Zielvorstellung. Nur wenn ein gemeinsames Verständnis, gemeinsam entwickelte Massnahmen und gegenseitige Unterstützung bei der Umsetzung vorhanden sind, kann eine positive Veränderung gelingen, wie das folgende Beispiel zeigt: In Luzern am See war der kleine, schöne Inseli Park lange Jahre abends und nachts wegen Strassenprostitution sowie Jugendgangs ein Angstraum. Das Sicherheitsempfinden der Bevölkerung litt. Die Arbeitsgruppe Sicherheit der Stadt beschloss, dass die Stadtgärtnerei zwecks Einsehbarkeit die Hecken schneidet, das Strasseninspektorat die Beleuchtung verbessert, die Reinigung intensiviert und die Polizei ihre Präsenz erhöht. Nachhaltig verbessert hat sich die Situation vor allem durch eine Buvette im Park. Die bis Mitternacht geöffnete Bar hat neues Publikum angezogen, das den Park belebt und durchmischt hat. Heute steht im hinteren Teil des Inselis eine zweite Buvette, und der Park erfreut sich grosser Beliebtheit bei der Bevölkerung und den Gästen. Um wie in Luzern geeignete Massnahmen zu finden, können Gemeinden das Mercedes-Prinzip anwenden: Gestaltung : Die Gestaltung öffentlicher Räume ist auf Langlebigkeit ausgerichtet. Die Gesellschaft verändert sich hingegen dynamisch. Was heute gefragt ist, kann morgen schon wieder passé sein. Geprüft werden sollten Anpassungen an der baulich-planerischen Gestaltung, den Grünanlagen, der Ausstattung oder der Beleuchtung. Management: Um einen Ort funktionstüchtig zu halten, sollte er gereinigt und gepflegt werden. Eine Analyse kann helfen, herauszufinden, wie oft dies erfolgen muss. Nutzungsverantwortung: Gemeinden können die Verantwortung für einen Ort aktiv oder passiv delegieren. Bei Spielplätzen etwa fühlen sich tagsüber die Eltern verantwortlich. Abends und nachts fehlt diese soziale Kontrolle. Hier kann ein Barbetreiber oder ein Verein mit einem Freizeitangebot die Lücke füllen. Die Erfahrungen zeigen, dass mit sorgfältiger Ursachenforschung, mit der Zusammenarbeit aller Akteure und mit zielgerichteten Massnahmen Gemeinden aus Unorten wieder erlebbare, sichere Räume machen können. Dabei kann von den Erfahrungen aus anderen Gemeinden profitiert werden, aber es braucht auch Mut zu Neuem! Welche Gemeinde wagt den Versuch und stellt auf dem Schulhausplatz eine vom Dorfverein betriebene Buvette auf? Maurice Illi

Tessiner Gemeinde setzt auf fliegende Hightech

Die Schweiz nimmt eine führende Rolle bei der Forschung und Entwicklung von Drohnen ein. Bei dieser Entwicklung will das Tessin nicht im Abseits stehen – ganz im Gegenteil. Auf dem ehemaligen Militärflugplatz von Lodrino in der Riviera, zwischen Bellinzona und Biasca, entsteht im Rahmen eines Technologieparks ein «Kompetenzzentrum für Drohnen». Der Tessiner Staatsrat unterstützt dieses Projekt ausdrücklich. Im Mai 2020 sprach der Grosse Rat einen Kredit über drei Millionen Franken. «Es handelt sich um eine sehr vielversprechende und wachsende Branche», so der Tessiner Finanz- und Wirtschaftsdirektor Christian Vitta. «Ohne diesen Zustupf vom Kanton wäre die Umwandlung von einem Militärflugplatz zu zivilen Zwecken nicht möglich», sagt Alberto Pellanda. Der pensionierte Steuerbeamte ist Gemeindepräsident von Riviera, einer Fusionsgemeinde der ehemals eigenständigen Dörfer Lodrino, Osogna, Iragna und Cresciano. Die Gemeinde zählt gerade mal 5000 Einwohner. Die Eigenmittel sind daher bescheiden. Doch die Gemeinde hat immer daran geglaubt, das Schicksal des ehemaligen Militärflugplatzes in die eigene Hand zu nehmen, nachdem das Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) schon vor rund 15 Jahren entschied, Lodrino als Militärflugplatz aufzugeben. Damals entstand die Idee für einen Technologiepool für Aviatik rund um das Flugfeld. Es folgten Studien, ein Masterplan und lange Verhandlungen mit den Bundesbehörden. Im April 2020 gründete die Gemeinde die Riviera Airport AG, die den Flugplatz mitsamt seinen Infrastrukturen künftig betreiben wird. Diese Aktiengesellschaft befindet sich zu 100 Prozent in der Hand der Gemeinde. Am 22. August 2020 unterzeichnete die Gemeinde mit Armasuisse den Vertrag zur Übergabe des Militärflugplatzes. Bis Ende dieses Jahres oder spätestens Anfang 2022 wird die Transformation in ein zivil genutztes Flugfeld laut Pellanda abgeschlossen sein. Das Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) muss noch offiziell die Betriebsbewilligung erteilen. Derweil haben die Arbeiten zur Instandsetzung der Infrastruktur bereits begonnen. Mehrere Millionen Franken müssen allein in das System zur Abwasserentsorgung investiert werden. Seit Jahren sind rund ums Flugfeld einige private Firmen im Bereich der Aviatik aktiv, etwa das Heli-Unternehmen Heli-TV oder die Karen AG für Helikopter-Unterhalt. Sie wollen ihre Präsenz ausbauen. Dazu kommt die Ruag Aviation mit rund 100 Beschäftigten, die in Lodrino Flugzeuge wartet. Neu sind nun sechs Firmen vor Ort, die sich im Rahmen des Drohnenkompetenzzentrums angesiedelt haben. Der alte Tower des Flughafens mit Nebengebäude wurde zu diesem Zweck in Büros umgebaut. Koordiniert werden die Aktivitäten im Drohnenbereich von einem Verein namens Swiss Drone Base Camp (Sdbc), der seinerseits zum neuen Swiss Innovation Park Ticino gehört. Sdbc-Geschäftsführer Enzo Giannini sagt: «Das Interesse an diesem Projekt ist gewaltig – wir erhalten sehr viele Anfragen aus dem In- und Ausland.» Riviera sei als Standort optimal: auf halbem Weg zwischen Zürich und Mailand. Der Vorteil des ehemaligen Militärflughafens sind die grossen, zur Verfügung stehenden Flächen. Es soll eine Flugschneise beziehungsweise spezielle Slots geschaffen werden, die stets für Drohnenflüge genutzt werden kann. So entfällt die aufwendige Bewilligungsprozedur, die heute auch für den probeweisen Einsatz von Flugdrohnen einer bestimmten Grösse notwendig ist (siehe Kasten). Es werden aber auch Testzonen ausserhalb des Flugplatzgeländes angeboten, etwa bestimmte Waldflächen. «Der Rückhalt in der Bevölkerung für das Gesamtprojekt ist sehr gross.» Alberto Pellanda, Gemeindepräsident von Riviera Der Verein Sdbc soll die Aktivitäten vor Ort koordinieren, Firmen und Know-how vernetzen, damit ein richtiger Thinktank entsteht. Auch Kurse für Drohnenpiloten werden angeboten. Am Projekt sind die Fachhochschule der italienischen Schweiz (Supsi) und die Universität der italienischen Schweiz (USI) beteiligt, darunter das Institut Dalle Molle für künstliche Intelligenz (Idsia). Kommerzielle Firmen, die mit Drohnen handeln, sind nicht gefragt. Es geht um Firmen, die auf technologische Innovation setzen. Ein Beispiel ist das Unternehmen Skypull, das Drohnen entwickelt, die sich in grosser Höhe zu kleinen Windkraftwerken entwickeln und so eine Stromversorgung in abgelegeneren Gegenden ermöglichen sollen. Für die Wirtschaftsstrategie im Kanton Tessin hat das Drohnenkompetenzzentrum eine wichtige Bedeutung, da es über den Switzerland Innovation Park (SIP) in das Standortmarketing Greater Zurich Area integriert ist, zu dem das Tessin seit Kurzem gehört. Zudem ist das Projekt wichtig für die regionale Wirtschaftsförderung. Denn die Riviera, in der sich der Militärflughafen von Lodrino befindet, ist ein strukturarmes Gebiet mit wenig Beschäftigungsmöglichkeiten. «Der Rückhalt in der Bevölkerung für das Gesamtprojekt ist sehr gross», sagt Gemeindepräsident Pellanda. Mit den neuen Firmen kämen neue Personen und damit neues Leben in die Riviera. Das spürten Restaurants genauso wie Anwaltskanzleien und andere Dienstleister. Gerhard Lob

«Beschaffende können viel bewirken»

Eva Hirsiger: Vor der Gesetzesrevision stellte der Bund vor allem Informationen zur nachhaltigen öffentlichen Beschaffung für Beschaffende auf Bundesebene bereit. Für Kantone und Gemeinden gab es verschiedene Hilfsmittel in den unterschiedlichen Sprachräumen. Mit der Revision und der Harmonisierung des Beschaffungsrechts entstand das Bedürfnis nach einer zentralen Plattform mit Informationen für alle Ebenen, auch für die Kantone und Gemeinden. Deshalb gibt es nun die Wissensplattform nachhaltige öffentliche Beschaffung (WöB), für die Pusch zusammen mit dem Beratungsbüro Abeco und den Kantonen Waadt und Genf die «Toolbox nachhaltige öffentliche Beschaffung» erarbeitet. Die Inhalte der Toolbox basieren auf den beiden bisherigen Beschaffungsplattformen «Kompass Nachhaltigkeit» und «Guide des achats professionnels responsables». Wir bringen die Informationen nun im Auftrag des Bundesamts für Umwelt (Bafu) auf den neusten Stand und veröffentlichen die überarbeiteten Merkblätter und Informationen in den nächsten Monaten Schritt für Schritt auf der WöB. So finden Beschaffende alle Infos zentralisiert und in drei Landessprachen auf einem Portal. Hirsiger: Einerseits finden sie darin wichtige Hintergrundinformationen. Also beispielsweise, was nachhaltige Beschaffung überhaupt bedeutet, wie eigene Richtlinien bei der Umsetzung helfen können oder was «Total Cost of Ownership» (TCO) heisst. Andererseits stehen in der Toolbox Merkblätter zu verschiedenen Produktgruppen zur Verfügung, die für Beschaffende der öffentlichen Hand relevant sind. Die Merkblätter zeigen, mit welchen ökologischen und sozialen Problemen die Herstellung eines bestimmten Produkts verbunden sein kann und wie man stattdessen ökologisch und sozialverträglich beschafft. Dazu liefern wir Tipps für die Direktvergabe, aber auch konkrete, juristisch überprüfte Textbausteine für die Ausschreibung. Hirsiger: Sagen wir, eine Gemeinde braucht ein neues Fahrzeug und möchte eine nachhaltigere Variante wählen. Dann findet die dafür verantwortliche Person im Merkblatt zur Fahrzeugbeschaffung Anhaltspunkte und Informationen zu den Nachhaltigkeitskriterien. Das heisst, sie weiss nachher, auf welche Aspekte sie beim Kauf achten muss und wo sie den grössten Hebel hat. Häufig fehlt das detaillierte Fachwissen, zum Beispiel zur Ökobilanz verschiedener Fahrzeugtypen. Aber das wird auch nicht erwartet, genau dafür gibt es solche Merkblätter. Es geht darum, zu lernen, welches die wichtigsten Hebel sind – über die Lebensdauer eines Produkts hinweg betrachtet. Bei einem Fahrzeug ist zum Beispiel die Nutzungsdauer deutlich relevanter als das Material der Sitze. So zeigen die Merkblätter auf, welche Kriterien in der Ausschreibung am wichtigsten sind. Ein gutes Beispiel ist auch die Beschaffung von Verpflegungsdienstleistungen: Die Saisonalität oder die Verpackung von Lebensmitteln fallen in der Ökobilanz weniger ins Gewicht als viele denken. Ein vegetarisches Menü, das keine eingeflogenen Produkte enthält, schneidet deutlich besser ab – vor allem, wenn zusätzlich gute Food-Save-Massnahmen umgesetzt werden. Solche Erkenntnisse möchten wir auch mit Praxisbeispielen aus anderen Gemeinden vermitteln. Die Beschaffenden können so voneinander lernen, auch aus den Fehlern. Hirsiger: Die Beschaffung ist tatsächlich schon ohne Nachhaltigkeitsaspekte sehr komplex. Ausschreibungen sind herausfordernd und aufwendig. Man möchte natürlich Fehler vermeiden und sich auf keinen Fall angreifbar machen. Nachhaltigkeitskriterien können also noch eine zusätzliche Herausforderung sein. Ausserdem fehlt häufig das Bewusstsein dafür, wie wichtig die nachhaltige Beschaffung ist. Viele kleinere Gemeinden sehen sich eher als unwichtigere Player, die keinen grossen Hebel haben. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Egal, wie gross oder klein eine Gemeinde ist, Beschaffende können mit wenigen Anpassungen in der Ausschreibung viel mehr bewirken, als sie denken. Wichtig ist, sich nicht einen allzu grossen Druck zu machen. Ein Produkt muss nicht bis ins letzte Detail 100 Prozent nachhaltig sein. Es ist bereits ein Gewinn, wenn die Ausschreibung die wichtigsten sozialen Aspekte abdeckt und zwei, drei relevante Anforderungen betreffend die Ökobilanz enthält. Hirsiger: Beispiele aus dem Alltag anderer Gemeinden zeigen, was heute schon möglich ist, was bereits gemacht wurde und wie weit man gehen kann. Das kann motivieren oder vielleicht auch einfach eine neue Idee bieten. Insbesondere Beispiele aus kleineren Gemeinden sind dafür sehr wichtig. Sie zeigen, dass kleine Schritte schon viel bewirken können. Und das Vorgehen anderer lässt sich durchaus auf die eigenen Bedürfnisse adaptieren, wenn man weiss, worauf man bei der Ausschreibung achten muss. Uns ist aber auch wichtig, Beispiele zu zeigen, die nicht nur nachhaltigere neue Produkte einkaufen, sondern die sich auch mal für einen ganz anderen Weg entschieden haben. Der Kanton Basel-Stadt beispielsweise hat beim Umzug in ein neues Verwaltungsgebäude nicht alle Möbel neu gekauft, sondern liess einen Teil der alten Büromöbel umbauen und an die veränderten Bedürfnisse anpassen. Bei einer Produktgruppe wie den Möbeln ist aus ökologischer Sicht die Lebensdauer einer der wichtigsten Aspekte. Lebensdauerverlängernde Massnahmen sind also auch eine nachhaltige Entscheidung. Kleine Schritte können schon viel bewirken. Eva Hirsiger, Beschaffungsexpertin bei der Stiftung Pusch Hirsiger: Die Erfahrungen zeigen, dass vor allem bei Fahrzeugen, der Verpflegung, bei Textilien, Papier, Holzwaren und Reinigungsmitteln an Nachhaltigkeitsaspekte gedacht wird. Bei Möbeln zum Beispiel ist das Bewusstsein dafür noch tiefer. Aber egal, welche Produktgruppe − es lohnt sich, vor der Ausschreibung die nötigen Informationen beizuziehen und sich von Beispielen anderer Gemeinden inspirieren zu lassen. Nadine Siegle

Digital-Pioniere in Schweizer Gemeinden gesucht

Ob einfacher Zugang für die Einwohnerinnen und Einwohner am Online-Behördenschalter oder effizientere Geschäftsabläufe für die Verwaltung: Dass die Digitalisierung auch für Gemeinden Chancen bietet, ist mittlerweile breit anerkannt. Ebenso klar ist aber: Die technologische Entwicklung stellt gerade für kleinere und mittelgrosse Gemeinden eine enorme Herausforderung dar. Wie können mit begrenzten Budgets die wachsenden Anforderungen von Kantonsseite für E-Government und die zunehmenden Ansprüche der Bürger erfüllt werden? Wer in der Gemeindeverwaltung soll sich neben der bestehenden Alltagsarbeit auch noch um die anspruchsvolle Querschnittsaufgabe Digitalisierung kümmern? Die Möglichkeiten sind unüberblickbar – wie soll man beginnen? Und: Wo nimmt die Gemeinde überhaupt das Wissen und die Kontakte her, um den Weg zum «smart village» kompetent und effizient anzugehen? Damit die Digitalisierung für Gemeinden zum Gewinn und nicht zum Frust wird, bieten der Schweizerische Gemeindeverband (SGV) und der Verein Gmeind im kommenden Frühling erstmals den Grundkurs Digital-Pionier an. Er vermittelt Kenntnisse und Tricks zur erfolgreichen Auslösung und Führung von Digitalisierungsprojekten in Gemeinden, bietet Möglichkeiten zum Erfahrungsaustausch und zum Coaching bestehender Projekte der Teilnehmenden (siehe Kasten). Die Weiterbildung kann wahlweise online oder auch physisch in Bern besucht werden. Sie richtet sich an Mitarbeitende von Gemeindeverwaltungen und Lokalpolitikerinnen und -politiker. Der Kurs ist gezielt auf deren «volle Agenda» ausgerichtet: Die kurze Dauer (fünf Module à vier Stunden) und die tiefen Teilnahmekosten (unter 1000 Franken) ermöglichen Gemeinden, ohne grossen Aufwand Digitalisierungsluft zu schnuppern und Mitarbeitende oder Exekutivmitglieder für die anstehenden Herausforderungen fit zu machen. Wer alle Module des Kurses besucht, erhält ein Zertifikat, das ihn oder sie als Digitalpionier auszeichnet. Damit wird unterstrichen, dass die Absolventinnen und Absolventen eine wichtige Rolle übernehmen, um die Schweizer Gemeinden für die digitale Zukunft zu rüsten. Der Schweizerische Gemeindeverband (SGV) und Myni Gmeind arbeiten mit kompetenten Organisationen und Personen zusammen: Die Dozentinnen und Dozenten sind Digitalisierungsspezialisten, die zugleich die Gemeindewelt bestens kennen. Durchgeführt werden die Kurse von zwei Schulen mit jahrelanger Erfahrung – der Academia (Online-Kurse) und dem Bildungszentrum für Wirtschaft und Dienstleistungen (physische Kurse). Die Standortförderung Kanton Bern sowie die Myni-Gmeind-Partner Cisco und Swisscom ermöglichen mit einer Anschubfinanzierung und Know-how den Aufbau des Grundkursangebots. Informationen: www.chgemeinden.ch www.digitalpionier.ch Daniel Strub: Wir sind auch nicht die Digitalisierungsspezialisten. Aber unser Finanzverwalter treibt die Entwicklung voran. Zusammen mit ihm habe ich eine Anwendungslandkarte erstellt, in der wir das Zusammenspiel und die Abhängigkeiten zwischen den eingesetzten Softwareprodukten aufzeigen. Neuanschaffungen und Gedanken zur Digitalisierung werden damit überprüft: Passen sie ins Konzept? Leisten sie einen Beitrag zu einer digitalen Verbesserung? Wie alle anderen Gemeinden kämpfen wir aber mit der Tatsache, dass wir für die Digitalisierung nur die Ideen liefern können – für die Umsetzung sind wir in der Regel auf die Spezialisten angewiesen. «Der Kurs kann helfen, ganzheitliche Lösungen zu finden.» Daniel Strub, Gemeindeschreiber von Lyss (BE) Strub: Ich bin überzeugt, viele Gemeindevertretende haben sich schon Gedanken zu diesem Thema gemacht und gute Ideen entwickelt. Schwierig ist wohl eher, dass es das perfekte Tool für alle Problemstellungen schlicht nicht gibt und oftmals nur Insellösungen existieren. Der Kurs kann helfen, gesamtheitliche Lösungen zu finden. Strub: Die Übersicht über die eigene Lösungslandschaft und die internen Abhängigkeiten. Daraus können die geeignetsten Produkte für die Digitalisierung herausgefiltert werden. Weiter erhalten die Teilnehmenden einen Überblick, welche Lösungen bereits existieren. Die Toolbox wird sicher helfen, diese Projekte erfolgreich umzusetzen. Und ganz wichtig ist der Austausch unter den Teilnehmenden. Strub: In vielen Gemeinden stellen sich die Verantwortlichen immer wieder die gleichen Fragen. Daher können wir mit einem Weiterbildungsangebot Lösungswege entwickeln, welche die Gemeinde in der Digitalisierung weiterbringen. Dies hat letztlich einen direkten Nutzen für alle Gemeinden, deren Kunden und Steuerzahlenden. Strub: Ich habe meinen Platz noch nicht gebucht, kann mir das aber durchaus vorstellen. Zudem hoffe ich sehr, dass dieser Kurs auch Mitarbeitende von uns anspricht. Noé Blancpain, Interview: Noé Blancpain

Nicht alle Gemeinden setzen auf «online only»

Immer mehr etablierte Medienunternehmen ziehen sich aus der lokalen Berichterstattung zurück, kleinere Druckformate werden auf digitale Wege umgeleitet, und News-Apps für Smartphones ersetzen Tageszeitungen. Beobachtet man den Wandel in der Medienlandschaft, zeigt sich ein weitläufiges Aussterben von gedruckten Publikationen und analoger Berichterstattung. Auch in Gossau (SG) spüre man den Wandel durch die Digitalisierung bereits seit Jahrzehnten, berichtet Urs Salzmann, Informationsbeauftragter der Stadt Gossau. So schrumpfte das ursprünglich aus mehreren regionalen Tageszeitungen und diversen lokalen Magazinen bestehende Angebot auf nur noch zwei übergreifende Medien für die gesamte Region Gossau-St.Gallen zusammen. Im Rahmen einer Neuausrichtung des Kommunikationskonzepts vor zwei Jahren habe man aber das anhaltende Interesse an gedruckten Lokalzeitschriften festgestellt. So zeigte eine entsprechende Umfrage: «Online only» reicht der Bevölkerung nicht. «Vereine und politische Parteien haben sich bei uns darüber beschwert, bei Tageszeitungen kaum mehr Gehör zu finden», so Salzmann. Das «St.Galler Tagblatt» und die «Gossauer Nachrichten» vernachlässigten im Lokaljournalismus die kleinen Geschichten. «Für uns war klar: Gossau braucht eine eigene Publikation, die Vereinen, Kulturschaffenden und politischen Parteien wieder eine Bühne zur Verfügung stellt», sagt Salzmann. So plante man die Produktion des «Stadtmagazins» für Gemeindeinformationen und lokale Ereignisse. Parallel zu diesen Überlegungen preschte die Gossauer Druckerei Cavelti AG mit einem befristeten Gratis-Monatsmagazin vor. Nach einem emotionalen Wirbel auf politischer Ebene scheiterte das angedachte «Stadtmagazin» mit einem Jahresbudget von 250000 Franken schliesslich im letzten November in der Volksabstimmung. «Wichtig ist sicher, dass die Redaktion nicht einfach in der Stadtverwaltung angesiedelt ist. Sie muss unabhängig agieren können und finanziell breiter abgestützt sein», stellt Salzmann klar. In der Ostschweizer Kleinstadt hat man das Projekt einer aus Steuergeldern mitfinanzierten Forumspublikation vorderhand begraben. Mit dem neuen Kommunikationskonzept setzt man stärker auf die eigenen digitalen Kanäle und auf die bestehenden privaten Print- und Onlineprodukte. Dass Printprodukte auf Gemeindeebene heute aber durchaus noch gefragt sind, zeigt etwa das Beispiel von Madiswil (BE): Seit 16 Jahren geht das Gemeindeblatt mit dem aussergewöhnlichen Namen «Linksmähder» – der Protagonist aus einer alten Madiswiler Sage – zweimonatlich in alle 1800 Haushalte. «Dazu kommen knapp 100 Abos im In- und Ausland», ergänzt Patrick Bachmann stolz. Als Redaktor der Dorfzeitung betreut er den «Linksmähder» mit einem kleinen Team im Hintergrund seit sechs Jahren und ist erstaunt über das beständige Interesse von Bevölkerung und Gewerbe. Dank der Unterstützung der Dorfvereine und des Engagements der früheren Redaktorin sei der «Linksmähder» von Beginn an ein Erfolg gewesen, sagt Bachmann. Initiiert wurde das Blatt 2005 von Landwirt und Biopionier Werner Scheidegger. Seine Überzeugungsarbeit führte zur Fusionierung des ehemaligen «Gemeindeblatts», der «Madis-Info» und der Publikation der örtlichen FDP zum Lokalmatador «Linksmähder». So entstand in Madiswil eine parteipolitisch unabhängige Plattform für aktive Dorfvereine und für den Meinungsaustausch. Der redaktionelle Teil umfasst eine breite Themenvielfalt: Ob Bauprojekte, Personenporträts, kulturelle Veranstaltungen, Berichte über geschichtliche Ereignisse oder ein unbekanntes Handwerk – die Dorfzeitung möchte den Alltag und das Dorfleben möglichst authentisch abbilden. Trotz langjähriger Tätigkeit bei verschiedenen Verlagen hat Bachmann bisher noch nie eine solch positive Resonanz erlebt wie beim «Linksmähder». Digitale Kanäle schätzt er nicht als echte Konkurrenz ein, im Gegenteil: «Viele Leserinnen und Leser freuen sich ausdrücklich darüber, die Dorfzeitung in den Händen zu halten», meint der erfahrene Journalist und Grafiker. Vom Bedarf nach einer lokalen Publikation ist Bachmann fest überzeugt. Denn in Gemeinden mit maximal einigen Tausend Einwohnerinnen und Einwohnern stifte eine Dorfzeitung Identität und wirke verbindend. Voraussetzung sei aber ein funktionierendes Dorfleben – also aktive Vereine, ein gesundes Gewerbe und eine engagierte Bevölkerung. Die jährlichen Kosten in der Höhe von 60000 Franken für das durchschnittlich 44 Seiten starke Heft werden zu 65 Prozent aus Inseraten und zu über 10 Prozent aus Spenden und Abos finanziert. Die Gemeinde übernimmt einen fixen Beitrag von 14500 Franken. Mit einem nicht minder originellen Namen punktet das Kooperationsprodukt der St.Galler Gemeinden Flawil und Degersheim: das «Flade-Blatt», einem Wortkonstrukt aus «FLA» für Flawil und «DE» für Degersheim – und einer Anlehnung an die Ostschweizer Bezeichnung für Obst- und Käsewähen, die traditionellerweise freitags aufgetischt werden. Neben Informationen des Gemeinderats und Abstimmungsvorlagen erscheinen jeden Freitag auf knapp 20 Seiten Beiträge von Vereinen und dem lokalen Gewerbe. «Sie schätzen die Plattform vor allem für den Austausch mit den Bürgerinnen und Bürgern und als Kommunikationsmittel, um von ihren Veranstaltungen zu berichten», erzählt Markus Scherrer von der Medienstelle Flawil. Gemeinde, Vereine und Kirche können ihre Texte über das Online-Redaktionssystem der Druckerei Cavelti AG in Gossau einspeisen. Dort werden sie auf Inhalt und Zeichenanzahl geprüft und zur Veröffentlichung freigegeben. Andernfalls werden sie an die Gemeinde oder den jeweiligen Verein zur Korrektur zurückgesandt. Inserate sind kostenpflichtig – je mehr Inserate, desto weniger Produktionskosten für die Gemeinden. Seit Oktober 2015 ersetzt das «Flade-Blatt» den ehemaligen «Anzeiger» von Flawil und Degersheim, der auch dazumal schon eine Koproduktion der beiden Nachbarsgemeinden war. Damals ergab eine Umfrage zur Informationstätigkeit der Gemeindeverwaltung, dass das amtliche Publikationsorgan das wichtigste Informationsmittel für die Flawiler Bevölkerung ist. «Daran hat sich bis heute nichts geändert», so Scherrer. Neben dem nach wie vor hoch geschätzten Druckformat wird das «Flade-Blatt» mittlerweile auch als PDF-Datei auf der Website der Gemeinde publiziert. Informationen: https://www.linksmaehder.ch https://www.flawil.ch/aktuelles/fladeblatt.html/16 https://www.degersheim.ch/DE/26/FladeBlatt.h tm Sara Meier

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