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Bequem und sicher per Velo von Chur nach Trimmis

2019 eröffneten die Gemeinden Chur und Trimmis eine gemeindeübergreifende Radwegverbindung. Das Bedürfnis nach einer alltagstauglichen Veloverbindung zwischen den beiden Gemeinden existierte schon lange, doch war die Routenführung während über 30 Jahren Inhalt einer kontroversen politischen Diskussion. Die bisherigen Verbindungen waren aufgrund der Höhendifferenzen für den Alltagsverkehr ungeeignet. Ebenso wenig taugte aus Sicherheitsgründen die Kantonsstrasse mit dem ständig zunehmenden Verkehrsaufkommen. Ziel des Projektes war es deshalb, die dringend notwendige Veloverbindung im Rahmen des Agglomerationsprogrammes so schnell wie möglich zu realisieren und so den Velofahrenden eine sichere und alltagstaugliche Route anzubieten. Aufgrund der unterschiedlichen Ansprüche der vielen verschiedenen Stakeholder war die Planungsphase lang und anspruchsvoll. Basierend auf einem Variantenstudium wurde Abschnitt für Abschnitt eine den jeweiligen Gegebenheiten, Rahmenbedingungen und Sachzwängen angepasste «Bestvariante» gewählt und letztlich auch realisiert. Entstanden ist eine komplett neu angelegte, direkte und motorfahrzeugfreie Veloverbindung über mehrere Kilometer, die vor allem dem Alltagsverkehr und teils auch dem Freizeitverkehr dient. Mit dem 1,6 Millionen Franken teuren Projekt gewannen Chur und Trimmis beim Prix Velo Infrastruktur 2020 einen Anerkennungspreis. Die Jury war insbesondere beeindruckt von der jahrzehntelangen, hartnäckigen Vorgehensweise, die den Verantwortlichen aufgrund enormer Widerstände viel Durchhaltewillen und geduldige Überzeugungsarbeit abverlangte. Das Engagement hat sich gelohnt. Laut der Stadt Chur wird die neue Verbindung von jährlich im Schnitt 23 000 Velofahrenden und noch mehr Fussgängerinnen und Fussgängern genutzt. Anita Wenger

Ein neuer Platz für Fahrende in Wittinsburg

Rund ein Dutzend moderne Wohnwagen stehen an diesem regnerischen Tag auf dem Durchgangsplatz «Holchen» in Wittinsburg. Die Jenische Marina Birchler hat eben am Automaten ein Ticket für ihren Stellplatz gelöst. Jetzt installiert sie mit ihrem Mann das Vorzelt vor ihrem Wohnmobil. Ihnen gefalle der neu sanierte Platz unmittelbar an der Kantonsstrasse sehr gut, sagen die beiden. Seit der Neueröffnung im Herbst 2021 sind sie nun schon das zweite Mal hier. «Er ist schön gemacht, sehr sauber, hat Dusche und WC, und die Leute sind freundlich», sagt Marina Birchler. Im Sommer sei es mit dem Wald gleich nebenan schön schattig. «Auch die Anmeldung ist mit dem Automaten ganz unkompliziert, so müssen wir nicht extra auf die Gemeindeverwaltung.» Die Wittinsburger Gemeindepräsidentin Caroline Zürcher sagt, die Fahrenden seien in der Gemeinde gut akzeptiert. «Der Durchgangsplatz wird seit 1993 vom Kanton betrieben», erklärt sie. Die kleine Gemeinde mit rund 430 Einwohnerinnen und Einwohnern hat zu wenig Ressourcen, um den Platz selbst zu betreiben. Dennoch hat die Gemeindepräsidentin immer wieder Kontakt zu den Fahrenden. Liegt ein Durchgangsplatz in einer Gemeinde, könnten zum Beispiel Fragen zur Beschulung der Kinder oder Sozialhilfe aufkommen. Die Zusammenarbeit mit dem Kanton sei sehr gut, sagt Caroline Zürcher. «Wir wurden früh über die Pläne zur Sanierung des Platzes informiert, in die einzelnen Schritte stets einbezogen, und der Kanton hat die Bevölkerung an einem Informationsabend orientiert.» Aus der Bevölkerung seien die Reaktionen positiv gewesen. «Die meisten waren froh, dass der Platz saniert wird. Auf dem alten Platz herrschten teils menschenunwürdige Zustände.» So seien die sanitären Anlagen sehr schmutzig gewesen. «Wir wurden früh über die Pläne zur Sanierung des Platzes informiert, in die einzelnen Schritte stets einbezogen, und der Kanton hat die Bevölkerung an einem Informationsabend orientiert.» Caroline Zürcher, Gemeindepräsidentin Wittinsburg (BL) Ganz anders jetzt bei der Besichtigung mit Jonas Wirth und Brigitte Reinhard vom Hochbauamt des Kantons Basel-Landschaft. Jonas Wirth ist Projektleiter der Sanierung, Brigitte Reinhard ist für den Betrieb des Platzes zuständig. Sie zeigt die WCs und Duschen im Sanitärcontainer: Die weissen Fliesen sind sauber, und der Container ist geheizt. Auf einer grösseren überdachten Fläche gleich neben dem Container können die Benutzerinnen und Benutzer verschiedene Arbeiten verrichten. Einmal pro Woche werden die Anlagen geputzt, ein Sicherheitsdienst kontrolliert regelmässig die Anmeldungen und die Bezahlung der Standgebühren. «Wir haben die Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende und über diese die Fahrenden selbst in die Konzipierung des Platzes miteinbezogen», sagt Jonas Wirth. Das war wichtig für gewisse Details: Zum Beispiel liegt der Eingang zum WC auf der von den Wohnwagen abgewandten Seite des Containers. «Die Fahrenden möchten nicht von ihren Vorzelten direkt in die WCs sehen.» Brigitte Reinhard und Jonas Wirth sagen, dass der Platz auf Wunsch der Jenischen und Sinti bewusst einfach gehalten sei. Es gibt nicht mehr Infrastruktur als nötig und auch keine Markierungen am Boden für die Wohnwagen. Die Nutzerinnen und Nutzer organisieren sich selbst rund um die zehn Plätze mit Strom- und Wasseranschluss. «Der Platz ist für uns ein gelungenes Beispiel», sagt Simon Röthlisberger, Geschäftsführer der Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende. Einerseits sei die Zusammenarbeit zwischen Gemeinde und Kanton sehr gut gewesen, andererseits sei die Infrastruktur vorbildhaft. Positiv sei auch, dass der Platz auch im Winter offen sei, dies im Gegensatz zu anderen Durchgangsplätzen. Im Landrat, dem Parlament des Kantons Baselland, war die Sanierung unbestritten. Die budgetierte Summe von 1,21 Millionen Franken für die Sanierung kam mit einer grossen Mehrheit durch. «Die Situation vorher war unkontrolliert, jetzt haben wir hier einen geordneten Betrieb», sagt Jonas Wirth. In der kantonalen Gesetzgebung ist seit 2014 vorgeschrieben, dass es Durchgangs- und Standplätze für Fahrende braucht. Sie sind als nationale Minderheit anerkannt und haben als solche ein Anrecht auf Lebensraum. Derzeit gibt es zwei gesicherte Durchgangsplätze im Kanton Baselland; neben jenem in Wittinsburg noch einen in Liestal. Wie gut der Platz in Wittinsburg genutzt wird, können Jonas Wirth und Brigitte Reinhard noch nicht abschliessend sagen, dafür fehlen derzeit noch verlässliche Zahlen. Gemeindepräsidentin Caroline Zürcher beobachtet, dass er immer öfter gut belegt ist. «Das ist schön, dafür ist er schliesslich da.» Und die Jenischen und Sinti freuen sich, dass ein traditionsreicher Platz erhalten wird. Denn wie die Jenische Marina Birchler sagt, hätten bereits ihre Grosseltern hier gehalten – lange bevor der Kanton 1993 einen offiziellen Platz einrichtete. Nadja Sutter

Adieu, Monsieur Schweizer Gemeinde

Die Gemeinden und Andreas Ladner – das sind 30 Jahre Forschung und Förderung, über akademische Arbeiten und Mandate bis hin zur Lehrtätigkeit. Bereits seine Doktorarbeit an der Universität Zürich widmete sich dem Thema. Während seiner Zeit an der Universität Bern stellte der Politologe sogar ein Dossier zusammen, um Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds für die Gründung eines nationalen Forschungsschwerpunkts zum Thema Föderalismus zu erhalten. Obwohl ein anderes Projekt schliesslich vorgezogen wurde, zeigt die Anfrage Andreas Ladners langjähriges Engagement für die Schweizer Institutionen. Er arbeitete anschliessend ab 2006 beim Institut für öffentliche Verwaltung (IDHEAP) der Universität Lausanne und übernahm 2016 dessen Leitung. Bald wurde er dort zu einem anerkannten Wissenschaftler, der die Westschweizer Perspektive mit seinen detaillierten Kenntnissen der Deutschschweiz verband. Er kombinierte «das Beste aus beiden Welten», wie es der derzeitige Direktor des IDHEAP, Nils Soguel, beschreibt. Andreas Ladner war ein über die Grenzen der Schweiz hinaus anerkannter Experte, insbesondere dank seiner Arbeit zur lokalen Autonomie – einer Studie, die den Grad der Dezentralisierung in 57 Ländern misst. Er war überdies ein gefragter Interviewpartner für die Medien, der Wahlen und Volksabstimmungen scharfsinnig kommentierte. Seine Forschungsarbeit hat «die akademische Landschaft zu den Schweizer Institutionen tiefgreifend geprägt», wobei die Gemeinden sehr häufig im Mittelpunkt seiner Arbeit standen. Eine seiner sinnbildlichen Forschungsarbeiten ist das Schweizer Gemeindemonitoring. Diese Studie wurde seit 1988 in mehreren Erhebungswellen durchgeführt und verfolgt die Entwicklung der Gemeinden im Laufe der Zeit. Sie ist laut Alexander Bastianen von der IDHEAP «eine beeindruckende Datenbasis». Letzterer betont die Verbundenheit zahlreicher Gemeinden mit dieser Umfrage, die trotz einem 18-seitigen Fragebogens stets eine hohe Teilnahmequote aufwies. Diese Untersuchung stelle «einen Wendepunkt» in der Forschung über die kommunale Ebene dar, da sie «die positiven Auswirkungen der kommunalen Autonomie» hervorhebe. Nicht zuletzt haben Andreas Ladners pädagogische Qualitäten mehrere Generationen von Studierenden geprägt. Nils Soguel erinnert sich, wie es «die genaue Kenntnis des Terrains» dem Politologen ermöglichte, auf den ersten Blick trockene Konzepte zu veranschaulichen, indem er sie mit einer Prise Humor versah – immer im Dienste des Lernens. Mit seinem Tod verschwindet eine der zentralen Figuren der Schweizer Politologie. Merci, Andreas. Ein Nachruf von Prof. Nils Soguel, Direktor des IDHEAP, Alexander Bastianen, Diplomassistent und Doktorand im Bereich Verwaltung und Institutionen der IDHEAP, und Manon Röthlisberger, Alumni der IDHEAP und Projektleiterin beim Schweizerischen Gemeindeverband. Manon Röthlisberger

«Wir müssen Barrieren abbrechen»

Vincent Guyon sitzt seit 2020 im Gemeinderat der 500-Einwohner-Gemeinde Rances (VD) und ist der erste Gehörlose der Schweiz, der einen solchen Posten besetzt. Das bedeutet ihm viel: «Es ist eine Ehre und eine Anerkennung für alle Gehörlosen, die den Mount Everest der Politik zu erreichen versuchen.» Der Zugang zu politischen Mandaten ist für Menschen mit einer Behinderung nicht einfach. Vincent Guyon sieht einen Perspektivenwechsel als fundamentale Voraussetzung dafür: Die Motivation und die Wünsche der Kandidierenden müssten im Vordergrund stehen – und nicht, welche Art von Handicap sie haben. Anders gesagt: «Wir müssen Barrieren abbrechen. Wenn ein künftiger Kandidat im Rollstuhl sitzt, sollten die Gemeinden ihm Zugang gewähren – genauso wie sie Hilfsmittel für gehörlose oder blinde Menschen einführen sollten.» «Es ist eine Ehre und eine Anerkennung für alle Gehörlosen, die den Mount Everest der Politik zu erreichen versuchen.» Vincent Guyon, Gemeinderat Rances (VD) Seine Gehörlosigkeit hat in der Gemeinde zu neuen Situationen geführt, zum Beispiel zum Beizug einer Übersetzerin für Ergänzte Laut-Sprache. In Eins-zu-eins-Gesprächen braucht Vincent Guyon keine Übersetzung. Anders sieht es aus bei Sitzungen beispielsweise für Baustellen mit mehreren Personen, denen er als Vorsteher der Abteilung für Bau und Strassen öfters beiwohnen muss, sowie bei Gemeinderatssitzungen. Seine Präsenz im Gemeinderat scheint auch bereits Änderungen angestossen zu haben: So hat die Gemeinde einen taubstummen Arbeiter in der Abfallbewirtschaftung eingestellt. Ein besonders wichtiger Moment in Vincent Guyons bisheriger politischer Karriere war die Verteidigung der Position des Gemeinderates im Gemeindeparlament. «Ich musste vor rund 60 Personen sprechen. Das war mein erster grosser und erfolgreicher Test», erinnert er sich. Im Jahr 2022 hat Vincent Guyon für das Parlament des Kantons Waadt kandidiert. Dieses Jahr hat er entschieden, einen Schritt weiter zu gehen und für den Nationalrat zu kandidieren. Erste politische Erfahrungen auf Bundesebene hat er bereits bei der Vorbereitung der ersten nationalen Behindertensession gesammelt. Er war aktiv in der Kommission, welche die Resolution für mehr politische Teilhabe von Menschen mit einer Behinderung vorbereitete. Diese Resolution wird an der Behindertensession von den Teilnehmenden diskutiert. «Ich hoffe, dass die Resolution durchkommt und Personen mit einer Behinderung in die Gesellschaft integriert werden – gleich wie alle anderen.» Luisa Tringale

Bauen mit Holz: Die frühe Materialwahl ist zentral

Küttigen im Kanton Aargau: Mit rund 6600 Einwohnern eine mittelgrosse Gemeinde, in welcher der Neubau eines Kindergartens ansteht. Küttigen besitzt eine langfristige, nachhaltige Liegenschaftsstrategie, die sich am bestehenden Energieleitbild ausrichtet. Deshalb ist Holz als Baumaterial für den neuen Kindergarten rasch ins Gespräch gekommen. Nachdem Vertreter des Kantons bestätigt hatten, dass ein Bau aus Holz aus technischer Sicht grundsätzlich machbar ist, hat die Gemeinde vertiefte Abklärung beschlossen. Eine wichtige Frage für das Küttiger Projekt war, ob der Forstbetrieb der Gemeinde überhaupt die benötigte Menge Holz liefern kann. Dies konnte rasch bejaht werden, der innovative Forstbetrieb Jura, dem drei Gemeinden angeschlossen sind, hat gerne unterstützt und kann die voraussichtlich benötigten 2200 Kubikmeter Holz aus dem eigenen Revier liefern. Aus einem vorhergehenden Bauprojekt hat die Gemeinde die Lehre gezogen, dass die Materialwahl für ein neues Gebäude möglichst früh getroffen werden muss. Entsprechend wurde bereits im Programm zum Gesamtleistungswettbewerb folgende Formulierung festgehalten: «Ein Holzbau liegt auf der Hand: Holz ist ein Material, das Kindern vertraut ist. Die Gemeinde Küttigen ist auch Waldbesitzerin und dem Forstbetrieb Jura (Densbüren, Erlinsbach, Küttigen, Staatswald Aargau) angeschlossen. Mit der Verwendung von regionalem Holz möchte die Gemeinde Küttigen für Wertschöpfung vor Ort sorgen und einen nachhaltigen Bau erhalten. Ein gutes Raumklima und die Flexibilität des Materials für freie Formen sind weitere Pluspunkte – gerade wenn es um Bauten für Kinder und Jugendliche geht. Der erneuerbare Baustoff Holz sorgt für eine hohe Bauqualität, ersetzt aber auch Materialien mit stärkeren Umweltauswirkungen. Die Gemeinde Küttigen erwartet, dass Holz aus dem eigenen Forst (Forstbetrieb Jura) für den Bau des Kindergartens und der Tagesstruktur verwendet wird. Das Holz wird aus eigenem Wald beigesteuert und vom Anbieter verlangt, dass er dieses gemeindeeigene Holz als Baumaterial einsetzt.» Ausserdem wurde für den Fall, dass das bereitgestellte Holz quantitativ, qualitativ oder zeitlich nicht passend dem jeweiligen Unternehmer bereitgestellt werden kann, eine Ersatzmassnahme vorgesehen. So sollte im Fall der Fälle auf anderes Schweizer Holz zurückgegriffen werden können, mit späterer Abnahme des eigenen Rundholzes ohne zusätzlichen Geldfluss. Dabei handelt es sich um das sogenannte Holz-Kreditsystem. Die Lignum, Dachorganisation der Schweizer Wald- und Holzwirtschaft, erläutert dieses System in der Broschüre «Lignum Compact – Ausschreiben mit Schweizer Holz» . Damit ist sichergestellt, dass die benötigte Menge Schweizer Holz jederzeit zur Verfügung steht. Die Materialwahl am Anfang der Projektierung ist also ein Schlüssel, um mit Schweizer Holz oder eigenem Holz bauen zu können. 2021 ist das revidierte Bundesgesetz über das öffentliche Beschaffungswesen (BöB) in Kraft getreten. Der Qualitätswettbewerb wird unter dem neuen Regime mit Kriterien wie Nachhaltigkeit, Lebenszykluskosten, Innovation, Plausibilität des Angebotes oder Verlässlichkeit des Preises deutlich gestärkt. Neu geht der Zuschlag an das «vorteilhafteste» statt an das «wirtschaftlich günstigste» Angebot. Die Abkehr vom reinen Preiswettbewerb in der öffentlichen Beschaffung steht im Einklang mit dem internationalen Trend hin zu einem Qualitätswettbewerb, der den gesamten Lebenszyklus berücksichtigt. Bei einem Holzbau ist für öffentliche Auftraggeber insbesondere relevant, dass sie gemäss dem Beschaffungsabkommen GPA/WTO gerade bei den Schwellenwerten den Grundsatz der Nichtdiskriminierung beachten. Beim Baustoff können sie aber ausnahmslos immer frei wählen. So haben sie die Möglichkeit, in einem Grundsatzentscheid eine Holzbauweise vorauszusetzen. Wenn der Austausch von Leistung und Gegenleistung innerhalb des gleichen Rechtsträgers stattfindet, handelt es sich um ein Inhousegeschäft. Eine vergaberechtsfreie Vergabeform nach Art. 10 Abs. BöB/IVöB, die nicht zur Ausschreibung kommt, sondern als eine Voraussetzung vom Auftraggeber in der Ausschreibung definiert wird. Eine Gemeinde, die beispielsweise ein Gebäude mit Holz aus dem eigenen Forst baut, erfüllt diese Bedingung. Gleiches gilt für den Bezug über einen von der öffentlichen Hand kontrollierten Leistungserbringer, der kein Marktteilnehmer ist und dem die Gemeinde angehört (zum Beispiel einem Forst- oder Verarbeitungsbetrieb oder einem Zweckverband). Nebst all den rechtlichen Rahmenbedingungen sprechen weiche Kriterien für den Grundsatzentscheid, mit Schweizer Holz zu bauen. Im Falle des neuen Kindergartens in Küttigen war die Stärkung der regionalen Wertschöpfungskette mitentscheidend. Sie kann dank kurzen Wegen beim Materialtransport und der Berücksichtigung lokaler und regionaler Handwerker mit Holz überdurchschnittlich gefördert werden. Ob die Einwohner von Küttigen dem Kindergarten aus Holz ebenfalls positiv gegenüberstehen, wird sich diesen Sommer zeigen. Denn die Gemeindeversammlung im Juni wird entscheiden, ob gebaut wird. Bei der Gemeinde ist die Stimmung vorsichtig optimistisch, denn bisher wurden in der Bevölkerung noch keine ablehnenden Stimmen zum Projekt gehört. Die Küttiger Gemeinderätin Regula Kuhn-Somm spricht im Videointerview über den geplanten Bau: Weitere Informationen: Am 2. Mai 2023 findet in Solothurn die «Tagung nachhaltige öffentliche Beschaffung 2023» der Beschaffungskonferenz des Bundes, der Koordinationskonferenz der Bau- und Liegenschaftsorgane der öffentlichen Bauherren (KBOB), dem Schweizerischen Gemeindeverband, dem Städteverband sowie der Bau-, Planungs- und Umweltdirektoren-Konferenz (BPUK) der Kantone statt. Dort wird unter anderem das Thema «Nachhaltig bauen mit eigenem Holz» im Rahmen des revidierten Beschaffungsrechts vertieft behandelt. Florian Landolt

Der SNBS zahlt sich aus

Da Zofingens Schülerzahlen seit Jahren stetig zunehmen, benötigt die Stadt im Kanton Aargau zusätzlichen Schulraum. Zudem ist vorgesehen, dass die Schülerinnen und Schüler der Real- und Sekundarschule von Brittnau und Strengelbach ab dem Schuljahr 2027/2028 nach Zofingen wechseln. Daher hat sich die Stadt für ein neues Schulgebäude auf dem Bezirksschulareal entschieden, das zusammen mit der bestehenden Bezirksschule als Oberstufenzentrum betrieben werden soll. Um mehrere Lösungsvorschläge zu erhalten, führte die Stadt Zofingen einen Studienwettbewerb durch. Das Siegerprojekt sieht vor, im Bereich der bestehenden Bezirksschulturnhallen ein Schulhaus zu realisieren. Das vierstöckige Gebäude mit einer Geschossfläche von rund 10 175 Quadratmetern bietet Platz für 26 bis 29 Schulzimmer, 13 Gruppenräume und eine Dreifachturnhalle im Untergeschoss. Vorgesehen sind auch Räume für den Fachunterricht, die Lehrerschaft, die Schulleitung sowie Aufenthalts- und Aufgabenzimmer für Schülerinnen und Schüler. Den Mittelpunkt des Gebäudes bilden zwei Innenhöfe, die sich über zwei Ebenen erstrecken. Zofingen besitzt seit 2007 das Label Energiestadt und baut nach Minergie. Neben den Vorgaben für die Energietechnik sollte das Grossprojekt Oberstufenzentrum aber auch weiteren Nachhaltigkeitskriterien genügen. «Nachdem wir uns gemeinsam mit Fachexperten verschiedene Labels angesehen hatten, hatten wir das Gefühl, dass der SNBS Hochbau inhaltlich am besten unseren Vorstellungen entspricht», erklärt Mireille Muchenberger, Projektleiterin Hochbau der Bauverwaltung Zofingen. Da die Stadt zu den ersten Schweizer Gemeinden gehört, die einen Bildungsbau nach dem SNBS Hochbau zertifizieren lassen wollten, wurde ihr Oberstufenzentrum beim Netzwerk Nachhaltiges Bauen Schweiz (NNBS) – gemeinsam mit neun weiteren kommunalen Bildungsbauten – als Pilotprojekt geführt. «Für uns ist das neue Schulgebäude ebenfalls ein Pilot, und zwar für andere städtische Bauten», so Mireille Muchenberger. Es soll mit einer Erdsondenwärmepumpe beheizt werden, die im Sommer der passiven Raumkühlung dient. Zudem werden die Räume kontrolliert be- und entlüftet. Für Strom sorgt eine Fotovoltaikanlage auf der gesamten Dachfläche. Überschüssiger Strom lässt sich für andere Schulgebäude des Areals verwenden. «Zofingen hat viele Schulgebäude, und daher kennen wir die altersbedingten Unterschiede in deren Unterhalts- und Betriebskosten. Dort sehen wir grosses Einsparpotenzial», betont Mireille Muchenberger. Hinzu komme, dass sich bei Schulbauten immer wieder lehrplanbedingte Änderungen der erforderlichen Räume und Infrastruktur ergäben. Die Trennwände zwischen den Unterrichtszimmern und Gruppenräumen ohne tragende Funktion werden daher allesamt aus Holz gestaltet. So sind sie herausnehmbar, und der Schulraum bleibt für die Zukunft flexibel. Für das Vorprojekt wurde die edelmann energie ag aus Zürich als Nachhaltigkeitsplaner hinzugezogen. Bei der ersten Konformitätsprüfung im Rahmen des SNBS-Zertifizierungsprozesses konnte die Stadt eruieren, wo das Bauprojekt noch Optimierungspotenzial besitzt. «Soweit dies möglich war, haben wir versucht, diese Punkte nachzubessern. Aspekte, die die Umgebung des Schulgebäudes betreffen, also Strassen, die Erschliessung und die Entfernung zum Bahnhof, sind aufgrund der Lage des Schulareals nicht mehr änderbar», erläutert Muchenberger. «Dennoch haben wir versucht, auf dem Gelände selbst die Zugänglichkeit für Fussgänger und Velofahrende zu verbessern. Das Gute am SNBS Hochbau ist, dass man Spielraum erhält, eigene Lösungen zu erarbeiten, weil fehlende Punkte zu einem Kriterium durch mehr Massnahmen für ein anderes kompensiert werden können», betont Muchenberger. Als Nachhaltigkeitsexperte weist das Büro edelmann energie die Planer der einzelnen Gewerke darauf hin, was es in der jeweiligen Bauphase zu beachten gilt. Die Gesamtentwicklung des Gebäudes muss von den Planern sowie vom Bauamt dokumentiert und in einem zweistufigen Prozess bei der SNBS-Zertifizierungsstelle nachgewiesen werden. Edelmann übernimmt für die beiden Konformitätsprüfungen die Eingabe der Daten im SNBS-Onlinetool und bildet den Ansprechpartner für die Zertifizierungsorganisation, den Verein Minergie. Auch die Einbindung der Nutzenden musste vom Bauamt belegt werden. Denn die Partizipationsmassnahmen werden ebenfalls beim SNBS Hochbau bewertet. «Diese haben sich gelohnt, weil wir so wertvolle Denkanstösse erhalten haben», konstatiert Muchenberger. «Wenn Beteiligte zum richtigen Prozesszeitpunkt ihre Bedürfnisse einbringen können, stehen sie ausserdem später besser hinter dem neuen Bauprojekt», resümiert die Projektleiterin Hochbau. «Das Gute am SNBS Hochbau ist, dass man Spielraum erhält, eigene Lösungen zu erarbeiten, weil fehlende Punkte zu einem Kriterium durch mehr Massnahmen für ein anderes kompensiert werden können.» Mireille Muchenberger, Projektleiterin Hochbau, Bauverwaltung Zofingen (AG) «Der SNBS Hochbau hilft, ein Bauprojekt auf viele hilfreiche Aspekte zu durchleuchten, und macht wichtige Stellschrauben sichtbar», ergänzt Andreas Edelmann, Leiter des Ingenieurbüros. Auch bei der Ausführung der Installationen erhofft sich die Stadt Zofingen einen Mehrwert vom SNBS Hochbau. «Wir werden sicher sehen, dass sich vieles einfacher machen lässt und dadurch auch günstiger im Unterhalt ist», so Muchenberger. «Wir sind überzeugt, das richtige Label gewählt zu haben.» Yvonne Kiefer-Glomme

Stadt Uster: nachhaltig beschaffte Infrastruktur

Marcel Kauer: Wie viele andere hörte ich vom neuen Standard, nahm ihn aber erst mit dem Inkrafttreten des neuen Bundesgesetzes über das öffentliche Beschaffungswesen richtig wahr. Die Menge seiner Kriterien schien mir indes zu gross für unsere städtischen Projekte, sodass ich ihn zu einer auf die Stadt Uster zugeschnittenen, leichter zu bearbeitenden Version anpassen liess. Natürlich, diese sind uns wichtig. Wir bewerten die Eingaben derzeit anhand von vier Kriterien, nämlich der Dauer der Baustelle, der Minimierung der CO 2 -Emissionen, dem Umgang mit Unfallrisiken und dem Datenmanagement. Wir begannen mit dem Bau eines Rad-/Gehwegs und gewichteten das Zuschlagskriterium Nachhaltigkeit einmal nur mit zehn Prozent. Zudem liessen wir Unternehmervarianten zu. So erhielten wir Alternativvorschläge, die Verbesserungen erbrachten. Dadurch ermutigt, gewichten wir die Nachhaltigkeit seither mit dreissig Prozent. Damit ist ein hoher Anreiz gegeben, sich mit dem Thema intensiv auseinanderzusetzen. Vordergründig ja, aber die umfassende Betrachtung der Projekte bewirkt substanzielle Einsparungen bei der Ausführung und später auch beim Unterhalt. Wir nehmen uns genügend Zeit, die Angebote auszuwerten sowie um zwischen Vergabe und Baubeginn mit allen Beteiligten die einzelnen Projektschritte nochmals zu optimieren. Es ist noch etwas früh für quantitative Aussagen. Wir bekommen aber sicher nachhaltigere und damit bessere Lösungen. Die Beschäftigung mit dem neuen Thema regt zudem Innovationen an und löst auf beiden Seiten einen Lernprozess aus. Dies macht auch unseren Beruf wieder spannender und attraktiver. Martin Grether

Das Centovalli und sein Masterplan für eine nachhaltige Entwicklung

Die peripher gelegenen Talregionen im Tessin leiden unter einem konstanten Rückgang an Einwohnerinnen und Einwohnern. Die Gemeinde Centovalli bildet da keine Ausnahme. «In zehn Jahren haben wir 80 Einwohner verloren, das sind etwa 7 Prozent unserer Bevölkerung», sagt Gemeindeschreiber Axel Benzonelli, den wir in Intragna treffen. Die Geburtenbilanz ist seit Jahren negativ. Nach der Fusion von Intragna mit Palagnedra und Borgnone im Jahr 2009 hatte die Gemeinde Centovalli rund 1200 Einwohner, jetzt sind es nur noch 1120. Mit dem Rückgang einher geht ein kontinuierlicher Anstieg des Durchschnittsalters. 40 Prozent der Bevölkerung sind über 60 Jahre alt. Eines der Ziele des Masterplans Centovalli ist es, diesen Trend umzukehren. Unter dem strategischen Ziel «Leben im Centovalli» finden sich nachhaltige und dauerhafte Strategien, um die Attraktivität der Gemeinde als Wohn- und Arbeitsort zu steigern. «Wenn nur zwei junge Familien mit Kindern pro Jahr neu zuziehen würden, wäre das schon ein Erfolg», sagt Benzonelli. Die Ursprünge des Masterplans liegen in der Neuen Regionalpolitik des Bundes (NRP), die Anfang 2008 in Kraft getreten ist und das alte Bundesgesetz über Investitionshilfen in Berggebieten (LIM) ersetzt hat. Für die Umsetzung sind die Kantone zuständig, die ein Achtjahresprogramm erarbeiten. Im Rahmen seines Umsetzungsprogramms hat der Kanton Tessin eine Reihe von Massnahmen zur Neupositionierung der Randgebiete ausgearbeitet, darunter jeweils einen lokalen Entwicklungsplan, den sogenannten Masterplan. Die Gemeinde Centovalli ist der Projektträger des Masterplans Centovalli. Die konkrete Umsetzung ist der «Ente Autonomo Centovalli» anvertraut. Im März 2020 begann die Umsetzung. «Rund 130 Projekte sind derzeit im Masterplan Centovalli enthalten», erklärt Koordinatorin Ottavia Bosello. Sie zählt einige Initiativen auf, die bereits verwirklicht wurden: den touristischen Info-Point an der zentralen Piazza von Intragna, die Schaukeln «Swing the World», den Centovalli-Energie-Weg, die Instandsetzung der Mehrzweckhalle von Intragna-Golino, die gemeinsame Veranstaltungsplattform der Region ( www.agendaeventi.ch ), die Sitzbänke für Mitfahrgelegenheiten, den Rundweg Tenero–Centovalli–Locarno/Tenero. Letzterer sieht einen Shuttlebus vor, der während der Tourismussaison von Tenero aus Wanderer nach Porera (oberhalb von Ronco s/Ascona) bringt, um ihnen eine Höhenwanderung und die Rückkehr zum Ausgangspunkt mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu ermöglichen (Seilbahn Verdasio–Rasa und Centovallina-Bahn). Die neuen Informationstafeln für das Centovalli, Onsernonetal und die Terre di Pedemonte (Cavigliano, Verscio, Tegna) befinden sich in einem fortgeschrittenen Stadium der Realisierung, ebenso wie ein neues Wanderangebot zwischen Bosco Gurin und Brissago sowie eine Schatzsuche für Familien in Intragna. Ein weiteres wichtiges Projekt ist laut Koordinatorin Bosello die Instandsetzung des Wanderwegs zwischen Palagnedra und Moneto. Diese Initiative erhielt den mit 20 000 Franken dotierten Schweizer Postpreis 2022. Die Nachhaltigkeit der Projekte zeigt sich in der Landschaftspflege, der Vernetzung der Projekte und natürlich in der Förderung des öffentlichen Verkehrs. Das Centovalli hat diesbezüglich einen grossen Vorteil, da das Tal von der Meterspurbahn Centovallina erschlossen wird, die Locarno und Domodossola verbindet und 2023 ihr 100-jähriges Bestehen feiert. Dazu kommen noch die Seilbahnen Verdasio–Rasa und Verdasio–Comino. Die im Masterplan enthaltenen Projekte haben sowohl öffentlichen als auch privaten Charakter. Ottavia Bosello unterstützt als Koordinatorin die Projektträger in den verschiedenen Stadien ihrer Vorhaben, indem sie ihnen eine spezifische Beratung anbietet. Die Hilfestellung reicht von der Entwicklung und Ausarbeitung einer Idee über die Kreation von Synergien unterschiedlicher Initianten bis zur Ausarbeitung eines Businessplans und zur Suche nach Finanzen. Die finanziellen Zuwendungen für einzelne Projekte laufen über Stiftungen oder die öffentliche Hand – auf der Grundlage von spezifischen Gesetzen. So ergibt sich ein breites und vielfältiges Spektrum an Initiativen. Neben den bereits vorgestellten Projekten sind die Förderung lokaler Aktivitäten und Veranstaltungen, aber auch die Renovation von Alphütten (Corte Nuovo) oder wichtiger historischer Gebäude (Palazzo Tondü) zu erwähnen. Über die Einzelinitiativen hinaus ist es wichtig, die Landschaft und das Territorium zu pflegen und zu erhalten. Das ist nicht immer einfach, denn das Gebiet weist einen hohen Anteil an Zweitresidenzen auf. Die Gemeinde Centovalli hat festgestellt, dass die Erben von Rustici die Bausubstanz häufig nicht mehr pflegen. Dächer stürzen ein. «In einigen Fällen müssen wir den Abriss anordnen», meint Gemeindeschreiber Benzonelli. Trotz dem Masterplan ist die Zukunft des Centovalli ungewiss. Es braucht Ideen, Finanzen und vor allem Menschen, um die Projekte zu realisieren. Alle diese Komponenten sind heute nicht in ausreichendem Mass vorhanden. «Kreativität und Mut sind nötig, um Ideen und Projekte zu entwickeln», sagte Giacomo Garzoli, Präsident des Dachverbands «Ente Regionale per lo Sviluppo del Locarnese e Vallemaggia» (ERS-LVM), anlässlich der Bilanz der ersten zwei Jahre des Masterplans Centovalli im Oktober 2022. Benzonelli betont seinerseits, dass es nützlich wäre, «über mehr finanzielle Mittel in Form von Subventionen zu verfügen, nicht in Millionenhöhe, sondern bescheidene Beträge, die helfen würden, kleine Projekte zu realisieren». Denn die Gemeinde Centovalli verfügt über ein jährliches Investitionsbudget von nur 400 000 Franken. Nach Abzug der notwendigen Investitionen für den Unterhalt und die Instandsetzung der Infrastruktur bleibt nicht viel übrig, um die verschiedenen Initiativen aus eigener Kraft zu unterstützen. Gerhard Lob

LED plus intelligente Steuerung sparen Strom und Geld

Sicherheit auf Strassen und Trottoirs, angenehme Aufenthaltsqualität, die schmucke Altstadt zur Geltung bringen und gleichzeitig Energie sparen: All das muss eine kommunale Aussenbeleuchtung heute leisten. Auch Burgdorf (BE) stellte sich dieser Herausforderung: Seit Anfang 2023 erhellen in der Altstadt keine FL-Röhren und Hochdruckentladungslampen mehr die Nacht, sondern eine energieeffiziente LED-Beleuchtung. Der Wechsel zu LED ist mittelfristig auch andernorts kaum vermeidbar: Aufgrund neuer Vorschriften dürfen die allermeisten bisherigen Leuchtmittel bis in zwei Jahren nicht mehr importiert oder verkauft werden (vgl. Kasten), wobei energieeffiziente Hochdruckentladungslampen weiterhin zugelassen sind. Ein weiterer Vorteil von LED besteht darin, dass die Technologie zielgerichtet einen spezifischen Bereich erhellt und somit der Lichtverschmutzung entgegenwirkt. Im Gegensatz zur Leuchtstofflampe hat LED eine hohe Schaltfestigkeit, was bedeutet, dass häufiges Ein- und Ausschalten ihre Lebensdauer nicht verringert. Als weiterer Pluspunkt bringt sie direkt nach dem Einschalten 100 Prozent Helligkeit. «Der Umweltaspekt spielte in Burgdorf bei der Planung eine zentrale Rolle», erklärt Hans-Jörg Riesen, Leiter Tiefbau in der Baudirektion Burgdorf: «Einerseits war der Energieverbrauch der Aussenbeleuchtung früher unverhältnismässig hoch.» Anderseits habe man eine starke Lichtverschmutzung registriert, weil konventionelle Leuchten viel Streulicht abgaben – im Gegenzug wurde die Fahrbahn ungenügend erhellt, da die Leuchten an die Hauswände anstelle des Bodens strahlten. Zusätzlich waren für die bereits mehrere Jahrzehnte alte Installation keine Ersatzteile mehr erhältlich, was den Unterhalt zunehmend verunmöglichte. Schliesslich gab es auch ganz banale technische Gründe: Die Fassadenverankerungen der Spannseile, mit denen die Leuchten über den Strassen platziert wurden, waren brüchig und damit ein Sicherheitsrisiko. Der Wechsel zu LED entlastet zudem das Gemeindebudget. Zwar kosteten Planung und Umsetzung die Gemeinde 1,8 Millionen Franken. Doch das jährlich realisierte Sparpotenzial ist erheblich und setzt sich aus zwei Schritten zusammen: Einerseits wurde mit der Umstellung von der bisherigen FL-Röhren- und der vereinzelten Quecksilberdampflampen-Technologie auf LED eine Energieeinsparung von rund 40 Prozent oder jährlich 16 000 Kilowattstunden erreicht. Andererseits konnten mit der Installation einer intelligenten Steuerung weitere 70 Prozent Energie eingespart werden, indem Burgdorf auf das Förderprogramm Optilight setzte. Dieses optimiert vorwiegend im Innen-, aber auch im Aussenraum Beleuchtungsanlagen, die überdimensioniert sind und deren Sensorik nicht optimal eingestellt ist. Das trifft laut Stefan Bormann aktuell noch allzu oft auch auf neue LED-Beleuchtungen zu. Der unabhängige Lichtplaner, der den Prozess begleitete und dokumentierte, zum Vorgehen: «Dank einem Absenkprofil kann die Steuerung optimiert und die Beleuchtung an die Verkehrsfrequenz angepasst werden.» Im Fall von Burgdorf spart man weitere 19 000 Kilowattstunden pro Jahr, der prognostizierte Verbrauch sinkt auf knapp 6000 Kilowattstunden gegenüber mehr als 41 000 Kilowattstunden vor der Sanierung. «Dank einem Absenkprofil kann die Steuerung optimiert und die Beleuchtung an die Verkehrsfrequenz angepasst werden.» Stefan Bormann, unabhängiger Lichtplaner Eine zusätzliche Herausforderung war, die neuen Leuchten so anzupassen, dass sie einerseits die historischen Fassaden hervorheben und ein angenehmes Raumgefühl schaffen, aber dennoch Rücksicht auf die Anwohner nehmen. Das gelang, indem sowohl die Strassenbeleuchtung als auch die Fassadenaufhellung getrennt gesteuert und konfiguriert werden. Ausserdem müssen die neuen Leuchten unabhängig ansteuerbar sein. Die gesamten Arbeiten, vom Entwurf bis zur Umsetzung, nahmen eineinhalb Jahre in Anspruch, das gesamte Projekt vier. «Neu kommunizieren die Lampen in der Burgdorfer Altstadt miteinander über eine intelligente Steuerung: Mit einem Sensor, ähnlich wie ein Bewegungsmelder, registriert die Leuchte beispielsweise ein heranfahrendes Fahrrad. Erreicht dieses den Aktivitätsradius der Lampe, steigt die Lichtintensität automatisch. Zudem wird ein Signal zur nächsten Lampe weitergegeben – die ebenfalls heller wird. Somit geht das Licht nur dort an, wo es benötigt wird», erläutert Stefan Bormann. 2021 bewilligte der Stadtrat das Projekt, im April 2022 begannen die Bauarbeiten. «Das Ziel war von Anfang an, die Beleuchtung optimal den Bedürfnissen anzupassen. Die Beleuchtung soll einerseits die historischen Fassaden hervorheben und ein angenehmes Raumgefühl schaffen, anderseits Rücksicht auf die Anwohnerinnen und Anwohner nehmen», erklärt Philipp Hert, Leiter der Luminum GmbH, die das Projekt betreute. Eine Herausforderung war es, den historischen Gebäuden gerecht zu werden. Die Anwohner und Eigentümer mussten über das Vorgehen und die Möglichkeiten der komplexen Beleuchtung aufgeklärt werden. Hert: «Licht ist ein emotionales Thema, das individuell wahrgenommen wird. Das macht es herausfordernd, da im öffentlichen Raum viele verschiedene Interessen vorhanden sind.» Diese Interessen gilt es natürlich möglichst zu berücksichtigen, doch nur 5 der 120 betroffenen Burgdorfer Eigentümer hatten Einwände zu Blendwirkung, Schaltzeiten und optischen Veränderungen an der Fassade. Hans-Jörg Riesen von der Baudirektion bilanziert: «Ich hatte mit mehr Diskussionsbedarf gerechnet – die schlanke Umsetzung ist ein voller Erfolg.» Anna Rosenthaler , Pieter Poldervaart

Nachhaltig und klimaangepasst bauen

Die Anforderungen an nachhaltige Gebäude sind hoch, denn es gilt, sehr viele Themen unter einen Hut zu bringen und zukünftige Entwicklungen und Anforderungen zu antizipieren. Wer nach den Grundsätzen der Nachhaltigkeit bauen will, muss folglich auch Naturgefahren möglichst früh in der Planung berücksichtigen, wenn der Handlungsspielraum am grössten ist. Im Alpenland Schweiz mag man bei Naturgefahren zuerst an Steinschlag oder Lawinen denken. Doch drei Viertel aller Gebäudeschäden gehen auf Hagel, Sturm und Starkregen zurück. Diese Gefahren können auch im Mittelland jederzeit auftreten, mit fortschreitendem Klimawandel noch häufiger und intensiver als heute. Umso mehr müssen bei der Planung von Neu- und Umbauten Lösungen gefunden werden, um Gebäude und Infrastruktur bestmöglich auch den in Zukunft zu erwartenden Einwirkungen anzupassen. Gemäss den Klimaszenarien für die Schweiz CH2018 ist von einer deutlichen Zunahme der Häufigkeit und Intensität der Starkregenereignisse auszugehen – die zunehmende Versiegelung des Bodens und Verdichtung der Siedlungen verstärkt die Problematik zusätzlich. Nicht unmittelbar versickerndes Regenwasser fliesst als sogenannter Oberflächenabfluss auf dem Boden ab. Wenige Zentimeter Wasser an einer kritischen Stelle genügen, um ein Untergeschoss zu fluten. Etwa jeder zweite Überschwemmungsschaden an Gebäuden ist auf Oberflächenabfluss zurückzuführen und nicht auf ausufernde Bäche, Flüsse und Seen. Deshalb lohnt sich ergänzend zu den kantonalen Gefahrenkarten ein Blick auf die schweizweit verfügbare «Gefährdungskarte Oberflächenabfluss». Sie zeigt die bevorzugten Fliesswege im Fall eines lokalen Starkregens auf. Ausserdem wird ersichtlich, dass zwei von drei Gebäuden in der Schweiz potenziell davon betroffen sind. Nur wer die Gefahren und deren Konsequenzen kennt, kann sich gut dagegen schützen. Es gibt wirksame konzeptionelle und konstruktive Lösungen für naturgefahrensichere Gebäude. Werden Naturgefahren bereits früh im Projekt berücksichtigt, lassen sich Neubauten meist ohne Mehrkosten schützen. Werden Schutzmassnahmen allerdings zu spät eingeplant, können erhebliche Mehrkosten entstehen; denn ein ungünstiger Entwurf lässt sich selbst mit hohem Zusatzaufwand nicht mehr retten. Dies gilt besonders für die Erdbebensicherheit und den Hochwasserschutz. Bauliche Schutzmassnahmen sind oft einfach umsetzbar. Gut in den architektonischen Kontext eingebettete Hochwasserschutzmassnahmen, etwa in Form höhergelegter Öffnungen und Zugänge, sind kaum als solche erkennbar und schützen zuverlässig. Können Tiefgarageneinfahrten nicht permanent mit baulichen Vorkehrungen geschützt werden, eignen sich technische Massnahmen, die ohne menschliches Zutun funktionieren, zum Beispiel automatische Klappschotts. Ein Klappschott besteht im Wesentlichen aus einem erdverlegten Tank und einer mechanischen Klappe. Wenn Wasser in den Tank einläuft, wird die Klappe direkt von selbst geschlossen. Denn im Ernstfall reicht meist die Zeit nicht, um Dammbalken und Sandsäcke einzusetzen. Beim Hochwasserschutz wird durch die Norm SIA 261/1 eine permanente Lösung sogar vorgeschrieben. Aus Gewittern entstehen häufig lokale Starkregen, die zudem starke Windböen und oft auch Hagel mit sich bringen. Ein einzelner Hagelzug kann binnen Minuten grossflächig Schäden an Dächern und Fassaden verursachen, wobei leichte und spröde Materialien besonders anfällig sind. Gefahren wie Hagel, denen man räumlich nicht ausweichen kann, entgegnet man am besten mit einer widerstandsfähigeren Gebäudehülle. Wirksamen Schutz bieten beispielsweise hagelgeprüfte Bauprodukte gemäss Hagelregister . Die konstruktionsbedingt besonders verletzlichen Storen haben den Vorteil, dass sie im Ereignisfall aus dem Gefahrenbereich gebracht werden können. «Storen hochziehen!», lautet die Präventionsbotschaft. Das geht heute auch vollautomatisch mit IoT (Internet of Things), nämlich dem Warnsystem « Hagelschutz – einfach automatisch » der Vereinigung Kantonaler Gebäudeversicherungen. Damit ruft die Gebäudesteuerung alle zwei Minuten die neuste Hagelprognose ab und fährt bei akuter Hagelgefahr sämtliche Storen temporär hoch – das Schadenpotenzial reduziert sich somit auf null. Ein ähnliches System zum Schutz vor Wind ist in Entwicklung, wobei Windmessungen aus der Umgebung helfen sollen, Böen früh zu erkennen und die Storen rechtzeitig hochzuziehen. Solche Massnahmen können die Lebensdauer von Bauteilen verlängern und somit Ressourcenverschleiss, Umtriebe und Kosten reduzieren. Naturgefahren frühzeitig in die Planung miteinzubeziehen, ist ein zentrales Element der Nachhaltigkeit am Bau. Ein nachhaltiger Umgang mit Naturgefahren setzt voraus, dass Risiken systematisch analysiert und bewertet werden. Letztlich geht es um die Frage, wie viel Schutz ein bestimmtes Objekt braucht. Alle involvierten Akteure müssen sich die Fragen stellen, was passieren darf und was nicht. So kann es sich beispielsweise lohnen, die Schutzziele für besonders intensiv genutzte Gebäude noch höher anzusetzen, um einen Betriebsunterbruch zu verhindern. Ein bewusster Dialog auf dem Weg zum akzeptierten Risiko und klimaangepassten Gebäude ist das Ziel. Bauherrschaften, Architekten und Fachplaner werden dabei von diversen Normen, Wegleitungen und Planungshilfen unterstützt. In Bezug auf den Schutz vor Naturgefahren ist der Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz (SNBS) Hochbau vorbildlich: Sich auf die Normen SIA 261 und SIA 261/1 abstützend, berücksichtigt der SNBS Hochbau 2.1 alle Naturgefahren gleichermassen umfassend wie pragmatisch. Ein interaktives Bewertungstool auf www.schutz-vor-naturgefahren.ch/snbs führt durch die relevanten Fragen und macht Vorschläge für Schutzmassnahmen. Informationen: Informationsplattform Gebäudeschutz vor Naturgefahren SNBS-Indikator 204.2 «Naturgefahren und Erdbebensicherheit» Online-Bewertungshilfe für SNBS-Indikator «Naturgefahren und Erdbebensicherheit» Benno Staub

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