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Wohnräume für Menschen auf der Flucht

Die bestehenden Lösungen für Asylsuchende in Fehraltorf (ZH) waren nicht mehr tragbar und belasteten die Gemeindekasse stark. Wie Christof Bögli, Gemeinderat mit dem Ressort Vorstand Bau- und Liegenschaften, berichtet, war der bestehende Containerbau stark sanierungsbedürftig und musste wegen des Ausbaus der Abwasserreinigungsanlage weichen; zudem mietete die Gemeinde verschiedene Wohnungen, um die Menschen unterzubringen. «Die Kosten für die gemieteten Wohnungen nahmen ein immer grösseres Ausmass an, sodass wir uns gezwungen sahen, nach einer neuen, tragfähigeren und vor allem langfristigen kostengünstigeren Lösung zu suchen.» Aus dieser Notsituation heraus entstand das Projekt für einen Holzmodulbau, der 2020 auf dem Grundstück «Undermüli», das im Besitz des Zweckverbandes ARA Fehraltorf-Russikon ist, realisiert wurde. Der kompakte vierstöckige Wohnbau bietet für mindestens 44 Personen in Zweierzimmern Platz. Bei rückläufigen Asylquoten werden die Wohnräume auch weiteren hilfsbedürftigen Personen wie Sozialhilfeempfängern in Not zur Verfügung stehen. Der Neubau soll möglichst flexibel auf unterschiedliche Bedürfnissituationen reagieren können. Deshalb wurde bei den Grundrissen der Wohnungen auf die Adaptierbarkeit der Wohnungsgrössen für Klein- oder Grossfamilien sowie für Wohngemeinschaften Wert gelegt. Über zuschaltbare Zimmer können so die Wohnungen zu 2-Zimmer-Wohnungen verkleinert oder zu 4-Zimmer-Wohnungen vergrössert werden. Dies mit einer Belegung von jeweils zwei bis sechs Personen pro Wohnung. «Dank der flexiblen Einteilung lässt sich die Aufnahmekapazität der Wohnungen je nach Bedarf sogar verdoppeln», ergänzt Christof Bögli. Weiter wurden unterschiedliche Aufenthaltsbereiche geschaffen, um das Zusammenleben möglichst angenehm zu gestalten. Bei den Schlafzimmern wurde ein Schrankmöbel als Raumtrennung konzipiert, was eine minimale Privatsphäre ermöglicht und gleichzeitig Stauraum bietet. Für die gemeinschaftlich genutzten Räume wurden zudem drei Metallcontainer der ehemaligen Wohnsiedlung versetzt. Sie bilden gemeinsam mit einem kleinen Holzpavillon einen Begegnungsort für die Geflüchteten und die Anwohnenden. «Dank der flexiblen Einteilung lässt sich die Aufnahmekapazität der Wohnungen je nach Bedarf sogar verdoppeln.» Christof Bögli, Gemeinderat Fehraltorf (ZH) Die Kosten für das Modulgebäude belaufen sich laut Christof Bögli auf rund 3,6 Millionen Franken. «Fürs Erste hat sich die Situation für unsere Gemeinde somit entschärft. Trotzdem kommen wir zurzeit nicht darum herum, weitere Wohnungen zu mieten, weil eine Durchmischung zusammen mit einer hohen Belegungsdichte von Frauen, Männern, Kindern und verschiedenen Ethnien im gleichen Haus nicht in jedem Fall sinnvoll ist.» Als Ergänzung zum neuen Modulgebäude mietete die Gemeinde aktuell ein leer stehendes Pfarrhaus. Ausserdem besteht laut Christof Bögli die Möglichkeit, das Modulgebäude bei Bedarf zu erweitern. Dies sei im Moment jedoch nicht geplant. In Fiesch (VS) stellen die Gemeinde und das Sport Resort zusammen mit dem Eigentümer des Gebäudes «Rosentirli», dem Roten Kreuz in Luxemburg, eine Unterkunft für ukrainische Flüchtlinge zur Verfügung. Das Gebäude stand bisher leer und sollte verkauft werden – allerdings ohne Erfolg. «Das Rote Kreuz in Luxemburg gab uns die Erlaubnis, das Gebäude für Flüchtlinge zu nutzen. Nun bietet das Haus Platz für bis zu 60 Personen», berichtet Bruno Margelisch, Gemeindepräsident von Fiesch. Pro Person und Nacht wird dem Roten Kreuz ein Franken als Unkostenbeitrag überwiesen; dies ergibt aktuell 42 000 Franken pro Jahr. Die Kosten werden laut Bruno Margelisch vom Kanton gedeckt. «Für uns als Gemeinde ist dies eine gute Lösung.» Bruno Margelisch, Gemeindepräsident Fiesch (VS) «Für uns als Gemeinde ist dies eine gute Lösung», zeigt sich der Gemeindepräsident überzeugt. Auf diese Weise könne das leer stehende Gebäude sinnvoll genutzt werden. Weil ausschliesslich Frauen und Familien mit Kindern im Gebäude wohnen, habe es aus der Bevölkerung kaum Widerstand oder Kritik gegenüber dem Projekt gegeben. Inzwischen sind offenbar auch Frauen und Familien aus Afghanistan und der Türkei im «Rosentirli» untergebracht. Den Geflüchteten werden im Flüchtlingsheim und im Sport Resort Praktikums- und Arbeitsstellen angeboten, zum Beispiel in der Reinigung oder in der Küche. Die Arbeitseinsätze werden durch den Kanton begleitet. Laut Barbara Moosmann, Direktorin vom Sport Resort Fiesch, funktioniert die Zusammenarbeit gut. Fabrice Müller

Integration: Das erfolgreiche Modell der St. Galler Gemeinden

Im Kanton St. Gallen ist die Gemeindeautonomie im Asylbereich sehr gross; die Gemeinden sind direkt zuständig für die Unterbringung und Integration der Flüchtlinge. Um diese Aufgabe besser bewältigen zu können, insbesondere auch die Erstunterbringung der Flüchtlinge mit Bleiberecht, haben sich die Gemeinden zusammengeschlossen. Der TISG bietet nicht nur Unterstützung, sondern auch Fachwissen. Alle 75 St. Galler Gemeinden sind bei uns Mitglied. Der TISG ist zuständig für die Zuweisungen der Flüchtlinge aus den Zentren auf die Gemeinden. Wir bedienen die Gemeinden zudem mit Informationen in Bezug auf das Asylwesen allgemein, aber auch zu einzelnen Personen. Die Zusammenarbeit ist sehr eng und basiert auf gegenseitigem Vertrauen. Der TISG hat sehr schlanke Strukturen und schnelle Entscheidungswege, weshalb wir sehr schnell reagieren konnten. Wir haben in den letzten drei Jahren unsere Kapazitäten in den Erstunterbringungszentren versechsfacht und rasch ein neues Zentrum für ukrainische Flüchtlinge eröffnen können. Teils bieten uns Gemeinden Unterbringungsmöglichkeiten an, teils Private. Wenn Anfragen von Privaten kommen, informieren wir als Erstes die Gemeinde. Sie sind schliesslich unsere Mitglieder und müssen einverstanden sein. Eine sorgfältige Kommunikation mit der Gemeinde und der Bevölkerung ist sehr wichtig – das heisst nicht, dass es keinen Widerstand gibt, aber es erhöht die Erfolgschancen. Das stimmt, und es ist tatsächlich schwierig, angemessene Wohnungen für die Flüchtlinge in den Gemeinden zu finden. Mit unseren Zentren für die Erstunterbringung haben wir wichtige Puffer, wenn nicht sofort eine Wohnung gefunden werden kann. Ja, das hat gut funktioniert. Wir setzen auf eine enge Zusammenarbeit mit privaten Partnern und eine marktnahe Struktur. Bei einer grösseren Nachfrage reagieren die Anbieter rasch, oder neue Anbieter springen ein. 2024 ging die Zahl der Gesuche zurück, das hat etwas geholfen, die Lage zu entspannen. Wenn die Gesuche noch einmal stark zunehmen würden, würde es für uns aber schwierig. Man muss bedenken: Die Asylsuchenden durchlaufen zunächst die Strukturen des Bundes und der Kantone, aber am Ende sind sie in den Gemeinden und bleiben bei einem Bleibeentscheid auch langfristig da – nicht selten ihr ganzes Leben lang. «Die Asylsuchenden durchlaufen zunächst die Strukturen des Bundes und der Kantone, aber am Ende bleiben sie in den Gemeinden.» Claudia Nef, Geschäftsführerin Trägerverein Integrationsprojekte St. Gallen Für die St. Galler Gemeinden würden das finanzielle Einbussen von rund 42 Millionen Franken ab 2028 bedeuten. Die Sparmassnahmen würden das fragile Gleichgewicht der verschiedenen Staatsebenen im Asylbereich in Schieflage bringen. Der Vorschlag bedeutet eine Lastenverschiebung zu den Gemeinden. Dieser Vorschlag ist nicht nachhaltig. Die Investition in die Bildung ist enorm wichtig. Rund zwei Drittel der Asylsuchenden sind unter 30 Jahre alt. Je prekärer ihre Jobs sind, desto schneller fallen sie aus dem Arbeitsmarkt und sind auf Sozialhilfe angewiesen: Wenn jemand als Erntehelfer in der Landwirtschaft arbeitet, wird er oder sie das kaum bis zur Pensionierung tun können. Mit guten Deutschkenntnissen und einer Berufsausbildung sind die Chancen viel höher, dass jemand länger im Arbeitsmarkt bleibt und nicht auf Sozialhilfe angewiesen ist. Nicht zuletzt profitiert davon auch die Gesellschaft als Ganzes. Nadja Sutter

Menschen aus der Isolation holen und zusammenbringen

«In Renens heissen wir seit langem viele Menschen aus der ganzen Welt willkommen“, sagt Stadtpräsident Jean-François Clément. Heute sind die Hälfte der über 22'300 Einwohnerinnen und Einwohner von Renens Menschen aus anderen Regionen der Welt. «Diese multikulturelle Seite ist unsere DNA», fügt Clément bei. Mitte Februar 2025 lebten in Renens 112 Personen, die den Status S haben, also Menschen, die vor dem Krieg in der Ukraine geflüchtet sind. Renens will keine Bevölkerungsgruppe gegenüber den andern zu bevorzugen. Das sehen auch andere Gemeinden im Kanton Waadt so wie Yverdon-les-Bains. Die Stadt am Neuenburgersee verfügt wie Renens für alle Neuankömmlinge gleichermassen über eine breite Palette von Integrationsprojekten und -massnahmen. Das kantonale Waadtländer Aufnahmezentrum für Migranten EVAM (Etablissement Vaudois d’Accueil des Migrants) ist zuständig für die Unterstützung von Asylsuchenden, Personen mit Status S und vorläufige Aufgenommenen. Dies betrifft unter anderem Unterkunft, Arztkosten und finanzielle Hilfen. Im Hinblick auf die Integration von schutzsuchenden Personen arbeiten die Gemeinden mit den EVAM-Wohnheimen zusammen Mehrere Gemeinden im Kanton Waadt wie Yverdon-les-Bains und Renens haben eine kommunale Integrationspolitik. Einer der wichtigsten Faktoren für eine erfolgreiche Integration ist die Kenntnis der lokalen Sprache. Neben Sprachkursen von zahlreichen Vereinen, die sich für Migranten einsetzen, bietet Yverdon-les-Bains im Juli täglich Französischkurse am Strand an, die sehr beliebt sind. Diese Kurse für rund 80 Personen richten sich an ein breites Migrationspublikum und manchmal nehmen auch Schweizer daran teil. 2022 war fast die Hälfte der Teilnehmenden Ukrainerinnen und Ukrainer, 2024 waren es 20%. Das Projekt steht in erster Linie den Einwohnern von Yverdon-les-Bains offen. Je nach verfügbaren Plätzen können auch Personen aus den Nachbargemeinden teilnehmen. «Die Idee ist, die Kurse ausserhalb von Schulen zu organisieren, weil einigen Menschen ein Klassenzimmer Angst machen kann», erklärt Mike Magnin, Integrationsbeauftragter von Yverdon-les-Bains. Der Unterricht kann auch zur sozialen Integration beitragen. «Es ist ein Moment der Begegnung, und um die Menschen aus der Isolation zu holen», fügt Magnin an. «Die Idee ist, die Kurse ausserhalb von Schulen zu organisieren, weil einigen Menschen ein Klassenzimmer Angst machen kann.» Mike Magnin, Integrationsbeauftragter von Yverdon-les-Bains (VD) Um das Zusammenleben zu fördern, arbeitet Yverdon-les-Bains seit drei Jahren auch mit dem Kulturfestival La Dérivée zusammen, das im Juli am Strand stattfindet. Damit können die Schülerinnen und Schüler nach dem Unterricht gratis ans Festival gehen. Die Menschen aus der Isolation zu holen, ist auch ein Anliegen in Renens, wo viele von der Stadt unterstützte Organisationen Aktivitäten anbieten und sich darum bemühen, die Menschen zusammenzubringen. So organisiert auch Renens, zusammen mit der Nachbargemeinde Prilly, während des Sommers Französischkurse im Freien. Die Bibliothek Globlivre in Renens verleiht Bücher in fast 300 Sprachen, darunter Ukrainisch, während der Verein Découvrir Migranten und auch ukrainischen Flüchtlingen bei der Anerkennung ihrer Diplome hilft. Und Nyon stellt beispielsweise dem Verein Vdoma Räumlichkeiten zu Verfügung, wo sich ukrainische Familien treffen können. Verschiedene kantonale und kommunale Strukturen sind miteinander verknüpft. So finanziert das kantonale Büro für die Integration von Ausländern und die Prävention von Rassismus (BCI) in Renens, Yverdon, Nyon und Lausanne Integrationsprojekte, wie in Renens das Projekt ‘Sur le Chemin de l’école’. «Dieses kostenlose Projekt richtet sich an fremdsprachige Kinder im Vorschulalter oder an Kinder, die keine Kindertagesstätte besuchten», erläutert Sara Schenker, Projektbeauftragte für Integration von Renens. Es fördert die Selbstständigkeit und die Sozialisierung durch den Kontakt mit anderen Kindern. Zudem machen sich die Kinder mit der französischen Sprache vertraut. Annegret Mathari

Mit der ständigen Unsicherheit leben

«Was macht man, wenn man an einem fremden Ort ist, eingesperrt und voller Unsicherheit? Rausgehen!» Die Antwort liegt für Bruno Arrigoni, Stadtpräsident von Chiasso (TI), auf der Hand. Es waren vor allem junge Menschen aus Afghanistan oder afrikanischen Ländern, die im Sommer 2023 in seiner Stadt umherzogen und die Aufmerksamkeit der nationalen Medien auf sich zogen. Willy Lubrini, ein ehemaliger Fussballer und eine bekannte Persönlichkeit im Mendrisiotto, gründete darauf 2024 den Verein «Mendrisiotto Regione Aperta», der den Asylsuchenden mit Erfolg ein Programm bietet: Sport, Kochkurse, Kino oder Spaziergänge. Aber nicht alle Tessiner Gemeinden sind auf diesem Kurs. Im Gegenteil: Im März plante der Kanton, 40 Asylsuchende vorübergehend in einem leer stehenden Hotel in Rovio in der Region Lugano unterzubringen. Die 800 Einwohnerinnen und Einwohner der Gemeinde lancierten aber eine erfolgreiche Petition, die Asylsuchenden mussten darauf im ganzen Kanton verteilt werden. «Wir reden hier über Menschen, nicht über irgendwelche Dinge. Aber ich muss auch meine verärgerten Bürger ernst nehmen.» Bruno Arrigoni, Stadtpräsident von Chiasso (TI) Nora Hesse

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