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Frauenverein Igis: eine ernst zu nehmende Stimme in der Gemeinde

Als der Frauenverein Igis 1933 gegründet wurde, war der Auftrag klar: der Unterhalt des Kindergartens und die Bezahlung der Kindergärtnerin. Die Frauen strickten dafür, organisierten Guezliverkäufe und Lotterieveranstaltungen. Heute ist der Kindergarten längst in der Verantwortung der Gemeinde. Doch der Frauenverein existiert noch immer, und seine Mitglieder machen viel mehr als stricken. Sie übernehmen wichtige Aufgaben für die Gemeinschaft in Igis, einem Ortsteil der Gemeinde Landquart (GR). «Wir sind kein Plauschverein, sondern unterstützen da, wo es Lücken im System hat», sagt Präsidentin Katharina Hoppeler. Sie übt diese Funktion seit rund zehn Jahren aus. «Meine Mutter war bereits Mitglied», erzählt sie. «Als ich zurück nach Igis zog, hat sie mich darauf aufmerksam gemacht, dass der Frauenverein Vorstandsmitglieder sucht.» Katharina Hoppeler und einige weitere Frauen machten sich daran, das Angebot anzupassen. «Es ist wichtig, sich an den Bedürfnissen der Mitglieder zu orientieren. Sind die Strukturen zu starr und formalisiert, ist es schwierig, Nachwuchs zu finden.» Heute ist der Frauenverein Igis mit rund 400 Mitgliedern der grösste Frauenverein in Graubünden und einer der grössten der Schweiz. Er richtet sich an verschiedene Zielgruppen: Junge Familien profitieren von der Krabbelgruppe, der Kinderkleiderbörse und dem Kinderturnen. Dazu gibt es Kurse wie Yoga oder Klangschalenmeditation und regelmässige Vorträge, in denen berufstätige Frauen aus ihrem Alltag erzählen. In der ReparierBar werden Gegenstände geflickt, und die Essbar verteilt gratis Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden können, aber noch gut sind. Ein Highlight für die Seniorinnen und Senioren ist der monatliche Seniorenzmittag. Und diese Auflistung umfasst nur einen Teil des Angebots. Wie stemmt der Verein im 3700-Seelen-Dorf all diese verschiedenen Aufgaben? Katharina Hoppeler erklärt: «Wir sind in verschiedene Gruppen unterteilt, die sehr selbstständig agieren: etwa eine Gruppe für den Krabbeltreff, eine andere fürs Seniorenzmittag und wieder eine für die Essbar. Die Gruppenleiterinnen sind jeweils einem Vorstandsmitglied unterstellt.» Durch diese Strukturen und eine gute Vernetzung können die Mitglieder rasch Projekte auf die Beine stellen. Das hat sich besonders in der Zeit der Covid-Pandemie bewährt. Als die Gemeinde anklopfte, organisierte der Frauenverein innert kürzester Zeit eine Nachbarschaftshilfe. «Seither werden wir nicht mehr belächelt, sondern als ernst zu nehmende Stimme in der Gemeinde wahrgenommen.» 2023 wurde der Frauenverein überdies für sein Engagement mit dem Prix Benevol des Kantons Graubünden ausgezeichnet. Der Verein finanziert sich selbst durch verschiedene Aktionen wie die Kinderkleiderbörse oder den Verkauf von Capuns und erhält keine direkte finanzielle Unterstützung der Gemeinde. «Weil wir weder ein Sport- noch ein Kulturverein sind, fehlt die gesetzliche Grundlage dafür», erklärt Katharina Hoppeler. Wie die anderen Vereine der Gemeinde kann er jedoch Räumlichkeiten gratis nutzen, und ist Mitglied der IG Vereine der Gemeinde, die mehrmals pro Jahr Netzwerktreffen organisiert. 2020 wurde Katharina Hoppeler, damals bereits Vereinspräsidentin, in den Gemeindevorstand von Landquart gewählt. «In meiner Tätigkeit für die Gemeinde profitiere ich enorm von meinen Erfahrungen und meinem Netzwerk des Frauenvereins», sagt sie. Dies auch, weil im Verein noch immer frühere Präsidentinnen aktiv sind, die ebenfalls politisch tätig waren – und eine Art Mentorinnen für die Jüngeren sind. «Wir Frauen sind füreinander da.» Die Aktivmitgliedschaft und gewisse Aktivitäten des Frauenvereins sind denn auch nach wie vor Frauen vorbehalten. Doch Männer können Passivmitglieder werden und helfen auch in diversen Gruppen mit. Katharina Hoppeler möchte das Präsidium nach zehn Jahren demnächst abgeben. Sie blickt zuversichtlich in die Zukunft: Der Vorstand hat sich in den letzten Jahren verjüngt, und durch die Aktivitäten für junge Familien fördert der Verein aktiv den Nachwuchs. Die Angebote und Kurse erfreuen sich im Dorf grosser Beliebtheit – und der Frauenverein ist in den letzten Jahren sichtbarer geworden. «Er war schon früher immer da, aber kaum jemand wusste, dass er hinter gewissen Aktivitäten steckte», sagt Katharina Hoppeler. Mit der konsequenten Platzierung des Logos auf Flyern und eigenen T-Shirts und Jacken tritt der Frauenverein heute selbstbewusster auf. «Die Identifikation der Frauen mit ihrem Verein ist stark.» «Die Identifikation der Frauen mit ihrem Verein ist stark.» Katharina Hoppeler, Präsidentin Frauenverein Igis (GR) Nadja Sutter

«Vereine gehören zur DNA der Schweiz»

Genaue Angaben zur Zahl der Vereine in der Schweiz gibt es nicht, da diese nicht zentral erfasst werden. Studien zeigen aber, dass die Zahl der Vereine sowie das freiwillige Engagement in den letzten Jahren stabil geblieben sind. In der Schweiz sind die Rahmenbedingungen für die Rechtsform Verein so attraktiv, dass viele Vereine gegründet werden. Das heisst aber nicht, dass es nicht Verschiebungen gibt: Vereine fusionieren, und andere, deren Angebot nicht mehr dem Zeitgeist entspricht, lösen sich auf. Während manche Vereine florieren, haben andere Mühe, sich zu finanzieren oder genügend Freiwillige zu finden. Eine sehr grosse. Der letztjährige Freiwilligen-Monitor hat gezeigt, dass sich in der Schweiz rund fünf Millionen Menschen, die über 15 Jahre alt sind, freiwillig engagieren und dabei 590 Millionen freiwillige Arbeitsstunden leisten. Würde man diese Arbeit mit einem Stundenansatz von 50 Franken bezahlen, entspräche das einer Summe von 30 Milliarden Franken – also einem Drittel des Bundesbudgets. Vereine gehören zur DNA der Schweiz: Von der Geburt in einem vereinsgeführten Geburtshaus bis zur im Verein organisierten Sterbebegleitung begleiten sie uns unser ganzes Leben lang. Sie sind zentral für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Studien zeigen, dass freiwillig engagierte Menschen auch eher in der Politik aktiv werden. Vereine stärken somit nicht nur das Gemeinschaftsgefühl, sondern auch die demokratischen Institutionen. Und da sie sehr nahe an den Menschen sind, können sie den Gemeinden Befindlichkeiten in der Bevölkerung aufzeigen. Ich kann nicht für alle Gemeinden sprechen. Wir beobachten aber, dass die Zusammenarbeit zwischen grossen Städten und ihren Vereinen eher formalisiert ist, während man sich auf dem Land kennt und die Wege kürzer sind. In den Agglomerationen sind die Leute sehr mobil, und die Städte mit ihrem grossen Angebot sind nah – da ist es für die Vereine herausfordernd, an die Leute zu gelangen, und ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu schaffen. Wertschätzung zu zeigen, ist zentral. Dies kann zum Beispiel mit einem jährlichen Anlass für die Vereine oder einer Preisverleihung geschehen. Aber auch finanzielle Unterstützung ist wichtig, ebenso die Bereitstellung von Infrastruktur für die Vereine. Auch in der Kommunikation können Gemeinden helfen, beispielsweise indem sie Vereinen Sichtbarkeit in der Gemeindezeitung, auf der Website oder in den Aushangkästen verleihen. Sie können entlasten und ergänzen, indem sie Leistungen anbieten, die nicht im Aufgabenkatalog einer Gemeinde enthalten sind oder die die Gemeinde selbst nicht übernehmen kann. In solchen Fällen hat sich eine einfache, gemeinsam aufgesetzte Leistungsvereinbarung bewährt. Sie gibt sowohl der Gemeinde als auch dem Verein Sicherheit. «Mit starken Vereinen können wir zahlreichen Herausforderungen unserer Zeit die Stirn bieten.» Fanni Dahinden, Leiterin der Fachstelle Vitamin B Vereine und Gemeinden haben teilweise sehr unterschiedliche Abläufe und dadurch auch eine andere Sprache. Das kann zu Missverständnissen führen. Auch abrupte Wechsel können zu Konflikten führen, wenn zum Beispiel eine langjährige Ansprechperson bei der Gemeinde weggeht und jemand Neues kommt. Oder wenn Reglemente geändert werden, ohne dass die Vereine sich vorgängig einbringen konnten und ihr Aufwand dadurch grösser wird. Eine Kommunikation auf Augenhöhe mit gegenseitiger Wertschätzung hilft, ebenso wie klare Strukturen, Transparenz und feste Ansprechpersonen: Sowohl die Gemeinde als auch Vereine sollten wissen, wer wofür zuständig ist und wen sie bei Anliegen kontaktieren können. Gemeinden können zudem koordinieren und die Vereine untereinander vernetzen. So kann zum Beispiel verhindert werden, dass die Musikgesellschaft und der Turnverein am gleichen Wochenende ein grosses Fest organisieren. Ich wünschte mir, dass es in jeder Gemeinde ein Ressort für «gesellschaftlichen Zusammenhalt» gibt, das Vereine unterstützt und inspiriert. Mit starken Vereinen können wir zahlreichen Herausforderungen unserer Zeit die Stirn bieten: der zunehmenden Polarisierung, Individualisierung und Einsamkeit. Nadja Sutter

Integration: Das erfolgreiche Modell der St. Galler Gemeinden

Im Kanton St. Gallen ist die Gemeindeautonomie im Asylbereich sehr gross; die Gemeinden sind direkt zuständig für die Unterbringung und Integration der Flüchtlinge. Um diese Aufgabe besser bewältigen zu können, insbesondere auch die Erstunterbringung der Flüchtlinge mit Bleiberecht, haben sich die Gemeinden zusammengeschlossen. Der TISG bietet nicht nur Unterstützung, sondern auch Fachwissen. Alle 75 St. Galler Gemeinden sind bei uns Mitglied. Der TISG ist zuständig für die Zuweisungen der Flüchtlinge aus den Zentren auf die Gemeinden. Wir bedienen die Gemeinden zudem mit Informationen in Bezug auf das Asylwesen allgemein, aber auch zu einzelnen Personen. Die Zusammenarbeit ist sehr eng und basiert auf gegenseitigem Vertrauen. Der TISG hat sehr schlanke Strukturen und schnelle Entscheidungswege, weshalb wir sehr schnell reagieren konnten. Wir haben in den letzten drei Jahren unsere Kapazitäten in den Erstunterbringungszentren versechsfacht und rasch ein neues Zentrum für ukrainische Flüchtlinge eröffnen können. Teils bieten uns Gemeinden Unterbringungsmöglichkeiten an, teils Private. Wenn Anfragen von Privaten kommen, informieren wir als Erstes die Gemeinde. Sie sind schliesslich unsere Mitglieder und müssen einverstanden sein. Eine sorgfältige Kommunikation mit der Gemeinde und der Bevölkerung ist sehr wichtig – das heisst nicht, dass es keinen Widerstand gibt, aber es erhöht die Erfolgschancen. Das stimmt, und es ist tatsächlich schwierig, angemessene Wohnungen für die Flüchtlinge in den Gemeinden zu finden. Mit unseren Zentren für die Erstunterbringung haben wir wichtige Puffer, wenn nicht sofort eine Wohnung gefunden werden kann. Ja, das hat gut funktioniert. Wir setzen auf eine enge Zusammenarbeit mit privaten Partnern und eine marktnahe Struktur. Bei einer grösseren Nachfrage reagieren die Anbieter rasch, oder neue Anbieter springen ein. 2024 ging die Zahl der Gesuche zurück, das hat etwas geholfen, die Lage zu entspannen. Wenn die Gesuche noch einmal stark zunehmen würden, würde es für uns aber schwierig. Man muss bedenken: Die Asylsuchenden durchlaufen zunächst die Strukturen des Bundes und der Kantone, aber am Ende sind sie in den Gemeinden und bleiben bei einem Bleibeentscheid auch langfristig da – nicht selten ihr ganzes Leben lang. «Die Asylsuchenden durchlaufen zunächst die Strukturen des Bundes und der Kantone, aber am Ende bleiben sie in den Gemeinden.» Claudia Nef, Geschäftsführerin Trägerverein Integrationsprojekte St. Gallen Für die St. Galler Gemeinden würden das finanzielle Einbussen von rund 42 Millionen Franken ab 2028 bedeuten. Die Sparmassnahmen würden das fragile Gleichgewicht der verschiedenen Staatsebenen im Asylbereich in Schieflage bringen. Der Vorschlag bedeutet eine Lastenverschiebung zu den Gemeinden. Dieser Vorschlag ist nicht nachhaltig. Die Investition in die Bildung ist enorm wichtig. Rund zwei Drittel der Asylsuchenden sind unter 30 Jahre alt. Je prekärer ihre Jobs sind, desto schneller fallen sie aus dem Arbeitsmarkt und sind auf Sozialhilfe angewiesen: Wenn jemand als Erntehelfer in der Landwirtschaft arbeitet, wird er oder sie das kaum bis zur Pensionierung tun können. Mit guten Deutschkenntnissen und einer Berufsausbildung sind die Chancen viel höher, dass jemand länger im Arbeitsmarkt bleibt und nicht auf Sozialhilfe angewiesen ist. Nicht zuletzt profitiert davon auch die Gesellschaft als Ganzes. Nadja Sutter

Zwei Familien, die sich gefunden haben

Anna Meier* hat gerade verschiedene Packungen mit Getreide aus der Küche geholt: Haferkleie, Buchweizen und Dinkel. Gemeinsam mit Nina* versucht sie, das deutsche Wort für ein ukrainisches Getreidegericht herauszufinden. Es gelingt ihnen nicht restlos – aber man sieht beiden an, dass ihnen das Fachsimpeln über die Sprache Freude macht. Sie sprechen Französisch miteinander, eine Sprache, die die Familie Meier* gut beherrscht und Nina* an der Universität studiert hat. Die Ukrainerin wohnt mit ihrem Mann Igor* und den beiden Kindern seit Anfang März im obersten Stock des Hauses der Meiers* in Hagendorn (ZG). Ihren Nachnamen möchten die Geflüchteten lieber nicht in der «Schweizer Gemeinde» lesen. Aber sie erzählen von ihrer Reise in die Schweiz und dem Zusammenleben mit der Gastfamilie. Dass Nina* und Igor* in Hagendorn gelandet sind, ist reiner Zufall. Als Russland die Ukraine angriff, weilte Igor* für seine Arbeit im Ausland. Nina* und die Kinder reisten bald aus dem ostukrainischen Charkiw zu ihm, und über Umwege gelangten sie nach Norditalien zu Verwandten. Dort konnten sie jedoch nicht bleiben. Sie meldeten sich im nahe gelegenen Chiasso im Bundesasylzentrum an. Danach ging alles schnell. Nur gerade drei Tage war die Familie im Zentrum in Chiasso, bis sie an die Gastfamilie vermittelt worden war und zu ihr zog. Den Schutzstatus S erhielt sie innerhalb weniger Tage; die Kinder konnten bereits nach weniger als einer Woche im Kanton Zug zur Schule gehen. «Am Freitagmorgen haben wir das Formular in der Schule abgegeben, am Dienstag konnten die Kinder zur Schule gehen», erinnert sich Anna Meier*. Mittlerweile haben Nina* und Igor* Arbeit gefunden, über Freunde der Meiers*. Sie betreuen geflüchtete ukrainische Kinder mit Beeinträchtigungen an einer Schule in der Nähe. Nina* hat bereits in der Ukraine als Lehrerin für Kinder mit Beeinträchtigungen gearbeitet. «Ich bin sehr froh, dass wir arbeiten können», sagt sie. Für die Familie Meier* war rasch klar, dass sie sich als Gastfamilie zur Verfügung stellen möchte. «Der Krieg hat uns sehr bewegt», erzählt Anna Meier*. «Wir haben uns gesagt: Warum nicht, wir haben den Platz, um Geflüchtete aufzunehmen.» Die Meiers* haben zuvor bereits im Ausland gelebt, haben Erfahrungen mit WGs und gern Leute um sich. Die Familie registrierte sich bei Campax, einer Organisation, die mit der Schweizerischen Flüchtlingshilfe zusammenarbeitet. Rund drei Wochen dauerte es, bis der Bescheid kam, dass eine passende Familie gefunden wurde. «Diese Zeit war gut, so konnten wir uns vorbereiten», sagt Anna Meier*. «Unsere Tochter hat mir gerade heute gesagt, dass sie es cool findet, andere Leute zu Hause zu haben», sagt Peter Meier*. Es passt auch, weil die Kinder von Nina* und Igor* im selben Alter sind wie die Kinder der Meiers* – während des Besuchs der «Schweizer Gemeinde» bemalen die beiden Töchter zusammen Vasen. Und auch die Eltern verstehen sich gut. «Nach dem ersten Abend habe ich zu meinem Mann gesagt: Das ist eine Familie genau wie wir, nur dass sie in Charkiw gelebt hat und wir hier. Es ist wirklich ein Glücksfall.» Ein Glücksfall war für die beiden Familien auch der Kontakt mit den Behörden. «Es ging alles sehr schnell und war relativ unkompliziert», sagt Anna Meier*. Die Familien erhielten nach wenigen Tagen Besuch von der Caritas Luzern, die im Kanton Zug Gastfamilien betreut. «In unserem Fall gibt es keine Probleme, aber es ist sicher gut, eine Ansprechperson ausserhalb der Familie zu haben, falls es zu Unstimmigkeiten kommen sollte.» Jetzt ergeben sich für die Familien aber neue Fragen. Wie ist es zum Beispiel mit den Versicherungen, jetzt wo Nina* und Igor* Arbeit gefunden haben? «Die Gemeinde Cham hat uns eben gerade eine konkrete Ansprechperson zugeteilt, und wir hoffen, dass sie uns dabei unterstützen kann», sagt Anna Meier*. Die beiden Familien schlossen im Vorfeld einen Vertrag zum Zusammenleben ab. Zu Konflikten kam es bisher aber kaum. «Wir sind Erwachsene und können miteinander sprechen», sagt Nina*. Anna Meier* fügt hinzu: «Wir lassen einander auch einfach machen.» Das sei wichtig, denn die Gewohnheiten sind teils doch anders. Gerade beim Essen, wie Nina* mit einem Lachen sagt. Die Ukrainerinnen und Ukrainer haben nicht viel für Schweizer Birchermüesli und Konfibrot zum Frühstück übrig. Bei ihnen isst man salzig am Morgen: zum Beispiel Reis oder Spaghetti. Anna Meier* hat angefangen, Ukrainisch zu lernen, um besser mit der Familie kommunizieren zu können. Bis sie nach einigen Wochen gemerkt hat: Nina* und Igor* sprechen gar nicht Ukrainisch, sondern Russisch miteinander. So wie viele Ukrainerinnen und Ukrainer aus dem Osten des Landes. Beide sprechen aber ebenfalls Ukrainisch – und Anna Meier* verfolgt ihre Sprachstudien vorerst weiter. Trotz der guten Zeit, welche die Familien miteinander verbringen: Nina* und Igor* möchten so bald wie möglich wieder nach Hause. «Wir haben eine Katze und einen Hund, aber die mussten wir bei meinen Eltern lassen, es wäre sonst zu kompliziert geworden», sagt Nina*. Und sie erinnert sich daran, dass sie noch zwei Christbäume in der Wohnung stehen hat. Sie lässt sie immer gerne lange stehen und wollte mit deren Entsorgung warten, bis Igor* aus dem Ausland zurückgekehrt war. Doch dann brach der Krieg aus. «Ich weiss wirklich nicht, in welchem Zustand wir unsere Wohnung antreffen werden, wenn wir zurückkommen», sagt sie. Nina* hält auch an ihrem Psychologiestudium fest. Wegen der Covid-Pandemie hat sie dieses bereits online begonnen und kann nun von der Schweiz aus damit weiterfahren. Die Professoren sind noch immer in Charkiw. «Manchmal höre ich bei einer Vorlesung Explosionen im Hintergrund», sagt sie. «Die Professoren sagen uns, wir sollen dranbleiben, wenn die Internetverbindung unterbricht. Sie haben ein Notfall-Wifi eingerichtet.» Sie fügt an: «Unsere Professoren sind die wahren Helden.» Sie ist überzeugt: Mit dem Krieg gibt es in der Ukraine einen grossen Bedarf an Psychologinnen und Psychologen. «Wir haben Projekte für die Zukunft. Aber momentan nehmen wir jeden Tag so, wie er kommt. Wir müssen uns immer wieder neu anpassen.» *Die Namen wurden auf Wunsch der Beteiligten nach der Veröffentlichung des Artikels anonymisiert. (17.12.2024) Nadja Sutter

Münchenstein: Erstes kommunales Reglement für Behindertenrechte

Wie kann eine Gemeinde Menschen mit Behinderungen aktiv einbeziehen und Barrieren abbauen? Mit dieser Frage hat sich die Gemeinde Münchenstein (BL) in den letzten Monaten intensiv beschäftigt. Sie ist die erste Gemeinde, die ein Reglement zur Umsetzung des Behindertenrechtegesetzes des Kantons Basel-Landschaft erarbeitet hat; dies mit Unterstützung des Kantons und Experten der Universität Basel. Das kantonale Gesetz, das im Januar 2024 in Kraft getreten ist, fordert ein solches Reglement von den Gemeinden. Doch warum gerade Münchenstein? Das Thema Inklusion ist der Gemeinde nahe, nicht zuletzt weil sich in Münchenstein eine heilpädagogische Schule befindet. Die Gemeinde ist zudem ziemlicher Durchschnitt, nicht sehr gross, aber auch nicht klein, nicht reich, aber auch nicht arm. Und: Bei der Verwaltung und den Behörden ist eine gewisse Offenheit vorhanden. Das sagt Markus Schefer, Professor für Staats- und Verwaltungsrecht an der Uni Basel und Mitglied des UNO-Ausschusses für die Rechte von Menschen mit Behinderungen, der sowohl an der Ausarbeitung des kantonalen Gesetzes als auch des kommunalen Reglements beteiligt war. So hat Münchenstein seit Längerem eine Hörschlaufe für Menschen mit Hörbehinderungen im Gemeindeversammlungssaal installiert, die Website der Gemeinde ist möglichst barrierefrei gestaltet und ein Grossteil der öV-Haltestellen der Gemeinde sind behindertenfreundlich. Kernstück des neuen Reglements ist eine Behindertenkommission, die sich demnächst konstituieren und die am 1. Juli ihre Arbeit aufnehmen wird. Neben Gemeindevertretern werden darin Vertreterinnen und Vertreter von Organisationen und Institutionen Einsitz nehmen sowie Personen mit Behinderungen. Die Kommission berät den Gemeinderat, macht auf Missstände aufmerksam und gibt Verbesserungsvorschläge ab. Sie kann sich grundsätzlich zu allen Lebensbereichen und zum gesamten Autonomiebereich der Gemeinde einbringen: von der Raumplanung über die Kommunikation bis hin zu öffentlichen Infrastrukturen und weiteren Themen. «Menschen mit Behinderungen sollen sich einbringen können und eine Stimme erhalten.» Stefan Friedli, Geschäftsleiter Gemeinde Münchenstein (BL) «Die Kommission erhält ein grosses Gewicht, denn der Gemeinderat muss dokumentieren, welche Eingaben gemacht wurden, und der Öffentlichkeit Rechenschaft ablegen, welche Massnahmen umgesetzt wurden oder eben nicht», sagt der Münchensteiner Geschäftsleiter Stefan Friedli. Dazu gehört auch, andere Gemeinwesen wie den Kanton oder Private auf deren Verantwortung aufmerksam zu machen, wenn die Gemeinde nicht zuständig ist. «Menschen mit Behinderungen sollen sich einbringen können und eine Stimme erhalten», fasst Stefan Friedli zusammen. Jennifer Bohler, Projektmitarbeiterin beim Kanton, fügt an: «Gemeinden und Kanton sind verpflichtet, die gleichberechtigte Teilhabe in allen Lebensbereichen sicherzustellen. Durch die Kommission werden Prioritäten für die etappierte Umsetzung auf Gemeindeebene geschaffen.» Die Zusammenarbeit am Reglement erlebten die Beteiligten von Gemeinde, Kanton und Uni Basel als sehr bereichernd. «Die Lernkurve war für uns sehr steil. Wir mussten lernen, sehr konkret zu werden», erinnert sich Stefan Friedli. Markus Schefer lobt die Beteiligten: «Zentral ist die Offenheit gegenüber Anliegen von Menschen mit Behinderungen. Hier war ein starkes Engagement zu spüren.» Die Zusammenarbeit sei eine grosse Chance für die Gemeinde gewesen, ergänzt Gemeindepräsidentin Jeanne Locher. «Gemeinden und Kanton sind verpflichtet, die gleichberechtigte Teilhabe in allen Lebensbereichen sicherzustellen.» Jennifer Bohler, Projektmitarbeiterin Kanton Basel-Landschaft Mitte März hat der Gemeinderat das Reglement der Gemeindeversammlung vorgelegt, die es mit grosser Mehrheit angenommen hat. Eines der Dokumente zum Geschäft war in Leichter Sprache verfasst. «Wir hatten im Vorfeld mit Reaktionen darauf gerechnet, aber tatsächlich wurde die Kommunikation in Leichter Sprache sehr gut aufgenommen», sagt Stefan Friedli. Auf Basis des Münchensteiner Reglements erarbeiten Kanton und Universität Basel nun ein Musterreglement, das allen anderen Baselbieter Gemeinden als Vorlage für ihr eigenes Reglement dienen kann. «Natürlich können auch ausserkantonale Gemeinden die Grundidee des Musterreglements übernehmen», sagt Markus Schefer. «Allerdings müssen sie die konkrete Ausgestaltung anpassen, da sich diese am Kanton Basel-Landschaft orientiert.» Münchenstein ist stolz auf das Reglement. Gemeindepräsidentin Jeanne Locher: «Für mich gehört es einfach zum Leben in Münchenstein, die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen ernst zu nehmen. Das gehört schliesslich zu den Menschenrechten.» «Für mich gehört es einfach zum Leben in Münchenstein, die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen ernst zu nehmen.» Jeanne Locher, Gemeindepräsidentin Münchenstein (BL) Informationen: Link zum Münchensteiner Reglement Nadja Sutter, zvg/Gemeinde Münchenstein

Neues Gesetz zur Kinderbetreuung im Kanton Schwyz

Erwerbstätige Eltern mit tiefem bis mittlerem Einkommen, deren Kinder in einer Kita, in einer schulergänzenden Betreuung oder in einer Tagesfamilie betreut werden, erhalten im Kanton Schwyz neu eine finanzielle Unterstützung. Das sieht das neue Gesetz zur Kinderbetreuung vor, das per 1. Juni 2024 in Kraft tritt. Die Höhe des finanziellen Beitrags richtet sich nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Eltern und wird pro Kind bezahlt. Ob die Eltern ihre Kinder in der eigenen Gemeinde oder ausserhalb betreuen lassen, spielt dabei keine Rolle. Kanton und Gemeinden teilen sich die Kosten für die finanzielle Unterstützung hälftig. In der Verordnung sind auch Qualitätsstandards festgehalten, welche die Betreuungseinrichtungen erfüllen müssen. Die «Schweizer Gemeinde» hat bei Irène May, Gemeindepräsidentin von Ingenbohl (SZ) und Vorstandsmitglied des Schweizerischen Gemeindeverbands, nachgefragt, was das neue Gesetz für die Schwyzer Gemeinden bedeutet. Irène May: Das Gesetz stärkt die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und macht die Schwyzer Gemeinden damit zu attraktiveren Wohn- und Arbeitsorten. Zudem werden die Kinder im Sinne der Chancengleichheit und der Integration gefördert. Für die Gemeinden bedeutet das Gesetz auch Mehraufwand: Einerseits finanzieller Art, da wir die Hälfte der Beiträge an die Eltern übernehmen. Andererseits auch administrativer Art. Der Kanton geht von jährlichen Kosten in der Höhe von 5,73 Millionen Franken aus. Die Gemeinde Ingenbohl mit ihren rund 9000 Einwohnerinnern und Einwohnern rechnet in der Startphase mit jährlich rund 130 000 Franken an Betreuungsbeiträgen an Eltern. Zusätzlich werden noch Kosten für ein vom Kanton vorgeschriebenes einheitliches Informationssystem zur Abwicklung der Gesuche anfallen. Im Gemeindegebiet gibt es zwei Kitas, die von Dritten betrieben werden und die durch die Gemeinde unterstützt werden. Dies mittels Leistungsvereinbarungen für Plätze, die durch Ingenbohler Kinder besetzt sind. Zudem bietet die Gemeinde einen Mittagstisch zu einem sehr günstigen Preis sowie eine kurze Nachmittagsbetreuung nach der Schule, die gratis besucht werden kann, an. Unabhängig vom neuen Gesetz haben wir eine Analyse des aktuellen Angebots durch ein spezialisiertes Büro vorgenommen. Diese hat ergeben, dass das aktuelle Angebot für die familienergänzende Kinderbetreuung im Vorschulalter dem Bedarf entspricht. Für die schulergänzende Betreuung für Kindergarten- und Primarschulkinder decken die bisherigen Angebote den Bedarf allerdings nicht ab. Der Gemeinderat hat sich nun mit der Frage befasst, welche Strategie verfolgt wird, und sich dafür ausgesprochen, die schulergänzende Betreuung und die Tagesfamilienvermittlung durch Dritte anbieten zu lassen. Gespräche zur Umsetzung laufen momentan. «Das Gesetz stärkt die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und macht die Schwyzer Gemeinden damit zu attraktiveren Wohn- und Arbeitsorten.» Irène May, Gemeindepräsidentin von Ingenbohl und Vorstandsmitglied Schweizerischer Gemeindeverband Die Beiträge an die Familien können nur dann gesprochen werden, wenn das besuchte Betreuungsangebot die Qualitätsstandards einhält. Wenn die Gemeinde selbst ein Kinderbetreuungsangebot führt, zum Beispiel einen Mittagstisch, dann müssen die Qualitätsstandards überprüft und angewendet werden. Ingenbohl wird insbesondere die schulergänzende Betreuung auf dem Gemeindegebiet stark ausbauen, und dazu braucht es entsprechende Räumlichkeiten. Die gesetzlichen Vorgaben für die Raumgrösse können eine Herausforderung für die Anbieter darstellen. Aufgrund des angespannten Immobilienmarktes wird es schwierig, geeignete Räumlichkeiten zu finden, die den Qualitätsstandards entsprechen. Das neue Gesetz hat die Entwicklung der familien- und schulergänzenden Betreuung in Ingenbohl beschleunigt. Ich persönlich begrüsse das Gesetz und bin der Meinung, dass eine moderne Gemeinde eine adäquate Unterstützung für berufstätige Eltern anbieten muss, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu fördern. Damit positionieren wir uns als attraktive Gemeinde und können auch dem Fachkräftemangel entgegenwirken. Nadja Sutter

Vom Kurhotel zum Zuhause für rund 120 Asylsuchende

Rund 28 000 Asylgesuche erwartet das Staatssekretariat für Migration (SEM) in diesem Jahr, dazu kommen bis zu rund 23 000 Gesuche für den Schutzstatus S von Geflüchteten aus der Ukraine. All diese Menschen müssen untergebracht werden. Die Appelle des Bundes an Kantone und Gemeinden, Unterbringungsplätze zur Verfügung zu stellen, werden dringlicher. Im Kanton Bern hat die Gemeinde Riggisberg vor einigen Monaten auf den Aufruf des Kantons reagiert. Sie schlug in Absprache mit dessen Besitzer die Nutzung des ehemaligen Hotels Gurnigelbad vor. Anfang Januar 2023 zogen die ersten Flüchtenden ein. Rund 120 Personen im Alter von 18 bis 55 Jahren aus den unterschiedlichsten Ländern leben hier, zumeist junge Männer, viele aus Afghanistan und aus der Türkei. Darunter sind aber auch Familien mit Kindern. Das Rote Kreuz des Kantons Bern betreibt die Unterkunft, die für bis zu 200 Personen Platz bietet. An einem Samstag im September herrscht hier fröhliche Stimmung. Die Bewohnerinnen und Bewohner und das Team öffnen die Türen für Interessierte, und diese erscheinen zahlreich. In kleinen Gruppen werden die Besucherinnen und Besucher durch die Unterkunft geführt. Los geht es in der Küche, aus der laute lateinamerikanische Musik klingt. Rund ein Dutzend Männer und Frauen sind gerade fleissig am Kochen: Sie bereiten für die Besucherinnen und Besucher ein Buffet mit Speisen aus ihren Heimatländern vor. Ein Mann erklärt in einer Mischung aus Spanisch und Deutsch, was Empanadas sind, eine Spezialität aus Venezuela. Die Asylsuchenden kochen in der Unterkunft selbst und kaufen dafür auch selbst ein. Jede und jeder hat zwei abschliessbare Fächer für die Nahrungsmittel; eines davon in grossen Kühlschränken. Für den Tag der offenen Tür hat das Team koordiniert, wer was kocht, erklärt Valentyna Pichler, die Leiterin der Unterkunft. Die Asylsuchenden haben anschliessend selbstständig eingekauft und gekocht – offensichtlich mit grosser Freude, wie die ausgelassene Stimmung in der Küche nahelegt. Auf der geführten Besichtigung dürfen die Besucherinnen und Besucher auch einen Blick in die Schlafräume der Männer werfen. Kajütenbetten mit weisser Bettwäsche stehen dicht beieinander, die Räume erinnern an Mehrbettzimmer in Hostels. Nur dass die Männer hier nicht nur einige Tage, sondern Wochen oder sogar Monate bleiben. Für die Familien gibt es eigene Zimmer; die Frauen sind in einem gesonderten Teil untergebracht. Drei Kinder aus der Asylunterkunft besuchen derzeit die Schule in Riggisberg. Michael Bürki, Gemeindepräsident von Riggisberg, erzählt, dass die Situation für die Gemeinde nicht neu ist. Bereits 2014 bis 2016 gab es in Riggisberg ein Durchgangszentrum für Asylsuchende. «Als klar wurde, dass im Gurnigelbad eine Unterkunft entsteht, konnten wir vieles aus der Schublade nehmen», erzählt er. So organisierte die Gemeinde gleich zu Beginn einen runden Tisch mit allen Akteuren: dem Roten Kreuz, Blaulichtorganisationen, der Kirche, dem Sozialdienst, dem Frauenverein und natürlich dem Kanton Bern. Die Bevölkerung wurde ebenfalls rasch informiert, und auch mit dem Supermarkt in Riggisberg nahm die Gemeinde Kontakt auf, damit dieser günstige Artikel ins Sortiment aufnimmt. «Lieber so als eine unterirdische Unterkunft. In der aktuellen Situation müssen wir nehmen, was wir haben.» Michael Bürki, Gemeindepräsident Riggisberg (BE) Besonders am Anfang sei es sehr wichtig gewesen, dass die Gemeinde proaktiv reagiert und sehr offen kommuniziert habe, so Michael Bürki. Das brauche Ressourcen auf der Gemeindeverwaltung. Und klar – nicht alle seien erfreut gewesen. «Die Reaktionen im Dorf waren aber positiver als beim Durchgangszentrum.» Das könnte auch daran liegen, dass im Gurnigelbad viele Bewohnende reelle Chancen haben, in der Schweiz bleiben zu können – was bei den Bewohnenden des früheren Durchgangszentrums anders war. «Das gibt gleich eine ganz andere Stimmung», sagt der Gemeindepräsident. Kritik gab es vor allem am Standort. Das ehemalige Hotel ist zwar wunderschön im Grünen an der Gurnigelpassstrasse gelegen, aber knapp zehn Kilometer von Riggisberg entfernt. Ein Postauto, das die Bewohnerinnen und Bewohner gratis nutzen können, verkehrt mehrmals pro Tag zwischen dem Zentrum und dem Dorf. «Nach der Kritik haben wir die Anzahl der Verbindungen erhöht», sagt Michael Bürki. Abgelegen sei es, das stimme. «Aber lieber so, als eine unterirdische Unterkunft. In der aktuellen Situation müssen wir nehmen, was wir haben.» Das Zusammenspiel der verschiedenen Akteure läuft nun gemäss dem Gemeindepräsidenten reibungslos. «Gerade weil wir am Anfang viel investiert haben.» Jetzt fungiere die Gemeinde vor allem als Relais zwischen den verschiedenen Akteuren und sei Anlaufstelle für punktuelle Fragen. Zentrumsleiterin Valentyna Pichler vom Roten Kreuz bestätigt das: «Die Zusammenarbeit mit der Gemeinde ist wirklich sehr gut.» Es gebe einen regelmässigen Austausch. «Wir haben Glück. Ohne die Mitarbeit der Gemeinde wäre es nicht möglich, so ein Zentrum zu betreiben.» Der Tag der offenen Tür war denn auch eine gemeinsame Idee des Zentrums und der Gemeinde. «Wir haben Glück. Ohne die Mitarbeit der Gemeinde wäre es nicht möglich, so ein Zentrum zu betreiben.» Valentyna Pichler, Leiterin des Asylzentrums Gurnigelbad Valentyna Pichler lobt auch das grosse Engagement der rund 30 Freiwilligen aus Riggisberg und Umgebung, die in der Unterkunft verschiedene Aktivitäten anbieten: «Eine unbezahlbare Leistung.» Viele der Freiwilligen sind an diesem Tag der offenen Tür gekommen. Mittlerweile haben die Asylsuchenden Schüsseln, Platten und Teller voller exotischer Speisen auf einem langen Tisch aufgestellt. Sie erklären den Besucherinnen und Besuchern, was sie gekocht haben, auf Englisch, in gebrochenem Deutsch, mit Händen und Füssen – und einem Strahlen im Gesicht. Nadja Sutter

Ein neuer Platz für Fahrende in Wittinsburg

Rund ein Dutzend moderne Wohnwagen stehen an diesem regnerischen Tag auf dem Durchgangsplatz «Holchen» in Wittinsburg. Die Jenische Marina Birchler hat eben am Automaten ein Ticket für ihren Stellplatz gelöst. Jetzt installiert sie mit ihrem Mann das Vorzelt vor ihrem Wohnmobil. Ihnen gefalle der neu sanierte Platz unmittelbar an der Kantonsstrasse sehr gut, sagen die beiden. Seit der Neueröffnung im Herbst 2021 sind sie nun schon das zweite Mal hier. «Er ist schön gemacht, sehr sauber, hat Dusche und WC, und die Leute sind freundlich», sagt Marina Birchler. Im Sommer sei es mit dem Wald gleich nebenan schön schattig. «Auch die Anmeldung ist mit dem Automaten ganz unkompliziert, so müssen wir nicht extra auf die Gemeindeverwaltung.» Die Wittinsburger Gemeindepräsidentin Caroline Zürcher sagt, die Fahrenden seien in der Gemeinde gut akzeptiert. «Der Durchgangsplatz wird seit 1993 vom Kanton betrieben», erklärt sie. Die kleine Gemeinde mit rund 430 Einwohnerinnen und Einwohnern hat zu wenig Ressourcen, um den Platz selbst zu betreiben. Dennoch hat die Gemeindepräsidentin immer wieder Kontakt zu den Fahrenden. Liegt ein Durchgangsplatz in einer Gemeinde, könnten zum Beispiel Fragen zur Beschulung der Kinder oder Sozialhilfe aufkommen. Die Zusammenarbeit mit dem Kanton sei sehr gut, sagt Caroline Zürcher. «Wir wurden früh über die Pläne zur Sanierung des Platzes informiert, in die einzelnen Schritte stets einbezogen, und der Kanton hat die Bevölkerung an einem Informationsabend orientiert.» Aus der Bevölkerung seien die Reaktionen positiv gewesen. «Die meisten waren froh, dass der Platz saniert wird. Auf dem alten Platz herrschten teils menschenunwürdige Zustände.» So seien die sanitären Anlagen sehr schmutzig gewesen. «Wir wurden früh über die Pläne zur Sanierung des Platzes informiert, in die einzelnen Schritte stets einbezogen, und der Kanton hat die Bevölkerung an einem Informationsabend orientiert.» Caroline Zürcher, Gemeindepräsidentin Wittinsburg (BL) Ganz anders jetzt bei der Besichtigung mit Jonas Wirth und Brigitte Reinhard vom Hochbauamt des Kantons Basel-Landschaft. Jonas Wirth ist Projektleiter der Sanierung, Brigitte Reinhard ist für den Betrieb des Platzes zuständig. Sie zeigt die WCs und Duschen im Sanitärcontainer: Die weissen Fliesen sind sauber, und der Container ist geheizt. Auf einer grösseren überdachten Fläche gleich neben dem Container können die Benutzerinnen und Benutzer verschiedene Arbeiten verrichten. Einmal pro Woche werden die Anlagen geputzt, ein Sicherheitsdienst kontrolliert regelmässig die Anmeldungen und die Bezahlung der Standgebühren. «Wir haben die Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende und über diese die Fahrenden selbst in die Konzipierung des Platzes miteinbezogen», sagt Jonas Wirth. Das war wichtig für gewisse Details: Zum Beispiel liegt der Eingang zum WC auf der von den Wohnwagen abgewandten Seite des Containers. «Die Fahrenden möchten nicht von ihren Vorzelten direkt in die WCs sehen.» Brigitte Reinhard und Jonas Wirth sagen, dass der Platz auf Wunsch der Jenischen und Sinti bewusst einfach gehalten sei. Es gibt nicht mehr Infrastruktur als nötig und auch keine Markierungen am Boden für die Wohnwagen. Die Nutzerinnen und Nutzer organisieren sich selbst rund um die zehn Plätze mit Strom- und Wasseranschluss. «Der Platz ist für uns ein gelungenes Beispiel», sagt Simon Röthlisberger, Geschäftsführer der Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende. Einerseits sei die Zusammenarbeit zwischen Gemeinde und Kanton sehr gut gewesen, andererseits sei die Infrastruktur vorbildhaft. Positiv sei auch, dass der Platz auch im Winter offen sei, dies im Gegensatz zu anderen Durchgangsplätzen. Im Landrat, dem Parlament des Kantons Baselland, war die Sanierung unbestritten. Die budgetierte Summe von 1,21 Millionen Franken für die Sanierung kam mit einer grossen Mehrheit durch. «Die Situation vorher war unkontrolliert, jetzt haben wir hier einen geordneten Betrieb», sagt Jonas Wirth. In der kantonalen Gesetzgebung ist seit 2014 vorgeschrieben, dass es Durchgangs- und Standplätze für Fahrende braucht. Sie sind als nationale Minderheit anerkannt und haben als solche ein Anrecht auf Lebensraum. Derzeit gibt es zwei gesicherte Durchgangsplätze im Kanton Baselland; neben jenem in Wittinsburg noch einen in Liestal. Wie gut der Platz in Wittinsburg genutzt wird, können Jonas Wirth und Brigitte Reinhard noch nicht abschliessend sagen, dafür fehlen derzeit noch verlässliche Zahlen. Gemeindepräsidentin Caroline Zürcher beobachtet, dass er immer öfter gut belegt ist. «Das ist schön, dafür ist er schliesslich da.» Und die Jenischen und Sinti freuen sich, dass ein traditionsreicher Platz erhalten wird. Denn wie die Jenische Marina Birchler sagt, hätten bereits ihre Grosseltern hier gehalten – lange bevor der Kanton 1993 einen offiziellen Platz einrichtete. Nadja Sutter

Der Krieg in der Ukraine bewegt die Gemeinden

Und plötzlich stehen ukrainische Flüchtlinge am Gemeindeschalter: Diese Situation dürften Anfang März viele Gemeinden erlebt haben. So auch die Stadt Wil (SG). Als Erstes sei eine Frau mit ihrem Kind im Kindergartenalter gekommen, erzählt Marc Bilger, Departementsleiter Gesellschaft und Sicherheit der Stadt Wil. Die Gemeindeangestellten waren zu diesem Zeitpunkt bereits vorbereitet und wussten, was zu tun war. Die Frau hatte sich bereits beim Bundesasylzentrum in Altstätten gemeldet, um den Schutzstatus S zu erhalten. Die Frage nach dem Wohnraum stellte sich nicht, da sie bei Bekannten unterkam. Abzuklären galt es aber, wann und wo das Kind den Kindergarten besuchen könnte. «Es ist unser Ziel, möglichst rasch Tagesstrukturen für die Flüchtlinge schaffen zu können.» In der Regel melden sich die Flüchtlinge bei den Bundesasylzentren, wo sie registriert werden und den Schutzstatus S verliehen bekommen. Anschliessend werden sie auf die Kantone verteilt, die sie wiederum an die Gemeinden verteilen. Als Anfang März absehbar wurde, dass ukrainische Flüchtlinge binnen Tagen die Schweiz erreichen könnten, wurde die Stadt rasch aktiv. «Der schwierigste Teil im ersten Moment war, abzuschätzen, wie viele Leute kommen würden und welches die drängendsten Fragen sein würden», so Marc Bilger. «In Wil war ein wichtiger Punkt der Wohnraum, denn dieser ist in unserer Region sowieso eher knapp.» Die Gemeinde habe Kontakt mit Immobilienverwaltungen aufgenommen, um selbst Wohnungen anmieten zu können. Dieses Vorgehen sei bekannt, habe man dies doch auch bereits für andere Flüchtlinge gemacht. «Jetzt stellte sich aber die Frage nach der Grössenordnung.» Manche Immobilienverwaltungen hätten sogar angeboten, Wohnungen gratis zur Verfügung zu stellen. Marc Bilger beobachtete von Anfang an eine grosse Solidarität in der Bevölkerung. Auf der Stadtverwaltung meldeten sich zahlreiche Einwohnerinnen und Einwohner, die ihre Hilfe anboten, zum Beispiel Übersetzungsdienste, aber auch Wohnraum. «Wir sammeln diese Angebote bei uns zentral und sagen den Interessierten, dass wir uns bei Ihnen melden, sobald wir die Hilfe brauchen können.» Er fügt an: «Dass die Menschen ihre Hilfe so aktiv anbieten, habe ich zuvor noch nie erlebt. Dieser Krieg scheint sie sehr stark zu berühren.» Die Stadt Wil arbeitet überdies mit verschiedenen Partnern zusammen, zum Beispiel dem Solidaritätsnetz der Evangelischen Kirchgemeinde Wil oder dem Quartiertreff Lindenhof. Diese bieten allem voran Deutschkurse an; dies bereits vor Ausbruch des Krieges. Die Gemeinde tauscht sich überdies mit anderen St. Galler Gemeinden aus, etwa im Rahmen des Verbands der St. Galler Gemeindepräsidenten oder der St. Gallischen Konferenz der Sozialhilfe. Enger Kontakt besteht auch zum Trägerverein Integrationsprojekte St. Gallen. Informationen: Der Schweizerische Gemeindeverband hat auf seiner Homepage verschiedene hilfreiche Informationen zum Thema Flüchtlinge aus der Ukraine zusammengestellt und aktualisiert diese laufend: www.chgemeinden.ch/de/news/ukraine-krise/ «Dass die Menschen ihre Hilfe so aktiv anbieten, habe ich zuvor noch nie erlebt. Dieser Krieg scheint sie sehr stark zu berühren.» Marc Bilger, Departementsleiter Gesellschaft und Sicherheit der Stadt Wil Nadja Sutter

«Die ukrainischen Kinder brauchen Zeit»

Aus der Heimat flüchten, Freunde und teils auch Familie zurücklassen und wenige Tage später in einem Schweizer Schulzimmer sitzen: So ergeht es derzeit zahlreichen ukrainischen Kindern und Jugendlichen. Bund und Kantone möchten die Flüchtlingskinder so rasch wie möglich in die Regelklassen integrieren. Das fordert die Gemeinden. Val-de-Travers (NE) hat damit schon einige Erfahrungen gesammelt. Seit Anfang April besuchen ukrainische Kinder Regelklassen der dortigen Primarschule. Zusätzlich befindet sich in Couvet, einem Dorf der Gemeinde, ein Empfangszentrum für Flüchtlinge. Es stand einige Jahre leer, bis es mit Ausbruch des Ukraine-Krieges wieder in Betrieb genommen wurde. «Wir wussten, dass ziemlich rasch ziemlich viele Ukrainerinnen und Ukrainer ins Zentrum kommen würden», erzählt Gemeinderat Christophe Calame, der für die Jugend und Bildung zuständig ist. Die Schuldirektion habe sich entsprechend vorbereitet. «Wir wollten nicht warten, bis die Flüchtlinge ins Schulsekretariat kommen, sondern selbst aktiv werden.» Die Schuldirektion besprach sich mit Freiwilligen, die Ukrainisch und Russisch sprechen und anschliessend ins Zentrum gingen, erklärten, wie das Schulsystem in der Schweiz funktioniert und Einschreibungen für die Schule entgegennahmen. Doch nicht nur die Schuldirektion war schnell aktiv geworden, sondern auch der Kanton. Er organisierte Unterkünfte für die Ukrainerinnen und Ukrainer, die in Couvet untergebracht waren. Die Leute blieben teils nur einige Tage im Zentrum, bevor sie weiter in eine Wohnung oder zu einer Gastfamilie zogen. «Wir haben realisiert, dass es keinen Sinn ergibt, Kinder in die Regelklassen zu integrieren, die vielleicht nur einige Tage in Couvet sind», so Calame. Deshalb habe man sich zusammen mit dem Kanton entschieden, eine spezielle Empfangsklasse für die Flüchtlingskinder aus dem Zentrum zu eröffnen. Gruppiert nach Alter erhalten sie so einige Stunden Französischunterricht pro Woche. Die Gemeinde stellt die Infrastruktur in einem ihrer Schulhäuser zur Verfügung; der Kanton finanziert den Lohn der Lehrperson. «Nur jene Kinder, die länger in unserer Gemeinde bleiben, weil sie hier mit ihrer Familie eine Wohnung gefunden haben oder in einer Gastfamilie untergebracht sind, werden auch in Regelklassen integriert», erklärt Christophe Calame. Die Integration von Flüchtlingskindern in den Schulbetrieb sei an sich nichts Neues, das komme immer wieder vor. «Die Kinder erhalten am Anfang Unterstützung, um Französisch zu lernen.» Der Anfang sei schwierig, aber nach einigen Monaten funktioniere es meist gut. Die Kinder lernten schnell. «Diese Kinder haben teils traumatische Erlebnisse gemacht. Das müssen wir unbedingt beachten.» Christophe Calame, Gemeinderat Val-de-Travers Die Herausforderung sei es, die Klassen nicht zu sehr zu destabilisieren, aber auch die ukrainischen Kinder nicht zu überfordern. «Diese Kinder haben teils traumatische Erlebnisse gemacht. Das müssen wir unbedingt beachten.» Es gelte, ein Gleichgewicht zwischen der Integration und dem individuellen Rhythmus der Kinder zu finden. In der Gemeinde hätten sich glücklicherweise einige Freiwillige gemeldet, die Ukrainisch oder Russisch sprechen und beruflich einen psychologischen Hintergrund hätten. Sie könnten die Familien unterstützen. Für die Schulklassen ist es gemäss Christophe Calame kein Problem, wenn ein oder zwei Flüchtlingskinder dazukämen. Würden drastisch mehr Familien ankommen, so werde man die Kinder über den ganzen Schulkreis verteilen und versuchen, den Transport zu organisieren. «Es wird sich noch zeigen, wie wir dann vorgehen.» Anderen Gemeinden rät Calame, etwas abzuwarten mit der Einschulung und nichts zu überstürzen. «Es ist sicher richtig, die Kinder rasch zu integrieren. Gleichzeitig kann sich aber die Situation rasch ändern, und die Familie entscheidet sich vielleicht, an einen anderen Ort zu ziehen.» Es lohne sich, abzuwarten, bis sich die Situation stabilisiert habe. Jeder Fall müsse individuell angeschaut werden. «Die Kinder und ihre Familien brauchen nach der Flucht etwas Zeit sowie jemanden, der ihnen zuhört und sie berät.» Er sieht die Ankunft der Flüchtlinge als Chance an, gerade auch für die Schulen. «Wir können lernen, zusammen zu leben und offen zu sein gegenüber einer anderen Kultur. Wir sollten die Situation als Möglichkeit sehen, uns in Toleranz zu üben.» Informationen: Der Schweizerische Gemeindeverband hat auf seiner Homepage verschiedene hilfreiche Informationen zum Thema ukrainische Flüchtlinge zusammengestellt und aktualisiert diese laufend: www.chgemeinden.ch Nadja Sutter

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