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Wie Spiez und Vordemwald Freiwilligenarbeit fördern

Die Freiwilligenarbeit hat in der Schweiz eine lange Tradition und ist die Grundlage für die Existenz zahlreicher Vereine und Organisationen. Ohne den Einsatz von engagierten Menschen wären viele Projekte und Angebote nicht möglich. Die UNO hat 2026 zum internationalen Jahr der Freiwilligen erklärt und würdigt somit das Engagement von Millionen Menschen, die sich unentgeltlich für das Gemeinwohl einsetzen, auch in der Schweiz: Fast 40 Prozent der Bevölkerung engagierten sich im Jahr 2024 auf freiwilliger Basis. Freiwilligenarbeit prägt auch das Zusammenleben in Gemeinden: Sie fördert die Wohn- und Lebensqualität, stärkt die politische Beteiligung, baut Brücken zwischen den Generationen und unterstützt die Integration von Neuzuzügerinnen und Neuzuzügern. Das freiwillige Engagement der Bevölkerung braucht aber die Unterstützung und Anerkennung durch die öffentliche Hand, damit es erhalten bleibt. Diese Erfahrung macht auch Michèle Métrailler, Leiterin der Koordinationsstelle Freiwilligenarbeit in der Gemeinde Spiez (BE): «Das Vereinsleben in Spiez ist sehr aktiv und ein wichtiger Identitätsfaktor. Die Gemeinde ist sich aber bewusst, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, dass sich so viele Einwohnerinnen und Einwohner engagieren.» Deswegen stellt die Gemeinde seit 15 Jahren Ressourcen für die Koordinationsstelle Freiwilligenarbeit zur Verfügung. «Die Gemeinde ist sich bewusst, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, dass sich so viele Einwohnerinnen und Einwohner engagieren.» Michèle Métrailler, Leiterin Koordinationsstelle Freiwilligenarbeit, Spiez (BE) Michèle Métrailler unterstützt Vereine und Organisationen, genauso wie Privatpersonen, die spontan Hilfe benötigen. Sie rekrutiert und vermittelt Freiwillige, stellt Informationen zu möglichen Freiwilligeneinsätzen in Spiez zusammen, präsentiert diese am Neuzuzügeranlass – und porträtiert jeden Monat eine freiwillig engagierte Person im Gemeindemagazin. «Diese Artikel ermöglichen es uns, verschiedene Freiwillige und ihre Einsatzbereiche vorzustellen und weitere Personen für ein Engagement zu motivieren. Gleichzeitig sollen die Porträts auch unsere Anerkennung und unseren Dank zum Ausdruck bringen.» Um der Bevölkerung für ihren Einsatz zu danken, veranstaltet der Gemeinderat zudem jedes Jahr eine grosse Feier, zu der alle Freiwilligen eingeladen sind. Dieser Anlass findet jeweils rund um den 5. Dezember statt, den internationalen Tag der Freiwilligen, und stösst gemäss Métrailler auf grosses Interesse. Auch der aargauischen Gemeinde Vordemwald ist es ein Anliegen, die Freiwilligenarbeit im Dorf zu würdigen. Deswegen verleiht sie seit über 20 Jahren den sogenannten Gemeinschaftsförderungspreis. «Damit sollen die stillen Alltagsheldinnen und -helden geehrt werden, die sich für das Gemeinwohl in unserem Dorf stark engagieren oder engagiert haben», sagt Gemeindeammann Karin Berglas. Der Preis wurde in der Vergangenheit beispielsweise an Freiwillige verliehen, die sich um ukrainische Flüchtlinge kümmerten; an Einwohnerinnen und Einwohner, die nach dem Hochwasser im Jahr 2021 unermüdlich im Einsatz standen, oder an Personen, die mithalfen, den alten Friedhof in einen kleinen Naturpark zu verwandeln. Jedes Jahr an der 1.-August-Feier warten die Gäste gespannt auf die Bekanntgabe der Preisträgerin oder des Preisträgers. Wer es ist, ist ein gut behütetes Geheimnis. Die Geehrten seien in der Regel überwältigt und oft auch gerührt, erzählt Berglas. «Es kommt vor, dass die ausgezeichneten Personen etwas verlegen werden, denn mit dem Preis rechnen sie in aller Regel nicht und möchten oft auch gar nicht zu viel Publicity.» Wann immer es geht, nimmt Karin Berglas an den Generalversammlungen der Vereine teil – und ist beeindruckt davon, was die Vereine für die verschiedenen Anspruchsgruppen im Dorf leisten. «Der Zusammenhalt, der in den Vereinen gelebt wird, ist gewaltig.» Deswegen sei der Gemeinderat darum bemüht, die Vereine auch in Zukunft zu unterstützen, beispielsweise indem er Infrastruktur bereitstelle und unterhalte und ein offenes Ohr für die Anliegen der verschiedenen Organisationen habe. Karin Berglas betont: «Freiwilligenarbeit ist seit jeher das Rückgrat der Schweizerischen Milizgesellschaft. Unser Wohlstand wäre gar nicht möglich ohne dieses Engagement. Ich bin überzeugt, dass insbesondere die demografische Veränderung unsere Gesellschaft hinsichtlich Solidarität und Gemeinsinn noch sehr stark fordern wird. Freiwilligenarbeit kann nicht genug gewürdigt werden: nicht nur die Arbeit an sich, sondern auch das damit zusammenhängende soziale Miteinander und die gelebte Solidarität.» «Freiwilligenarbeit ist seit jeher das Rückgrat der Schweizerischen Milizgesellschaft.» Karin Berglas, Gemeindeammann Vordemwald (AG) Karin Freiermuth

Lyss: Vereine als Grundpfeiler für eine vielfältige Kulturlandschaft

Lyss (BE) hat eine sehr aktive Vereinslandschaft mit 197 Vereinen, darunter Musik-, Kultur- und Brauchtumsvereine. Kaum einer kennt diese so gut wie Peter Locher: Er ist seit dem 1. Januar 2024 Abteilungsleiter Bildung und Kultur der Gemeinde im Berner Seeland und wohnt seit 1995 dort. Selbst viele Jahre in einem Fussballverein engagiert, schätzt er das ausgeprägte ehrenamtliche Engagement der Lysserinnen und Lysser. Da die Kulturförderung ein fester Bestandteil der politischen Agenda der Gemeinde ist, kann Lyss Vereine und Kulturprojekte mit den dafür vorgesehenen Mitteln gezielt unterstützen. Herausfordernder ist die Finanzierung von Kulturinstitutionen, an der verschiedene Akteure beteiligt sind, wie Peter Locher erklärt. Hier muss die Finanzierung alle vier Jahre in einem neuen Leistungsvertrag verhandelt werden. Die Betriebskosten steigen durch erhöhte Energiepreise, höhere Gagen der Kunstschaffenden sowie ein verändertes Ausgehverhalten der Bevölkerung. Da der Bund auf Sparkurs ist, muss Lyss mit den umliegenden Gemeinden zusätzliche Finanzierungslösungen finden. Kultur ist keine Pflichtaufgabe, sondern eine freiwillige Leistung der Gemeinde, weshalb viele kulturelle Angebote von Subventionen, Sponsoring und Freiwilligenarbeit abhängig sind. «Ohne Vereine und Freiwilligenarbeit wäre diese kulturelle Vielfalt nicht möglich.» Peter Locher, Abteilungsleiter Bildung und Kultur der Gemeinde Lyss (BE) Laut Peter Locher wäre die kulturelle Vielfalt in Lyss ohne Vereine und Freiwilligenarbeit nicht möglich. Kulturelle Highlights sind die weit über die Region hinaus bekannten Kulturinstitutionen «Kulturfabrik», kurz KUFA, sowie die Kultur Mühle Lyss. Die KUFA wird vom gleichnamigen, nicht gewinnorientierten Verein geführt und bietet ein breites kulturelles Angebot für alle Altersgruppen und Bevölkerungsschichten, ganz nach dem Motto: «Die KUFA ist für alle da!» Die Organisation der Kultur Mühle Lyss läuft ebenfalls auf Vereinsbasis. Dass ein privater Trägerverein den Lead hat, entspreche dem organisatorischen Wunschformat, so Peter Locher. Die Gemeinde könne bei Bedarf unterstützen, ohne alles in Eigenregie auf die Beine stellen zu müssen. Damit die Zusammenarbeit gelingt, steht Lyss in engem Austausch mit den Vereinen und Organisationen. Im Rahmen einer jährlichen Veranstaltung bedankt sich die Gemeinde für das geleistete Engagement, ehrt ausserordentliche Leistungen im Sport und in der Kultur und klärt im Dialog, wo der Schuh drückt und wo Unterstützung nötig ist. Lysser Vereine können für Trainings und Proben Turnhallen und weitere Gemeindeinfrastruktur kostenlos nutzen. «Das ist ein wichtiges Signal der Gemeinde, dass die Vereinstätigkeit erwünscht ist und gefördert wird», sagt Peter Locher. Da Kultur eine Querschnittsmaterie darstellt, arbeitet Lyss auch regelmässig mit kommunalen Fachstellen aus anderen Bereichen zusammen. Was bringt die Zukunft? Die Vielfalt der Lysser Kulturlandschaft ist laut Peter Locher stabil, es sind aber Veränderungen spürbar: So werde es immer schwieriger, Nachfolgeregelungen für abtretende ehrenamtliche Personen zu finden, da das freiwillige Engagement sich zu eher kurzfristigen und unverbindlichen Einsätzen hin verschiebe. Das Freizeitangebot sei umfangreich, und beim Vereinsnachwuchs sei Flexibilität gefragt. «Vereine leben heute noch stark von einer Generation, die das jahrelang gemacht hat, und nun den Stab weiterreichen möchte», erklärt Peter Locher. Dies wird in den nächsten fünf bis zehn Jahren zu grossen Herausforderungen für die Vereinslandschaft führen. Für den Erhalt der kulturellen Vielfalt spielen auch regionale Verbände, wie der Gemeindeverband «Kulturförderung Biel-Seeland-Berner Jura (BSJB)», bei dem Lyss Mitglied ist, eine wichtige Rolle. Hier werden Leistungsvorgaben definiert, und die finanzielle Beteiligung an regional bedeutenden Kulturinstitutionen wird geregelt. «Für eine Standortgemeinde wie Lyss, die die KUFA und die Kultur Mühle betreibt, ist das eine riesige Entlastung.» Peter Locher sieht mögliche Lösungen zum Erhalt des kulturellen Angebots in einer stärkeren Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden und solchen Regionalverbänden. Die Finanzierung der Kultur könne ausserdem nicht nur durch die kommunale Ebene gestemmt werden. Er als Gemeindevertreter erhofft sich daher eine Erhöhung der Finanzierung durch Bund und Kantone. «Die Kultur prägt das gesellschaftliche Leben in Gemeinden und ist ein wichtiger Teil der Identität der Bevölkerung, und das soll auch so bleiben.» Nina Ammonn

Frauenverein Igis: eine ernst zu nehmende Stimme in der Gemeinde

Als der Frauenverein Igis 1933 gegründet wurde, war der Auftrag klar: der Unterhalt des Kindergartens und die Bezahlung der Kindergärtnerin. Die Frauen strickten dafür, organisierten Guezliverkäufe und Lotterieveranstaltungen. Heute ist der Kindergarten längst in der Verantwortung der Gemeinde. Doch der Frauenverein existiert noch immer, und seine Mitglieder machen viel mehr als stricken. Sie übernehmen wichtige Aufgaben für die Gemeinschaft in Igis, einem Ortsteil der Gemeinde Landquart (GR). «Wir sind kein Plauschverein, sondern unterstützen da, wo es Lücken im System hat», sagt Präsidentin Katharina Hoppeler. Sie übt diese Funktion seit rund zehn Jahren aus. «Meine Mutter war bereits Mitglied», erzählt sie. «Als ich zurück nach Igis zog, hat sie mich darauf aufmerksam gemacht, dass der Frauenverein Vorstandsmitglieder sucht.» Katharina Hoppeler und einige weitere Frauen machten sich daran, das Angebot anzupassen. «Es ist wichtig, sich an den Bedürfnissen der Mitglieder zu orientieren. Sind die Strukturen zu starr und formalisiert, ist es schwierig, Nachwuchs zu finden.» Heute ist der Frauenverein Igis mit rund 400 Mitgliedern der grösste Frauenverein in Graubünden und einer der grössten der Schweiz. Er richtet sich an verschiedene Zielgruppen: Junge Familien profitieren von der Krabbelgruppe, der Kinderkleiderbörse und dem Kinderturnen. Dazu gibt es Kurse wie Yoga oder Klangschalenmeditation und regelmässige Vorträge, in denen berufstätige Frauen aus ihrem Alltag erzählen. In der ReparierBar werden Gegenstände geflickt, und die Essbar verteilt gratis Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden können, aber noch gut sind. Ein Highlight für die Seniorinnen und Senioren ist der monatliche Seniorenzmittag. Und diese Auflistung umfasst nur einen Teil des Angebots. Wie stemmt der Verein im 3700-Seelen-Dorf all diese verschiedenen Aufgaben? Katharina Hoppeler erklärt: «Wir sind in verschiedene Gruppen unterteilt, die sehr selbstständig agieren: etwa eine Gruppe für den Krabbeltreff, eine andere fürs Seniorenzmittag und wieder eine für die Essbar. Die Gruppenleiterinnen sind jeweils einem Vorstandsmitglied unterstellt.» Durch diese Strukturen und eine gute Vernetzung können die Mitglieder rasch Projekte auf die Beine stellen. Das hat sich besonders in der Zeit der Covid-Pandemie bewährt. Als die Gemeinde anklopfte, organisierte der Frauenverein innert kürzester Zeit eine Nachbarschaftshilfe. «Seither werden wir nicht mehr belächelt, sondern als ernst zu nehmende Stimme in der Gemeinde wahrgenommen.» 2023 wurde der Frauenverein überdies für sein Engagement mit dem Prix Benevol des Kantons Graubünden ausgezeichnet. Der Verein finanziert sich selbst durch verschiedene Aktionen wie die Kinderkleiderbörse oder den Verkauf von Capuns und erhält keine direkte finanzielle Unterstützung der Gemeinde. «Weil wir weder ein Sport- noch ein Kulturverein sind, fehlt die gesetzliche Grundlage dafür», erklärt Katharina Hoppeler. Wie die anderen Vereine der Gemeinde kann er jedoch Räumlichkeiten gratis nutzen, und ist Mitglied der IG Vereine der Gemeinde, die mehrmals pro Jahr Netzwerktreffen organisiert. 2020 wurde Katharina Hoppeler, damals bereits Vereinspräsidentin, in den Gemeindevorstand von Landquart gewählt. «In meiner Tätigkeit für die Gemeinde profitiere ich enorm von meinen Erfahrungen und meinem Netzwerk des Frauenvereins», sagt sie. Dies auch, weil im Verein noch immer frühere Präsidentinnen aktiv sind, die ebenfalls politisch tätig waren – und eine Art Mentorinnen für die Jüngeren sind. «Wir Frauen sind füreinander da.» Die Aktivmitgliedschaft und gewisse Aktivitäten des Frauenvereins sind denn auch nach wie vor Frauen vorbehalten. Doch Männer können Passivmitglieder werden und helfen auch in diversen Gruppen mit. Katharina Hoppeler möchte das Präsidium nach zehn Jahren demnächst abgeben. Sie blickt zuversichtlich in die Zukunft: Der Vorstand hat sich in den letzten Jahren verjüngt, und durch die Aktivitäten für junge Familien fördert der Verein aktiv den Nachwuchs. Die Angebote und Kurse erfreuen sich im Dorf grosser Beliebtheit – und der Frauenverein ist in den letzten Jahren sichtbarer geworden. «Er war schon früher immer da, aber kaum jemand wusste, dass er hinter gewissen Aktivitäten steckte», sagt Katharina Hoppeler. Mit der konsequenten Platzierung des Logos auf Flyern und eigenen T-Shirts und Jacken tritt der Frauenverein heute selbstbewusster auf. «Die Identifikation der Frauen mit ihrem Verein ist stark.» «Die Identifikation der Frauen mit ihrem Verein ist stark.» Katharina Hoppeler, Präsidentin Frauenverein Igis (GR) Nadja Sutter

75 Jahre Rettungsdienst auf dem Neuenburgersee

Die 1951 gegründete Rettungsgesellschaft von Estavayer-le-Lac feiert ihr 75-jähriges Bestehen. Rund 200 Freiwillige engagieren sich in den Bereichen Rettung, Ausbildung und Prävention, etwa mit Schulbesuchen und Schwimm- sowie Rettungskursen. Bei Notfällen alarmiert die Polizei die Mitglieder der Gesellschaft, die mit dem Rettungsboot Jonas II ausrücken. Je nach Lage arbeiten sie mit anderen Rettungsgesellschaften, der Seepolizei oder der Rega zusammen. Zu den häufigsten Einsätzen zählen Hilfe für Wassersportlerinnen und Wassersportler, Motorpannen, gekenterte Segelboote und herrenlose Boote. Der Kanton Freiburg und die Gemeinde Estavayer unterstützen die Gesellschaft finanziell. Zudem stellt die Gemeinde das Bootshaus am See zur Verfügung und trägt so zur Einsatzbereitschaft der Rettungsgesellschaft bei. «Wir retten Kitesurfer mitten auf dem See. Wenn der Wind nachlässt, sind sie manchmal zu weit entfernt, um noch ans Ufer zurückzukommen.» Gwennaëlle Riedweg, Präsidentin der Rettungsgesellschaft von Estavayer-le-Lac Alain Meyer

Norbert Thaler: «Vereine sind für die Gemeinden sehr wertvoll»

Hinter dem Bahnhof in Gossau (SG) entsteht eine neue Sportwelt. In den vergangenen Monaten sind im Gebiet Buechenwald ein neues Hallenbad, moderne Gebäude für das Freibad, Fussballfelder mit Tribüne, eine Leichtathletikanlage sowie Beachvolleyball-Felder gebaut worden. Bis im Herbst 2026 werden die Bauarbeiten weitgehend beendet sein. Gleichzeitig ist dies der Abschluss der ersten Etappe eines Generationenprojekts, das Norbert Thaler entscheidend mitgeprägt hat. Als Leiter der Fachstelle Sport, Kultur und Freizeit von Gossau erarbeitete er 2012 zusammen mit Vereinen, Schulen und Behörden das Gemeindesportanlagenkonzept (Gesak). Dieses ist der strategische Plan für die schrittweise Erneuerung der vielen in die Jahre gekommenen Sportanlagen. Die neuen Anlagen sind für den 71-Jährigen mehr als eine neue Infrastruktur. «Sie sind ein Symbol dafür, was entsteht, wenn Gemeinde, Vereine, Schulen und Bevölkerung über Jahre hinweg am gleichen Strick ziehen.» 14 Jahre lang leitete Thaler die Fachstelle, seit März 2026 ist er offiziell pensioniert. Vor seiner Zeit bei der Stadt präsidierte er während 10 Jahren die Interessengemeinschaft (IG) Sport in Gossau sowie 13 Jahre den Handballclub TSV Fortitudo. In dieser Zeit stellte er fest, dass es innerhalb der Gemeindeverwaltung keine Stelle gab, welche die Anliegen der Vereine aufnahm, koordinierte und gegenüber Politik und Verwaltung vertrat. Thaler schlug dem Stadtrat die Schaffung einer Fachstelle Sport vor. Die Idee überzeugte, und wenig später übernahm er die Leitung. 2019 wurde die Fachstelle um die Bereiche Kultur und Freizeit erweitert. Von Anfang an setzte Thaler auf einen Ansatz, der heute selbstverständlich wirkt, damals aber alles andere als üblich war. Nutzerinnen und Nutzer wurden bei öffentlichen Bauprojekten oft erst dann einbezogen, wenn vieles bereits entschieden war. Der Fachstellenleiter drehte den Prozess um. Bevor Pläne entstanden, sprach er mit den Menschen über das, was sie brauchten. «Als Nutzenvertreter habe ich die Anliegen der Vereine innerhalb der Verwaltung vertreten.» Wie wertvoll dieser Einbezug sein kann, zeigte sich bei grossen Projekten wie dem Gesak, aber auch bei kleineren. So kam etwa die Leichtathletikgruppe mit dem Wunsch eines zusätzlichen Stauraums für ihre Geräte auf Thaler zu. Aus dem Gespräch mit allen Beteiligten resultierte eine einfache Anpassung, mit der sich das Problem lösen liess. Für Thaler ist dies der Schlüssel erfolgreicher Zusammenarbeit: Bedürfnisse ernst nehmen und gemeinsam Lösungen entwickeln und vor allem umsetzen. «Für die Gemeinde sind Vereine sehr wertvoll», sagt Thaler. «Sie schaffen Begegnungen und stiften Zusammenhalt innerhalb einer Gesellschaft.» Mit 180 Vereinen gehört Gossau mit seinen rund 19 000 Einwohnerinnen und Einwohnern zu den Gemeinden mit der grössten Vereinsdichte. Dieses freiwillige Engagement ist von grossem Wert. Gemäss Berechnungen des Bundesamts für Statistik entspricht die ehrenamtliche Arbeit in den Gossauer Vereinen einem Gegenwert von rund 84 Millionen Franken pro Jahr. Umso wichtiger sei es, ihnen gute Rahmenbedingungen zu bieten. «Als Gemeinde wollen wir die Voraussetzungen schaffen. Den Inhalt und das Leben bringen die Vereine mit ihren Mitgliedern ein.» Ebenso wichtig wie die Zusammenarbeit mit den Nutzenden war für ihn die klare Rollenverteilung innerhalb der Verwaltung. Die Fachstelle definierte gemeinsam mit den Betroffenen die Anforderungen, erstellte daraus die Raumprogramme und vertrat diese als «Besteller» gegenüber dem Hochbauamt, das für die Planung und bauliche Umsetzung verantwortlich war. Diese Aufgabenteilung sorgte dafür, dass Projekte sowohl fachlich als auch organisatorisch breit abgestützt waren. «Die grösste Herausforderung in all den Jahren war die Politik», sagt Thaler. «Alle mussten aufgeklärt und überzeugt werden, und das war manchmal aufwendig.» «Die grösste Herausforderung in all den Jahren war die Politik.» Norbert Thaler, Leiter der Fachstelle Sport, Kultur und Freizeit der Stadt Gossau (SG) Die Arbeit mit den Vereinen war ihm wie auf den Leib geschneidert. Im Abschiedsporträt im «St. Galler Tagblatt» wurde er auch als «Vater der Vereine» bezeichnet. «Das passt», sagt er und schmunzelt. Auch nach seiner Pensionierung engagiert sich der mittlerweile achtfache Grossvater weiter: in verschiedenen OKs und in mehreren Projekten auf Mandatsbasis. «Ich arbeite gerne mit Menschen. Gemeinsam Lösungen zu entwickeln und sie möglichst rasch umzusetzen, hat mir immer am meisten Freude bereitet.» Marion Loher

«Vereine gehören zur DNA der Schweiz»

Genaue Angaben zur Zahl der Vereine in der Schweiz gibt es nicht, da diese nicht zentral erfasst werden. Studien zeigen aber, dass die Zahl der Vereine sowie das freiwillige Engagement in den letzten Jahren stabil geblieben sind. In der Schweiz sind die Rahmenbedingungen für die Rechtsform Verein so attraktiv, dass viele Vereine gegründet werden. Das heisst aber nicht, dass es nicht Verschiebungen gibt: Vereine fusionieren, und andere, deren Angebot nicht mehr dem Zeitgeist entspricht, lösen sich auf. Während manche Vereine florieren, haben andere Mühe, sich zu finanzieren oder genügend Freiwillige zu finden. Eine sehr grosse. Der letztjährige Freiwilligen-Monitor hat gezeigt, dass sich in der Schweiz rund fünf Millionen Menschen, die über 15 Jahre alt sind, freiwillig engagieren und dabei 590 Millionen freiwillige Arbeitsstunden leisten. Würde man diese Arbeit mit einem Stundenansatz von 50 Franken bezahlen, entspräche das einer Summe von 30 Milliarden Franken – also einem Drittel des Bundesbudgets. Vereine gehören zur DNA der Schweiz: Von der Geburt in einem vereinsgeführten Geburtshaus bis zur im Verein organisierten Sterbebegleitung begleiten sie uns unser ganzes Leben lang. Sie sind zentral für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Studien zeigen, dass freiwillig engagierte Menschen auch eher in der Politik aktiv werden. Vereine stärken somit nicht nur das Gemeinschaftsgefühl, sondern auch die demokratischen Institutionen. Und da sie sehr nahe an den Menschen sind, können sie den Gemeinden Befindlichkeiten in der Bevölkerung aufzeigen. Ich kann nicht für alle Gemeinden sprechen. Wir beobachten aber, dass die Zusammenarbeit zwischen grossen Städten und ihren Vereinen eher formalisiert ist, während man sich auf dem Land kennt und die Wege kürzer sind. In den Agglomerationen sind die Leute sehr mobil, und die Städte mit ihrem grossen Angebot sind nah – da ist es für die Vereine herausfordernd, an die Leute zu gelangen, und ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu schaffen. Wertschätzung zu zeigen, ist zentral. Dies kann zum Beispiel mit einem jährlichen Anlass für die Vereine oder einer Preisverleihung geschehen. Aber auch finanzielle Unterstützung ist wichtig, ebenso die Bereitstellung von Infrastruktur für die Vereine. Auch in der Kommunikation können Gemeinden helfen, beispielsweise indem sie Vereinen Sichtbarkeit in der Gemeindezeitung, auf der Website oder in den Aushangkästen verleihen. Sie können entlasten und ergänzen, indem sie Leistungen anbieten, die nicht im Aufgabenkatalog einer Gemeinde enthalten sind oder die die Gemeinde selbst nicht übernehmen kann. In solchen Fällen hat sich eine einfache, gemeinsam aufgesetzte Leistungsvereinbarung bewährt. Sie gibt sowohl der Gemeinde als auch dem Verein Sicherheit. «Mit starken Vereinen können wir zahlreichen Herausforderungen unserer Zeit die Stirn bieten.» Fanni Dahinden, Leiterin der Fachstelle Vitamin B Vereine und Gemeinden haben teilweise sehr unterschiedliche Abläufe und dadurch auch eine andere Sprache. Das kann zu Missverständnissen führen. Auch abrupte Wechsel können zu Konflikten führen, wenn zum Beispiel eine langjährige Ansprechperson bei der Gemeinde weggeht und jemand Neues kommt. Oder wenn Reglemente geändert werden, ohne dass die Vereine sich vorgängig einbringen konnten und ihr Aufwand dadurch grösser wird. Eine Kommunikation auf Augenhöhe mit gegenseitiger Wertschätzung hilft, ebenso wie klare Strukturen, Transparenz und feste Ansprechpersonen: Sowohl die Gemeinde als auch Vereine sollten wissen, wer wofür zuständig ist und wen sie bei Anliegen kontaktieren können. Gemeinden können zudem koordinieren und die Vereine untereinander vernetzen. So kann zum Beispiel verhindert werden, dass die Musikgesellschaft und der Turnverein am gleichen Wochenende ein grosses Fest organisieren. Ich wünschte mir, dass es in jeder Gemeinde ein Ressort für «gesellschaftlichen Zusammenhalt» gibt, das Vereine unterstützt und inspiriert. Mit starken Vereinen können wir zahlreichen Herausforderungen unserer Zeit die Stirn bieten: der zunehmenden Polarisierung, Individualisierung und Einsamkeit. Nadja Sutter

Mobile Altersarbeit in der Schweiz: Nähe schafft Zugang zur Betreuung

Die 79-Jährige Maria-Doina Wälty engagiert sich im «MoA Träff» der mobilen Altersarbeit Aarau (AG). Was für sie heute ein wichtiger Teil ihres Alltags ist, begann mit Begegnungen an einem Infostand beim Einkaufszentrum in ihrer Nähe. Nach dem Tod ihres Mannes war sie zunächst auf sich allein gestellt. Durch den Quartiertreff fand sie Anschluss – und engagiert sich inzwischen selbst aktiv. «Ich bin bei den Sitzungen dabei, bringe Ideen ein, stelle Fragen. Das Programm gibt mir eine Aufgabe und Abwechslung. Es macht mich sehr glücklich und dankbar.» Sie macht auch andere ältere Menschen auf das Angebot aufmerksam: «Wenn ich im Bus drei Stationen fahre, spreche ich die Leute darauf an, ob sie den ‹Träff› schon kennen.» Riccardo Pardini vom Institut Alter der Berner Fachhochschule hat den Ansatz der mobilen Altersarbeit im Auftrag der Paul Schiller Stiftung erstmals systematisch erforscht. Niederschwellige Begegnungsmöglichkeiten, Informationen und Gespräche vor Ort im Dorf oder im Quartier unterstützen ältere Menschen dabei, ihren Bedarf an Betreuung zu erkennen. Sie erleichtern die Triage und den Zugang zu geeigneten, weiterführenden Angeboten. «Konventionelle Beratungsstellen reichen heute in einer stark individualisierten Gesellschaft nicht mehr aus, um ältere Menschen effektiv zu unterstützen», sagt Studienautor Riccardo Pardini. Mobile Altersarbeit verbindet deshalb Sozialraumarbeit, aufsuchende Orientierung und soziokulturelle Ansätze. Sie trägt dazu bei, dass ältere Menschen möglichst lange selbstbestimmt zu Hause leben und sozial eingebunden bleiben. Damit wirkt sie auch sozialer Isolation und Vereinsamung entgegen. «Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Kombination der Sozialraumarbeit mit der aufsuchenden Orientierung und soziokulturellen Ansätzen», sagt Riccardo Pardini. Für Gemeinden eröffnet dieser Ansatz neue Möglichkeiten: Sie können ältere Menschen und ihre Angehörigen frühzeitig erreichen, soziale Teilhabe stärken und den Zugang zu bestehenden Unterstützungsangeboten verbessern – auch wenn Lebenswelt und Mobilitätsradius im Alter kleiner werden. Der partizipative Ansatz sowie die enge und bedürfnisorientierte Zusammenarbeit mit lokal vernetzten älteren Menschen tragen weiter zur Bekanntheit und zum Vertrauensaufbau bei. «Wenn ich im Bus drei Stationen fahre, spreche ich Leute auf den ‹Träff› an.» Maria-Doina Wälty, engagierte Seniorin Für Maria-Doina Wälty macht gerade diese Nähe den Unterschied: «Der regelmässige Austausch mit den Fachpersonen von MoA ist etwas ganz anderes, als zu einer Beratungsstelle zu gehen. Dazu müsste es schon schlimm sein.» Kathrin Fachinger, Teamleiterin der mobilen Altersarbeit Aarau, bestätigt: «Ältere Menschen kommen oft trotz Mehrfachbelastungen erst, wenn es wirklich nicht mehr geht.» Deshalb setzt die Stadt Aarau auf ein «Bring-Prinzip» statt auf eine «Holschuld». Die Aarauer Bevölkerung hat 2024 in einer Abstimmung auf kommunaler Ebene mit 73 Prozent für die Verstetigung der mobilen Altersarbeit gestimmt. Seither wird das Projekt Schritt für Schritt auf weitere Stadtteile ausgeweitet. Noè Freiburghaus

Sie bringen Menschen zusammen

Heute gehört der Generationenraum im Zentrum Dorfmatt in Rotkreuz ganz den Jugendlichen. Rund 40 Teenager von der fünften bis zur neunten Klasse werden an diesem Mittwochnachmittag ein- und ausgehen. Einige sitzen zusammen und diskutieren, am Billardtisch klackern die Kugeln, eine Mädchengruppe hat sich in den separaten «Chillraum» zurückgezogen. Im «Jugi», wie die Jugendlichen den Raum nennen, ist eine Kultur des Miteinanders spürbar. Der multifunktionale Raum in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof ist das Herz der Gemeinwesenarbeit der Gemeinde Risch, zu der auch die Ortschaften Buonas, Holzhäusern und Rotkreuz gehören. Anders als in anderen Gemeinden wird der Raum nicht nur von den Jugendlichen, sondern von verschiedensten Gruppen genutzt. Am Vormittag lud die Frauengemeinschaft Jung und Alt zum gemeinsamen Spielen ein. Und übermorgen findet in derselben Lokalität das Seniorencafé statt. Die Vielseitigkeit des Generationenraums zeigt beispielhaft, wie vernetzt die Gemeinde Risch das soziale Zusammenleben angeht. Ob Alter, Kind und Familie, Jugend, Freiwilligenarbeit, Sozialraum oder Integration: Das siebenköpfige, interdisziplinäre Team des Bereichs «Generationen und Gesellschaft» ist für all diese Themen und für verschiedenste Zielgruppen zuständig. Seit drei Jahren gehört Patrick Bütikofer zum Team. Während seiner Ausbildung zum Gemeindeanimator HF in Luzern erwarb er das theoretische Rüstzeug für sein breit gefächertes Tätigkeitsfeld. Heute trägt er die Hauptverantwortung für die Dossiers Jugendarbeit und Sozialraum. Gemeinsam mit Rahel Heini, Gemeindeanimatorin in Ausbildung, coacht er an diesem Nachmittag die Jugendlichen im Jugendtreff. Was die beiden tun, wirkt auf den ersten Blick unspektakulär: eine Runde Billard mit einer Jugendlichen, ein spontanes Uno-Spiel, Gespräche mit Einzelnen. Die Teenager fühlen sich ganz offensichtlich wahrgenommen. «Es ist einfach cool, hier zu sein», sagt eine Jugendliche. «Ich treffe meine Freundinnen, wir chillen oder spielen.» Er komme jeden Mittwoch und Freitag, sagt ein anderer. «Zu Hause würde ich nur gamen.» Erleben die Jugendlichen die anwesenden Fachpersonen nicht als «Polizisten»? Kopfschütteln. «Es ist gut, dass Patrick und Rahel da sind. Sonst wäre hier Chaos», meint eine Jugendliche und lacht. Die Gemeindeanimatorinnen und -animatoren übernehmen zwar gewisse Aufsichtspflichten. Doch vor allem treten sie in Kontakt mit den Teenagern, bauen Beziehungen auf, nehmen Bedürfnisse wahr, unterstützen Initiativen für Aktivitäten und Projekte, setzen sich in der Gemeinde für die Interessen der Jugendlichen ein oder beraten bei Sorgen und Herausforderungen. Vertrauen ist das Fundament ihrer soziokulturellen Arbeit, die zum Ziel hat, Menschen zu aktivieren, das soziale und kulturelle Zusammenleben aktiv mitzugestalten. Patrick Bütikofer und Rahel Heini sind verantwortlich für die Jugendarbeit. Gleichzeitig sind sie Teil eines grösseren Teams, das auch für andere Anspruchsgruppen da ist. Das bedinge zwar Austausch und Koordination. «Doch unsere Vernetzung ist ein grosser Gewinn», sagt Patrick Bütikofer. Der erfahrene Gemeindeanimator erzählt vom Jugendpolittag, an dem die Jugendlichen ins Gespräch mit dem Gemeindepräsidenten kamen und sich direkt einbringen konnten. Oder von einem generationenübergreifenden Kochprojekt, das dank der eingespielten Zusammenarbeit zum Erfolg wurde. Die angehende Gemeindeanimatorin Rahel Heini fühlt sich durch ihr berufsbegleitendes HF-Studium bei Artiset Bildung gut auf diese Arbeit vorbereitet. Die Kombination von ein bis zwei Tagen Studium und drei Tagen Praxis sei ideal, um eine fachlich gefestigte Haltung zu entwickeln. «Wir lernen viele Methoden der soziokulturellen Arbeit kennen, die ich direkt und angepasst an die jeweiligen Anspruchsgruppen anwenden kann.» Was aber gewinnt die Gemeinde durch professionelle Gemeindeanimation? Patrick Bütikofer verweist auf aktuelle Herausforderungen der Gemeinde Risch: das rasche Bevölkerungswachstum, den Wandel ehemaliger Dorfstrukturen oder die vielen Expats, die zum Teil in eigenen «Bubbles» lebten. «In der soziokulturellen Arbeit sind wir ganz nahe bei den Menschen, ihrem Alltag und ihren Bedürfnissen», erklärt er. «Mit unseren niederschwelligen Angeboten ermöglichen wir Teilhabe und Dialog. Davon profitiert die gesamte Gemeinde.» «Wir sind ganz nahe bei den Menschen, ihrem Alltag und ihren Bedürfnissen.» Patrick Bütikofer, Gemeindeanimator HF Astrid Bossert Meier

Sorgende Gemeinde Belp – gemeinsam für mehr Lebensqualität

Zu den Höhepunkten der sorgenden Gemeinde Belp (BE) zählen die zweimal jährlich durchgeführten Themenabende. Über 200 Personen hören Referate und diskutieren über Fragen wie Generationenwohnen, stille Heldinnen und Helden oder künstliche Intelligenz. «Wichtig ist, dass die Themen möglichst alle Altersgruppen ansprechen», sagt René Walker, Leiter der Fachstelle Generationen. Die meisten Teilnehmenden seien allerdings über 50 Jahre alt. Die 55- bis 65-Jährigen bilden auch die grösste Altersgruppe in Belp. Seit Mai 2025 sorgt das mobile «Plauderbänkli» für Begegnungen. Es wechselt regelmässig den Standort, und zu festgelegten Zeiten warten Zuhörerinnen und Zuhörer auf Gesprächspartnerinnen und -partner. «Daraus sind bereits Freundschaften entstanden», freut sich René Walker. Zahlen zur Wirkung liegen noch nicht vor. Doch er ist überzeugt: «Jeder Kontakt hilft, Freude und Sorgen zu teilen, Lösungen zu finden und die Gesundheit zu stärken.» In Belp funktioniert die Nachbarschaftshilfe mehrheitlich gut. Und über 60 Vereine sorgen für ein buntes Zusammenleben. Der Mehrwert der sorgenden Gemeinde liegt darin, diese Aktivitäten unter einem gemeinsamen Dach zu bündeln und die Förderung von Gesundheit, Teilhabe und Lebensqualität auf die gesamte Gemeinde auszuweiten. Gesundheitsförderung Schweiz bestätigt die Bedeutung sozialer Ressourcen für die Gesundheit und fördert daher die Arbeit des Netzwerks Caring Communities. Auch Belp hat vom Netzwerk und den Erfahrungen anderer Gemeinden profitiert. «Sorgende Gemeinschaft bedeutet, füreinander da zu sein – und das macht uns alle gesünder.» René Walker, Leiter der Fachstelle Generationen, Belp (BE) Die Idee entstand im Jahr 2016 bei der Überarbeitung des Altersleitbildes. Bald war klar: Von Unterstützung und Teilhabe sollen alle Generationen profitieren. Wichtig war, dass bestehende Angebote nicht verdrängt, sondern ergänzt und gestärkt werden würden. Gemeinsam mit den Kirchen, der Spitex AareGürbetal und dem Frauenverein entwickelte Belp die sorgende Gemeinde als generationenübergreifendes Gefäss. Rückenwind erhielt das Projekt durch den Kanton Bern und das Nationale Forschungsprogramm «Gesundheitsversorgung» NFP 74. Neben Münsingen (BE), Obfelden (ZH) und Schwamendingen (ZH) war Belp Pilotgemeinde im Projekt der Berner Fachhochschule. Diese Begleitung ermöglichte es, das Projekt sorgfältig aufzubauen, Bedürfnisse in den Quartieren systematisch zu erfassen und mit der Bevölkerung über 40 Projektideen zu entwickeln. Die Organisationen der ersten Stunde sind heute mit Freiwilligen im Ausschuss der Sozialkommission vertreten. Dieser trifft sich vier- bis fünfmal jährlich. Die Koordination liegt bei der Fachstelle Generationen, die 2021 geschaffen wurde und 20 bis 30 Stellenprozente dafür einsetzt. Nach einem anfänglichen Budget von 3000 Franken stehen heute rund 10 000 Franken pro Jahr zur Verfügung. Hinzu kommen personelle Ressourcen von der Gemeinde und Partnerorganisationen. Die Verankerung in den Legislaturzielen des Gemeinderats zeigt, dass das Thema politisch abgestützt ist. Silvie Burri, Mitglied der Belper Sozialkommission und Vorsitzende vom Ausschuss der sorgenden Gemeinde, freut sich, dass die Reise weitergeht: In fünf Jahren soll die sorgende Gemeinde Belp bekannter sein, mehr Belperinnen und Belper an die Themenabende locken und weitere Projektideen umsetzen. René Walker schwebt der Aufbau einer mobilen Sozialarbeit vor. So könnten auch die «Unsichtbaren» besser erreicht werden. Fanni Dahinden vom Netzwerk Caring Communities freut sich, dass das Konzept in der Schweiz an Bedeutung gewinnt: «Sowohl in kleinen als auch in grösseren Gemeinden wird erkannt, dass es neben Investitionen in Infrastrukturen auch soziale Investitionen braucht.» Heidi Kaspar von der Berner Fachhochschule hat den Prozess in Belp als Leiterin des Forschungsprojektes begleitet. Sie kennt viele Studien, die belegen, dass wohlwollende Begegnungen und verlässliche Beziehungen die Gesundheit in jedem Alter stärken, und weiss: «Sorgende Gemeinschaften schaffen Bedingungen für eine Kultur, die Menschen inspiriert und unterstützt, füreinander da zu sein – auch in schwierigen Lebenssituationen.» Für Belp hat sich der Aufbau der sorgenden Gemeinde in vielerlei Hinsicht gelohnt. Gemäss René Walker hat es sich bewährt, das Gespräch zu suchen, Kooperationen einzugehen und den Fokus auf ein bis zwei Ziele zu setzen. «So liessen sich erste Erfolge erreichen und Motivation gewinnen», bilanziert er. Dass Belp nun Vorbild ist, erfüllt alle Beteiligten mit Stolz. René Walker bringt es auf den Punkt: «Sorgende Gemeinschaft bedeutet, füreinander da zu sein – und das macht uns alle gesünder.» Diana Müller, Myriam Kleiner

Ein grünerer und gesünderer Pausenplatz

Kinder tummeln sich auf dem Pausenplatz wie die Vögel in den Ästen über ihnen. Vögel und das Naturschutzgebiet Grande Cariçaie am Neuenburgersee waren die Inspiration für die Neugestaltung des Pausenplatzes der Primarschule La Villette in Yverdon-les-Bains. Der in die Jahre gekommene Multisportplatz und der Asphalt wurden durch Holzhäuschen für die Kinder, Obstbäume, eine Wasserstelle und einen modernisierten Multisportplatz ersetzt. Ist der Pausenplatz jetzt schöner? Sicherlich. Doch der wahre Mehrwert liegt woanders: «Die Vielfalt der Räume und Spielmöglichkeiten fördern die Entwicklung der Kinder», sagt Carmen Tanner, Stadträtin für Stadtplanung, Personalwesen und Nachhaltigkeit. «Ausserdem werden beispielsweise das Gleichgewicht oder die Motorik gefördert.» Die Politikerin verweist auf aktuelle Studien, die gezeigt haben, dass der Zugang zu Grünflächen die Gedächtnisleistung und die Aufmerksamkeit von Kindern verbessert. Und wie sieht es mit den Auswirkungen auf die Chancengleichheit aus? War der Multisportplatz bisher den Jungs und dem Fussball vorbehalten, wird nun die Aktivität des Tages vor jeder Pause mit einer von den Kindern erdachten Methode zufällig bestimmt. «Dieser Platz ist nun für alle zugänglich, ohne Unterscheidung oder Diskriminierung», freut sich Carmen Tanner, Vize-Stadtpräsidentin von Yverdon. Und das ist nicht die einzige Verbesserung, die sich eingestellt hat. Da der Platz im Herzen eines Wohnquartiers liegt, kam es bisher aufgrund der Lärmbelästigung zu Spannungen. «Die Bälle prallten gegen die Wand hinter dem Tor und jeder Aufprall hallte in allen umliegenden Gebäuden wider.» Heute ist die betreffende Wand mit Klettergriffen versehen, die eine neue Aktivität ermöglichen. «Zudem wurde ein Ballfangzaun angebracht. So gibt es keine Störung mehr!» «Der Multisportplatz ist nun für alle zugänglich, ohne Unterscheidung oder Diskriminierung.» Carmen Tanner, Vize-Stadtpräsidentin, Yverdon-les-Bains (VD) Das Projekt wurde übrigens partizipativ umgesetzt. Anwohnende, Schulkinder, Lehrpersonen sowie Hausmeisterinnen und Hausmeister wurden einbezogen. Dieses Engagement hält an. «Die Kinder und Jugendlichen, die nach der Schule hier spielen, haben eine partizipative Pflege des Platzes organisiert», berichtet Carmen Tanner. «So bleibt der Pausenplatz sauberer und wird besser respektiert als zuvor, weil sich alle verantwortlich fühlen.» Ein Pausenplatz ist zwar ein Pausenplatz, aber auch ein öffentlicher Raum. Diese und andere Neugestaltungen tragen dieser Tatsache Rechnung. «Wir haben hier die gleichen Kriterien zugrunde gelegt wie für andere öffentliche Räume, das heisst, es muss mindestens einer der folgenden Schwerpunkte vorhanden sein: Kultur, Sport, Zusammenhalt oder Natur», erklärt die Politikerin. «Für diesen Platz standen Natur und Sport im Vordergrund. Die Anlagen und Spielgeräte wurden so konzipiert, dass sie zum Bewegen einladen. Ausserdem wurde der Platz an verschiedenen Stellen und auf unterschiedliche Weise begrünt.» Es gibt nun mehr Natur und Räume, in denen man sich austoben kann oder die den Zusammenhalt zwischen den Schulkindern stärken. All dies trägt zur Stärkung der körperlichen und psychischen Gesundheit dieser jungen Menschen bei. Carmen Tanner macht keinen Hehl daraus, dass sie eine noch stärkere Begrünung befürwortet hätte. «Aber es ist ein erster Schritt. Wir befinden uns in einer Übergangs- und Sensibilisierungsphase – nicht nur in Yverdon – zwischen komplett asphaltierten und vielleicht in Zukunft komplett begrünten Pausenplätzen!» Unter der sengenden Sonne, aber im Schatten der auf dem Platz gepflanzten Bäume, betont sie: «Bäume und Grünflächen bilden einen natürlichen Schutz gegen die Wärmeinseln, die diese Plätze darstellen. Die Frage der Begrünung wird sich immer mehr stellen...» Josefin De Pietro, Lara Gross Etter

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