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Norbert Thaler: «Vereine sind für die Gemeinden sehr wertvoll»

Hinter dem Bahnhof in Gossau (SG) entsteht eine neue Sportwelt. In den vergangenen Monaten sind im Gebiet Buechenwald ein neues Hallenbad, moderne Gebäude für das Freibad, Fussballfelder mit Tribüne, eine Leichtathletikanlage sowie Beachvolleyball-Felder gebaut worden. Bis im Herbst 2026 werden die Bauarbeiten weitgehend beendet sein. Gleichzeitig ist dies der Abschluss der ersten Etappe eines Generationenprojekts, das Norbert Thaler entscheidend mitgeprägt hat. Als Leiter der Fachstelle Sport, Kultur und Freizeit von Gossau erarbeitete er 2012 zusammen mit Vereinen, Schulen und Behörden das Gemeindesportanlagenkonzept (Gesak). Dieses ist der strategische Plan für die schrittweise Erneuerung der vielen in die Jahre gekommenen Sportanlagen. Die neuen Anlagen sind für den 71-Jährigen mehr als eine neue Infrastruktur. «Sie sind ein Symbol dafür, was entsteht, wenn Gemeinde, Vereine, Schulen und Bevölkerung über Jahre hinweg am gleichen Strick ziehen.» 14 Jahre lang leitete Thaler die Fachstelle, seit März 2026 ist er offiziell pensioniert. Vor seiner Zeit bei der Stadt präsidierte er während 10 Jahren die Interessengemeinschaft (IG) Sport in Gossau sowie 13 Jahre den Handballclub TSV Fortitudo. In dieser Zeit stellte er fest, dass es innerhalb der Gemeindeverwaltung keine Stelle gab, welche die Anliegen der Vereine aufnahm, koordinierte und gegenüber Politik und Verwaltung vertrat. Thaler schlug dem Stadtrat die Schaffung einer Fachstelle Sport vor. Die Idee überzeugte, und wenig später übernahm er die Leitung. 2019 wurde die Fachstelle um die Bereiche Kultur und Freizeit erweitert. Von Anfang an setzte Thaler auf einen Ansatz, der heute selbstverständlich wirkt, damals aber alles andere als üblich war. Nutzerinnen und Nutzer wurden bei öffentlichen Bauprojekten oft erst dann einbezogen, wenn vieles bereits entschieden war. Der Fachstellenleiter drehte den Prozess um. Bevor Pläne entstanden, sprach er mit den Menschen über das, was sie brauchten. «Als Nutzenvertreter habe ich die Anliegen der Vereine innerhalb der Verwaltung vertreten.» Wie wertvoll dieser Einbezug sein kann, zeigte sich bei grossen Projekten wie dem Gesak, aber auch bei kleineren. So kam etwa die Leichtathletikgruppe mit dem Wunsch eines zusätzlichen Stauraums für ihre Geräte auf Thaler zu. Aus dem Gespräch mit allen Beteiligten resultierte eine einfache Anpassung, mit der sich das Problem lösen liess. Für Thaler ist dies der Schlüssel erfolgreicher Zusammenarbeit: Bedürfnisse ernst nehmen und gemeinsam Lösungen entwickeln und vor allem umsetzen. «Für die Gemeinde sind Vereine sehr wertvoll», sagt Thaler. «Sie schaffen Begegnungen und stiften Zusammenhalt innerhalb einer Gesellschaft.» Mit 180 Vereinen gehört Gossau mit seinen rund 19 000 Einwohnerinnen und Einwohnern zu den Gemeinden mit der grössten Vereinsdichte. Dieses freiwillige Engagement ist von grossem Wert. Gemäss Berechnungen des Bundesamts für Statistik entspricht die ehrenamtliche Arbeit in den Gossauer Vereinen einem Gegenwert von rund 84 Millionen Franken pro Jahr. Umso wichtiger sei es, ihnen gute Rahmenbedingungen zu bieten. «Als Gemeinde wollen wir die Voraussetzungen schaffen. Den Inhalt und das Leben bringen die Vereine mit ihren Mitgliedern ein.» Ebenso wichtig wie die Zusammenarbeit mit den Nutzenden war für ihn die klare Rollenverteilung innerhalb der Verwaltung. Die Fachstelle definierte gemeinsam mit den Betroffenen die Anforderungen, erstellte daraus die Raumprogramme und vertrat diese als «Besteller» gegenüber dem Hochbauamt, das für die Planung und bauliche Umsetzung verantwortlich war. Diese Aufgabenteilung sorgte dafür, dass Projekte sowohl fachlich als auch organisatorisch breit abgestützt waren. «Die grösste Herausforderung in all den Jahren war die Politik», sagt Thaler. «Alle mussten aufgeklärt und überzeugt werden, und das war manchmal aufwendig.» «Die grösste Herausforderung in all den Jahren war die Politik.» Norbert Thaler, Leiter der Fachstelle Sport, Kultur und Freizeit der Stadt Gossau (SG) Die Arbeit mit den Vereinen war ihm wie auf den Leib geschneidert. Im Abschiedsporträt im «St. Galler Tagblatt» wurde er auch als «Vater der Vereine» bezeichnet. «Das passt», sagt er und schmunzelt. Auch nach seiner Pensionierung engagiert sich der mittlerweile achtfache Grossvater weiter: in verschiedenen OKs und in mehreren Projekten auf Mandatsbasis. «Ich arbeite gerne mit Menschen. Gemeinsam Lösungen zu entwickeln und sie möglichst rasch umzusetzen, hat mir immer am meisten Freude bereitet.» Marion Loher

Generationenspielplatz Kreckel: Ein Treffpunkt für Jung und Alt

Es ist einer der ersten frühlingshaften Tage im März: Auf dem Generationenspielplatz Kreckel in Herisau (AR) herrscht Hochbetrieb. Kinder klettern den Holzturm empor und sausen jauchzend die Rutschbahn hinunter. Andere versuchen sich im Balancieren oder bauen im Sandkasten an ihren Burgen. Es wird geschaukelt, gelacht oder mit der Seilbahn durch die Luft geschwebt. Auf der langen Bankreihe am Spielplatzrand sitzen Väter und Grossmütter und beobachten ihre Kinder. Daneben geniessen einige Bewohnerinnen und Bewohner des benachbarten Alterszentrums die Sonne. Der Generationenspielplatz in Herisau ist ein beliebter Treffpunkt für Jung und Alt. «Bei schönem Wetter können sich über den Tag verteilt hier schon mal zwischen 800 und 1000 Personen aufhalten», sagt Glen Aggeler. Er ist Präsident des Vereins Spielinsel, der den Spielplatz 2014 gegründet hat. Die Idee sei ursprünglich aus der politischen Mitte entstanden und habe sich mit Ergebnissen einer Zukunftswerkstatt, bei der zahlreiche Interessierte aus der Gemeinde teilnahmen, ergänzt. «Wir wollten einen Ort schaffen, der verschiedene Generationen verbindet», so der Vereinspräsident, der auch im Gemeinderat von Herisau sitzt. Der Standort erwies sich als ideal. Die Wiese, auf der sich der Spielplatz befindet, liegt zwischen dem Sportzentrum und dem Alterszentrum Heinrichsbad. Entsprechend wurde der Platz sowohl mit Spielgeräten als auch mit genügend Sitz- und Aufenthaltsmöglichkeiten ausgestattet. Das Konzept hat sich bewährt: Während Kinder klettern und rutschen, nutzen ältere Menschen die Anlage, um zu verweilen oder sich ebenfalls zu bewegen. Pro Senectute organisiert regelmässig das Altersturnen auf dem «Kreckel», und auch die Aktivierungsgruppe aus dem Alterszentrum verlegt ihre Stunde häufig nach draussen. Ein zentrales Element des Spielplatzes ist der Bezug zur Region. Viele Spielgeräte greifen Sehenswürdigkeiten aus dem Appenzellerland auf. So wurde beispielsweise aus dem Holzturm der «Hohe Kasten», aus dem grossen Sandkasten der «Steinbruch Schachen» und aus der Seilbahn die «Säntis Schwebebahn». Aber auch die Höhlen des «Wildkirchli», der traditionelle Appenzeller Bauernhof sowie die Kreuzberge kommen vor. «So entsteht ein Stück Identität und Verbundenheit mit der Region.» Der Generationenspielplatz gilt als Erfolgsprojekt, auch über die Gemeinde hinaus. «Er ist zu einem eigentlichen Leuchtturm geworden», sagt Aggeler. Die Gemeinde spielt dabei eine unterstützende Rolle: Sie stellte das Baurecht zur Verfügung. Zudem reinigen Gemeindemitarbeitende noch heute täglich den Platz und geben Bescheid, wenn etwas kaputt ist. «Um die Reparaturen kümmern wir uns dann wieder selbst», so der Vereinspräsident. Dass solche Projekte für die Gemeinde einen Mehrwert schaffen, bestätigt auch Max Eugster, Gemeindepräsident von Herisau. «Der Generationenspielplatz ist für Herisau in zweierlei Hinsicht ein Gewinn», sagt er. «Er zeigt, dass private Initiativen das öffentliche Angebot sinnvoll ergänzen und zur Attraktivität unserer Wohngemeinde beitragen.» Gleichzeitig leiste der Ort mit seiner Lage zwischen Altersinstitution und Sportanlagen einen wichtigen Beitrag zum Zusammenleben der Generationen. «Das ist ein Ansatz, den wir als Gemeinde ebenfalls verfolgen, etwa mit der Aufwertung weiterer Quartierspielplätze», sagt Eugster. «So können Spielplätze zu Treffpunkten für Generationen werden.» «Bei schönem Wetter können sich über den Tag verteilt schon mal bis zu 1000 Personen hier aufhalten.» Glen Aggeler, Präsident des Vereins Spielinsel und Gemeinderat Mit dem Erfolg kommen aber auch neue Aufgaben. «Der Unterhalt ist aufwendiger geworden», sagt Aggeler. Noch lasse sich vieles dank Sponsoren und freiwilligen Einsätzen auffangen. Im Frühling wird jeweils gemeinsam geputzt, und im Herbst werden Schäden repariert. Ein weiteres Thema, das ihn beschäftigt, ist der Umgang mit dem Platz. «Respekt ist nicht immer selbstverständlich», sagt Aggeler. Regeln müssten immer wieder erklärt werden, wie der Umgang mit den Spielgeräten oder das Rauchverbot. «Es ist ein öffentlicher Raum, aber kein beliebiger.» Trotzdem überwiegt für ihn das Positive. «Wir erleben hier alles: vom Kindergeburtstag bis zum Polterabend», sagt er. Der Platz ersetze zwar nicht den Wald als Spielstätte, «aber er ist eine wichtige Ergänzung». Gerade in einer wachsenden Gemeinde wie Herisau mit inzwischen über 16 000 Einwohnerinnen und Einwohnern. «Wenn wir Menschen, egal welchen Alters, weg vom Smartphone und nach draussen bringen sowie Begegnungen ermöglichen, dann hat sich der Aufwand gelohnt.» Marion Loher

Wohnraum in Gonten: wenn die Statistik trügt

Gonten ist eine kleine Gemeinde im Kanton Appenzell Innerrhoden. 1470 Menschen leben hier, eingebettet in eine Landschaft aus sanften Hügeln, satten Wiesen und alten Bauernhöfen mit Blick auf den Säntis. Wer in Gonten eine Wohnung sucht, braucht Geduld. Denn gemäss Bundesamt für Statistik gibt es in der Gemeinde keine freie Wohnung. Seit mehreren Jahren liegt die Leerwohnungsziffer bei 0,0 Prozent. Trotzdem möchte der regierende Bezirkshauptmann Urban Fässler nicht von einer Wohnraumknappheit sprechen. «Es gibt noch freie Wohnungen bei uns», sagt er und erklärt, dass die Statistik nur jene Wohnungen erfasse, die seit weniger als zwei Jahren leer stehen und aktiv beworben werden. In Gonten wird Wohnraum jedoch kaum klassisch auf dem Markt angeboten – weder online noch über Inserate. «Bei uns läuft vieles über Beziehungen», sagt Fässler, der seit 2017 im Bezirksrat sitzt und die Gemeinde seit 2021 als Hauptmann führt. «Man kennt sich im Dorf und weiss, wo etwas frei wird.» Allerdings muss auch er einräumen: «Die Zahl der leer stehenden Wohnungen hat in den vergangenen Jahren stetig abgenommen.» Im Jahr 2022 waren es noch 22 Wohnungen, 2025 sind es gerade einmal zwei. Nicht berücksichtigt sind dabei Wohnungen und Bauernhäuser, die seit mehr als zwei Jahren leer stehen. Aufgrund der Vorgaben des Bundesamtes für Statistik werden diese als Zweitwohnungen aufgeführt, und davon gibt es in Gonten einige. 116 an der Zahl, meist traditionelle Bauernhäuser, die teilweise dem heutigen Wohnstandard nicht mehr entsprechen. Manche Gebäude werden sporadisch genutzt, andere stehen ganz leer. «Ein Umbau oder gar Neubau ist bei solchen Häusern oft schwierig», sagt der Bezirkshauptmann. «Das liegt an den gesetzlichen Grundlagen, etwa am Denkmalschutz oder an baurechtlichen Einschränkungen.» Viele dieser Liegenschaften liegen ausserhalb der Bauzone oder gelten als schützenswert, was Sanierungen teuer und aufwendig macht. «Richtige Zweitwohnungen im Sinne von Ferienwohnungen gibt es bei uns nur wenige.» Gebaut wurde in Gonten in den vergangenen Jahren in überschaubarem Rahmen. Zwischen 2019 und 2025 ist der Wohnungsbestand der Gemeinde um rund 30 Einheiten gewachsen. Neue Mehrfamilienhäuser, Umbauten und sanierte Altliegenschaften haben den Bestand leicht erhöht. Dieser wird in nächster Zeit weiter wachsen. Im Gebiet «Schwarzenberg» sind derzeit vier Doppeleinfamilienhäuser geplant, und auch im Dorfzentrum tut sich einiges. Der grösste Bau ist das kürzlich eröffnete Wellnesshotel. Gleichzeitig entstehen auf demselben Areal barrierefreie Wohnungen für über 50-Jährige sowie drei Häuser mit Serviced Appartements und Wohnungen. Von einem Bauboom kann aber keine Rede sein. Und das ist durchaus im Sinne der Gemeinde. «Wir wollen nicht gross wachsen, aber ein bisschen müssen wir schon», sagt Fässler. Es gehe darum, Schule und Geschäfte im Dorf am Leben zu erhalten. Die Primarschule stehe gut da und habe stabile Schülerzahlen. Für die Oberstufe wechseln die Jugendlichen dann nach Appenzell. Der Bezirkshauptmann ist sich bewusst, dass einige junge Leute für Ausbildung, Arbeit oder Studium wegziehen. «Viele von ihnen kommen aber später, wenn sie eine Familie gründen oder gegründet haben, wieder in die Heimat und finden in der Regel eine Wohnung, auch wenn diese selten auf Immobilienplattformen ausgeschrieben sind.» «Wir wollen nicht gross wachsen, aber ein bisschen müssen wir schon.» Urban Fässler, Bezirkshauptmann von Gonten (AI) Viel ändern dürfte sich in Gonten bezüglich der Wohnraumsituation in den nächsten Jahren nicht. Die Ortsplanrevision ist zwar im Gange und wird demnächst der Standeskommission zur Vorprüfung vorgelegt. Viel Spielraum hat die Gemeinde dabei aber nicht: Bauland ist kaum mehr vorhanden, und neue Einzonungen sind in den kommenden 15 Jahren nur nach konsequenter Mobilisierung der inneren Nutzungsreserven und dem Nachweis eines Bedarfs möglich. Im neuen Ortsplan werden einzelne Parzellen von Wohn- in Freihaltezonen umgewandelt, um Grünflächen zu erhalten. «Bisher sind wir mit unserer Boden- und Wohnpolitik gut gefahren», sagt der Bezirkshauptmann, «und wir konnten die Nachfrage nach Wohnraum mehrheitlich gut abdecken.» Aber sie seien auch nicht überrannt worden, fügt er augenzwinkernd an. Die Bevölkerung ist in den vergangenen acht Jahren leicht gewachsen – von 1440 auf 1470 Einwohnerinnen und Einwohner. Ein moderates Plus, das zeigt, dass Gonten lebendig bleibt. Marion Loher

Stadtpräsident von Rapperswil-Jona: «Manche Themen brauchen einfach Zeit»

Es war ein denkwürdiger Tag für Rapperswil-Jona (SG): Am 12. März 2023 lehnten die Stimmberechtigten die Einführung eines Parlaments ab. Das Resultat war knapp. Bei einer Stimmbeteiligung von 45,3 Prozent waren 4355 Stimmberechtigte dagegen (51,7 Prozent) und 4065 Stimmberechtigte dafür. Der Stadtrat und alle Ortsparteien waren damals für ein Parlament gewesen. «Der Entscheid zeigt exemplarisch, was das Problem für den Stadtrat bei einer Stadt unserer Grösse mit einer Bürgerversammlung ist», sagt Stadtpräsident Martin Stöckling (FDP). «Es fehlen Echokammern, die uns qualitative Rückmeldungen aus der Bevölkerung liefern.» Sie hätten zwar im Vorfeld Informationsveranstaltungen und ein Mitwirkungsverfahren durchgeführt. An Letzterem nahmen auch viele Einwohnerinnen und Einwohner teil und sprachen sich grossmehrheitlich für ein Parlament aus. «Diese Rückmeldungen geben aber anscheinend kein belastbares Meinungsbild», sagt Stöckling. Ein parlamentarischer Prozess hätte diese Problematik entschärft, ist er überzeugt. «Vorlagen, die von Parlamentarierinnen und Parlamentariern überprüft und allenfalls überarbeitet werden, haben eine viel grössere Chance, mehrheitsfähig zu sein.» Die Gegnerinnen und Gegner des Parlamentsbetriebs befürchteten vor allem den Verlust der direkten politischen Mitsprache. Zudem würde der gesamte politische Prozess langsamer und komplizierter, und Parteien würden noch stärker nur aus Eigeninteresse handeln. Stadtpräsident Martin Stöckling kennt diese Argumente, er hat sie ebenfalls vertreten. Das war 2015, als die Bürgerversammlung die Schaffung eines Parlaments schon einmal ablehnte. Damals präsidierte Stöckling noch das gegnerische Komitee. Zwei Jahre später wurde er zum Präsidenten der seit 2007 fusionierten Stadt Rapperswil-Jona gewählt. Mittlerweile hat er seine Meinung zum Thema geändert. «Es gibt gesellschaftliche Tendenzen, die sich in den vergangenen Jahren verstärkt haben. Der Einfluss der Parteien hat abgenommen und die Mediennutzung hat sich verändert. Der politische Meinungsbildungsprozess funktioniert nicht mehr richtig», sagt er. Die Vorlagen des Stadtrats seien zu wenig breit abgestützt, und es werde immer schwieriger, herauszufinden, wo es Kompromisse brauche, um eine mehrheitsfähige Lösung zu finden. «Die heutigen Partizipationsverfahren können den parlamentarischen Meinungsbildungsprozess auf Dauer nicht ersetzen.» «Die heutigen Partizipationsverfahren können den parlamentarischen Meinungsbildungsprozess auf Dauer nicht ersetzen.» Martin Stöckling, Stadtpräsident von Rapperswil-Jona (SG) Rapperswil-Jona ist mit seinen 28 000 Einwohnerinnen und Einwohnern die grösste Stadt in der Schweiz mit Bürgerversammlung. Es gibt Städte und Gemeinden mit einer weitaus kleineren Einwohnerzahl, welche die Bürgerversammlung abgeschafft und ein Parlament eingeführt haben. So wie Gossau (SG). Die Stadt zählt rund 18 000 Einwohnerinnen und Einwohner und hat seit 2001 ein Parlament. Die 30 Mitglieder treffen sich durchschnittlich siebenmal pro Jahr, um über politische Geschäfte zu diskutieren und zu entscheiden. Für Urs Salzmann, Kommunikationsbeauftragter der Stadt Gossau, hat das Parlament den Vorteil, dass die Exekutive durch die Anzahl vorgegebener Sitzungstermine mehr Möglichkeiten hat, der Legislative Geschäfte zu unterbreiten. Zudem diskutierten die Fraktionen und die vorberatende Kommission eine Vorlage vertiefter, als es beim Modell Bürgerversammlung möglich ist, und es sei schwieriger, Abstimmungsergebnisse durch eine Mobilisierung von Stakeholdergruppen zu beeinflussen. Doch es gibt auch Nachteile. Wegen der parteipolitischen Zusammensetzung sei die Gefahr grösser, dass Geschäfte «ver(partei)politisiert» werden, so Salzmann. Und: «Ein Teil der Bürgerschaft wird von politischen Themen sicher mehr distanziert, da viele Entscheide im Parlament gefällt werden und nur noch wenig an die Urne kommt.» Seit der Einführung des Parlaments habe es jedoch keine politischen Vorstösse gegeben, um das Parlament abzuschaffen. «Ein Teil der Bürgerschaft wird von politischen Themen sicher mehr distanziert, da viele Entscheide im Parlament gefällt werden.» Urs Salzmann, Kommunikationsbeauftragter der Stadt Gossau (SG) Der Stadtrat von Rapperswil-Jona respektiert den Volkswillen und sieht die Bürgerversammlung als direktdemokratisches Instrument bestätigt. Dennoch dürfte das Thema Parlamentsbetrieb nicht abgeschrieben sein. Bei der Abstimmung 2023 fehlten den Befürwortern lediglich 300 Stimmen, vor neun Jahren trat die Bürgerversammlung nicht einmal auf die Diskussion ein. Stadtpräsident Martin Stöckling glaubt, dass die Vorlage bei einem nächsten Versuch gute Chancen hätte. Allerdings sei es nicht opportun, dass die Behörden einen erneuten Anlauf starteten, ein solcher müsste aus der Bevölkerung kommen. «Es gibt Themen, die brauchen Zeit.» Und mehrere Anläufe. Bei Gossau klappte die Parlamentseinführung im vierten Versuch. Marion Loher

Kunststoffe: In den Kuh-Bag oder auf die Entsorgungsanlage

PET-Flaschen, Glas oder Papier: Viele Materialien werden gesammelt, aufbereitet und für die Herstellung neuer Produkte verwendet. Auch Kunststoff ist ein vielfältiger Werkstoff und kann – teilweise – recycelt werden. Das ist umweltschonend und nachhaltig, da ein Kilogramm recycelter Kunststoff bis zu drei Liter Rohöl spart und die Wiederverwertung ein wichtiger Teil der Kreislaufwirtschaft ist. Die Sammlung von Kunststoffprodukten erfolgt in der Ostschweiz unterschiedlich. Nebst den Angeboten des Detailhandels gibt es verschiedene regionale Initiativen. Eine davon ist der Kuh-Bag. Die drei Abfallverbände Zweckverband Abfallverwertung (ZAB) Bazenheid, Abfallregion (A-Region) St. Gallen-Rorschach-Appenzell und Kehrichtverwertungsanlage (KVA) Thurgau bieten seit ein paar Jahren ein Sammelsystem für gemischten Kunststoff an. Der Kuh-Bag ist ein gebührenpflichtiger Sack und dient als Ergänzung zur PET-Sammlung. Darin können Shampoo-, Waschmittel-, Rahm- und Milchflaschen sowie Zahnpastatuben, Blumentöpfe und andere Plastikverpackungen entsorgt werden. Ist der Sack voll, kann er an einer der zahlreichen Rückgabestellen abgegeben werden. 130 Gemeinden zwischen Stein am Rhein und Säntis beteiligen sich seit der Einführung am Kunststoff-Sammelsystem. Eine dieser Gemeinden ist Teufen im Kanton Appenzell Ausserrhoden. Hier gibt es drei Sammelstellen; zwei unbediente und eine bediente. Roman Imhof, Fachverantwortlicher Umwelt und Energie der Gemeinde Teufen, ist mit dem bisherigen Verlauf zufrieden. «Die Container werden rege genutzt, was zwei Leerungen pro Woche zur Folge hat», sagt er und ergänzt: «Das Sammeln von gemischtem Kunststoff basiert bei uns auf freiwilliger Basis. Es gibt praktisch keine Rückmeldungen zum Kuh-Bag. Das zeigt uns, dass die Nutzerinnen und Nutzer eine gewisse Disziplin mitbringen und die Sammelstellen sauber halten.» Separate Zahlen aus Teufen zur Sammelmenge gibt es nicht. Allerdings wurden im Jahr 2022 in der gesamten A-Region mit rund 40 Gemeinden, zu denen auch Teufen zählt, 89 700 35-Liter- und 62 600 60-Liter-Säcke verkauft. Insgesamt wurde 280 Tonnen gemischter Kunststoff gesammelt. In der Abfallregion der KVA Thurgau mit etwa 70 Gemeinden waren es im vergangenen Jahr 608 Tonnen Kunststoff. Spezifische Zahlen zu den einzelnen Gemeinden gibt es auch hier nicht, da der Kuh-Bag zentral von der KVA Thurgau organisiert und geregelt wird. Die Stadt Arbon macht seit Jahren bei diesem Sammelsystem mit und sieht keinen Grund, dies künftig zu ändern. «Es läuft gut, was das Einsammeln betrifft, mir sind keine Beschwerden aus der Bevölkerung bekannt», sagt Peter Grau, Bereichsleiter Umwelt/Energie bei der Stadt Arbon. Der Kuh-Bag kann an insgesamt sechs Verkaufsstellen erworben und an vier Orten zur Entsorgung abgegeben werden. In Arbon werden die Sammelsäcke wöchentlich mit einem Pressfahrzeug abgeholt und dann mit Säcken anderer Sammelstellen des Verbandsgebietes nach Eschlikon zur Inno Recycling gefahren. Dort werden alle Kuh-Bags in Ballen verpresst und dann in die Sortieranlage in Vorarlberg gefahren. Jener Teil des Kunststoffs, der stofflich verwertbar ist, wird recycelt und zu Granulaten verarbeitet. Diese Granulate werden vor allem in der Industrie zur Herstellung von Bauprodukten wie Kabelschutzrohren und -abdeckungen verwendet. «Der Kuh-Bag läuft gut, was das Einsammeln betrifft, mir sind keine Beschwerden aus der Bevölkerung bekannt.» Peter Grau, Bereichsleiter Umwelt/Energie bei der Stadt Arbon (TG) Der Transport zu den Sortierungsanlagen, aber auch die Tatsache, dass «nur» rund 55 Prozent der Sammelmenge stofflich wiederverwertet werden können und rund 45 Prozent zurück zur thermischen Verwertung kommen, hat dem Kuh-Bag vor allem am Anfang Kritik eingebracht. Mittlerweile seien diese Stimmen verstummt, und der Kuh-Bag habe sich etabliert, sagt Urs Corradini, Verantwortlicher Marketing und Kommunikation des ZVA Bazenheid. Für die Stadt Chur (GR) waren die Transportwege und die geringe stoffliche Wiederverwertung jedoch mit ein Grund, dass sie sich gegen die Einführung eines gebührenpflichtigen, separaten Sammelsacks für gemischte Haushaltkunststoffe entschieden hat. Dies wäre der falsche Weg gewesen, sagt Reto Gruber, Dienststellenleiter Grün und Werkbetrieb. Der Transportweg zur Sortierung ins Ausland sei zu lang, der Sortieraufwand zu gross, die Kosten für den Spezialsack zu hoch und die prozentuale Wiederverwertung des gemischten Haushaltkunstoffs zu gering. «Echte Alternativen zu gemischten Kunststoffen fehlen aktuell, haben entweder Tücken oder eine ungünstige Ökobilanz.» Reto Gruber, Dienststellenleiter Grün und Werkbetrieb, Stadt Chur (GR) Trotzdem legt die Stadt grossen Wert auf das Sammeln und Recycling von Materialien. Dazu zählen auch reine Kunststoffe wie Hohlkörper von beispielsweise Milch- und Waschmittelbehältern, wie es der Detailhandel vormacht. «Diese Stoffe haben eine sehr hohe Wiederverwertungsquote», sagt Gruber. Sie können bei der städtischen Multisammelstelle abgegeben werden. «Echte Alternativen zu gemischten Kunststoffen fehlen aktuell, haben entweder Tücken oder eine ungünstige Ökobilanz.» Eine mögliche Lösung sei aber im Zuge der Kreislaufwirtschaft bei Swissrecycling in Sicht, wo in Zusammenarbeit mit den Inverkehrbringern und weiteren Städten eine vorgezogene Recyclinggebühr analog dem PET- und Glasrecycling diskutiert werde, so Gruber. Diese Lösung erachtet er als ökonomischer und ökologischer. Auch weil aus dem im Abfall gelandeten, nicht recyclingfähigen Kunststoff Fernwärme generiert werde. In anderen Regionen der Ostschweiz wird ebenfalls mehrheitlich auf Sammelstellen in Entsorgungsanlagen gesetzt. So wie im St. Galler Rheintal. Hier sind die Gemeinden dem Zweckverband Kehrichtverwertung Rheintal (KVR) angeschlossen, und viele Entsorgungsfragen werden gemeinsam geregelt. Auch jene des Kunststoffs. «Wir haben in Entsorgungsanlagen verschiedener Gemeinden wie Altstätten und Au Sammelstellen für Kunststoffabfälle eingerichtet», sagt Boris Schedler, Geschäftsführer des KVR. Diese würden gut genutzt und man sehe aktuell auch keinen Grund, etwas daran zu ändern. Im Gegensatz zum Kehricht oder Grüngut setze man beim Kunststoff auf das Bringprinzip, wie bei den PET-Flaschen oder den Batterien. Ähnlich sieht es im Kanton Appenzell Innerrhoden aus, wo der Kanton beziehungsweise das Amt für Umwelt für das Abfallwesen zuständig ist. «Bei uns können Kunststoffabfälle gratis im Ökohof in Appenzell entsorgt werden», sagt Heike Summer, Leiterin Amt für Umwelt des Kantons Appenzell Innerrhoden. Ein anderes System einzuführen, wie etwa den Kuh-Bag, sei derzeit nicht in Planung. Marion Loher

Pionierprojekt: Mehr Freiheit bei der Kita-Wahl

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist für viele Eltern eine grosse Herausforderung. Kindertagesstätten können da eine enorme Entlastung sein. Allerdings ist es so, dass vor allem kleinere Gemeinden auf dem Land kein solches Angebot haben. Und bei jenen Gemeinden, die Kindertagesstätten anbieten, haben Eltern meist keine Wahl, in welche sie ihr Kind bringen wollen. Denn einerseits sind die Plätze rar, andererseits subventionieren viele Gemeinde nur die Kindertagesstätten auf eigenem Gebiet. Zudem ist diese finanzielle Unterstützung oft von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich. Das Wirtschaftsportal Ost (WPO) – eine Netzwerkplattform für Wirtschaft und Politik in der Region Wil – hat das Problem erkannt und im vergangenen November ein regionales, kantonsübergreifendes Kita-Projekt lanciert. Dieses soll das Angebot an Kindertagesstätten im Raum Wil erhöhen und gleichzeitig den berufstätigen Eltern mehr Wahlfreiheit geben. «Unser Ziel ist es, dass jede Kindertagesstätte in der Region unkompliziert genutzt werden kann. Egal, wo die Familie wohnt oder die Eltern arbeiten», sagt Roman Habrik. Der Gemeindepräsident von Kirchberg leitete die WPO-interne Arbeitsgruppe, die das Projekt entwickelte. «Bei der heutigen Mobilität und dem Fachkräftemangel schränkt es zu sehr ein, wenn die Gemeinden nur jene Kindertagesstätten unterstützen, die sich auf dem eigenen Gemeindegebiet befinden.» «Bei der heutigen Mobilität und dem Fachkräftemangel schränkt es zu sehr ein, wenn die Gemeinden nur jene Kitas unterstützen, die sich auf dem eigenen Gemeindegebiet befinden.» Roman Habrik, Gemeindepräsident Kirchberg (SG) In mehreren Workshops mit Vertreterinnen und Vertretern von Gemeinden, Kindertagesstätten und Unternehmen war die Problematik diskutiert und nach einer Lösung gesucht worden. «Eine Herausforderung dabei war, dass die Gemeinden und die Kindertagesstätten zum Teil sehr unterschiedliche Tarife, Leistungsvereinbarungen und Subventionen haben», so Habrik. Zudem war es der WPO wichtig, dass das Projekt kantonsübergreifend funktioniert, da dem Netzwerk sowohl Thurgauer als auch St. Galler Gemeinden angehören. Alle 23 Mitgliedgemeinden des WPO und 16 Kindertagesstätten wurden angefragt, ob sie beim regionalen Kita-Projekt mitmachten. Acht Gemeinden von Aadorf über Jonschwil bis Wil und elf Kindertagesstätten sagten sofort zu. Weitere Gemeinden dürften im Laufe dieses Jahres folgen, da einige das entsprechende Reglement, das auch die Höhe des Subventionsbeitrags für Kindertagesstätten ausserhalb der Gemeinde beinhaltet, erst noch anpassen müssen oder den Start des neuen Schuljahrs abwarten wollen. «Eine gute und flexible Fremdbetreuung hilft, Familie und Beruf besser vereinbaren zu können, und macht unsere Region als Arbeits- und Lebensort attraktiver.» Robert Stadler, Geschäftsführer Wirtschaftsportal Ost Neu bekommen die Eltern, die für ihr Kind eine Kindertagesstätte ausserhalb der Wohngemeinde nutzen, den finanziellen Zustupf direkt, um so den Tarif in der Kindertagesstätte ihrer Wahl reduzieren zu können. Bisher war es in der Regel so, dass eine Gemeinde diese Unterstützungsbeiträge ausschliesslich der Kindertagesstätten vor Ort überwiesen und damit die Tarife für die Eltern indirekt vergünstigt hat. «Mit diesem Wechsel bekommen die Eltern mehr Flexibilität bei der Wahl der Kindertagesstätte», sagt Roman Habrik, «da sie auch in Kitas ausserhalb der Wohngemeinde von günstigeren Tarifen profitieren können.» Geregelt ist dies in einer Vereinbarung, welche die einzelnen Gemeinden beziehungsweise Kindertagesstätten mit dem WPO abgeschlossen haben: Auf der einen Seite gewähren die Gemeinden ihren Einwohnerinnen und Einwohnern unabhängig vom Standort der Kindertagesstätte Subventionsbeiträge. Auf der anderen Seite verpflichten sich die Kindertagesstätten, Kinder aus allen Gemeinden, die beim regionalen Kita-Projekt mitmachen, aufzunehmen, solange es genügend Platz hat. Bei Gemeinden, die weiterhin und parallel zum WPO-Modell noch Leistungsvereinbarungen direkt mit den Kindertagesstätten haben, wird nach wie vor über die Kita abgerechnet. Aber nicht nur die Eltern, auch die Kindertagesstätten selbst profitieren vom Projekt. «Für die teilnehmenden Kitas vergrössert sich der Markt, da ihr Angebot auch für Kundinnen und Kunden aus anderen Gemeinden interessant wird», sagt Andreas Bühler, Vizepräsident des Vereins Globi Kinderkrippen Schweiz. Der Verein betreibt mehrere Kindertagesstätten in der Ostschweiz, unter anderem in Oberbüren (SG). Mit der regionalen Finanzierungslösung könnten das Angebot und die Nachfrage von Betreuungsplätzen noch besser aufeinander abgestimmt werden. Bühler freut sich, dass mit dem regionalen Projekt das «Gärtlidenken» etwas aufgebrochen werden konnte und eine über die Gemeinde- und Kantonsgrenze hinweg funktionierende Lösung gefunden wurde. «In der Schweiz ist das ziemlich einzigartig und hat Pioniercharakter.» Er hofft, dass sich in den nächsten Monaten noch mehr Gemeinden aus der Region anschliessen werden. Denn die Nachfrage nach Kita-Plätzen werde weiter steigen, so Bühler. «Für die teilnehmenden Kitas vergrössert sich der Markt, da ihr Angebot auch für Kundinnen und Kunden aus anderen Gemeinden interessant wird.» Andreas Bühler, Vizepräsident des Vereins Globi Kinderkrippen Schweiz Vom regionalen Kita-Modell dürfte auch die Wirtschaft profitieren, denn der Fachkräftemangel wird in den nächsten Jahren weiter zunehmen. Gemäss einer HSG-Studie werden bis 2035 auf dem Ostschweizer Arbeitsmarkt 60 000 Personen fehlen. Es brauche deshalb Massnahmen, um das Potenzial an Arbeitskräften besser zu nutzen, ist WPO-Geschäftsführer Robert Stadler überzeugt. Das regionale Kita-Modell ist eine davon. «Eine gute und flexible Fremdbetreuung hilft, Familie und Beruf besser vereinbaren zu können, und macht unsere Region als Arbeits- und Lebensort attraktiver», sagt Stadler. Marion Loher

«Es gibt noch viele Lücken»

Peppino Giarritta: Ich war nicht wirklich überrascht. Es ist Tatsache, dass die digitale Transformation noch nicht in allen Bereichen der Verwaltungen gleich fortgeschritten ist. Es gibt noch viele Lücken. Das hat zum einen damit zu tun, dass die Verwaltungen per se recht gut funktionieren. Der Leidensdruck, etwas zu ändern, war bis anhin wenig ausgeprägt. Zum anderen sind die Verwaltungen nicht überall so gut aufgestellt, um die digitale Transformation aktiv anzugehen. Man hat in den vergangenen Jahren zwar Bewegung gesehen, aber die Umsetzung, auch die von politischen Vorgaben und gesetzlichen Grundlagen, braucht Zeit. Ein solcher Vergleich ist mit Vorsicht zu geniessen. In vielen Ländern sind die Ausgangslage und die Rahmenbedingungen unterschiedlich. Skandinavische Länder beispielsweise haben einen anderen Umgang mit Daten und Datenschutz, Italien ist zentralistischer organisiert, und Österreich hat das Thema früher auf die politische Agenda gesetzt als die Schweiz und ist deshalb weiter fortgeschritten. Der Föderalismus ist eine zusätzliche Herausforderung, aber er gehört zur Schweiz und hat auch viel Gutes, wie die Nähe der Gemeinden zur Bevölkerung. Gerade beim Thema Sicherheitsbedürfnis hilft uns diese Verbundenheit, sie stärkt das Vertrauen in die E-Services. Grundsätzlich bin ich für die Koordination der digitalen Transformation von Bund, Kantonen und Gemeinden verantwortlich und setze mich dort ein, wo mehrere föderale Ebenen involviert sind. Im ersten Jahr hat mich vor allem der Aufbau der Organisation mit ihrer Geschäftsstelle beschäftigt. Jetzt geht es darum, die DVS im Rahmen der politischen Vorgaben zu gestalten und zu führen. Sie profitieren überall dort, wo im Bereich der digitalen Transformation der Verwaltungen die Kräfte gebündelt werden. Sie können Basisdienste und Infrastruktur nutzen, in Gremien und Arbeitsgruppen der DVS mitwirken und sich im Rahmen von Veranstaltungen vernetzen und Wissen austauschen. Zurzeit sind wir damit beschäftigt, Basisdienste wie die E-ID aufzubauen und Projekte im Bereich Datenmanagement zu fördern. Zu Letzteren gehört auch der nationale Adressdienst, der den elektronischen Zugang zu Adressen aus allen Gemeinden über eine zentrale Plattform ermöglicht. Dazu kommt das Thema Cloud. Hier werden derzeit gemeinsam Grundlagen erarbeitet, damit Cloud-Lösungen sicher eingesetzt werden können. Viele Menschen in der Schweiz sind skeptisch gegenüber der fortschreitenden Digitalisierung. Das hat auch die Abstimmung über die Einführung der E-ID im März 2021 gezeigt, die deutlich abgelehnt wurde. Wie wollen Sie künftig die Zweifel in der Bevölkerung ausräumen? Wichtig ist eine gute, transparente Kommunikation, in der auch offen über die Risiken der Digitalisierung gesprochen wird. Insgesamt soll der Fokus verstärkt auf die vielen konkreten Services gerichtet werden, die bereits heute gut funktionieren. Wenn die Menschen sehen, dass ihnen diese elektronischen Dienstleistungen das Leben erleichtern, wird sich auch ihre Wahrnehmung im Bereich Sicherheit verbessern. Digitalisierung und Datenschutz müssen Einklang finden. Es gibt in der Umsetzung aber noch offene Fragen über die Interpretation von Datenschutz. Gesellschaft und Technologie verändern sich ständig, deshalb muss auch der Datenschutz laufend neu ausgehandelt werden. Das Bedürfnis der Bevölkerung aber ist klar: Sie will, dass die persönlichen Daten geschützt werden. Als Ergänzung zu den traditionellen Identifikationsmitteln vereinfacht sie der Bevölkerung und den Unternehmen Behördenkontakte und den Bezug von staatlichen Dienstleistungen. Wir möchten eine zweckmässige und tragfähige E-ID-Lösung schaffen, die sichere und medienbruchfreie Prozesse ermöglicht, damit Nutzerinnen und Nutzer Zeit und Geld sparen. Im Projekt wird unter Einbezug interessierter Kreise ein neuer Lösungsansatz für eine staatliche E-ID entwickelt. Die Vorlage soll noch dieses Jahr in die Vernehmlassung und nächstes Jahr ins Parlament kommen. Wir brauchen eine erneute Diskussion in der Politik und der Öffentlichkeit. Informationen: www.digitale-verwaltung-schweiz.ch , www.administration-numerique-suisse.ch Marion Loher

Er macht Glarus fit für die digitale Zukunft

Wer sich bei der Gemeinde Glarus für eine Stelle bewerben möchte, kann seine Unterlagen künftig auch elektronisch einreichen. Dieses neue, digitale Bewerbungsmanagement ist eines der ersten Projekte, die auf Initiative von Philipp Egli umgesetzt wurden. Der 40-Jährige leitet seit gut einem Jahr die verwaltungsinterne Fachstelle Smart City und Informatik. Die Stelle wurde neu geschaffen, um die digitale Transformation in der Gemeinde Glarus sowohl intern als auch extern voranzutreiben. Bisher war die Informatik bei einem Verwaltungsbereich angehängt. «Es war jetzt nicht unbedingt eine grüne Wiese, als ich angefangen habe», sagt er und fügt mit einem Schmunzeln an: «Aber der Gestaltungsraum war – und ist immer noch – ziemlich gross.» Intern möchte er in erster Linie die Informatik weiterentwickeln. «Wir müssen zuerst innerhalb der Verwaltung vorwärts machen, bevor wir mit Projekten zur Bevölkerung gehen», findet er. Und da sieht der Fachmann viel Potenzial. «Die Software ist nicht gerade benutzerfreundlich, und ein grosser Teil der internen Kommunikation läuft noch über Mail oder Telefon.» Dass Letzteres auch digitaler geht, zeigt die Schule, für deren Informatik Philipp Egli ebenfalls zuständig ist. «Die Schulen mussten wegen Corona rasch umstellen, und vieles ist heute aus dem Arbeitsalltag kaum mehr wegzudenken, etwa Microsoft Teams.» Diese digitale Plattform soll in Zukunft auch die Kommunikation in der Gemeindeverwaltung effizienter machen. Bis es aber so weit ist, dauert es noch etwas. «Manchmal würde ich gerne etwas schneller vorwärtsmachen, doch es gibt Prozesse und Gesetze, die wir einzuhalten haben.» Für den Digitalisierungsbeauftragten ist es deshalb wichtig, Projekte in kleinen Schritten anzugehen, um Erfahrungen zu sammeln und allenfalls auch wieder einen Schritt zurückzugehen. Philipp Egli ist in Glarus aufgewachsen und hat mit Ausnahme von ein paar Auslandsaufenthalten immer in der Gemeinde am Fusse des rund 2300 Meter hohen Vorderglärnisch gewohnt. «Ich freue mich sehr, meine Heimatgemeinde in eine digitale Zukunft führen zu können», sagt er. Nach einer KV-Lehre in einem Industriebetrieb und einem Bachelor in Wirtschaftsinformatik arbeitete er in verschiedenen Unternehmen in der Privatwirtschaft. Zuletzt war er bei einer IT-Firma in Zürich tätig und absolvierte den Master in «Human Computer Interaction Design» an der Ostschweizer Fachhochschule OST. In diesem Studiengang lernte er, technische Systeme und Programme so zu entwickeln, dass sie auch die Bedürfnisse der Nutzerinnen und Nutzer erfüllen. «Auf dem Weg zur Smart City ist es unabdingbar, die Menschen, die die Projekte mittragen und umsetzen, miteinzubeziehen», ist er überzeugt. Gegen aussen sieht sich Philipp Egli vor allem als Bindeglied zwischen Verwaltung auf der einen Seite und Bevölkerung, Wirtschaft und Politik auf der anderen. So ist der Digitalisierungsbeauftragte beispielsweise auch Teil des Entwicklungsprojekts «Glarus», das unter Einbezug verschiedener Anspruchsgruppen wie Detailhandel, Kultur, Gewerbe und Hotellerie die Gemeinde und ihre Angebote ganzheitlich stärken will. «Hier können wir gerade auch mit digitalen Lösungen den Bürgerinnen und Bürgern einen noch besseren Service bieten.» «Wenn wir digitale Projekte umsetzen, müssen wir immer auch an jene Menschen denken, die bis anhin mit der Digitalisierung wenig bis gar nichts am Hut hatten.» Philipp Egli, Fachstelle Smart City und Informatik, Gemeinde Glarus Philipp Egli ist aber auch Ansprechperson für den Kanton, der mittlerweile ebenfalls eine Fachstelle für digitale Verwaltung geschaffen hat, sowie für die anderen beiden Gemeinden im Kanton – Glarus Süd und Glarus Nord. Die Zusammenarbeit funktioniere sehr gut, sagt er. «Ich glaube, wir alle haben gemerkt, dass man gemeinsam besser und effizienter arbeitet, als wenn jeder in seinem Kämmerlein allein vor sich hin werkelt.» Beispiel eines solchen gemeinsamen Projekts ist das Behördenportal, das Anfang 2024 in allen drei Gemeinden sowie im Kanton mit ersten digitalen Dienstleistungen aufgeschaltet wird. Bürgerinnen und Bürger haben dann beispielsweise die Möglichkeit, den Antrag für einen Pass oder eine Identitätskarte online zu stellen. Das Behördenportal soll laufend weiterentwickelt werden. Ziel ist es gemäss Philipp Egli, dass die Bürgerinnen und Bürger für einen Grossteil der Dienstleistungen nicht mehr ins Gemeindehaus oder ins Regierungsgebäude kommen müssen. Das aber bedeute nicht, dass die Schalter aufgehoben werden. «Das digitale Behördenportal ist als Ergänzung gedacht.» Ein wichtiger Satz. Denn der 40-Jährige hat in seinem ersten Jahr als Digitalisierungsbeauftragter schnell gemerkt, dass bei vielen Menschen die Skepsis gegenüber den neuen technologischen Möglichkeiten nach wie vor gross ist. «Es braucht Veränderungen», sagt er, «aber nicht nur im System, sondern auch im Kopf.» Hier will er ebenfalls Aufklärungsarbeit leisten und einen Kulturwandel – inner- und ausserhalb der Verwaltung – herbeiführen. «Wenn wir digitale Projekte umsetzen, müssen wir immer auch an jene Menschen denken, die bis anhin mit der Digitalisierung wenig bis gar nichts am Hut hatten.» Mentoringprogramme sollen ihnen helfen, sich an die neuen Technologien zu gewöhnen. Philipp Eglis Anstellung ist auf fünf Jahre befristet. Er hofft, dass die Gemeinde bis dahin die meisten ihrer Services auch online anbieten kann und die Menschen ihre Angst vor der Digitalisierung etwas verloren haben und verstärkt den Nutzen in ihr sehen können. Ein Beispiel dafür ist die elektronische Rechnung. Noch ist sie Zukunftsmusik in der Gemeinde Glarus. «Sie erleichtert aber nicht nur den Bürgerinnen und Bürgern die Zahlung, sondern auch den Verwaltungsmitarbeitenden die Arbeit», sagt Philipp Egli. «Wenn wir schon Mühe haben, Mitarbeitende zu finden, müssen wir wenigstens schauen, dass jene, die wir haben, besser und effizienter arbeiten können.» Marion Loher

Denkmalpflege: In St. Gallen entscheiden künftig die Gemeinden

Im Kanton St. Gallen sind künftig die Gemeinden für die Baudenkmäler zuständig. Aber nicht nur für jene, die lokal von Bedeutung sind, sondern auch für jene, die kantonal und national bedeutsam sind. Dies hat der St. Galler Kantonsrat in seiner Juni- beziehungsweise Septembersession 2022 mit einer Anpassung im fünf Jahre alten Planungs- und Baugesetz beschlossen. Bisher brauchte es die Zustimmung der kantonalen Denkmalpflege, wenn Objekte und Baudenkmäler verändert oder abgerissen werden sollten. Nach der Gesetzesänderung benötigen die Gemeinden keine Einwilligung der Fachstelle mehr. Der Kanton hat jedoch ein Rekurs- und Beschwerderecht und übernimmt eine beratende Rolle. Mit dieser Kompetenzverschiebung im Denkmalschutz gehört der Kanton St. Gallen zu einer Minderheit in der föderalistischen Schweiz. «In der Regel liegt die Zuständigkeit für die Denkmäler, die insbesondere von kantonaler und nationaler Bedeutung sind, bei den Kantonen», sagt Walter Engeler. Der Jurist ist Lehrbeauftragter für Denkmalrecht an der Berner Fachhochschule und hat das Standardwerk zum Denkmalrecht in der Schweiz verfasst. Eine ähnliche Regelung wie St. Gallen kenne beispielsweise noch der Kanton Thurgau, weiss er. Auch dort liege die Verantwortung für die geschützten Objekte bei den Gemeinden. Die Anpassungen im Denkmalschutz wurden im Kantonsrat allerdings nicht diskussionslos durchgewinkt. Insbesondere die Grünen und eine Mehrheit der Grünliberalen Partei wehrten sich. Ausserdem hatte ein Zusammenschluss von acht Schutz- und Fachverbänden wie WWF, Pro Natura und Architektenforum unter der Federführung des Heimatschutzes St. Gallen/Appenzell bereits zuvor den Vorschlag heftig kritisiert. «Die Kompetenzverlagerung verstösst gegen internationale Abkommen und gegen Bundesrecht», sagt Kathrin Hilber, die bis Ende September den Heimatschutz St. Gallen/Appenzell präsidierte. «Damit würde eine untere Staatsebene über Verantwortlichkeiten einer oberen Ebene entscheiden: Gemeinden könnten Bauentscheide fällen, die vom Kanton beziehungsweise vom Bund zu bezahlen sind.» «Für einen wirkungsvollen Schutz braucht es eine starke kantonale Denkmalpflege, sonst drohen Verluste von wichtigen Zeugen.» Kathrin Hilber, ehemalige Präsidentin Heimatschutz St. Gallen/Appenzell Zudem stellt sie infrage, ob die Gemeinden den neuen Verantwortlichkeiten nachkommen könnten. «Bisher hat nur eine Gemeinde im Kanton ein Reglement über Denkmalschutzbeiträge, obwohl dies das Gesetz seit drei Jahren vorschreibt», so Kathrin Hilber. Nur ein Drittel der 77 Gemeinden verfüge über genügend eigene Fachkenntnisse in Denkmal- und Naturschutzfragen. Ein weiteres Drittel ziehe jeweils Fachpersonen bei, und ein letztes Drittel fälle leider oft Fehlentscheide, genehmige Abbrüche, Umbauten und Eingriffe, die Schutzobjekte stark beeinträchtigten oder gar zerstörten. «Das kann und darf nicht sein», sagt die ehemalige Verbandspräsidentin. Die St. Galler Regierung hatte sich für eine Änderung im Denkmalschutz ausgesprochen, weil die bisherigen Bestimmungen von verschiedenen Gemeinden und den Wirtschaftsverbänden nicht mehr akzeptiert wurden. Rolf Huber ist Kantonsrat (FDP) und Präsident der Rheintaler Gemeinde Oberriet. Gleichzeitig steht er der Vereinigung der St. Galler Gemeindepräsidentinnen und Gemeindepräsidenten (VSGP) vor. Dieser Verein vertritt die Interessen der Gemeinden im Kanton. Huber kann die Aufregung und Kritik der Verbände nicht nachvollziehen. «Auch mit der Kompetenzverschiebung bleibt die Zusammenarbeit zwischen Gemeinden und Denkmalpflege bestehen», sagt er. Die kantonale Fachstelle werde auch künftig früh in die Verfahren eingebunden, und ihr Urteil bleibe weiterhin wegweisend. «Die Gemeinden werden die Pflege und Bewahrung ihrer Denkmäler weiterhin sehr ernst nehmen.» Rolf Huber, Kantonsrat (FDP), Gemeindepräsident Oberriet und Präsident der Vereinigung der St. Galler Gemeindepräsidentinnen und Gemeindepräsidenten (VSGP) Einzig in der «Gesamtabwägung einer Baubewilligung» habe die Kommune nun etwas mehr Spielraum, um über die Wichtigkeit von hauptsächlich Details zu entscheiden. «Aber», betont der VSGP-Präsident, «ein Gebäude von kantonaler oder nationaler Bedeutung wird mit Sicherheit nicht einfach abgebrochen.» Alles andere sei Angstmacherei. «Die Gemeinden werden die Pflege und Bewahrung ihrer Denkmäler weiterhin sehr ernst nehmen.» Dazu seien sie durchaus in der Lage, kontert er, auch fachlich. «Die Behörden vor Ort kennen ihre Objekte am besten. Zudem werden sie von verschiedensten externen Seiten gut beraten. Dazu gehört auch die kantonale Denkmalpflege.» Die neue Bestimmung verbessere jedoch die Situation für die Gemeinden, die Grundeigentümer und die Investoren. Die Verbände haben angekündigt, eine «Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten» einzureichen. Dies wollen sie noch in diesem Jahr tun. «Für einen wirkungsvollen Schutz braucht es eine starke kantonale Denkmalpflege, sonst drohen Verluste von wichtigen Zeugen», sagt Kathrin Hilber. Walter Engeler, der auch Institutionen und Behörden in Denkmal- und Steuerrecht berät, hat die Diskussionen in seinem Heimatkanton verfolgt. Er sagt: «Eines der wichtigsten Abkommen des Europarats zum Schutz des baugeschichtlichen Erbes ist die Granada-Konvention. Sie gilt auch in der Schweiz und ist für die Kantone Massstab bei der Umsetzung der Gesetzgebung.» Das Abkommen verlange ein «wirksames Kontroll- und Genehmigungsverfahren» zum Schutz von Baudenkmälern. «Ob hier das Aufsichtsrecht des Kantons über die Gemeinden genügt, ist fraglich.» Marion Loher

Wie aus Abwasser saubere Energie wird

Neuhausen im Kanton Schaffhausen hat eine grosse Touristenattraktion: den Rheinfall. Jedes Jahr kommen mehrere Hunderttausend Menschen aus dem In- und Ausland in die Gemeinde am Rhein, um das Naturschauspiel zu bewundern. Weniger bekannt ist, dass ein paar Meter weiter flussaufwärts eine Abwasserreinigungsanlage steht, die ARA Röti. Seit Jahren reinigt sie zuverlässig das Abwasser von Industrie und Haushalten in den umliegenden Gemeinden. Seit Herbst 2019 wird dem Abwasser Wärme entzogen und als saubere Energie ins Wärmenetz der Energieverbund Neuhausen am Rheinfall AG (EVNH) gespeist. Diese Umweltwärme wird sowohl von Privatpersonen als auch von Unternehmen und Organisationen zum ökologischen Heizen genutzt. «In den nächsten 30 Jahren können so 138 000 Tonnen CO 2 eingespart werden», sagt Daniel Meyer, Geschäftsführer des EVNH. «Das ist ein grosser Schritt für die Gemeinde in der Energiewende.» Die EVNH ist ein Tochterunternehmen des Elektrizitätswerks der Kanton Schaffhausen AG (EKS). Als die SIG Gemeinnützige Stiftung 2014 das sich in der Nähe der ARA Röti befindende Industrieareal umnutzen und insbesondere fossile Energieträger durch erneuerbare Wärme ersetzen wollte, war auch das EKS an Bord. Im Laufe der Projektentwicklung zeigte sich, dass ein weit grösseres Potenzial zugunsten aller möglichen Wärmebezüger realisiert werden könnte, wenn über das SIG-Areal hinausgedacht wurde. So entstand ein Gesamtenergiekonzept, das auch die Nutzung bestehender Synergien wie des bereits vorhandenen Wärmeverbunds Herbstäcker in der Gemeinde oder des Kesselhauses, der bisherigen Energiezentrale des SIG-Areals, einschloss. Dies waren die ersten Schritte auf dem Weg zum Energieverbund. Die Gemeinde unterstützte das Vorhaben bereits in einer frühen Phase, wurde Projektträgerin und in der Folge auch Aktionärin der EVNH. «In den nächsten 30 Jahren können 138 000 Tonnen CO 2 eingespart werden. Das ist ein grosser Schritt für die Gemeinde in der Energiewende.» Daniel Meyer, Geschäftsführer Energieverbund Neuhausen am Rheinfall AG (EVNH) Nach einer Volksabstimmung wurde der bisherige, fossil beheizte Wärmeverbund Herbstäcker in den neuen Energieverbund integriert. Der Tenor war klar: Das Wärmenetz soll nach und nach erweitert werden, damit weite Teile der Gemeinde mit erneuerbarer Abwärme versorgt werden können. Im Februar 2018 starteten die Bauarbeiten für den neuen Energieverbund, und im Herbst desselben Jahres konnten die ersten Kundinnen und Kunden mit Wärme beliefert werden. Seither wurde der Perimeter des Wärmeverbundes in der Gemeinde erweitert. Das Leitungsnetz hat mittlerweile eine Gesamtlänge von 6,4 Kilometern, und bis Ende 2021 waren 144 Gebäude ans Fernwärmenetz angeschlossen. «Noch vor diesem Winter werden wir die dritte Wärmepumpe in Betrieb nehmen können», sagt Meyer. «Damit steigt die installierte Wärmeleistung des Energieverbunds auf 16,5 Megawatt.» Die Hauptenergiezentrale befindet sich auf dem SIG-Areal, im sogenannten Kesselhaus. Hierher gelangt das gereinigte Abwasser aus der nahe gelegenen Kläranlage Röti über eine Wärmetauscherzentrale. Im Kesselhaus bringen aktuell zwei, bald sogar drei Wärmepumpen die «kalte» Abwärme der ARA, die bisher ungenutzt verpuffte, auf ein nutzbares Temperaturniveau von rund 70 Grad. «Die Strommenge, die wir dafür benötigen, ist verhältnismässig gering», sagt der EVNH-Geschäftsführer. Als wichtiges Nebenprodukt fällt Kälte an, die ebenfalls ins Versorgungsgebiet an Kundinnen und Kunden mit Kältebedarf geliefert wird. «Um die Spitzenlast an den kalten Wintertagen abdecken zu können, stehen uns zwei Erdgaskessel zur Verfügung. Hier wird die Vorlauftemperatur abhängig von der Aussentemperatur bis 80 Grad angehoben.» Durch das Konzept mit mehreren redundanten Energieerzeugern könne eine zuverlässige Wärme- und Kälteversorgung gewährleistet werden. «Da ein Kessel mit einem Zweistoffbrenner ausgestattet ist, kann bei einer Gasmangellage notfalls für die Spitzenlast auch auf Heizöl umgeschaltet werden», so Meyer. «Den Kunden wird vertraglich zugesichert, dass mindestens 80 Prozent der Wärme aus erneuerbaren Ressourcen stammen.» Die Wärme beziehungsweise die Kälte wird mit entmineralisiertem Wasser über Fernleitungsrohre zu den Kundinnen und Kunden transportiert. Dies erfolgt unterirdisch in gut isolierten Rohren, um einen Wärmeverlust auf dem Transportweg so gering wie möglich zu halten. Die Gemeinde war von Anfang an begeistert von der Idee der Abwärmenutzung. «Es gibt ja fast nichts Nachhaltigeres, als aus Abwasser Energie zu gewinnen», sagt Gemeindepräsident Felix Tenger. Und es entspricht dem Konzept der Gemeinde, die seit Jahren das Label Energiestadt trägt und den Wechsel von fossilen auf erneuerbare Energien unterstützt. Seit dem Krieg in der Ukraine und der Energiekrise seien die Anfragen in der Gemeinde für einen Anschluss an den Wärmeverbund stark gestiegen, sagt Tenger. Deshalb steht in Kürze eine weitere Erweiterung des Perimeters an. «So können wir zusätzliche Gebäude an das Fernwärmenetz anschliessen.» «Es gibt ja fast nichts Nachhaltigeres, als aus Abwasser Energie zu gewinnen.» Felix Tenger, Gemeindepräsident Neuhausen am Rheinfall Und es dürften künftig noch mehr werden. Die Gemeinde am Rheinfall wächst bevölkerungsmässig stark. Bis Ende 2024 rechnet der Gemeindepräsident mit einer Zunahme von 2000 Personen auf insgesamt 12 000 Einwohnerinnen und Einwohner. Damit ist und bleibt Neuhausen am Rheinfall die zweitgrösste Gemeinde im Kanton, nach der Stadt Schaffhausen. Beim Energieprojekt hingegen liegt die Gemeinde vorne. Zurzeit gibt es nichts Vergleichbares im Kanton. Marion Loher

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