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«Es braucht jetzt auch die Gesellschaft»

«Lebensqualität im Alter»: Unter diesen Titel stellt die Gemeinde Suhr (AG) das Projekt, mit dem sie am Programm Socius 2 teilnimmt (siehe Kasten). Lebensqualität bedeutet für viele Ältere, möglichst lange selbstständig zu Hause zu wohnen. Aber auch: sich zugehörig zu fühlen, Kontakte zu pflegen. Suhr mit seinen gut 11 000 Einwohnerinnen und Einwohnern fördert all dies mit einer Gesamtstrategie, teilweise schon länger. Nun kommt das Ziel hinzu, eine sogenannte sorgende Gemeinschaft aufzubauen. Darin wirken professionelle Leistungserbringer und freiwillig Engagierte zusammen, initiiert von der Gemeinde. Das Konzept entstand unter Begleitung der Fachhochschule Nordwestschweiz, involviert waren die verschiedensten Organisationen und Akteure rund ums Alter, inklusive der älteren Bevölkerung. «Wir wollen der demografischen Entwicklung nicht tatenlos zuschauen», betont Gemeinderat Daniel Rüetschi (FDP), Vorsteher des Ressorts Soziales, Gesellschaft und Gesundheit. Gemäss Prognose werden im Jahr 2030 mehr als anderthalbmal so viele über 80-Jährige in Suhr leben wie zehn Jahre zuvor. Betreuende Angehörige leisteten schon jetzt enorm viel, so Rüetschi, gleichzeitig herrsche beim Pflegepersonal Fachkräftemangel: «Es braucht jetzt auch die Gesellschaft, um mit dieser Situation umzugehen.» Eine der wichtigsten Neuerungen ist, dass die bestehende Seniorenkommission erweitert und in einen Verein überführt werden soll. Die von der Gemeinde mit einem kleinen Budget ausgestattete Kommission habe bereits heute eine wichtige Funktion an der Schnittstelle zwischen Verwaltung und Bevölkerung, erklärt Alexandra Steiner, Leiterin der Fachstelle Alter in Suhr und Socius-Projektleiterin. Mit dem Verein soll dies noch ausgebaut werden: «Wir können darin alle einbinden, die sich im und fürs Alter engagieren möchten, sei es mit Ideen, Anlässen, Anliegen oder um in der Nachbarschaftshilfe mitzuwirken.» Ob kleinere Reparaturen im Haushalt oder Hilfe im Garten: Unkomplizierte Unterstützung im Alltag ist erwünscht. Das ergab eine Befragung der älteren Bevölkerung zu Beginn des Socius-Projekts. «Früher wäre es selbstverständlich gewesen, rasch beim Nachbarn zu klingeln», sagt Alexandra Steiner, «doch die gesellschaftlichen Strukturen verändern sich.» Zugleich gebe es durch den demografischen Wandel mehr Pensionierte, die sich mit ihren Fähigkeiten einbringen möchten. Um dieses Potenzial zu nutzen, brauche es ein Gefäss. Die Gründung des Vereins ist für den Frühling 2024 vorgesehen, und es gibt schon interessierte Freiwillige. Wie die Gemeinde mit dem Verein zusammenarbeitet und wie sie ihn unterstützt, sei noch nicht festgelegt, sagt Gemeinderat Rüetschi. Sicher ist: Der Verein wird als Sprachrohr der älteren Bevölkerung in der Fachgruppe Alter vertreten sein. In diesem seit fünf Jahren bestehenden Gremium tauschen sich – unter Federführung der Gemeinde – die professionellen Pflege- und Betreuungsanbieter regelmässig aus. Dazu gehören die beiden Pflegeheime in Suhr, die Spitex, die Kirchen und weitere Organisationen. Dass die Profis untereinander vermehrt zusammenarbeiten, ist denn auch ein weiterer alterspolitischer Hebel der Gemeinde Suhr. Für Rüetschi ist klar: «Wir können es uns nicht mehr leisten, dass jede Institution nur für sich schaut.» Anfang 2023 fusionierten die Spitex Suhr und das Alters- und Pflegeheim Steinfeld, das von fünf Gemeinden getragen wird, darunter Suhr. Aber auch mit weniger weit gehenden Formen der Koordination sei viel gewonnen. So beteiligt sich Suhr am Pilotprojekt «Gesundheit Region Aarau», um die Versorgung regional stärker zu koordinieren und die Mittel gezielt einzusetzen. Im Kanton Aargau tragen die Gemeinden die Pflegerestkosten. Unterstützt Suhr zu Hause lebende ältere Menschen stärker und ziehen diese somit länger nicht ins Heim, könnte dies auch das Kostenwachstum bei den stationären Pflegekosten dämpfen. Laut Alexandra Steiner gibt es vor Ort viele professionelle und ehrenamtliche Trägerschaften und Angebote, die ältere Menschen unterstützen, darunter Fahr-, Mahlzeiten- und Besuchsdienste. Es brauche «nichts grossartig Neues». Die Herausforderung sei vielmehr gewesen, «alles zusammenzubringen, ohne eine überdimensionierte, mit hohen Kosten verbundene Struktur zu schaffen». Der gewählte Weg ist so innovativ wie pragmatisch auf die Suhrer Verhältnisse zugeschnitten. Mit dem Einbezug von Freiwilligen fängt die Gemeinde laut Sozialvorsteher Rüetschi auch eine Gesetzeslücke auf, die zu verfrühten Heimeintritten führt. Anders als die Pflege müssen Betreuung und Unterstützung zu Hause vollständig privat bezahlt werden: «Doch das können sich die meisten Menschen in Suhr nicht leisten.» Auch ein betreutes Wohnen sei für viele zu teuer, da es nicht wie das Pflegeheim mit Ergänzungsleistungen finanziert werden kann. Zwar will der Bundesrat dies ändern, doch die politische Ausmarchung hat erst begonnen. In Suhr ist man im breiten Rahmen über das Alter ins Gespräch gekommen, wie Projektleiterin Alexandra Steiner bilanziert. Das soll auch die älter werdenden Menschen sensibilisieren, sich rechtzeitig mit der Frage zu befassen: Was werde ich benötigen, um weiterhin selbstbestimmt leben zu können, wenn altersbedingte Einschränkungen auftreten? Viele setzten sich zu spät damit auseinander. Gelinge die Sensibilisierung, «trägt das Socius-Projekt längerfristig Früchte». Susanne Wenger

Alter verstehen – Wandel gestalten

Wir werden älter. Das betrifft aktuell die Generation der Babyboomer, die pensioniert sind oder demnächst ins Rentenalter kommen. Das Bundesamt für Statistik prognostiziert, dass bis 2050 rund ein Viertel der Bevölkerung älter als 65-jährig sein wird. Dies zwingt die Gesellschaft dazu, die älteren Menschen und ihre Möglichkeiten und Ressourcen verstärkt in die Planung einzubinden. Wir sollten vom Gedanken wegkommen, dass Älterwerden allein ein körperliches Phänomen ist. Bei guter sozialer Einbindung kann jemand auch mit fragilem Körper lange ein selbständiges Leben führen. Der demografische Wandel beinhaltet also nicht nur Risiken, sondern auch Chancen, die wir nutzen können. Um die Gemeinden und andere Akteure dabei zu unterstützen, den Umgang mit der demografischen Veränderung proaktiv zu gestalten, wurde «Startklar Alter» entwickelt. Die kompakte, praxisnahe Weiterbildung richtet sich an Einzelpersonen und Gremien. Dabei steht der gelingende Alltag von alten Menschen beim eigens entwickelten «Startklar Alter»-Modell im Fokus. Das Modell unterscheidet vier Bereiche mit je unterschiedlichen Akteuren: Im ersten Bereich geht es darum, was ältere Menschen selbst zu einem gelingenden Alltag beitragen können. Im zweiten Bereich sind es Akteure, die ihre Dienstleistungen kommerziell oder als soziale Angebote bereitstellen. Der dritte Bereich spricht das Gesundheitswesen an und der vierte Bereich die Politik. Die eigenen Möglichkeiten der älteren Menschen sind zentral, wenn es um den Umgang mit der demografischen Alterung geht. Da die Ressourcen im Alter sehr ungleich verteilt sind, gilt es, fehlende Fähigkeiten so gut wie möglich auszugleichen und vorhandene Stärken zu nutzen. Wenn die Menschen sich sicher und eingebunden fühlen, sind sie aktiver und engagieren sich mehr. Dies hat eine positive Wirkung auf die Gesundheit – und damit auf die Gesundheitskosten. Für Gemeinden: Es lohnt sich, älteren Menschen niederschwellige Möglichkeiten für Begegnung, Austausch und Freizeitgestaltung anzubieten. Auch können sie eingeladen werden, selbst aktiv mitzuwirken und Angebote zu entwickeln. Eine gute Umgebung und passende Dienstleistungen sind oft Voraussetzung, um lange selbstbestimmt zu leben. Der «Markt» für Dienstleistungen im Altersbereich ist eher neu und in Entwicklung. Früher wurden viele Leistungen von der Familie oder der öffentlichen Hand erbracht. Dies hat sich geändert. Dienstleistungen wie Hauslieferdienste, Spitex, Putzhilfen oder digitale Unterstützung gewinnen an Akzeptanz. Auch wenn diese Angebote etwas kosten, sind sie im Vergleich zum Aufenthalt in einem Alters- und Pflegeheim verhältnismässig kostengünstig. Für Gemeinden: Wenn barrierefreier Wohnraum zur Verfügung steht, können ältere Menschen dort gute Nachbarschaften aufbauen und sich zum Beispiel bei Spaziergängen kennenlernen. Einfache Massnahmen, um den Aufenthalt im Freien und die soziale Interaktion zu fördern, sind das Aufstellen von Sitzgelegenheiten und die Beschattung von Aufenthaltsplätzen. Oft wird im Zusammenhang mit Alter nur über Versorgung diskutiert, weil es dafür gesetzlich festgelegte Leistungen gibt, die die Kantone, die Gemeinden oder die Krankenkassen übernehmen müssen. Doch neben der akuten medizinischen Versorgung und der Langzeitpflege sind auch Gesundheitsförderung und Prävention wichtig. Häufig vernachlässigt werden zudem die Themen Palliative Care und Sterben. Für ältere Menschen ist es wichtig zu wissen, dass das medizinische System nicht nur versucht, die Gesundheit zu fördern, sondern dass Menschen am Lebensende auch fürsorglich beim Sterben begleitet werden. Für Gemeinden: Es lohnt sich, bei öffentlichen Diskussionen das ganze Spektrum anzusprechen – von der Gesundheitsprävention bis zum Sterben. Die Alterspolitik ist ein wichtiges Element im «Startklar Alter»-Modell. Es ist sinnvoll, eine lokale oder regionale Alterspolitik aufzubauen, in der die unterschiedlichen Interessen der Akteure auf ein gemeinsames Ziel ausgerichtet werden. Eine aktive Alterspolitik kann die Koordination fördern. Denn wenn die Akteure ihre Aufgaben gut definieren, können sie Hand in Hand zusammenarbeiten. Bei begrenzten Ressourcen können wir uns weder Doppelspurigkeiten noch Kompetenzgerangel leisten. Für Gemeinden: Für eine gute Zusammenarbeit braucht es Strukturen. Falls diese noch nicht vorhanden sind, reicht es, wenn man zu Beginn regelmässige Treffen mit allen Akteuren durchführt. Eine gemeinsame Basis, zum Beispiel in Form einer Strategie, kann die Ziel- und Wirkungsorientierung der Altersarbeit fördern. Das «Startklar Alter»-Modell wurde von einem Expertennetzwerk auf der Basis langjähriger praktischer Tätigkeit entwickelt. Das Modell erlaubt es, die oben skizzierten Dimensionen der Alterspolitik zu verstehen und strukturiert zu planen. Wir bieten Werkzeuge zur Gestaltung der Alterspolitik in zwei Formaten an: Das Intensivseminar richtet sich an Interessenten aus der Politik, der Altersarbeit oder anderen Berufsgruppen. Der Workshop wurde konzipiert für Gruppen oder Gremien, die gemeinsam ihre Altersarbeit (weiter)entwickeln möchten. In beiden Formaten wird das Modell eingeführt und auf konkrete Fragestellungen angewendet. Zudem vermitteln wir Methoden der agilen Zusammenarbeit und der Kooperation in Netzwerken. Dabei stützen wir uns auf unsere Expertise und Erfahrung in der Altersarbeit und der Alterspolitik auf unterschiedlichsten Ebenen. Ein besonderes Anliegen ist uns, in den Workshops auf die individuellen Bedürfnisse der Teilnehmenden einzugehen. Informationen: www.startklar-alter.ch Antonia Jann, Christiana Brenk, Ivo Moeschlin

Sieben Gemeinden sind jetzt altersfreundlicher

Der Kanton Schaffhausen ist besonders von der demografischen Entwicklung im Alter geprägt. So lag beispielsweise der Altersquotient im Jahr 2020 bei 36,2 im Vergleich zum Schweizer Durchschnitt von 30,7. Dem Kanton und den Gemeinden kommt bei der Gestaltung der Altersfreundlichkeit deshalb eine grosse Bedeutung zu. Die Gesundheitsförderung des Kantons hat zu diesem Zweck ein entsprechendes «Programm altersfreundliche Gemeinde» in Kooperation mit der Fachstelle Alterspolitik von Gerontologie CH ausgeschrieben. «Die Ausschreibung des Kantons hat mich dazu bewogen, neben dem Umbau des Schulhauses auch Massnahmen für und mit der älteren Bevölkerung zu entwickeln», sagte Niklaus Scheerer, Gemeinderat aus Gächlingen zur Fördermassnahme des Kantons. Ziel des Programms war es, gesundheitsfördernde und altersgerechte Rahmenbedingungen in Gemeinden zu schaffen und mit partizipativen Elementen die ältere Bevölkerung zu aktivieren. Im Jahr 2022 haben sieben Gemeinden teilgenommen, aktuell läuft das Programm in drei Gemeinden. «Die Ausschreibung des Kantons hat mich dazu bewogen, neben dem Umbau des Schulhauses auch Massnahmen für und mit der älteren Bevölkerung zu entwickeln.» Niklaus Scheerer, Gemeinderat Gächlingen (SH) Das Programm besteht aus fünf Prozessschritten und basiert auf dem Modell der Weltgesundheitsorganisation (WHO) der altersgerechten Umfelder. Kernstück sind partizipative Ortsbegehungen mit der älteren Bevölkerung. In einzelnen Gemeinden konnten für diese Ortsbegehung 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre aktiviert und Interessierte in die Umsetzung der Massnahmenkataloge eingebunden werden. Sie schufen eine Grundlage für die Bildung von nachhaltigen Mitwirkungsgefässen wie Alterskommissionen oder Seniorenräten. Ebenfalls gross war die Beteiligung freiwilliger Helferinnen und von Akteuren aus dem Altersbereich, was die Vernetzung und die Motivation aller Beteiligten weiter förderte. Sibylle Germann, Gemeinderätin aus Merishausen, sagt dazu erfreut: «In unserer Gemeinde hat das Programm viele Menschen bewegt und neue Ideen generiert. Eine Gruppe Freiwilliger ist beispielsweise daran, ein Konzept für die Umnutzung eines leer stehenden Gebäudes zu entwickeln.» Im Rahmen von Begehungs- und Ergebnisanlässen wurde der Bevölkerung ein umfassendes Bild von Altersfreundlichkeit vermittelt. Der Dialog verbesserte auch das Verständnis für Gemeindepolitik und -projekte. «In unserer Gemeinde hat das Programm viele Menschen bewegt und neue Ideen generiert. Eine Gruppe Freiwilliger ist beispielsweise daran, ein Konzept für die Umnutzung eines leer stehenden Gebäudes zu entwickeln.» Sibylle Germann, Gemeinderätin Merishausen (SH) In den sieben teilnehmenden Gemeinden wurden als Resultat vielfältige Massnahmenkataloge in den Bereichen Behörde (Steuerung, Ressourcen, Vernetzung, Partizipation), räumliches Umfeld, soziales Umfeld und gemeindenahe Dienstleistungen entwickelt, die jetzt umgesetzt werden. So konnten zum Beispiel Mitwirkungsgefässe und Anlaufstellen aufgebaut, Anpassungen im öffentlichen Raum vorgenommen (Standorte von Bänken, Beleuchtung oder Strassenübergänge), Begegnungsorte geschaffen, selbst organisierte Gruppen gegründet, die Freiwilligenarbeit verstärkt oder Altersleitbilder initiiert oder angepasst werden. Hier ein Auszug von Massnahmen aus den sieben Gemeinden: Beringen (ca. 5000 Einwohnerinnen und Einwohner [EW]): Aufbau eines Seniorenrats Gächlingen (ca. 900 EW): Grundlagen für ein Wohnprojekt auf Grundstück der Gemeinde Hemishofen (ca. 400 EW): Umnutzung einer alten Schulanlage Merishausen (ca. 800 EW): Start eines Generationenprojekts und Wiederbelebung eines brachliegenden Gebäudes der Gemeinde Neunkirch (ca. 2500 EW): Konzept einer Reparier-Bar im Sinne eines Begegnungsortes Ramsen (ca. 1500 EW): neue Anlaufstelle im Alterszentrum Thayngen (ca. 5500 EW): Durchführung eines Marktplatzes für Seniorinnen und Senioren Die mediale Abdeckung und damit die Wirkung über die einzelnen Gemeinden hinaus war über das ganze Jahr hinweg gross. Die Akteure in den Gemeinden sowie die teilnehmenden Gemeinden sind besser vernetzt und haben mehr Wissen über Alterspolitik. Sie möchten die aufgebaute Vernetzung weiterführen und Massnahmen künftig absprechen oder gemeinsam umsetzen. Linda Stoll, Gemeinderätin aus Hemishofen, fasst ihre Erkenntnisse aus dem Programm so zusammen: «Der Austausch mit anderen Gemeinden und dadurch zu realisieren, dass bereits kleine Ideen viel zu einer Verbesserung beitragen können, war wertvoll.» Der Kanton unterstützt dies mit einem neuen Projektbudget für Coaching und jährliche Vernetzungstreffen. Auch die Kosten für die zweite Durchführung, 10 000 Franken pro Gemeinde, werden wieder zu 75 Prozent vom Kanton Schaffhausen finanziert. «Für mich war die Dynamik sehr erfreulich; wir konnten in kurzer Zeit in den Gemeinden sehr viel bewegen und unterschiedlichste alterspolitische Projekte auf den Weg bringen.» Michaela Hänggi, Beauftragte Gesundheitsförderung und Prävention, Kanton Schaffhausen Die Erkenntnisse aus den Gemeinden führen auch zu Handlungsfeldern, die auf kantonaler Ebene bearbeitet werden müssen. Dies sind beispielsweise die Aktualisierung der konzeptionellen Grundlagen, die Förderung der Zusammenarbeit der Akteure, die Unterstützung der Gemeinden sowie die Verankerung der integrierten Versorgung. Michaela Hänggi, Beauftragte Gesundheitsförderung und Prävention beim Kanton Schaffhausen, sagt dazu abschliessend: «Für mich war die Dynamik sehr erfreulich; wir konnten in kurzer Zeit in den Gemeinden sehr viel bewegen und unterschiedlichste alterspolitische Projekte auf den Weg bringen.» Informationen: www.altersfreundliche-gemeinde.ch www.gerontologie.ch Alina Bühler, Simon Stocker

Winterdienst: digitale Helfer bei Glatteis und Schnee

Morgens um halb vier Uhr entscheidet es sich, ob Remo Graf und seine Kollegen vom Werkhof Berikon (AG) weiterschlafen können oder aufstehen müssen. Der Bauamtsleiter wird in aller Herrgottsfrühe von der Winterdienst-App informiert, ob die Friedlibergstrasse gefroren ist oder nicht. «Diese Strasse im Oberdorf liegt hinter dem Berg, ist stark befahren und erhält tagsüber nur wenig Sonnenstrahlen. Deshalb haben wir hier im Winter häufig Glatteis», erklärt Remo Graf. Vor zwei Jahren liess die Gemeinde Berikon an dieser Stelle eine Messstation mit zwei Bodensensoren errichten. Die Sensoren messen unter anderem die Wasserfilmdicke, die Bodentemperatur und den schon vorhandenen Salzgehalt. Ebenfalls zur Anlage gehören Fühler, die erhöht neben der Strasse montiert wurden. Sie registrieren die Lufttemperatur, die Luftfeuchtigkeit, den aktuellen Niederschlag, den Luftdruck sowie die Sichtweite. Alle sechs Minuten werden die Werte aktualisiert und vor Ort in einer elektrischen Einheit gespeichert. Via App sind die Daten für die Werkhofmitarbeiter abrufbar. Je nach Wetterwerte löst das System drei Alarmtypen aus: Stufe drei beispielsweise bedeutet, dass die Strasse eisglatt ist und gesalzen werden muss. «Wir machen gute Erfahrungen mit diesem System. Es ist ein grosser Gewinn für uns, denn sonst müssten wir jeden Morgen früh Kontrollfahrten durchführen», sagt Remo Graf. Der Werkhofleiter würde einen Ausbau mit drei bis vier weiteren Stationen im Dorf begrüssen. Auch die Stadt Freiburg arbeitet seit 2019 bereits mit einem smarten Winterdienstsystem. Zwei Bushaltestellen im Schönbergquartier spielen dabei eine Schlüsselrolle: Dort wurden zwei Sensoren im Boden sowie zwei Videokameras installiert. Das System schlägt Alarm, wenn rutschige Strassenverhältnisse drohen. Über ihre Smartphones rufen die Verantwortlichen des Werkhofes die Messwerte der Sensoren ab. Für Marc-André Neuhaus, stellvertretenden Leiter des Strasseninspektorats, sind die Daten der Sensoren jedoch nur eine Entscheidungshilfe, wie er gegenüber der Zeitung «Freiburger Nachrichten» betonte. Die Daten allein bestimmen nicht, ob und wie viele Streufahrzeuge und Mitarbeitende in den Einsatz müssen. Ohne die Erfahrungswerte des Menschen gehe es nach wie vor nicht. «Dieses System ist ein grosser Gewinn für uns, denn sonst müssten wir jeden Morgen früh Kontrollfahrten durchführen.» Remo Graf, Werkhofleiter Berikon (AG) Das Potenzial für intelligente Systeme im Winterdienst sei gross, findet Clemens Baschung, Geschäftsführer des Schweizerischen Verbandes für Kommunale Infrastruktur. Einige Gemeinden seien derzeit mit der Prüfung solcher Lösungen für den kommunalen Winterdienst beschäftigt. Vor allem Systeme für die Routenplanung, die Wettervorhersagen oder die Einsatzplanung seien für Städte und Gemeinden wertvoll – sofern das Kosten-Nutzen-Verhältnis stimme. «Ob sich die Anschaffung eines solchen Systems lohnt, hängt unter anderem von der Grösse und Lage der Gemeinde ab. Zudem darf man nicht vergessen, dass die Winterdiensttage in der Schweiz eher abnehmend sind.» Trotzdem könnten digitale Helfer für den Winterdienst in manchen Gemeinden eine grosse Unterstützung bedeuten. Der sechste Winterdienstkongress, der möglicherweise Ende Mai 2024 stattfinden wird, beschäftigt sich unter anderem mit den Chancen und Möglichkeiten der Digitalisierung auf kommunaler Ebene. Als im Winter 2021 der sogenannte «Flockdown» manche Unterländer Werkhöfe stark forderte, zeigte sich, wie wichtig eine vernetzte Organisation des Winterdienstes ist, sei es in den Gemeinden oder auch auf kantonaler Ebene. Da Schneefall bekanntlich keinen Feierabend kennt, sind im Winter oft Überstunden und Nachtschichten nötig. Neben den Werkhofmitarbeitenden braucht es je nach Gemeinde auch private Unternehmen, die alle Schichten abdecken können. Hier ist eine gute Planung wichtig, um Doppelspurigkeiten oder Missverständnisse zu vermeiden. Auch der Einsatz der verschiedenen Fahrzeuge will koordiniert sein: Welches Fahrzeug kommt bei welcher Route zum Einsatz? Was für Material steht zur Verfügung? Was wird mit der Nachbargemeinde geteilt? Reicht das Streugut, ist der Nachschub aus den Rheinsalinen gesichert? Die Inver®-Winterdienst-App der ewp AG in Affoltern am Albis (ZH) etwa hilft bei der Priorisierung der räumenden Strassen und Trottoirs. Sie unterstützt die Gemeinden von der zeitlichen Berechnung der Routen bis zur Einsatzplanung der Fahrzeuge und Mitarbeitenden. Die Fachanwendung Winterdienst der Geoinfo Applications AG in Herisau (AR) erlaubt es den Gemeinden, Einsatzrouten und Routenabschnitte digital zu verwalten – für eine optimierte Einsatzplanung des Fahrzeugparks. Die kartenbasierte Anwendung ermöglicht den Werkhofmitarbeitenden die Darstellung der Räumungsrouten nach Unternehmer, Dringlichkeit oder Einsatzart mittels Farbe und Signatur. Dies verschafft ihnen einen Überblick über die geplanten Arbeiten. Wichtige Informationen zu den Routen wie Belagsart oder Routentyp können erfasst und die Einsatzart dokumentiert werden. «Dank diesem System wird der Winterdienst effizienter und kostensparender», sagt Accountmanager Christian Treml. Die Software sorge für Transparenz und Überblick der Winterdiensteinsätze. Ein weiterer Vorteil sei die Sicherung der Daten und Erfahrungen bei einem personellen Wechsel in der Werkhofleitung: «Dank dem, dass alle Daten digital in der Fachanwendung festgehalten und visualisiert sind, kann man sich schnell einen Überblick über die verschiedenen Prozesse im Winterdienst verschaffen», sagt Christian Treml. Technisch wäre es zudem möglich, die Trackingdaten eines jeden Fahrzeugs und Mitarbeiters zu erfassen. Die Geoportallösung sei für jede Gemeindegrösse geeignet, betont Christian Treml. Rund die Hälfte der Geoportalkunden seien Gemeinden zwischen 1000 und 3000 Einwohnern. Das Warnsystem, das die Werkhofmitarbeiter in Berikon bei Glatteis informiert, liefert übrigens auch im Sommer wertvolle Informationen, beispielsweise über Hitze und Wasser auf den Fahrbahnen, wie Arnaud Varé, Leiter Verkauf von Boschung Mecatronic AG in Payerne (VD), erklärt. Im Fall von intensiver Hitze kann die Bodentemperatur leicht über 50 Grad Celsius steigen. Dies ist für bestimmte Strassenbaumaterialien problematisch, weil sie dann zu schmelzen beginnen. Um die Wirkung solcher Prozesse zu reduzieren, kann man zum Beispiel das Tempolimit für den Verkehr reduzieren. Übermässiges Wasser auf der Strasse birgt bereits ab drei Millimetern Wasser das Risiko von Aquaplaning. Somit leisten die digitalen Helfer auch ausserhalb der kalten Monate einen wichtigen Beitrag für sichere Strassen. Fabrice Müller

Ist Cybersicherheit Teil Ihrer Organisationskultur?

In einer Notsituation wird Ihre Organisation mit grundlegenden Fragen konfrontiert, die sich im Alltag nicht unbedingt stellen. Eine solche Notsituation kann ein Brand sein oder der Herzinfarkt eines Arbeitskollegen. Oder eben ein Cybervorfall. Um auf eine solche Situation vorbereitet zu sein, braucht es einen Notfallplan, der ein Krisenkommunikationskonzept, eine Krisenorganisation und einen Notfallkontakt einschliesst. Dies sind die Grundlagen, um in der zeitkritischen Lage richtig zu reagieren. Je grösser das Verständnis aller Mitarbeitenden für bestimmte Massnahmen ist und je mehr Letztere die Werte der Organisation widerspiegeln, desto eher werden sie von den Mitarbeitenden verstanden, mitgetragen und letztendlich umgesetzt. Kennen die Mitarbeitenden den/die Sicherheitsverantwortliche/n? Wie interagiert er/sie mit ihnen, beispielsweise wenn eine Softwareaktualisierung umgesetzt werden muss? Wie leicht fällt es den Mitarbeitenden, einen Vorfall zu melden oder einen Verdacht zu äussern? Sicherheitsverantwortliche müssen eine gemeinsame Sprache mit den Mitarbeitenden finden, sie müssen zugänglich und konstruktiv sein, um Massnahmen möglichst ohne Widerstand durchzusetzen. In der Cybersicherheit ist die Liste der Dinge, die man nicht tun soll, unendlich lang. Deshalb sollten Gemeinden darauf setzen, ihren Mitarbeitenden wenige grundlegende, dafür verständlich formulierte Verhaltensanweisungen beizubringen, statt eine Liste mit Verboten auszuteilen. Idealerweise wird in jeder Kommunikation hervorgehoben, welchen Nutzen die vorgeschlagenen Massnahmen den einzelnen Mitarbeitenden als Teil der Organisation bringen und warum es wichtig ist, sie umzusetzen und so die Sicherheit mitzutragen. Je mehr Nutzen jemand sieht, desto geringer ist der Widerstand und desto grösser die Unterstützung. Sandra Lüthi

Kommunales Engagement für die Gesundheit

Das Thema Gesundheit hat für die Gemeinden an Bedeutung gewonnen und wird künftig noch wichtiger, nicht zuletzt wegen des Kostendrucks. Auf Bundesebene will man den steigenden Gesundheitskosten mit verschiedenen Vorlagen begegnen. Die koordinierte, integrierte Versorgung ist dabei ein entscheidender Hebel. Die heutigen Versorgungsstrukturen laufen noch stark nebeneinander. Die verschiedenen Tarifsysteme fördern dieses «Silodenken» zusätzlich und führen zu unnötigen Doppelspurigkeiten. Der Bund steht in der Verantwortung, die notwendigen Rahmenbedingungen und Anreize zu schaffen, um die Entstehung und breitere Umsetzung neuer Versorgungsmodelle unter Einbezug aller relevanter Leistungserbringer zu begünstigen. Mit dem Entscheid des Parlaments, auch den Pflegebereich in die Vorlage für eine einheitliche Finanzierung der Gesundheitsleistungen (EFAS) einzubinden, wurde eine wichtige Hürde genommen. Mehr dazu erfahren Sie in dieser Ausgabe. Die Gemeinden tragen ihrerseits mit unterstützenden Rahmenbedingungen zum gesunden Lebensumfeld und zur Gesundheit ihrer Bevölkerung bei. Beispielsweise indem sie den öffentlichen Raum so gestalten, dass Nachbarschaft und Begegnungen gefördert werden. Auch Vereine haben eine wichtige Funktion, weil sie den sozialen Zusammenhalt stärken, was sich positiv auf die Gesundheit auswirkt. Es gilt, in Zukunft die Themen Gesundheit und Soziales in allen Altersstufen noch stärker zusammenzudenken. Wir stellen Ihnen in der aktuellen Ausgabe verschiedene Gemeinden und Städte vor, die das vorbildlich umgesetzt haben. Claudia Kratochvil-Hametner

Vom Kurhotel zum Zuhause für rund 120 Asylsuchende

Rund 28 000 Asylgesuche erwartet das Staatssekretariat für Migration (SEM) in diesem Jahr, dazu kommen bis zu rund 23 000 Gesuche für den Schutzstatus S von Geflüchteten aus der Ukraine. All diese Menschen müssen untergebracht werden. Die Appelle des Bundes an Kantone und Gemeinden, Unterbringungsplätze zur Verfügung zu stellen, werden dringlicher. Im Kanton Bern hat die Gemeinde Riggisberg vor einigen Monaten auf den Aufruf des Kantons reagiert. Sie schlug in Absprache mit dessen Besitzer die Nutzung des ehemaligen Hotels Gurnigelbad vor. Anfang Januar 2023 zogen die ersten Flüchtenden ein. Rund 120 Personen im Alter von 18 bis 55 Jahren aus den unterschiedlichsten Ländern leben hier, zumeist junge Männer, viele aus Afghanistan und aus der Türkei. Darunter sind aber auch Familien mit Kindern. Das Rote Kreuz des Kantons Bern betreibt die Unterkunft, die für bis zu 200 Personen Platz bietet. An einem Samstag im September herrscht hier fröhliche Stimmung. Die Bewohnerinnen und Bewohner und das Team öffnen die Türen für Interessierte, und diese erscheinen zahlreich. In kleinen Gruppen werden die Besucherinnen und Besucher durch die Unterkunft geführt. Los geht es in der Küche, aus der laute lateinamerikanische Musik klingt. Rund ein Dutzend Männer und Frauen sind gerade fleissig am Kochen: Sie bereiten für die Besucherinnen und Besucher ein Buffet mit Speisen aus ihren Heimatländern vor. Ein Mann erklärt in einer Mischung aus Spanisch und Deutsch, was Empanadas sind, eine Spezialität aus Venezuela. Die Asylsuchenden kochen in der Unterkunft selbst und kaufen dafür auch selbst ein. Jede und jeder hat zwei abschliessbare Fächer für die Nahrungsmittel; eines davon in grossen Kühlschränken. Für den Tag der offenen Tür hat das Team koordiniert, wer was kocht, erklärt Valentyna Pichler, die Leiterin der Unterkunft. Die Asylsuchenden haben anschliessend selbstständig eingekauft und gekocht – offensichtlich mit grosser Freude, wie die ausgelassene Stimmung in der Küche nahelegt. Auf der geführten Besichtigung dürfen die Besucherinnen und Besucher auch einen Blick in die Schlafräume der Männer werfen. Kajütenbetten mit weisser Bettwäsche stehen dicht beieinander, die Räume erinnern an Mehrbettzimmer in Hostels. Nur dass die Männer hier nicht nur einige Tage, sondern Wochen oder sogar Monate bleiben. Für die Familien gibt es eigene Zimmer; die Frauen sind in einem gesonderten Teil untergebracht. Drei Kinder aus der Asylunterkunft besuchen derzeit die Schule in Riggisberg. Michael Bürki, Gemeindepräsident von Riggisberg, erzählt, dass die Situation für die Gemeinde nicht neu ist. Bereits 2014 bis 2016 gab es in Riggisberg ein Durchgangszentrum für Asylsuchende. «Als klar wurde, dass im Gurnigelbad eine Unterkunft entsteht, konnten wir vieles aus der Schublade nehmen», erzählt er. So organisierte die Gemeinde gleich zu Beginn einen runden Tisch mit allen Akteuren: dem Roten Kreuz, Blaulichtorganisationen, der Kirche, dem Sozialdienst, dem Frauenverein und natürlich dem Kanton Bern. Die Bevölkerung wurde ebenfalls rasch informiert, und auch mit dem Supermarkt in Riggisberg nahm die Gemeinde Kontakt auf, damit dieser günstige Artikel ins Sortiment aufnimmt. «Lieber so als eine unterirdische Unterkunft. In der aktuellen Situation müssen wir nehmen, was wir haben.» Michael Bürki, Gemeindepräsident Riggisberg (BE) Besonders am Anfang sei es sehr wichtig gewesen, dass die Gemeinde proaktiv reagiert und sehr offen kommuniziert habe, so Michael Bürki. Das brauche Ressourcen auf der Gemeindeverwaltung. Und klar – nicht alle seien erfreut gewesen. «Die Reaktionen im Dorf waren aber positiver als beim Durchgangszentrum.» Das könnte auch daran liegen, dass im Gurnigelbad viele Bewohnende reelle Chancen haben, in der Schweiz bleiben zu können – was bei den Bewohnenden des früheren Durchgangszentrums anders war. «Das gibt gleich eine ganz andere Stimmung», sagt der Gemeindepräsident. Kritik gab es vor allem am Standort. Das ehemalige Hotel ist zwar wunderschön im Grünen an der Gurnigelpassstrasse gelegen, aber knapp zehn Kilometer von Riggisberg entfernt. Ein Postauto, das die Bewohnerinnen und Bewohner gratis nutzen können, verkehrt mehrmals pro Tag zwischen dem Zentrum und dem Dorf. «Nach der Kritik haben wir die Anzahl der Verbindungen erhöht», sagt Michael Bürki. Abgelegen sei es, das stimme. «Aber lieber so, als eine unterirdische Unterkunft. In der aktuellen Situation müssen wir nehmen, was wir haben.» Das Zusammenspiel der verschiedenen Akteure läuft nun gemäss dem Gemeindepräsidenten reibungslos. «Gerade weil wir am Anfang viel investiert haben.» Jetzt fungiere die Gemeinde vor allem als Relais zwischen den verschiedenen Akteuren und sei Anlaufstelle für punktuelle Fragen. Zentrumsleiterin Valentyna Pichler vom Roten Kreuz bestätigt das: «Die Zusammenarbeit mit der Gemeinde ist wirklich sehr gut.» Es gebe einen regelmässigen Austausch. «Wir haben Glück. Ohne die Mitarbeit der Gemeinde wäre es nicht möglich, so ein Zentrum zu betreiben.» Der Tag der offenen Tür war denn auch eine gemeinsame Idee des Zentrums und der Gemeinde. «Wir haben Glück. Ohne die Mitarbeit der Gemeinde wäre es nicht möglich, so ein Zentrum zu betreiben.» Valentyna Pichler, Leiterin des Asylzentrums Gurnigelbad Valentyna Pichler lobt auch das grosse Engagement der rund 30 Freiwilligen aus Riggisberg und Umgebung, die in der Unterkunft verschiedene Aktivitäten anbieten: «Eine unbezahlbare Leistung.» Viele der Freiwilligen sind an diesem Tag der offenen Tür gekommen. Mittlerweile haben die Asylsuchenden Schüsseln, Platten und Teller voller exotischer Speisen auf einem langen Tisch aufgestellt. Sie erklären den Besucherinnen und Besuchern, was sie gekocht haben, auf Englisch, in gebrochenem Deutsch, mit Händen und Füssen – und einem Strahlen im Gesicht. Nadja Sutter

Flâneur d’Or 2023: Bühne frei für den «Rayon Vert» in Renens

Die neue Passerelle über die Gleise des Bahnhofs Renens (VD) im Westen Lausannes verbindet den Norden und den Süden der Stadt. Als Rückgrat einer stark wachsenden Verkehrsdrehscheibe bietet der «Rayon Vert» Zugang zu allen öffentlichen Verkehrsmitteln: zu Bussen, Zügen, der Metro und ab 2026 auch zum Tram. Das Projekt ist Teil des neu gestalteten Bahnhofs Renens. Die Unterführung wurde verbreitert, die Perrons und die Vordächer modernisiert. Die ganze Infrastruktur ist jetzt für Personen mit eingeschränkter Mobilität zugänglich. Dass die Fussverkehrsbrücke und der restliche Bahnhof in den Händen des gleichen Planungsteams lagen, verleiht dem Ganzen eine Kohärenz und Kontinuität: das blaue Dach, das Mobiliar aus Holz, in den Asphalt eingelassene Pflanzenmotive, ein harmonisches Farbkonzept. Die Umbauten waren dringend nötig. Mit täglich 30 000 Passagieren ist Renens (VD) der drittgrösste Bahnhof der Westschweiz und wichtiger Zugangspunkt zum Campus der EPFL und zur Universität Lausanne. Bis 2030 dürften die Fussgängerströme auf das Doppelte anwachsen. Die monumentale Treppe ist eines der Aushängeschilder des «Rayon Vert». Die Passerelle weist eine Breite von 11 bis 16 Metern auf und erstreckt sich über 150 Meter. Sie wird so zu einem grosszügigen Raum für Aufenthalt und Durchgang und bietet eine atemberaubende Aussicht. Die Brückenkonstruktion besticht durch ihre Leichtigkeit. Seinen Namen verdankt der «Rayon Vert» der Bepflanzung, einer seitlichen Efeuwand. Weder Ladengeschäfte noch Werbung unterbrechen den Weg. Am Ende mündet der Fussgängersteg auf beiden Seiten in je einen Platz, und beide sind als Begegnungszonen konzipiert. Deren Gestaltung zeugt vom gleichen Geist, der auch die anderen Projektelemente kennzeichnet: Bänke, Brunnen und viel Raum, um die mannigfaltigen Wegverbindungen am Bahnhof zu gewährleisten. Obwohl der zu überwindende Höhenunterschied bei einer Überführung grösser ist als bei einer Unterführung, vermittelt das Ergebnis eine Qualität auf einem anderen Niveau: einen erlebbaren öffentlichen Raum, in dem man bei Tag oder Nacht gerne zu Fuss unterwegs ist. Der «Rayon Vert» löst viele Herausforderungen auf elegante Art und könnte so zu einem Vorbild für andere Bahnhöfe werden. Team: farra zoumboulakis & associés SA, Ingeni SA, L’Atelier du paysage Sarl und Tekhne SA Wettbewerb 2007, Inbetriebnahme 2021 Bauherrschaft: Renens, Crissier, Chavannes-près-Renens und Ecublens, Kanton Waadt, BAV und SBB Gesamtkosten: 31 Millionen Franken, einschliesslich Unterstützung des Agglomerationsprojekts flaneurdor.ch Jenny Leuba

«Zäme läbe» – Miteinander der Generationen in Windisch

Das Zukunfts-Kafi ist eine vom Verein «OstSinn – Raum für mehr» in der Schweiz entwickelte Methode, um generationenverbindende Projekte auf kommunaler Ebene zu ermöglichen und umzusetzen. Der sichtbarste Teil ist eine halbtägige Veranstaltung – das Zukunfts-Kafi selbst. Die entstehenden Generationenprojekte sind vielfältig, lokal verankert, nutzen bestehende Ressourcen und wachsen durch Partizipation der Beteiligten. Das 12. Zukunfts-Kafi fand 2022 bis 2023 in der Aargauer Gemeinde Windisch statt. In Windisch leben aktuell vier Generationen. Das Zusammenleben stellt dabei oft eine Herausforderung dar: Menschen aus verschiedenen Generationen nutzen oftmals nicht dieselben Begegnungsorte oder gehen sich gar aus dem Weg. Dabei ist das gegenseitige Lernen von älteren und von jüngeren Menschen sehr bereichernd und bringt Zusammenhalt in eine Gemeinschaft. «Mit dem Zukunfts-Kafi in Windisch wollten wir die Herausforderung des demografischen Wandels gemeinsam mit der Bevölkerung aktiv angehen, die Solidarität zwischen den Generationen und die Attraktivität von Windisch als Wohnort fördern», sagt Stefan Wagner, Gemeindeschreiber und Initiant des Zukunfts-Kafis in der Gemeinde Windisch. «Mit dem Zukunfts-Kafi in Windisch wollten wir die Herausforderung des demografischen Wandels gemeinsam mit der Bevölkerung aktiv angehen.» Stefan Wagner, Gemeindeschreiber Windisch (AG) Zum Start des rund einjährigen Prozesses wird jeweils eine Spurgruppe mit Vertretenden aus verschiedenen Bevölkerungs- und Altersgruppen gebildet. Etwas über 20 Personen haben sich in der Windischer Spurgruppe engagiert. Diese unterstützt und begleitet in drei Sitzungen bei der Vor- und Nachbereitung des Zukunfts-Kafis vor Ort. «Eine aktive und engagierte Spurgruppe trägt wesentlich zum Erfolg des Zukunfts-Kafis in einer Gemeinde bei. Die Mitglieder nehmen eine wichtige Rolle als Multiplikatorinnen oder Multiplikatoren in der Gemeinde ein und animieren Menschen aus ihrem Umfeld, sich am Zukunfts-Kafi mit freiwilligem Engagement für eine lebendige Gemeinde einzusetzen», sagt Delia Imboden, externe Prozessbegleiterin des Zukunfts-Kafis von der Berner Agentur ProjektForum. Am 12. November 2022 nehmen rund 70 Teilnehmende aus allen Generationen am Zukunfts-Kafi in Windisch teil. Die Teilnehmenden diskutieren in verschiedenen Kleingruppen, was für ein gelingendes Miteinander wichtig ist, wo Handlungsbedarf besteht und welche Themen konkret angepackt werden sollen. Danach werden die Themen priorisiert und in einem Ideensprint anhand spezifischer Fragestellungen zu Ideenskizzen konkretisiert. Darunter finden sich Ideenskizzen für ein Jugendparlament, attraktive Velorouten in Windisch, Konzerte auf dem Campusplatz der Fachhochschule, ein regelmässiger Treffpunkt für Jung und Alt sowie die stärkere Bewerbung des Gemeindenewsletters mittels einer App. «Am Zukunfts-Kafi entsteht ein Stimmungsbild vom Zusammenleben in der Gemeinde. Nach einem halben Tag intensiver Diskussionen stand fest, dass Windisch grundsätzlich gut aufgestellt ist und wo konkreter Handlungsbedarf aus Sicht der Teilnehmenden besteht», erklärt Heidi Ammon, Gemeindepräsidentin von Windisch. In den Monaten nach dem Zukunfts-Kafi werden die Projektideen von den verschiedenen Projektgruppen teils in Eigenregie, teils mit konkreter Unterstützung der Gemeinde bis zur Umsetzungsreife konkretisiert und den zuständigen Behörden und Organisationen vorgelegt. «Am Zukunfts-Kafi entsteht ein Stimmungsbild vom Zusammenleben in der Gemeinde.» Heidi Ammon, Gemeindepräsidentin Windisch (AG) «Die Unterstützung in der Konkretisierungsphase, eine proaktive und offene Haltung und die Mitwirkung seitens der Politik und der Verwaltung sind ein wichtiger Erfolgsfaktor für die hohe Umsetzungsqualität der Projekte aus dem Zukunfts-Kafi», betont Stefan Tittmann, Moderator vom Zentrum für Gemeinden der Ostschweizer Fachhochschule, der zusammen mit Delia Imboden das Zukunfts-Kafi als externe Fachperson begleitet. Ende April 2023 findet die Ergebnispräsentation statt. «Bei den Projektideen ‹Förderung des Langsamverkehrs›, ‹Kommunikation› und ‹Einbindung von Kindern und Jugendlichen› war der Gemeinde Windisch der Handlungsbedarf schon länger bekannt. Durch das Zukunfts-Kafi fanden wir motivierte Personen aus der Bevölkerung, die jetzt in verschiedenen Gremien aktiv mitarbeiten und sich mit ihren Ideen einbringen», erklärt Stefan Wagner die Beteiligung seitens der Gemeinde. Bei weiteren Projekten wie dem «Aufbau eines regelmässigen Treffpunkts» und der «Aufwertung der Windischer Plätze» gibt die Gemeinde Windisch Hilfestellungen anderer Art: Sie vernetzt mit zuständigen Stellen in der Verwaltung, bietet Unterstützung im administrativen Bereich und bei der Werbung an, stellt bei Bedarf Räumlichkeiten für Sitzungen zur Verfügung und prüft im Rahmen der Budgetierung eine mögliche finanzielle Unterstützung von Projekten. Auch Heike Bauer-Brösamle, Teilnehmerin am Zukunfts-Kafi und Ansprechperson der Arbeitsgruppe «Treffpunkt», ist zufrieden mit den Resultaten: «Mit dem ‹Mikado› konnten wir gemeinsam mit unserer Arbeitsgruppe einen neuen Begegnungsort in Windisch ins Leben rufen, der jeweils am Mittwochabend ab 17 Uhr geöffnet ist und von der Bevölkerung für die Bevölkerung betrieben wird. Dort bietet sich Gelegenheit zum gegenseitigen Kennenlernen, zum Austausch, zum gemeinsamen Spielen, einfach zur Geselligkeit. Es ist jetzt schon ein voller Erfolg! Wir sind gespannt, was sich in den kommenden Monaten hieraus noch alles entwickeln wird. Wir freuen uns auf Anregungen unserer Gäste.» Delia Imboden

Förderung von Lebenskompetenzen in Chiasso

Mit der steigenden Lebenserwartung gilt es, ein besonderes Augenmerk auf die psychische Gesundheit von älteren Menschen zu legen. Zur Erhaltung der psychischen Gesundheit ist es mit zunehmendem Alter wichtig, gute Lebenskompetenzen zu haben, das heisst Fähigkeiten, die es den Menschen ermöglichen, die Herausforderungen und Aufgaben in ihrem Alltag erfolgreich zu bewältigen. Chiara Maspero: Die Bewältigung des Alltags wird durch die nachlassenden motorischen und sensorischen Fähigkeiten zunehmend schwieriger: Einkaufen oder Treppen steigen werden plötzlich zu einer Herausforderung. Die kognitiven Fertigkeiten lassen nach, zum Beispiel die Geschwindigkeit und Fähigkeit zur Informationsverarbeitung: Ältere Menschen brauchen länger, um ein Konzept zu verstehen und zu verarbeiten, beziehungsweise das Konzept muss auf eine einfachere Art und Weise erklärt werden, damit es verstanden wird. Weiter kann es im Alter aufgrund von Krankheiten oder Todesfällen im Familienkreis schwieriger werden, soziale Unterstützung zu finden. Nicht alle Fähigkeiten lassen im Alter nach. Einige bleiben stabil oder werden sogar besser. Ausserdem gibt es grosse Unterschiede hinsichtlich des Niveaus verschiedener Fähigkeiten und der sozialen Verbundenheit zwischen älteren Menschen. Dies ist auf den bisherigen Lebensstil und die Beziehungen, die man vor dem höheren Alter hatte, zurückzuführen. Je mehr die körperliche und psychische Stärke sowie die sozialen Beziehungen nachlassen, desto wichtiger werden einige interne und externe Ressourcen. Die zentrale interne Ressource ist die Selbstwirksamkeit, das heisst die Fähigkeit, gewünschte Handlungen aufgrund eigener Kompetenzen auch in herausfordernden Situationen erfolgreich ausführen zu können. Dabei gilt es aber auch, sich der eigenen Grenzen bewusst zu sein. Das «Centro» wurde 1987 als Freizeitstätte für ältere Menschen ins Leben gerufen. Später ging die Struktur in den Zuständigkeitsbereich des Kantons über und wurde zu einer betreuten Begegnungsstätte für Menschen im Ruhestand. Ziele der Tagesstätte sind vor allem die Förderung der sozialen Beziehungen zwischen den Besucherinnen und Besuchern, dass sie körperlich und geistig aktiv bleiben, aber auch die Entlastung der betreuenden Angehörigen. Wir sind zwar keine therapeutische Einrichtung, aber unsere Mitarbeitenden sind Fachpersonen, die bei Bedarf eine gezielte Unterstützung anbieten können. Wir möchten die sozialen und kommunikativen Kompetenzen, die in den älteren Menschen noch vorhanden sind, ans Licht bringen. Die Besucherinnen und Besucher unserer Tagesstätte sind grösstenteils unabhängig und selbstständig. Und das ist offenbar eine der Stärken unseres Zentrums: Die Besucherinnen und Besucher können selbstständig bestimmen, ob und an welchen Aktivitäten sie teilnehmen wollen. Wir haben ein Wochenprogramm mit einigen festen Terminen und einigen monatlich wechselnden Aktivitäten. Jede Aktivität hat ein – auch nur simples – Ziel. Nehmen wir zum Beispiel das Kartenspiel: Auf den ersten Blick mag Kartenspielen zwar trivial erscheinen, aber dabei können ältere Menschen ihre kognitiven und motorischen Fertigkeiten trainieren, und wir können sie dabei beobachten. Wir organisieren auch kurze Ausflüge oder Wanderungen zur Förderung von Geselligkeit und Bewegung. Nebst diesen partizipativen Aktivitäten organisieren wir auch Informationsveranstaltungen für die Besucherinnen und Besucher unserer Tagesstätte, an denen wir über Themen sprechen, die sie direkt betreffen. Wir organisieren Aktivitäten, die auf Entspannung und Wohlbefinden ausgerichtet sind und somit einen Beitrag zur Förderung der Emotionsregulation und der Stressbewältigung leisten. Mit unserem Musiktherapieprogramm «Emosuoni», das wir 2022 auf ausdrücklichen Wunsch unserer Besucherinnen und Besucher eingeführt haben, richten wir den Fokus auf Gefühle und Emotionen. Begleitet von einem professionellen Musiker, werden die Teilnehmenden aufgefordert, ihre Gefühle durch das Singen zum Ausdruck zu bringen. Es handelt sich um ein wunderschönes Experiment, dessen Ziel ganz einfach ist: Die Teilnehmenden sollen – unabhängig von ihren Gesangskünsten – ihre Wahrnehmung und ihre Gefühle durch die Stimme ausdrücken. Die Teilnehmenden sagen, dass sie sich danach positiver und kompetenter fühlen. Die «Erzählcafés» stärken die Selbstreflexion. Dieses Projekt wird von unseren Besucherinnen und Besuchern auch sehr geschätzt. Dabei werden in kleinen Gruppen von acht bis zehn Personen Diskussionen mit einer externen Moderation geführt. Die Themen werden jeweils von der Gruppe definiert und betreffen das Leben und die Erlebnisse der Teilnehmenden. Erfahrungen und Meinungen werden ausgetauscht, und dabei gewinnen die Teilnehmenden neue Erkenntnisse über die eigene Lebensgeschichte, lernen, einer Diskussion zu folgen, und trainieren ihre Kommunikationsfähigkeiten. Wir bieten auch verschiedene Informationsveranstaltungen an. Hier sprechen wir über Themen, die unseren Besucherinnen und Besuchern helfen sollen, fundierte Entscheidungen für ihre Gesundheit zu treffen, zum Beispiel über die Bedeutung der Flüssigkeitszufuhr, die Risiken von Hitzewellen oder Sturzprävention. «Wir möchten die sozialen und kommunikativen Kompetenzen, die in den älteren Menschen noch vorhanden sind, ans Licht bringen.» Chiara Maspero, Leiterin der Tagesstätte in Chiasso (TI) Die Gemeinden sind auch für ältere Menschen zuständig. Sie können Aktivitäten zur Förderung der vorhin erwähnten sechs Lebenskompetenzen bieten oder Begegnungs- und Tagesstätten unterstützen. Durch die Förderung der Lebenskompetenzen gelingt die Alltagsbewältigung auch im höheren Alter. Die Besucherinnen und Besucher haben so auch Gelegenheit, Kontakte zu pflegen oder neu aufzubauen. Wenn eine Gemeinde diese Aktivitäten unterstützt, profitiert die ganze Gemeinschaft davon: Die älteren Menschen bleiben länger selbstständig und können sich auch für Aktivitäten engagieren, die für die ganze Gesellschaft nützlich sind, zum Beispiel die Freiwilligenarbeit. Informationen: Broschüre von Gesundheitsförderung Schweiz « Lebenskompetenzen und psychische Gesundheit im Alter » Videos von Gesundheitsförderung Schweiz und Gerontologie.ch zum Thema Lebenskompetenzen im Alter Faktenblatt 77 von Gesundheitsförderung Schweiz «Evaluation ‹Erzählcafé› 2021–2022» Orientierungsliste KAP 2019 – Auszug für Gemeinden und Städte: Interventionen und Massnahmen in den Bereichen Ernährung, Bewegung und psychische Gesundheit Beratungsangebot «Förderung von Lebenskompetenzen älterer Menschen» von Gerontologie.ch für Verantwortliche der kantonalen Aktionsprogramme (KAP) sowie Verantwortliche in Gemeinden oder Fachorganisationen. Kontakt: Franzisca Zehnder, zehnder@prevenziun.ch, und Anne Eschen, anne@eschen.cc Chloé Jaunin

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